Archive for Mai 2016

Nochmal Houellebecq – Seine Gedichte

27. Mai 2016

Die Kanonisierung der Werke Michel Houellebecqs hat begonnen. Vor allem in Frankreich, wo im Januar diesen Jahres der erste Band einer entsprechenden Werkausgabe erschien. Das Vorwort dazu hat der Autor selbst verfasst. Sicher ist sicher. Aber auch in Deutschland scheint man darauf bedacht zu sein, vergriffene bzw. auf verschiedene Verlage verteilte Bücher des Franzosen endlich unter einen  Hut zu bringen. In einheitlichem Design, versteht sich. Allerspätestens mit den Reaktionen auf seinen letzten Roman Unterwerfung (2015) hat nun jeder, den es interessiert, verstanden: Houellebecq hat sich fest in die europäische Literaturgeschichte eingeschrieben. Dass der Verlag Dumont die deutschsprachigen Leser in kurzer Folge mit Neuausgaben seiner Romane und sogar seiner Essays und Gedichte versorgt, scheint also folgerichtig. (Und lässt auf eine Neuausgabe von Houellebecqs Essay über H.P. Lovecraft hoffen.)

Gesammelte Gedichte

Der nun erschienene Band Gesammelte Gedichte fasst die vier Lyrik-Einzeltitel Der Sinn des Kampfes (1996), Suche nach Glück (1997), Wiedergeburt (1999) und Gestalt des letzten Ufers (2013) zusammen. Nicht mehr und nicht weniger. Das heißt, es gibt weder ein Vor- noch ein Nachwort, geschweige denn einen angehängten Kommentar zur Entstehung der Texte oder ähnliche editorische Zugaben. Eine eventuell angebrachte Neuübersetzung der Texte fand ebenfalls nicht statt. Angebracht wäre sie wohl deswegen, da Hinrich Schmidt-Henkel, der den Löwenanteil der Gedichte übersetzt hat, uns auf Deutsch gewissermaßen einen anderen lyrischen Houellebecq lesen lässt, als er im französischen Original vorliegt. Denn Houellebecq reimt vom ersten bis zum letzten Gedicht fast durchgehend und auf Teufel komm raus, was mitunter sehr bemüht wirkt. Überhaupt ist auffällig, dass Houellebecq sich hinsichtlich Reim, Metrum und Form recht klassisch und meist geradezu puristisch verhält. Neben vereinzelten Sonetten bevorzugt er vor allem Gedichte von drei bis vier Strophen à vier Verse, jambisch oder trochäisch, ab und zu mal ein Alexandriner.

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27.5.2016 – JazzText/TextJazz – Lesekonzert mit Kinga Tóth, Romina Nikolic, Mario Osterland u.a.

23. Mai 2016

Am Freitag lesen und improvisieren u.a. Kinga Tóth, Romina Nikolic und ich zu Jazz-Musik in Jena. Wir sehen uns.

In guter Nachbarschaft - Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

Freitag, 27. Mai 2016 – Kulturbahnhof Jena (Spitzweidenweg 28, 07743 Jena)

Beginn: 20 Uhr

Eintritt: € 7,-/ € 5,- ermäßigt

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EGalerie Kunsthof Jenain Lesekonzert mit Kinga Tóth, Romina Nikolic, Friedrich Kettlitz, Mario Osterland und der Leipziger Minimal-Jazz-Formation random words unter der Leitung von Noah Punkt. Eine Interaktion von Wort, Text und Jazz, von Wort-Laut-Strukturen und offener, thematisch angelegter und zugleich improvisierender Musik.

„Der bandeigene musikalische Grundansatz sensibler Entwicklung von einzelnen Melodielinien hin zu komplexen Klangtexturen auf Grundlage der freien Komposition bietet als weitgehend konventionsbefreit einen offenen Ansatz für literarische Inbezugsetzungen von Erzähl- und Melodieverläufen, Harmonien / Sound und Wortklängen sowie rhythmischen Sprach- und Klangstrukturen. Die experimentelle Interaktion des Abends basiert auf den beiden Medien gemeinsamen und wesentlichen Kompositionsprinzipien – die Thematik ist offen und liefert Bühnenlandschaften.“

Weitere Informationen auf den Seiten des Kulturbahnhofs Jena und des LeseZeichen e.V.

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Verstärkung ist da!

