Die Möglichkeit eines Landes

Bisher waren zwei Gedichtbände alles, was ich von Michel Houellebecq gelesen hatte. Lange schon stehen einige seiner Romane auf meiner Lese-Warteliste. Vielleicht ist Unterwerfung nicht gerade der beste, um mit Houellebecqs Romanen anzufangen, aber die Diskussion um dieses Buch war einfach zu verlockend. Und das nicht, wegen des Angriffs auf die Redaktion von Charlie Hebdo, sondern wegen des Szenarios, welches ein muslimisches Frankreich im Jahr 2022 imaginiert. Das wollte ich aus zwei Gründen unbedingt lesen: 1. erscheint mir dieses Gedankenspiel als deutscher Leser vor dem Hintergrund der Pegida-Bewegung hochinteressant und hochrelevant. 2. gibt es da diesen Roman von Christian Kracht, der zu den ganz wenigen Büchern gehört, die mir so außerordentlich gut gefallen, dass ich mir manchmal wünsche, ihn selbst geschrieben zu haben. Es ist Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten in dem Kracht der Weltgeschichte die Möglichkeit einer Schweizer Sowjet Republik einräumt.

Letzteres ist sicher, ganz bestimmt sogar, die falsche Herangehensweise an Unterwerfung. Aber da ich diesen Kracht nunmal im Kopf habe, weil er bei mir bis heute sehr stark nachhallt, ließ sich eine gewisse Erwartungshaltung einfach nicht vollends ausblenden. Da das hier keine Rezension werden soll und ich nur ein paar Leseeindrücke wiedergeben will, mache ich es kurz. Houellebecqs muslimisches Frankreich ist eine großartige Fiktion, eine scharfe Satire, ein streckenweise gefälliger Abgesang an das alte Europa der Nationalstaaten. Und darum scheint es ihm wohl auch vordergründig zu gehen – Houellebecq ist Kulturpessimist. Da würde ich mich mal festlegen. Anhand seines Protagonisten führt er zumindest vor, wie (un-)glücklich man im westlichen Europa sein kann, wenn man an nichts mehr Spaß hat, für nichts mehr Lust empfindet. Ob die Hinwendung zum Glauben, die Konversion zum Islam in einer christlichen geprägten Gesellschaft aber die Lösung ist? Weder Houellebecq selbst noch sein ich-erzählender Protagonist legen sich da endgültig fest. Das ist der Punkt, an dem ich die Diskussionen um das Buch, ob pro oder contra Islam, nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Denn darum gehts einfach nicht. Es geht, so verstehe ich das Buch zumindest, um die Zukunft Europas und um die Frage, ob die Aufklärung uns wirklich den bestmöglichen, geistigen und gesellschaftlichen Zustand gebracht hat. Houellebecqs Fiktion zeigt eine mögliche Antwort auf diese Frage, die schon deswegen nicht ganz abwegig ist, weil sie der Bevölkerunsgentwicklung des Kontinents Rechnung trägt. Also tut Houellebecq eigentlich nur, was Literatur eben tut… nämlich Möglichkeiten aufzeigen.

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Aus dieser Position heraus halte ich Unterwerfung für höchst relevant und gebe eine unbedingte Leseempfehlung. Doch wo ist das Haar in der Suppe? Naja, es ist wiederum der Roman selbst, der als erzählerisches Werk nicht ganz gelungen scheint, weil er seine Struktur verliert, oder besser im Laufe der Handlung ändert. Das muss nichts per se Schlechtes sein, verursacht im Falle von Unterwerfung aber ein merkwürdiges Ungleichgewicht zwischen der ersten und der zweiten Hälfte des Buches. Zunächst steht der Protagonist Francois mit seinen Problemen, seinen Beziehungen im Fokus, später ist es das muslimische Frankreich, das im Prinzip auf zwei Figuren reduziert, aber recht differenziert, diskutiert wird. Das hat zur Folge, dass viele Nebenfiguren auf eine Art fallen gelassen werden, die nicht experimentell ist, sondern eher nachlässig erscheint. Hat eine Figur ausgedient, tritt sie eben nicht mehr auf, obwohl sie für den Protagonisten recht wichtig erschien. Das ist ein Punkt, der Houellebecq radikal von Kracht unterscheidet. Krachts Fiktion ist scharf geschnitten, auf das Wesentliche reduziert, distanziert, kühl und klar. Das finde ich großartig. Houellebecq hingegen gibt seinen Figuren und ihrer Psyche viel Raum, was nicht unbedingt schlecht ist, jedoch nicht konsequent durchgezogen wird. Es gibt in Unterwerfung eine sanfte, eine folgerichtige Fokusverschiebung, die dennoch einen merkwürdig unbalancierten Eindruck hinterlässt.

Nun endet diese Minibesprechung mit einem negativen Eindruck, was laut Rezensionsregeln bedeutet, dass ich einen contra-Standpunkt zum Buch einnehme. Das ist aber nicht so. Unterwerfung ist ein gutes und vor allem kluges Buch, deren teilweise radikale Positionen man zu lesen wissen und sich vor allem seine eigenen Gedanken dazu machen sollte. Wären wir hier in einem Bewertungsportal würde ich 4 von 5 Punkten geben. 😉

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