Archive for Februar 2015

15 Jahre parasitenpresse in Leipzig

26. Februar 2015

Liebe Menschen! Bald ist wieder Buchmesse in Leipzig (12. bis 15. März) und ich freue mich euch auf zwei Lesungen mit meiner Beteiligung hinweisen zu können.
Die genauen Termine findet ihr ab sofort übersichtlich und mit ein paar Infos versehen unter der Rubrik „Lesungen“ (oben rechts). Ich würde mich freuen den ein oder anderen live und in Farbe begrüßen zu dürfen. Euer Mario/Cln.

parasitenpresse

In diesem Jahr wird die parasitenpresse 15 Jahre alt. Für uns ist das natürlich ein Grund, unser Jubiläum mit alter und neuer Poesie zu feiern. Während der Buchmesse in Leipzig (11.-15. März) lesen unsere Autor/innen an verschiedenen Orten. Christoph Danne, Dominik Dombrowski und Mario Osterland lesen in der temporären Lyrikbuchhandlung in der Galerie D21 (Donnerstag und Freitag), Dominik Dombrowski liest bei der UV-Lesung (Freitag) und am Samstag zelebrieren wir unser parasitäres Lyrikfest 15 magische Aurelien in der Galerie BüKü mit neuen, alten und befreundeten Autor/innen. Zugesagt haben bislang: Astrid Nischkauer, Christoph Danne, Christoph Wenzel, Daniel Ketteler, Dominik Dombrowski, Georg Leß, Jan Kuhlbrodt, Kathrin Bach, Mario Osterland, Niklas Lem Niskate, Thorsten Krämer und Adrian Kasnitz.

Postkarte 15magischeAurelienn

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Jahrbuch der Lyrik 2015

24. Februar 2015

Das Jahrbuch der Lyrik 2015 ist da und enthält neben vielen schönen Gedichten von schönen Dichterinnen und schönen Dichtern wie Kathrin Bach, Sascha Kokot, Crauss, Christoph Danne, Max Czollek, Carolin Callies, Lydia Daher und und und… auch mein Gedicht vom Verschwinden. (Zum Buch)

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„Seit nunmehr 35 Jahren gibt das »Jahrbuch der Lyrik« regelmäßig Einblick in die aktuelle deutschsprachige Lyriklandschaft. In diesem Jahr hat Christoph Buchwald die vielfach preisgekrönte Lyrikerin Nora Gomringer als Mitherausgeberin gewinnen können und mit ihr aus über tausend Einsendungen die besten und überraschendsten Gedichte ausgewählt.“

The Rehearsal Sessions

20. Februar 2015

Nein, man kann wirklich nicht sagen, dass wir unsere Musik außerhalb des Proberaums sonderlich ernst genommen hätten. Aber innerhalb dieser vier Wände war natürlich alles anders. Gerade weil wir uns nichts draus machten, waren die Sessions im Proberaum heilig. Keine Ahnung, ob ihr das versteht. Jedenfalls waren wir im Kern vier Leute, also ganz klassisch mit Drums, Bass, Lead- und Rhythmusgitarre. Und eigentlich waren die Rollen verteilt aber anfangs hat jeder irgendwie mal alles gespielt. Und geklungen haben wir wie die Post-Rock-Version von Nirvana im Vorprogramm von den Doors. Zumindest haben wir das gedacht. Nur mit dem Gesinge hatten wir es nicht so und darum standen bei uns eigentlich immer zwei Elvismikros rum, in die jeder mal reingemurmelt oder gebrüllt oder geschmettert hat wann immer ihm oder ihr danach war. Nur unser Drummer war da außen vor, aber ehrlich, das war auch gut so. Ihr habt den ja nicht singen hören, aber ehrlich, der klang wie ne gefolterte Gans, die an ner Überdosis Helium jämmerlich zu Grunde ging. Hm, ja… so könnte man das alles zusammenfassen.

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The Pub Sessions

19. Februar 2015

Und dann war dieser blöde St. Patrick’s Day und wir sind in so nen Pub gegangen von dem es tatsächlich einen gab in unserer Kleinstadt. Und ich hab mir da echt nichts bei gedacht, außer einen Abend zu verbringen mit Murphy’s und Murphys, wenn ihr versteht. Naja, und so isses ja zuerst auch gewesen. Wir also da rein und ich zeige an der Theke auf den Zapfhahn, hebe vier Finger in die Luft und sage Murphy’s, zeige auf die verstaubte Stereoanlage und sage Murphys. Und immer nachlegen, grins. Und so wurde das dann auch gemacht und es war wirklich nichts dabei an dem Abend. Wir saßen da und soffen dieses schweineteure irische Bier und und hörten Musik und alles war klasse. Dass das hier eskalieren könnte, auf den Gedanken kam ich zuerst als ich plötzlich so einen komischen Hut aufgesetzt bekam, an dem so eine rote Kinngardine angebracht war. Versteht ihr? Es war Patrick’s Day und da wird man in den Pubs halt gekrönt, wenn man zu den Abnehmern des Abends gehört. Jedenfalls guck ich mich so um, und sehe wie unser Drummer und der Gitarrist auch so ein Ding auf der Rübe haben und übelst rumspacken, da dachte ich mir, drauf geschissen, mach ich mich halt auch zum Obst. Aber ich blieb an der Theke sitzen bei Murphy’s und Murphys nonstop.

