Nachtrag zu Dylan und dem Nobelpreis/ zu Cohen, Cave und Chören

Ich wollte es gut sein lassen zum Thema Nobelpreis und Bob Dylan. Aber die immer absurder werdende Diskussion darum (bei Facebook, in Kommentarspalten, im Feuilleton überhaupt, in Deutschland und weltweit) ließen ein paar lose Gedanken heraufkommen, die ich aufschreibe um sie los zu werden. Hirnhygiene sozusagen.

  1. Diese Kategorisierung „wahrer Schriftsteller“ in Abgrenzung zu „großen Dichtern“ lässt mir keine Ruhe. Also hab ich mir wieder die Liste der bisherigen Literaturnobelpreisträger angesehen (ich mag Listen) und denke jetzt, dass die Auszeichnung für einen Songwriter vielleicht doch gar nicht so revolutionär ist. Eigentlich reaktiviert und erweitert das Nobelpreiskomitee eine gewisse Tradition, indem sie eben nicht explizit einen Romancier, Dramatiker oder Lyriker auszeichnet. Warum?

    1902 – Theodor Mommsen, erster deutscher Preisträger, war Historiker und Altertumswissenschaftler (keinen Roman, kein Drama oder Gedicht veröffentlicht)

    1908 – Rudolf Eucken, zweiter deutscher Preisträger, heute eigentlich total vergessen (von mir auch), Philosoph (keinen Roman, kein Drama oder Gedicht veröffentlicht)

    1927 – Henri Bergson, Philosoph, der mit seinen Arbeiten zur Zeittheorie fast schon mehr in Richtung Naturwissenschaft dachte (keinen Roman, kein Drama oder Gedicht veröffentlicht)

    1953 – Winston Churchill, ausgezeichnet u.a. für (Obacht!) seine Redekunst

    1964 – Jean-Paul Sartre, hat abgelehnt, ok, aber hätte den Preis bekommen sollen und war definitiv mehr Philosoph als „wahrer Schriftsteller“ oder kann man das eigentlich gar nicht immer so auseinanderklamüsern?

