Archive for April 2016

Gedicht der Woche #2

28. April 2016

Im Februar gab es schon einmal ein „Gedicht der Woche“ (fossile Gewässer) von mir auf den Seiten der Signaturen.

Nun hat es ein weiteres Gedicht (ihr werdet nicht sehen wir schnell wir sind) aus der gleichen Werkgruppe in die Auswahl geschafft.

Bis zum 5. Mai auf der Startseite der Signaturen lesen.

Danach im hochinteressanten Archiv.

 

 

(K)eine Kollegenkritik

26. April 2016

Normalerweise verlinke ich meine Rezensionen ja immer so, indem ich die ersten zwei bis drei Absätze hier antease und dann weiterverlinke. Im Falle der aktuellen Besprechung von Dominik Dombrowskis Fermaten mache ich das ausnahmsweise nicht, da es diesmal keine sinnvolle Art gibt Auszüge daraus zu bloggen. Das liegt daran, dass der Text gewissermaßen zwei Teile hat, was der aktuellen „Lyrikkritikdebatte“ geschuldet ist. (Wer daran Interesse hat findet Überblicke, Zusammenfassungen und Artikelsammlungen hier, hier und hier.)

Aber lest am besten selbst.

Für die Novastation mache ich es kurz:

fermaten 200

„In Dominiks Gedichten geben sich Lakonie und Pathos morgens um vier die Klinke in die Hand. Da ist weder Zeit noch Raum für Selbstmitleid. Nur für ein letztes Bier und den schwarzblauen Himmel, den ganz persönlichen, meerestiefen, der in diesem schönen dunkelblauen Buch vermessen wird.“

 

Die Menschenzeit

21. April 2016

Es geht noch mal ums „Wir“. Irgendwie.

Bereits 2013 startete das auf zwei Jahre angelegte, kooperative Anthropozän-Projekt zur kulturellen „Grundlagenforschung mit den Mitteln der Kunst und der Wissenschaft“ in Berlin. Es wurde vom Deutschen Bundestag in Auftrag gegeben und finanziert „ohne ein bestimmtes Ergebnis zu erwarten, wohl wissend, dass das Ergebnis politisch relevant sein würde.“ So der Abgeordnete Rüdiger Kruse (CDU), dessen kurzer Beitrag den Sammelband „Das Anthropozän – Zum Stand der Dinge“ beschließt. Das Buch ist so etwas wie der Abschlussbericht des Projektes und gleichzeitig eine Einladung, den Anthropozändiskurs von hier aus weiterzuführen.

Jürgen Renn, Bernd Scherer (Hg): Das Anthropozän

Der Begriff des Anthropozäns wurde im Jahr 2000 bei einer wissenschaftlichen Tagung vom niederländischen Meteorologen und Chemienobelpreisträger Paul J. Crutzen vorgeschlagen. Seiner Ansicht nach ist der Einfluss des Menschen auf die Erde so enorm, dass man längst von einem neuen Erdzeitalter sprechen muss. Damit hätte das Anthropozän das Holozän abgelöst.

Bis heute ist das Anthropozän als Begriff oder erdgeschichtliche Kategorie nicht endgültig definiert, geschweige denn anerkannt. Der Diskurs, den Crutzens These nach sich zog, ist noch immer in vollem Gange und wird sich, bedenkt man seine immer größer werdende Reichweite, in den kommenden Jahren noch intensivieren. Er wird sich intensivieren müssen, möchte man sagen, wenn man bedenkt, welche fundamentalen, welche im Wortsinne globalen Fragestellungen und Probleme allein schon die Einführung des Begriffs nach sich zieht. Die Spannweite reicht von bekannten Problemen wie dem Klimawandel oder der Welternährung über die sich verändernde chemische Zusammensetzung der Erdatmosphäre bis hin zu biologischen, psychologischen und philosophischen Neubewertungen des Menschen an sich.

Bei fixpoetry.com geht’s weiter.

