Archive for Mai 2015

A door into the woods

27. Mai 2015

Herrlich.

Johann Wolfgang von Goethe – Gespräch zwischen Schildwache und Freund Hein am Coburger Tor

26. Mai 2015

[Mit einem Bilde von Kraus für Musäus]

Schildwache

Wer da?

Freund Hein

Ich bin Freund Hein.

Laß Er mich herein!

Schildwache

Er sieht so hager und so bleich,

Eher einem Toten als einem Lebenden gleich;

Er kommt von keinem gesunden Ort.

Zeig Er mir erst seinen Passeport.

Freund Hein

Mein Paß ist diese Sense hier,

Tür, Tor und Schlagbaum öffnet sie mir.

Mich hält in meinem raschen Lauf

Selbst eine Armee en front nicht auf.

Will Er mich noch weiter schikanieren,

Werd ich über Ihn wegmarschieren,

Kein lautes Wörtchen mit Ihm sprechen,

Den Kieler Wanderer an Ihm rächen.

(entstanden in Weimar zwischen 1775 und 1786)

Ich bin schon vor einiger Zeit auf diesen merkwürdigen Text Goethes in der Gesamtausgabe seiner Gedichte gestoßen. Seine fragmentarische Form lässt viel Spielraum für Fragen und Spekulationen. (In der Sekundärlitartur hab ich bisher nichts gefunden. Aber auch nicht so intensiv gesucht.) Ich schätze mal, dass dem Text ein Bild von Georg Melchior Kraus zugrunde liegt, das er für Johann Karl August Musäus angefertigt und/oder ihm geschenkt hat. Leider habe ich dafür bisher keinen Beleg gefunden. Die Vermutung liegt deshalb nahe, weil Kraus in Weimar lebte, mit Goethe befreundet war und eines der berühmtesten Portraits des jungen Goethe gemalt hat. Der Schriftsteller Musäus lebte wiederum auch im „klassischen“ Weimar, war aber, da er der Onkel August von Kotzebues war, wohl eher nicht Goethes bester Freund.

Neben dem Kontext der Entstehung interessiert mich aber zum einen die ungewöhnliche Form, die als fragmentarischer Dialog aus der Sammlung der Gedichte heraussticht. Zum anderen frage ich mich: Wer ist/war der Kieler Wanderer? Ist das ein zeitgenössisches Sprichwort oder setzt Goethe hier die Kenntnis eines Ereignisses voraus, von dem Zeitgenossen durchaus hätten wissen können?

Und wo spielt die Szene eigentlich? Am Stadttor zu Coburg oder in einer anderen Stadt, die ein Stadtstor names „Coburger Tor“ hat (was schonmal nicht Weimar sein kann)?

Am interessantesten wäre es jedoch, die Antwort der Schildwache an Freund Hein zu erfahren, oder?

Variante 1: Der Tod senst die Wache einfach nieder.

Variante 2: Die Wache antwortet frech und wird dann niedergesenst.

Variante 3: Die Wache lässt den Tod passieren, woraufhin in der Stadt „der Tod umgeht“.

Variante 4: Die Wache widerlegt in einem schlagfertigen Dialog den Tod. (Was wiederum der Ausgangspunkt eines Schelmenromans sein könnte.)

Hinterfragt euch!

22. Mai 2015

Neidisch sei Wolfgang Ullrich immer gewesen auf die Schriftsteller und Dichter, die eingeladen wurden, in Poetikvorlesungen über sich und ihr Schreiben zu reden und dieses kritisch zu reflektieren. Ihm als Geisteswissenschaftler bleibe diese Form der Öffentlichkeit verwehrt. „So als käme es in der Wissenschaft auf die Art des Schreibens gar nicht an.“ Doch auch wenn er keine Poetikvorlesungen halten kann, schreiben kann er sie allemal. Mag sein, dass der ein oder andere Kollege Ullrichs das als provokant empfindet. Ein bisschen revolutionär erscheint sein Vorgehen auf jeden Fall. Denn diese fünf nie gehaltenen Vorlesungen, die unter dem Titel Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik bei Wagenbach erschienen, sind mehr als ein exaltierter Versuch, sich als Professor für Kunstwissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Ullrich geht es um nichts weniger als die Methoden, ja den Gesamtzustand der Geisteswissenschaften auf den Prüfstein zu stellen.