21. Mai 2016

„Einmal sah ich eine Reklame für elektrische Schreibmaschinen in einem Schaufenster, worin Büromöbel ausgestellt waren. Ein Comicbildchen zeigte, wie jemand Zeichen in eine Steinplatte schlug, und eine Fotografie zeigte eine Schreibmaschine. Ich war verblüfft. Wo ist der Unterschied, fragte ich mich. Sie wollten mir doch damit einen Unterschied klar machen. Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein, in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung in der Stadt. Es ist Samstagnachmittag, es ist Sonntag, es ist Montag, es ist Dienstagmorgen, es ist Mittwoch, es ist Donnerstag, es ist Freitagnachmittag, es ist Samstag und Sonntag. …

2016-18-5--11-07-18

… Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs. Leider kann ich nicht Gitarre spielen, ich kann nur Schreibmaschine schreiben, dazu nur stotternd, mit zwei Fingern. Vielleicht ist mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus.“

aus: Rolf Dieter Brinkmann – Vorbemerkung (Westwärts 1 & 2)

In der Kampfzone

19. Mai 2016

Dieses Buch… Houellebecq-Fans vor. Besprochen bei Fixpoetry.com.

Michel Houellebecq, Ökonom

Ein Wald voller Fotos

18. Mai 2016

Thorsten Krämers neuer Gedichtband The Democratic Forest ist eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Vor allem dann nicht, wenn einen das Verhältnis von Bild und Text, Kunst und Literatur interessiert. Und auch dann nicht, wenn man eine Schwäche für Americana hat.

Besprochen wurde der Band bisher von Stefan Schmitzer und Meinolf Reul. Und ihre Sicht- bzw. Herangehensweisen unterscheiden sich mitunter stark. Was ich gut finde. Hier nun meine Lesart:

„Überhaupt, was ist ein ‚Demokratischer Wald‘?“, fragt Stefan Schmitzer in seiner Besprechung von Thorsten Krämers The Democratic Forest. Der demokratische Wald, möchte ich antworten, ist in jedem Fall eine Metapher. Da leg ich mich fest. Und da kommen wir sicher schnell überein. Nur dass ich diese Metapher anders als mit einem Märchenwald deute. Der demokratische Wald, so scheint mir, ist zweierlei. Zum einem steht er für den Versuch eines Ordnungssystems, bestehend aus Bäumen, die wiederum für etwas stehen. Indem sie sich an einem Punkt häufen, verdichten, wuchern, verkomplizieren sie das System und führen es schließlich ad absurdum. Das führt zum anderen dazu, dass der demokratische Wald ein Paradox ist, ein Labyrinth aus möglichen Wegen, die sämtlich nirgendwohin führen als immer nur im Kreis. Seine Bäume sind „vertikale Grenzen“. Zwischen ihnen scheint Licht hindurch, scheint es Raum zu geben. Dabei bilden sie hohe Mauern und enge Gassen.
The Democratic Forest ist außerdem der Titel einer umfangreichen Arbeit des Fotografen William Eggleston. Eggleston gilt als Wegbereiter der künstlerischen Farbfotografie. In der Tradition von Edward Hopper oder Walker Evans geben seine Aufnahmen in meist minimalistischem Stil Alltagsszenen aus den USA wieder und tragen so zum Motivkanon klassischer „Americana“ bei. In den 1980er Jahren entstanden für das Projekt The Democratic Forest ca. 12.000 Bilder, die 1988 erstmals in einer Auswahl von 150 Fotos erschienen. Sicher war diese erste Auswahl auch ein Versuch, in dem riesigen Korpus für Ordnung und Orientierung zu sorgen.

Der Kölner Autor Thorsten Krämer hat mit seinem gleichnamigen Gedichtband versucht, eine Art „Nachbau“ des 1988 erschienenen Fotobandes zu schaffen. In seinem Vorwort erklärt er: „In meinen Gedichten zu ausgewählten Fotografien aus The Democratic Forest versuche ich, in Eggleston einen reisenden Stellvertreter, oder besser: einen stellvertretenden Reisenden zu sehen. Ich mache die Orte seiner Fotografien zu Orten meiner Gedichte.“ Dabei nimmt er sich die Freiheit, Bildausschnitte zu verändern, „auf ein anderes Licht“ zu warten „oder selbst in das Geschehen“ einzugreifen. Daher seien seine Gedichte „mehr als bloße Bildbeschreibungen“, scheint sich der Autor absichern zu wollen. Ich würde sagen, sie sind überhaupt keine Bildbeschreibungen. Zumindest keine, die der Leser direkt auf Egglestons Fotos beziehen kann, denn diese sind in Krämers Gedichtband nicht mit abgedruckt. Daraus ergibt sich von vorn herein eine Offenheit, die gleichermaßen Loslösung vom Vorbild und Orientierungslosigkeit für den Leser bedeuten kann.