    2015 – Swetlana Alexijewitsch, die v.a. für ihr Sachbuchwerk bekannt ist

  2. 2004 bekam Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis explizit „für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen“. Die Musikalität ihrer Sprache ist auch immer wieder ein Punkt, den Literaturwissenschaftler, Kritiker und sonstige Jelinek-Fans nicht müde werden zu betonen. Jelinek selbst, so habe ich es mal in einem TV-Interview gesehen, versteht ihr literarisches Schreiben als Komposition und ist der Meinung, dass Menschen ohne eine gewisse Musikalität es wohl eher schwer haben zu schreiben. (Sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert.)
  3. Ich wurde (via Facebook) gefragt: Wenn ich Leonard Cohen für den besseren Songwriter und Dichter halte, wäre er dann nicht der bessere Preisträger gewesen?
    Jein. Ich denke Dylan ist dahingehend die bessere Wahl, da es beim Nobelpreis nicht allein um die Qualität des Werkes, sondern auch um die Dimension der Wirkung geht. Oder zumindest gehen sollte. Auch laut Testament Alfred Nobels. In dieser Disziplin schlägt der Amerikaner wohl den Kanadier. Andererseits ist die Liste der Künstler, die sich explizit auf Cohen als Vorbild berufen wohl ebenso lang, wie die Liste der Dylan-Apologeten. Also… schwierige Frage.
    Da ich ja überhaupt nicht mehr an die Zuerkennung des Preises an Dylan glaubte, hatte ich mich insgeheim dem Traum hingegeben Dylan und Cohen könnten die ersten Doppelpreisträger seit 1966 (Samuel Agnon/Nelly Sachs) sein.
  4. Es kam die Frage auf: Warum wird allgemein so oft von Leonard Cohen als bessere Alternative gesprochen, wo es doch noch so viele andere (narrative) Songwriter mit großen Werk gibt? Z.B. Tom Waits, Björk oder Nick Cave.
    Ich denke man sollte jetzt nicht automatisch alle Songwriter auf ihre potentiellen Nobelpreisqualitäten abklopfen. Zumindest habe ich u.a. diesen Gedanken als eine Angst der „wahren Schriftsteller“ wahrgenommen. Also dass jetzt nur noch Popkünstler ausgezeichnet werden. Ich bin bereit zuzugeben, dass auch der gewisse Legendenstatus Dylans zur diesjährigen Entscheidung beigetragen hat.
  5. Was ist eigentlich narratives Songwriting bzw. was qualifiziert es mit „echter Literatur“ auf eine Stufe gestellt zu werden?
    Es macht meiner Meinung nach einen fundamentalen Unterschied, ob ich als Pop- und Schlagersternchen etwas bieder-verklemmt von Liebe und Sex singe (99% aller deutschen Schlager) oder ob ich mich bewusst in die literarische Tradition des singenden Geschichtenerzählers stelle. Und diese reicht nun einmal bis zu dem uns heute bekannten Ursprung Homer zurück. Ich hatte das im letzten langen Artikel zu Dylan schon angedeutet, aber gilt ebenso für Cohen, Waits und Cave. Diese Songwriter schreiben in einer Tradition, die sich nicht allein (und eigentlich nur in geringem Maße) auf musikalisch-popkulturelle Entwicklung beruft. Sie schreiben in der Tradition der europäischen und nordamerikanischen Literaturgeschichte, entwickeln den Großteil ihrer Songs vor dem kulturhistorischen Hintergrund aus Mythen, Legenden, antiken Sagen, religiösen Überlieferungen, großen Erzählungen, Arbeiterliedern, Gospels etc. etc. etc. Das alles natürlich in einem Abgleich mit persönlichen Erfahrungen, Eindrücken, Gefühlen. Somit unterscheidet sich die Arbeitsweise dieser Songwriter kaum von der Arbeit „wahrer Schriftsteller“.
    Woher ich das wissen will? Ich bin ein Künstlerbiografien/-dokumentationen-Junkie. Das heißt nicht, dass ich es weiß. Aber ich vermute es aus verschiedenen Gründen. Schaut man sich nur z.B. den Film 20.000 Days on Earth an und/oder liest das Buch The Sickbag Song, wird schnell klar, dass Nick Cave genau das Gleiche tut, was auch ein Schriftsteller macht. Einziger Unterschied: er singt die Ergebnisse seiner Arbeit.
  6. Leonard Cohen? Hat der immer noch seinen peinlichen 80ern-Diskofrauenchor dabei?
    Die Frage nach dem Frauenchor bei Cohen wird von Nicht-Cohen-Hörern überraschend oft gestellt bzw. wird der Chor immer mal wieder gegen seine Musik verwendet. (Also, das ist meine subjektive Erfahrung aus diversen Musikdiskussionen.) Dabei ist der Chor bei Cohen eines der besten Beispiele für das narrative Songwriting in literarischer Tradition. Denn er erfüllt hier oft die Funktion des Chors im antiken Drama, kommentiert den Song, hebt wichtige Stellen im Text hervor, wahrt ein gewisses Strukturprinzip. Ist letztlich auch eine Art Sirenengesang. Auf die Spitze getrieben im legendären First we take Manhattan.

    (Der Einsatz des Frauenchors, den es in Cohens Musik ja nicht von Anfang an gab, hat zudem persönliche und biografische Gründe, die allesamt wirklich interessant sind. Aber ich denke es soll an dieser Stelle genug sein. Eine interdisziplinäre Abschlussarbeit zur Funktion des Chors in Leonard Cohens Musik wäre mal was Interessantes. Nur so als Idee für die Studenten, die das hier vielleicht lesen. 😉 )

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