 

Wir sind andere

18. April 2016

„Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht.“ So das inoffizielle Motto der Edition Poeticon im Verlagshaus Berlin. Man könnte auch sagen: Wovon wir reden, wenn wir über Lyrik reden. Aber das ist nicht das Gleiche und schon gar nicht dasselbe. Zumal es natürlich überaus heikel ist, von einem „wir“ zu sprechen. Gerade in Bezug auf die Lyrik. Aber eben auch generell. Niemand möchte sich vereinnahmen lassen. Und wer vereinnahmt … Sie wissen, worauf ich hinaus will. Wer „wir“ sagt, spricht auch für andere. Wer „wir“ sagt, tritt mit einem erweiterten „ich“ auf. Und erfahrungsgemäß misstraut man ja auch denjenigen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, „ich“ sagen. Wir misstrauen denjenigen, die „ich“ sagen, weswegen wir „man“ sagen, aber doch meistens „ich“ meinen. Das gilt von der Lyrikrezension bis hin zur Habilitationsschrift.

 

Was soll dieser Eiertanz? Was dieser Eiertanz soll? Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht. Aber von Antworten hat niemand was gesagt. Und wenn man ich niemand sage … Ach, lassen wir das. Aber es interessiert mich dann schon, warum wir uns mit dem „wir“ so schwer tun. Denn wer „wir“ sagt, spricht nicht zwingend nur für andere. Wer „wir“ sagt, spricht auch über andere und schließt sich selbst mit ein. Das ist besser als Lästern. Das kann ein erster Schritt zu Analyse und produktivem Diskurs sein.

Das habe ich mir auch von Monika Rincks Essay gewünscht. In ihm werden viele Gedanken gedacht. Fragen werden hingegen kaum gefragt, weswegen die Antworten spärlich ausfallen. Wir – Phänomene im Plural ist vor allem eine Aufforderung zum Tanz um die rohen Eier der Personalpronomen, die laut Rinck „gigantische Behälter“ sind.¹ Der Essay startet mit einer Passage in der dritten Person Singular: „Und als sie wieder einmal einen ganzen Vormittag lang einen einzigen Satz schrieb, wieder löschte, verließ sie das Haus und legte sich, wie es unter Diven üblich ist, zum Heulen oberhalb des Friedhofs in den winterlich hell beschienenen Olivenhain. Wie gerne hätte sie sich aufgelöst! Sie kam sich vor wie eine Idiotin, die unter idealen Bedingungen in ihren eigenen Ängsten und Ansprüchen gefangen war.“

Der ganze Artikel auf den Seiten der Signaturen.

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16.4. // KUNSTSTÜCK II // mosaik-Lesereise in Erfurt

16. April 2016

Die Macher der Salzburger Literaturzeitschrift mosaik sind auf Deutschlandreise und machen Station in Erfurt. Beim WG-Leseformat „Kunststück“ des Literaturfestival Erfurt.

Sa 16.04.2016 | 17:00
Löberstraße 17, Erfurt

Der Eintritt ist frei.

Es lesen:

  • Marko Dinic
  • Lisa Viktoria Niederberger
  • Mario Osterland
  • Peter Neumann
  • Peter.W.

Musik macht: littlemanlost

Eine Kooperation von mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur, Literaturfestival Erfurt und In guter Nachbarschaft.

Alle Infos zur Deutschlandreise hier.

15.4. // IN GUTER NACHBARSCHAFT #9 // Weimar

15. April 2016

IN GUTER NACHBARSCHAFT
Lesung – Offenes Mikrofon – Musik
Mit Dominik Dombrowski & dem ChinChin ChopChop Duo

Fr 15.04.2016 | 20:00
Iconotop – Galerie Christian Finger | Herderplatz 12, Weimar

Eintritt: 3 Euro (nur Abendkasse)

Die Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ vereint auch 2016 wieder etablierte Schriftsteller*innen, junge Talente und herausragende Musiker*innen in Thüringen. Als Gast der neunten Ausgabe begrüßen wir – dieses Mal in Weimar – Dominik Dombrowski. Er wurde 1964 in Waco/Texas geboren, studierte Philosophie, vergleichende Religions- und Literaturwissenschaften in Bonn, wo er heute als freier Autor, Übersetzer und Lektor lebt. Dombrowski debütierte 2013 mit dem Band „Finissage“, der sofort für Aufsehen sorgte. Spätestens seit dem Nachfolger „Fremdbestäubung“ (parasitenpresse, 2014) ist Dombrowski nicht nur eine feste Größe der Gegenwartslyrik, sondern auch eine ihrer interessantesten Stimmen. Authentisch und intensiv bewegen sich seine Gedichte zwischen Erfahrung und Imagination, zwischen Melancholie und Galgenhumor. Vom Getränkemarkt bis zum US-Highway-Motel, von der Serenade bis zum Miniatur-Roadmovie – Dombrowski verkörpert eine Lyrik, die selten geworden ist und durch den unvergleichlichen Vortrag des Autors lange nachhallt. Am 15. April stellt er seinen aktuellen Gedichtband „Fermaten“ (edition AZUR, 2016) vor, der als Abschluss einer Trilogie ein ganzes Leben an nur einem Tag Revue passieren lässt.