Wenn hier etwa mehrere Gedichte Dallas, Miami oder Pittsburgh heißen, wenn ein Großteil schlicht Untitled ist, welche Rolle spielen dann noch die konkreten Fotovorlagen? Lässt sich ein direkter Zusammenhang überhaupt noch herstellen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass hier neben einem Pool an Fotos ein zweiter Pool mit Texten gefüllt wird? So entstehen zwei Kontingente, die nicht mehr vordergründig von ihrer Bild-Text-Beziehung zusammengehalten werden, sondern vielmehr von der Frage: Lässt sich Wirklichkeit ab- bzw. nachbilden?

 

Bei den Signaturen geht’s weiter.

 

Thosten Krämers Blog „the happy end of navigation“

Digitale Pansmusik

9. Mai 2016

Es gibt ein neues Buch von Crauss! Leider nur digital. Und mit einem Klappentext vom Verlag versehen, dem ich in so ziemlich allen Punkten widerspreche.

Weder schreibt Crauss in barocken Schnörkeln, noch kann man seine Texte als Idyllen bezeichnen, ohne auf das Misstrauen in ihnen hinzuweisen. Und schon gar nicht stimmt dieser Satz: „Es sind Gedichte, bei denen man sich am Ende weniger fragt, auf welches Foto oder Gemälde sie sich beziehen könnten, sondern auf welches Tool bei Photoshop.“ Denn das hieße in meiner Lesart: „Crauss macht eigentlich nichts Aufregendes, sondern spielt nur ein bisschen mit digitalem Schnickschnack herum.“

Und nichts ist unzutreffender.

Denn Dieser Junge. Digital Toes. gehört mit Abstand zum Sinnlichsten, das ich von Crauss je gelesen habe. Seine Gedichte sind ganz und gar frei von der eigentlich obligatorischen Peinlichkeit, die erotischer Literatur (der deutschen zumal) anhaftet.

In seinem Nachwort bezeichnet Matthias Fallenstein Crauss‘ Texte als „Pansmusik“ und weist zum Glück darauf hin: „Crausstexte werfen einen begehrlichen Blick auf Jungs. Aber sie formulieren nicht das homosexuelle Verlangen als schwule Literatur; so wenig, wie Mayröcker speziell für Frauen schreibt, so wenig wendet Crauss sich ausschließlich an Männer, die nach hübschen Burschen schauen, oder Burschen, die nach geneigten Männern suchen. Crausstexte sind, so explizit sie sein können, viel weniger eindeutig, als es auf den ersten Blick wirken mag.“

Crauss‘ Gedichte sind keine klebrigen, von verwitternder Firnis überzogenen, barocke Ölschinken, auf denen plumpe Fleischberge offen zu Tage liegen, sondern in Wort gegossene Erotik; sprachlich so ehrlich, wie das Begehren, für das die Texte stehen. Schnörkellos.

Lest alles von Crauss!

dieser-junge-digital-toes-cover

EDIT: Das Verlagshaus Berlin, das ich im Übrigen sehr(!) schätze, hat den Klappentext mittlerweile geändert. Besser.

 

Rückschau: In guter Nachbarschaft #9

1. Mai 2016

Was ich in Thüringen so mache? U.a. die Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ co-organisieren. Auf unserer schönen, neuen Website gibt es Eindrücke von der letzten Veranstaltung und alle Infos zum Projekt. Schaut doch mal vorbei, wenn ihr Lust habt; im Netz und natürlich gern bei unseren Lesungen in Erfurt, Weimar oder Jena. 🙂

In guter Nachbarschaft - Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

Liebe Nachbarschaftsfreunde,

hier gibt es ein paar Eindrücke von der neunten Nachbarschaft vom 15.April 2016. Zu Gast in der gut besuchten Galerie Iconotop in Weimar waren Dominik Dombrowski, das Leipziger „ChinChin ChopChop“-Duo und vier Gäste am offenen Mikrofon.

Dominik Dombrowski las Gedichte aus seinen Büchern Fremdbestäubung (2014) und Fermaten (2016). Von uns als eine der interessantesten Stimmen der Gegenwartslyrik angekündigt, beeindruckte der „Geschichtenerzähler unter den Dichtern“ das Publikum mit Texten, die sich authentisch und intensiv zwischen Erfahrung und Imagination, zwischen Melancholie und Galgenhumor bewegen. Dem ruhigem, sonoren Vortrag Dombrowskis folgten wir durch verschiedenste Szenarien, vom Baumarkt bis zum Strandhotel in Thailand.

Den zweiten Teil des Abends nutzten einmal mehr talentierte (Nachwuchs-)Autoren, um ihre neuen Texte am offenen Mikrofon vorzustellen. Mit dabei waren der Weimarer Lyriker Roland Bärwinkel, Olympe Lully, die die Novelle „Tokajersüß & Wermutsbitter“ vorstellte, Joschua Schössler, der uns am offenen Mikrofon bereits mehrfach bestens unterhalten hat, sowie Marius Tölzer, der dem…

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