Archive for November 2015

Mehr als ein Mittagessen

30. November 2015

Als ich bei meinem ganztägigen Aufenthalt in den Vatikanischen Museen in der hauseigenen Kantine, denn Restaurant wäre wirklich zu viel gesagt, zu Mittag gegessen habe, wählte ich das „Full Italian Menu“. Es bestand aus einem Bohnensalat, einem Teller Pasta, einer Portion Schweinebraten, zwei Scheiben Weißbrot, einem Schokoladendessert und einer Flasche Wasser. Sicher muss nicht erst der Heilige Geist über einen kommen, um zu verstehen, dass für solche Erlebnisse die schulterzuckende Kategorie „okay“ existiert. Schließlich muss man irgendwann etwas essen und so ist es allemal besser, als das Museum vorzeitig zu verlassen.

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Dass ein Mittagessen im Vatikan phänomenal anders aussehen kann, beweist der Menüplan des italienischen Renaissancekochs Bartolomeo Scappi, der ab 1534 der vatikanische Leibkoch für insgesamt sechs Päpste war. Am 17. Januar 1567 bereitete er für 55 Personen das Festessen anlässlich des einjährigen Thronjubiläums von Pius V. Die hier achtseitige Liste umfasst vier kalte und zwei heiß servierte Gänge aus 130 verschiedenen Gerichten. Auffällig ist dabei neben der enormen Menge an Erdbeeren (ca. 15 Kilogramm – im Januar!) und Trüffel (fast 14 Kilogramm), dass keinerlei Fleischgerichte in diesem opulenten Mahl enthalten waren. Das lag jedoch nicht an etwaigen Vorlieben des Pontifex, sondern an der simplen Tatsache, dass der 17. Januar 1567 ein Freitag und somit Fastentag war. Ersatzweise kamen also knapp zehn Kilogramm Fisch pro Person auf die päpstliche Tafel. Es scheint, dass die Auslegungen der Glaubensregeln im Vatikan seit jeher ebenso dehnbar sind wie die Mägen der Kardinäle.

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Das Buch bei SuKuLTuR.

Dunkles, Skizze

30. November 2015

Der Sturm scheint gerade um meinen Schreibtisch zu wehen. Und „wehen“ ist nun wirklich das falsche Wort dafür. Er reißt an den Mauern und mich auf den Balkon. Ich teile mir gern eine Zigarette mit ihm. Obwohl es nicht regnet, denke ich an einen der schönsten Verse, die ich kenne.

Sieh, der Wind treibt Regen über’s Land!

Dabei sind die Wolken die Getriebenen. Sie scheinen aus dem Hintergrund heraus beleuchtet. Diffuses Licht vom Flughafen oder irgendwo her. Ich stelle mir ein anders Licht vor. Eines für Sturmnächte wie diese. Eines, das das Grau, das Blau, das Schwarz so zurückhaltend wie möglich erleuchtet. Die schöne Dunkelheit dunkel sein läss. Keine Ahnung, wie das aussehen soll. Sicher genau so wie jetzt. Draußen.

In meinem Kopf sind die Gedanken eingeschlossen wie in einem Bienenkorb

20. November 2015

„Ich kann das nicht und will das nicht. Ich habe kein Gerippe, nach dem ich male.“ Meret Oppenheims Absage an das Serielle und somit leicht Wiedererkennbare mag nur ein Zugang zum Verständnis ihres Werkes sein. Auf formaler Ebene ist er mit Sicherheit der wichtigste. Als junge Künstlerin wurde ihr oft vorgeworfen, dass sie „keine Linie“ habe, sich ihre Bilder und Objekte viel zu sehr von einander unterscheiden würden. Damit ist sie ganz bei Marcel Duchamp, der spätestens ab 1912 die Ansicht vertrat, dass ein Künstler vielseitig bleiben, einen „Look“ unbedingt vermeiden müsse.

