Johann Wolfgang von Goethe – Gespräch zwischen Schildwache und Freund Hein am Coburger Tor

[Mit einem Bilde von Kraus für Musäus]

Schildwache

Wer da?

Freund Hein

Ich bin Freund Hein.

Laß Er mich herein!

Schildwache

Er sieht so hager und so bleich,

Eher einem Toten als einem Lebenden gleich;

Er kommt von keinem gesunden Ort.

Zeig Er mir erst seinen Passeport.

Freund Hein

Mein Paß ist diese Sense hier,

Tür, Tor und Schlagbaum öffnet sie mir.

Mich hält in meinem raschen Lauf

Selbst eine Armee en front nicht auf.

Will Er mich noch weiter schikanieren,

Werd ich über Ihn wegmarschieren,

Kein lautes Wörtchen mit Ihm sprechen,

Den Kieler Wanderer an Ihm rächen.

(entstanden in Weimar zwischen 1775 und 1786)

Ich bin schon vor einiger Zeit auf diesen merkwürdigen Text Goethes in der Gesamtausgabe seiner Gedichte gestoßen. Seine fragmentarische Form lässt viel Spielraum für Fragen und Spekulationen. (In der Sekundärlitartur hab ich bisher nichts gefunden. Aber auch nicht so intensiv gesucht.) Ich schätze mal, dass dem Text ein Bild von Georg Melchior Kraus zugrunde liegt, das er für Johann Karl August Musäus angefertigt und/oder ihm geschenkt hat. Leider habe ich dafür bisher keinen Beleg gefunden. Die Vermutung liegt deshalb nahe, weil Kraus in Weimar lebte, mit Goethe befreundet war und eines der berühmtesten Portraits des jungen Goethe gemalt hat. Der Schriftsteller Musäus lebte wiederum auch im „klassischen“ Weimar, war aber, da er der Onkel August von Kotzebues war, wohl eher nicht Goethes bester Freund.

Neben dem Kontext der Entstehung interessiert mich aber zum einen die ungewöhnliche Form, die als fragmentarischer Dialog aus der Sammlung der Gedichte heraussticht. Zum anderen frage ich mich: Wer ist/war der Kieler Wanderer? Ist das ein zeitgenössisches Sprichwort oder setzt Goethe hier die Kenntnis eines Ereignisses voraus, von dem Zeitgenossen durchaus hätten wissen können?

Und wo spielt die Szene eigentlich? Am Stadttor zu Coburg oder in einer anderen Stadt, die ein Stadtstor names „Coburger Tor“ hat (was schonmal nicht Weimar sein kann)?

Am interessantesten wäre es jedoch, die Antwort der Schildwache an Freund Hein zu erfahren, oder?

Variante 1: Der Tod senst die Wache einfach nieder.

Variante 2: Die Wache antwortet frech und wird dann niedergesenst.

Variante 3: Die Wache lässt den Tod passieren, woraufhin in der Stadt „der Tod umgeht“.

Variante 4: Die Wache widerlegt in einem schlagfertigen Dialog den Tod. (Was wiederum der Ausgangspunkt eines Schelmenromans sein könnte.)

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Eine Antwort to “Johann Wolfgang von Goethe – Gespräch zwischen Schildwache und Freund Hein am Coburger Tor”

  1. feivel92 Says:

    Variante 4 fände ich definitiv am interessantesten.

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