Hinterfragt euch!

Neidisch sei Wolfgang Ullrich immer gewesen auf die Schriftsteller und Dichter, die eingeladen wurden, in Poetikvorlesungen über sich und ihr Schreiben zu reden und dieses kritisch zu reflektieren. Ihm als Geisteswissenschaftler bleibe diese Form der Öffentlichkeit verwehrt. „So als käme es in der Wissenschaft auf die Art des Schreibens gar nicht an.“ Doch auch wenn er keine Poetikvorlesungen halten kann, schreiben kann er sie allemal. Mag sein, dass der ein oder andere Kollege Ullrichs das als provokant empfindet. Ein bisschen revolutionär erscheint sein Vorgehen auf jeden Fall. Denn diese fünf nie gehaltenen Vorlesungen, die unter dem Titel Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik bei Wagenbach erschienen, sind mehr als ein exaltierter Versuch, sich als Professor für Kunstwissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Ullrich geht es um nichts weniger als die Methoden, ja den Gesamtzustand der Geisteswissenschaften auf den Prüfstein zu stellen.

Dabei geht Ullrich in seiner ersten Vorlesung von einem Fallbeispiel aus, mit dem er nach eigener Aussage für einige „Aggressionen“ bei einem wissenschaftlichen Symposium gesorgt hat. Es handelt sich dabei um die kunsthistorischen Interpretationen von Max Beckmanns Triptychon Versuchung von 1936/37, die für Ullrich allesamt unzureichend sind. Ein Umstand, dem sich auch viele Kunsthistorikern bewusst zu sein scheinen, da sie sich in der Folge oft mit einem geisteswissenschaftlichen Trick aus der Affäre ziehen. „Dass sich die Gemälde nicht schlüssig deuten lassen, ist nicht Schwäche oder Spleen des Künstlers, sondern symptomatisch für die Zeit, in der er sie schuf: Er bildet nur ab, dass alles zerbrochen ist.“ Dieses Urteil, das unter Wissenschaftlern und kunstinteressierten Laien sicher viel stummes Kopfnicken auslöst, ist für Ullrich nichts weiter als ein kulturpessimistisches Ressentiment, ein Pauschalurteil, das in keiner der zahlreichen von ihm untersuchten Interpretationen schlüssig, das heißt wissenschaftlich, belegt werden kann.

Auf fixpoetry.com lest ihr die komplette Besprechung

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