domdom

Im zweiten Teil des Abends steht talentierten Autor*innen für jeweils acht Minuten das offene Mikrofon zur Verfügung – DIE Gelegenheit, um Texte aller Art in entspannter Atmosphäre vorzutragen. Anmeldungen nehmen wir gern entgegen unter: wortwechsel.jena[at]gmail.com

Musikalisch wird die Veranstaltung durch das Leipziger ChinChin ChopChop Duo begleitet, die mit ihrer „Bastard Independent Music“ den atmosphärischen Abend abrunden.

www.chinchinchopchop.de

Die Reihe „In guter Nachbarschaft“ ist eine Veranstaltung des Projekts „Wortwechsel“ der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V. in Zusammenarbeit mit der Galerie Iconotop und wird unterstützt durch die Thüringer Staatskanzlei.
Moderation: Mario Osterland | Organisation: Julia Hauck, Peter Neumann, Mario Osterland

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Erdogan ist schön

14. April 2016

Lyrikzeitung & Poetry News

Ein Gedicht von Franzobel

Erdogan ist schön

Erdogan? Ist der schön. Und hundertmal
& überhaupt. Erdogan ist schön, und
schon schön ist Erdogan. Ich bin hundertmal
verliebt in Erdogan. Und Erdogan
ist sehr schön, das lernen wir, hundertmal, dass
Erdogan richtig schön ist, und das ist
das Schöne an Erdogan, dass hundertmal
schon die türkischen Schulkinder lernen,
wie schön und überall dieser Erdogan nun ist,
damit sie es nur ja nie mehr vergessen. Ist
der schön. Und überhaupt. Die Sonne. Und
damit sie es nur ja nie mehr vergessen, wie schön,
schön Erdogan ist, müssen schon die
türkischen Schulkinder hundertmal,
hundertmal schreiben, Erdogan ist schön.
Ist der schön. So schön ist Erdogan, dass
schon die Schulkinder es aufschreiben müssen.
Müssen schreiben: Erdogan fängt schön an, und
schön hört Erdogan auch auf. Ja. So ist das
mit Erdogan. Durch und durch schön. Hundertmal.

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Vier Quartette

11. April 2016

Zum ersten Mal habe ich die automatischen Wortvorschläge meines smartphones genutzt, um damit zu dichten. Die einzigen Vorgaben, die ich mir gemacht habe: 4 Gedichte à 4 Strophen, jede Strophe à 4 Verse. Jedes Gedicht beginnt, da man irgendeinen Anfang braucht, mit dem jeweiligen Zahlwort. Und es sollte möglichst wenig Zeit in Anspruch nehmen. Das heißt ich habe versucht nicht viel nachzudenken, habe aber auch nicht immer das erstbeste vorgeschlagene Wort gewählt. Gedauert hat das schreiben/auswählen ziemlich genau 34 Minuten. Die Länge des Albums Shadows in the Night (2015) von Bob Dylan. Das war (ich schwöre es, wenn gewünscht) Zufall. Die Zeit. Das Album (inkl. Titel). Der Bob.

Vier Quartette

1

Eins zu sein und nicht mehr
Lange nichts gehört von dir
Geträumt von dem ganzen
Abend bei euch

Alles klar dann bis die Tage
Nochmal rufe ich nicht an
Dich nicht mehr lang zu dauern
Wird auch nicht schlecht

Ich hoffe dass wir das nicht mehr
So viel dazu gesagt
Was habe gerade ich
Wünsche euch noch viele Tage

Ohne Witz und Ende
Oktober wird schon wieder werden
Sollte nicht alles Gute zur Zeit
Einmal in Erfurt zusteigen

2

Zwei Flaschen drehen durch
Geführt werden sollte das Gespräch
Gestern hat er gesagt
Warum ich nicht zugegen war

Schon wieder nicht richtig gelesen
Geschlafen habe ich auch nicht
Schlecht geträumt von meinem Vater
Helfen kann man ihm nicht mehr

Lange Nacht war wieder mal
Was geht bei euch in Erfurt
Ist doch schön wenn ihr wieder
Zusammen gefasst werden sollt

Die Flaschen wegbringen und
Einen neuen Vertrag unterschreiben
Lässt sich einrichten
Woran könnte es scheitern?