Doch Oppenheim, die in den 1930er Jahren zur Pariser Avantgardeszene um Duchamp und André Breton gehörte, folgte damit keinem Diktum. Sie als Schülerin oder gar „das Mädchen“ der Surrealisten zu sehen, würde ihr in mehrfacher Hinsicht nicht gerecht. Auch deshalb nicht, weil ihr unbedingter Anspruch auf Freiheit und Unabhängigkeit bisweilen sogar stärker zu sein schien als ihr eigener Wille. Zumindest scheiterten ihre Versuche, bestimmten Bildern gleichartige Werke folgen zu lassen. „Ich habe mir Mühe gegeben, das nächste war total verschieden.“

Ohnehin ist Meret Oppenheim auch heute noch vor allem für ihre Objekte, fast muss man sagen: ihr Objekt bekannt. Das Frühstück im Pelz, oder Le déjeuner en fourrure, ließ sie 1936 in die erste Liga der Avantgardekünstler aufrücken. Doch diese Ikone des Surrealismus verstellte jahre-, wenn nicht jahrzehntelang den Blick auf ihr vielfältiges Œuvre. Dazu zählen neben zahlreichen Objekten die bereits angesprochenen Gemälde, Collagen, unzählige Zeichnungen, Fotografien, Entwürfe für Schmuck und Mode sowie der Berner Oppenheim-Brunnen. Und als ob all diese Werke nicht schon Beweis genug für den neugierigen Freigeist Oppenheims wären, gibt es von ihr auch einen Korpus literarischer Werke. Dieser besteht vor allem aus Gedichten, die um einige Prosatexte ergänzt und neu editiert in der Edition Suhrkamp erscheinen.

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Auf leuchtenden Pfaden

19. November 2015

„Beschäftigt man sich genauer mit der Geschichte der Texte, die nach Raymond Roussels Tod publiziert worden sind, so scheint es, als hätte sie denselben Gesetzen des Zufalls und Geheimnisses unterlegen, deren Logik sein Leben und Schreiben bis ins letzte bestimmt hat.“ Das war 1989, als man zufällig in neun verstaubten Kartons den Nachlass Roussels unter dem Dach eines Pariser Möbellagers entdeckte und der Bibliothèque nationale übergab. „Nur wenige Tage nachdem man dort den Nachlass Guillaume Apollinaires entgegengenommen hatte.“ Doch während die Werke Apollinaires nicht nur in seinem Heimatland schnell und umfassend aufgearbeitet wurden, ging die (Neu-)Edition seines Zeitgenossen doch eher schleppend voran.

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Zugegeben, Roussels Romane und Erzählungen fordern ein spezielles Lesepublikum. Eines, dass in hohem Maße am Sprachspielerischen, Experimentellen, mitunter Bizarren interessiert ist. Zu Lebzeiten fand er dieses Publikum kaum. Oder muss man sagen, das Publikum fand ihn nicht? Seine Bücher, die er sämtlich auf eigene Kosten und ausschließlich im Verlag Alphonse Lemerre veröffentlichte, blieben weitgehend unbeachtet. Die Inszenierungen seiner für das Theater bearbeiteten Texte erregten hingegen die Pariser Gemüter. Bei einer dieser Skandalaufführungen im Jahre 1912 saß neben Apollinaire und Francis Picabia auch Marcel Duchamp im Publikum. Dieser zeigte sich tief beeindruckt, beschloss mit dem Malen aufzuhören, und widmete sich fortan seinen heute berühmten Kunstexperimenten aus Material und Mechanik. Auch auf die Kerngruppe der Surrealisten um André Breton wirkte Roussel nachhaltig und gilt mit seinem auf assoziativen Gleichlauten basierenden Schreibverfahren als Vorläufer der écriture automatique.

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Über ein vorerst aufgegebenes Gedicht// Eine Art Werkstattbericht

6. November 2015

Vor Jahren stieß ich bei der Michael-Triegel-Ausstellung Verwandlung der Götter im Leipziger Museum der bildenden Künste auf das Bild Faltenwurf oder Am Grabe, dass mich bis heute sehr beeindruckt. [Da ich mir wegen des Copyrights unsicher bin, verlinke ich es hier.] Die kleine Bilddatei liegt schon lang in meinem digitalen Privatmuseum. Hin und wieder werfe ich einen Blick darauf, kann das Bild aber oft nicht richtig fassen. Ich finde es schade, dass das Bild den Titel „Am Grabe“ trägt, weil er den Betrachter viel zu eindeutig zu einer Lesart drängt. Seither versuche ich das Bild losgelöst vom Titel zu begreifen und frage mich: Was zeigt Triegel hier eigentlich?

Ich habe das Bild immer wieder in die Warteschleife geschoben.