Dabei geht Ullrich in seiner ersten Vorlesung von einem Fallbeispiel aus, mit dem er nach eigener Aussage für einige „Aggressionen“ bei einem wissenschaftlichen Symposium gesorgt hat. Es handelt sich dabei um die kunsthistorischen Interpretationen von Max Beckmanns Triptychon Versuchung von 1936/37, die für Ullrich allesamt unzureichend sind. Ein Umstand, dem sich auch viele Kunsthistorikern bewusst zu sein scheinen, da sie sich in der Folge oft mit einem geisteswissenschaftlichen Trick aus der Affäre ziehen. „Dass sich die Gemälde nicht schlüssig deuten lassen, ist nicht Schwäche oder Spleen des Künstlers, sondern symptomatisch für die Zeit, in der er sie schuf: Er bildet nur ab, dass alles zerbrochen ist.“ Dieses Urteil, das unter Wissenschaftlern und kunstinteressierten Laien sicher viel stummes Kopfnicken auslöst, ist für Ullrich nichts weiter als ein kulturpessimistisches Ressentiment, ein Pauschalurteil, das in keiner der zahlreichen von ihm untersuchten Interpretationen schlüssig, das heißt wissenschaftlich, belegt werden kann.

Auf fixpoetry.com lest ihr die komplette Besprechung

Street Art Schicksal #2

21. Mai 2015

Eternal Bob Dylan. Gerade noch war ich etwas traurig darüber, dass das Dylan-Portrait am Benediktsplatz/Kreuzgasse verschwunden ist, da habe ich am nahkauf Nordhäuser Straße/Ecke Bergstraße ein neues Exemplar entdeckt. Es gibt Hoffnung für Erfurt!

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Zwei Hinweise noch. Es handelt sich hier nicht um ein „normales“ Stencil oder Graffiti, sondern um eine Kachel (oder Fließe?). Daher wurde am Benediktsplatz nichts überstrichen, sondern entfernt. Vielleicht sogar am Stück von einem Fan? // Und: Würde netto eine Eckkneipe betreiben, in der man auch Lebensmittel kaufen und Briefe verschicken kann, würde diese nahkauf heißen.

Varianten tätowierter Kopfhaut// Karte und Gebet

19. Mai 2015

V.1: Die Rasur seines Schädels legte die tätowierte Kopfhaut frei. Eine Karte vielleicht, oder ein Gebet.

V.2: Die Rasur seines Schädels legte die tätowierte Kopfhaut frei. Sie zeigte eine Karte, vielleicht (auch) ein Gebet.

V.3: Sie hatten ihm den Schädel rasiert. Seine tätowierte Kopfhaut zeigte eine Karte, vielleicht (auch) ein Gebet.

Unter den Linden

17. Mai 2015

Lindenblüten duften auch dann noch, wenn sie gar keinen Nektar mehr tragen. Das führt dazu, dass hungrige Hummeln ihre letzte Energie beim Anflug der Bäume im August vergeuden. Unter einer Linde verhungern so binnen weniger Tage hunderte Insekten.

Expedition Lyrik

12. Mai 2015

Gedichte taugen nicht. Sie taugen nicht zum Expeditionstagebuch. Nicht als Erlebnisgebericht. Aber Gedichte taugen zur Expedition selbst, können Expeditionen sein. Sind Begleiter, Kompass, Steigeisen. Anker, wenn es sein muss.

Bereits im letzten Jahr erschien im Verlagshaus Berlin (vormals Verlaghaus J. Frank) ein Gedichtband, auf den ich lange gewartet habe, ohne es zu wissen. Seither lese ich immer wieder in Stephan Reichs Everest, in dem ein kitschbefreiter, selbstbewusst-melancholischer Ton herrscht, vor dem ich meinen Hut ziehe. Dieser Band ist ein Begleiter, der beweist, dass man sich die Welt durchaus erschließen kann, indem man sie zuerst durch das Internet betritt. Dass eine Kopplung des Digitalen mit dem Analogen möglich ist. Ich habe alle Orte aus Reichs gleichnamigen Kapitel im Internet besucht. War auf dem Everest, in Tunguska, Nowgorod und Survival Town. Den Gedichten hat das nicht geschadet. Im Gegenteil.

Sich in eine andere Welt ziehen lassen… das erwarten wir doch seit jeher von der Literatur. Warum sollte es in den Erzählungen des Internets anders sein? Sich die alte Welt neu erschließen, sie resetten, Anlauf nehmen, sich die neue Welt mit alten Mitteln erschließen. All das macht Stephan Reich in Everest. All das macht Everest zu einer echten Expedition.

Street Art Schicksal

11. Mai 2015

Kürzlich wurde in Erfurt (Benediktsplatz/Kreuzgasse) das hier überstrichen. Wirklich schade. Aber Bobs Worte trösten auch darüber hinweg.

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Varianten eines möglichen ersten Satzes // Beginn einer ungeschriebenen short story

4. Mai 2015

V.1: In den letzten Tagen hatten sie sich seinem Haus von allen Seiten genähert.

V.2: Sie näherten sich seinem Haus von allen Seiten.

V.3: Seit einigen Tagen näherten sie sich seinem Haus von allen Seiten.

V.4: Von allen Seiten hatten sie sich seinem Haus genähert.

V.5: Es hatte nur ein paar Tage gedauert, bis sie sein Haus umstellt hatten.

V.6: Sie hatten sein Haus schon seit Tagen umstellt.

V.7: Seit Tagen schon hatten sie sein Haus umstellt.


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