3

Drei Stunden lang nichts
Besonderes gemacht haben
Wie geht das klar
Wie fühlt es sich an

Als das andere Bild
Von meiner Seite her
Nicht wirklich gut angekommen
Aber immerhin verkauft

Wurde mir gesagt
Das wird bestimmt noch besser
Dann kann es ja nicht schlimm sein
Aber schlimmer werden

Sollte die Kneipe auffliegen
Sitzen wir morgen in Jena
Besser nicht nachdenken
Wie immer halt

4
Vier Personen sind schon wieder weg
Und ich dachte schon es ist für immer
Zusammen sein kann man nicht ändern
Aber auch nicht wirklich gut

Geschlafen hab ich doch wieder nicht
Schlafen ist immer ein offenes Buch
Im Bett zu haben und nicht mehr
Lange Straße in die Nacht

Durch die Gegend fahren
Jetzt noch schnell was machen
Und dann wieder zurück
Kehren im Kreis im Bett

Liegen bleiben und den Tag
Über den Dächern liegen lassen
Oder einfach nur nicht wirklich
Wissen was das bedeutet

Eine absurde, verrückte, brutale Welt

4. April 2016

Nach dem Album Push The Sky Away (2013), dem Film 20.000 Day On Earth (2014) und dem Buch The Sick Bag Song (2015) endet vorerst eine der produktivsten Phasen im Schaffen von Nick Cave. Was mich während dieser Zeit besonders interessiert hat, war die Formenvielfalt (Musik, Film, Text) bei gleichzeitiger Kohärenz des Inhalts, die wiederum eine lose verknüpfte Erzählwelt bildet. In The Sick Bag Song schlägt sich dieser Prozess sowohl ihnhaltlich, als auch formal nieder. Komprimiert und ufert aus…

Ziemlich weit am Anfang von Iain Forsyths und Jane Pollards Film 20.000 Days on Earth sieht man Nick Cave am Schreibtisch sitzen. Das Klackern der Schreibmaschine stottert erst ein wenig, wird dann immer rhythmischer, bis schließlich Caves warme Stimme aus dem off einsetzt. „Ich erschaffe eine Welt. Eine Welt voller Monster, Helden, Guter und Böser. Es ist eine absurde, verrückte, brutale Welt, in der Menschen vor Wut rasen und Gott tatsächlich existiert.“ 2013 war das, als der Australier mit seiner Band The Bad Seeds gerade am Album Push the Sky away arbeitete, das noch im selben Jahr erschien. Im Januar 2014 feierte 20.000 Days on Earth Premiere. 2015 schließlich erschien mit The Sick Bag Song ein Buch, das den Abschluss einer der wohl kreativsten Phasen in Nick Caves Künstlerbiographie bildet. Nun erschien The Sick Bag Song mit dem Untertitel Das Spucktütenlied auf Deutsch.

Entstanden ist das Buch aus Notizen, die Cave auf der Nordamerika-Tournee der Bad Seeds im Sommer 2014 anfertigte. Aufgeschrieben auf den Kotzbeuteln der Airlines, mit denen die Band unterwegs war. Der Übersetzer Eike Schönfeld wählt die etwas salonfähigere Bezeichnung Spucktüten. Cave hielt darauf Beobachtungen und Erlebnisse des Touralltags, Gedichte, Songtexte, kleine Szenen, Träume und Telefonate fest. Alles nach Datum und jeweiligen Konzertort geordnet und sogar mit Datumsstempel versehen. Die beschrifteten Tüten sind als Faksimiles abgedruckt und bilden sozusagen den gestalterischen Höhepunkt des Buches.

Die ganze Besprechung auch fixpoetry.com

https://vimeo.com/122744455 [Der Trailer zum Buch. Lässt sich bei WordPress leider nicht einbetten.]


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