Wir sind andere

„Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht.“ So das inoffizielle Motto der Edition Poeticon im Verlagshaus Berlin. Man könnte auch sagen: Wovon wir reden, wenn wir über Lyrik reden. Aber das ist nicht das Gleiche und schon gar nicht dasselbe. Zumal es natürlich überaus heikel ist, von einem „wir“ zu sprechen. Gerade in Bezug auf die Lyrik. Aber eben auch generell. Niemand möchte sich vereinnahmen lassen. Und wer vereinnahmt … Sie wissen, worauf ich hinaus will. Wer „wir“ sagt, spricht auch für andere. Wer „wir“ sagt, tritt mit einem erweiterten „ich“ auf. Und erfahrungsgemäß misstraut man ja auch denjenigen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, „ich“ sagen. Wir misstrauen denjenigen, die „ich“ sagen, weswegen wir „man“ sagen, aber doch meistens „ich“ meinen. Das gilt von der Lyrikrezension bis hin zur Habilitationsschrift.

 

Was soll dieser Eiertanz? Was dieser Eiertanz soll? Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht. Aber von Antworten hat niemand was gesagt. Und wenn man ich niemand sage … Ach, lassen wir das. Aber es interessiert mich dann schon, warum wir uns mit dem „wir“ so schwer tun. Denn wer „wir“ sagt, spricht nicht zwingend nur für andere. Wer „wir“ sagt, spricht auch über andere und schließt sich selbst mit ein. Das ist besser als Lästern. Das kann ein erster Schritt zu Analyse und produktivem Diskurs sein.

Das habe ich mir auch von Monika Rincks Essay gewünscht. In ihm werden viele Gedanken gedacht. Fragen werden hingegen kaum gefragt, weswegen die Antworten spärlich ausfallen. Wir – Phänomene im Plural ist vor allem eine Aufforderung zum Tanz um die rohen Eier der Personalpronomen, die laut Rinck „gigantische Behälter“ sind.¹ Der Essay startet mit einer Passage in der dritten Person Singular: „Und als sie wieder einmal einen ganzen Vormittag lang einen einzigen Satz schrieb, wieder löschte, verließ sie das Haus und legte sich, wie es unter Diven üblich ist, zum Heulen oberhalb des Friedhofs in den winterlich hell beschienenen Olivenhain. Wie gerne hätte sie sich aufgelöst! Sie kam sich vor wie eine Idiotin, die unter idealen Bedingungen in ihren eigenen Ängsten und Ansprüchen gefangen war.“

Der ganze Artikel auf den Seiten der Signaturen.

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