Etwas später kam dann Gerhard Falkner mit seinen Pergamon Poems (kookbooks, 2012), die mich zwar sofort interessierten, aber auch erstmal in die Warteschleife rutschten, da ich dem prosaischen Ton angesichts des Themas nicht traute. In mehrfacher Hinsicht war das völliger Quatsch, wie ich heute weiß. Wollte man den Fries des Pergamonaltars heute mit antikem Versmaß besingen, käme doch nur eine Immitation zustande, die uns von der Antike eher entfernt, als sie uns zu vergegenwärtigen. (Wenn das überhaupt Falkners Absicht war.) Zudem sind die Pergamon Poems gar nicht so prosaisch.

Jedenfalls heißt es gleich in einem der ersten Gedichte des Bandes:

Aphrodite, auf deren Wink hin sich die Tiere paaren
mit Schenkeln wie aus bestem attischen Gestüt
und in Gewändern wie von Botticelli übergossen […]

Dieser dritte Vers erinnerte mich an etwas. Weniger wegen Botticelli, sondern wegen des Bildes, einer mit einem Gewand übergossenen Figur. Und ich dachte sofort an die Sichtbarkeit eines Unsichtbaren, wie etwa H.G. Wells Invisible Man, der seinen Kopf mit Mullbinden umwickelte, um, auch für sich selbst, wieder greifbar zu sein.

Vielleicht war Triegels Bildtitel also doch nicht so abwegig, dachte ich. Die Stoff gewordene Sehnsucht danach, das Verschwundene irgendwie zurückzuholen. Wenn auch nur als Illusion das Verlorene zu re-visualisieren. Schließlich den oft unbegreiflichen Verlust im Wortsinne greifbar zu machen. Sozusagen eine Materialisierung des Metaphysischen, die Präsenz des nicht zu Repräsentierenden. Ein faltengewordenens Paradox also.

Mit dem Zusammendenken von Triegel, Falkner und Wells fragte ich mich also, wer den Raum unter dem Laken oder Gewand ausfüllt bzw. im Auge des Betrachters ausfüllen könnte. Ein verschwundener Mensch, an dem man festhalten will, obwohl man sich schon gar nicht mehr richtig an sein Gesicht erinnert?

Ich schrieb daraufhin ein mäßiges Gedicht über eine verschwundene Liebe, das mit Falkners entlehntem Vers beginnt:

ich hatte dich übergossen
mit Gewändern von Botticelli

so wurde dein Verschwinden sichtbar
der Faltenwurf stärker von Tag zu Tag

beim Versuch die Stoffe zu glätten
bist du mir schließlich entwischt

mir bleibt nur noch Tücher zu werfen
die Ecken zu nebeln im leeren Raum

um die Chance eines Wiedersehens

Hier hatte ich zwar die Bilder, die ich im Kopf hatte eingebaut, aber letztlich wurde auch hier nichts greifbar. Ist das „Du“ nun schon weg oder noch da? Wie kann das „Ich“ das eigentlich schon verlorene „Du“ mit Gewändern (von Botticelli?) übergießen? Wenn ein Unsichtbarer unter einem Tuch verschwindet, werden die Falten dann nicht weniger? Kurzum: Nach dem Wiederlesen konnte ich mit all diesen Vagheiten, diesen Ungenauigkeiten nicht zufrieden sein. Selbst wenn der Gegenstand solche Defizite mit sich bringt.

Das Gedicht blieb liegen. Wochen und Monate. Ich widmete mich anderen Ideen, Bildern und Texten, schrieb, was ich am meisten schreibe: Notizen, Skizzen, Varianten, Vorstufen. Meine Texte haben meist eine (viel zu) lange Inkubationszeit.

Dann kam mir der Gedanke, mich dem Gedicht gewissermaßen zu entledigen, indem ich die Rollen darin vertauschte. Da ist nicht mehr viel übrig von Triegel/Falkner/Wells. Nur noch der Ideenunterbau sozusagen. Das „Ich“ will das „Du“ jetzt nicht mehr halten oder zurückholen. Es wird gewalttätig und beschleunigt das Verschwinden, stoppt es dann nochmal ab, wird sadistisch und überlässt das „Du“ schließlich sich selbst. Ziemlich böse, ich weiß. Aber so passt es auch besser in eine Gruppe von Gedichten, um die Hassliebe zweier Menschen (dazu zu gegebener Zeit mehr).

ich hatte dich übergossen
und erloschen bist du
unter barocken Laken
die Blasen warfen tagelang
und verkümmerten zu Falten

sie ergaben sich von allein

Ob das die finale Version ist, weiß ich nicht. Zur Zeit denke ich darüber nach das Thema zu variieren und mehrere Gedichte gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen. Oder das Ganze komplett zu verwerfen.


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