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Gerissen hat es dann unser Drummer, der den kurzen Rest des Abends mit diesem blöden Hut rumstolzierte und ständig von seinem verloren Holzbein sang. Ich wusste natürlich was der wollte, aber die anderen Gäste waren irgendwann nicht mehr so tolerant. Vor allem der Typ nicht, der mit seiner Erika in der Ecke saß und nen ruhigen machen wollte, während unser Drummer ständig vor deren Tisch rumtanzte und einmal wohl auch ein Glas abgeräumt hat, aber das hab ich nicht wirklich mitbekommen. Jedenfalls war die Lage eigentlich ganz entspannt, bis dieses schnittige, drängelnde Akkordeon einsetzte und mit kurzer Tonfolge den Takt vorgab. Alter, dachte ich, nicht dieses Lied. Nicht jetzt. Das geht garantiert nach hinten los. Und wie ich das dachte und Al Barr losbrüllte „I’m a sailor Peg and I lost my leg…“ hör ich das Geschreie vom Tisch mit der Erika und dreh mich um und da hatte unser Drummer dem Typen schon eine verpasst und ihn niedergestreckt. Leck mich, wie hat er das nur wieder hingekriegt? Ich meine, den Kerl hätten ihr sehen sollen. Das war ein ziemlicher Schrank und jetzt hing er in der Seilen und seine Püppi kreischte neben ihm und irgendwie war mir sofort klar, dass das jetzt mein Bier war, obwohl ich noch ein frisch gezapftes vor mir stehen hatte. Wirklich, ich hatte erst zweimal genippt.

Jedenfalls war von unserem Gitarristen keine Spur und ich ging zum Tisch rüber und bevor ich unseren Drummer zusammenscheißen konnte, kommt der Typ wieder zu sich und verpasst mir ohne zu verziehen einen Hieb unters linke Ohr und irgendwas in meinem Kopf knackt oder ploppt und ich seh natürlich nichts mehr außer das klebrige Parkett in meinem Gesicht.

Was ich von dem Abend sonst noch weiß, also bevor ich mit dem Kopfverband aufwachte, unter dem mein angeknackster Kiefer pochte, war dass unser Gitarrist auf der Straße vor dem Pub lag. Wie erschlagen, ohne scheiß, lag der auf dem Rücken mitten auf der Fahrbahn, den linken Arm von sich gestreckt und in der Rechten so eine Plastetröte aus der er krampfhaft versuchte einen Ton herauszublasen. Liebe Freunde, das hat mich so geschickt, und ich wusste nicht mehr wo oben und unten war.

The Live Sessions

17. Februar 2015

Ja, es kam schon vor, dass wir hin und wieder mal nen Auftritt hatten. Aber denkt jetzt nicht gleich an Konzerthallen oder sowas. Nee, ich denk da eher an Supermarkt-Parkplätze und Baumarkteröffnungen. Wirklich, ich verarsche euch nicht. Der Bruder unseres Gitarristen kannte einen, der einen kannte, ihr wisst wie das läuft. Und dieser Bekannte war wohl gerade irgendwie aufgestiegen oder wie auch immer man das nennen soll und hatte jetzt jedenfalls bis an seine Lebensende einen Provinzsupermarkt zu leiten. Das Ding musste natürlich eröffnet werden und dazu braucht es Musik. Ihr versteht schon worauf das hinausläuft. Wollt ihr nicht, könnt ihr nicht, könnt ihr mich mal und außerdem gibt es 250 Schleifen also packten wir das Schlagzeug und die Verstärker in einen rostigen Transporter und fuhren da hin. Leck mich am Fuß war das ne Scheißidee. Wenn wir uns zwischenzeitlich jemals wie Musiker gefühlt haben sollten, war das spätestens jetzt dahin. Ich meine, standen wir am Anfang von etwas oder hatten wir jeden noch so abwegigen Tagtraum endgültig begraben, indem wir unsere Karriere von hinten begannen und wie ein abgehalfterter Schlagersänger bei ner Markteröffnung spielten. Na, vielleicht lernen wir ja einen von denen dort kennen und drehen dann das ganz große Ding. Aber lachen wollte darüber keiner so richtig.

Wir hatten unseren Kram auf der wackeligen Bühne aus Europaletten aufgebaut und ich sage euch am liebsten hätte ich den ganz Scheiß wieder zusammengesammelt und Fickt Euch! wird da drüben jetzt ernsthaft ne Hüpfburg aufgeblasen? Ich hielt dann wirklich aus einem Reflex heraus Ausschau nach einem Typen, der so hätte aussehen können, als ob er aus dem Stand die Biene Maja schmettern will. So einer war dann doch nicht da, aber es gab tatsächlich sowas wie nen support act für uns. Kein Scheiß, die bauten sich vor unserer Bühne auf und fuchtelten barfuß auf Matten stehend mit Armen und Beinen herum und das ganze nannte sich dann Tae Bo und war so n asiatischer Mist, der Europäern das Gefühl gab der Erleuchtung nah zu sein, aber ich konnte allmählich nicht mehr vor Lachen und hielt mich an der Schulter unseres Bassisten fest. Alter! Type O als Vorband, das glaubt uns keiner. Und die fuchtelten und fuchtelten und mir hat’s dann gereicht, also hab ich mir n Bier geholt, oder zwei, und mich in die Hüpfburg gekracht und so ein Winzling neben mir flog auf die Fresse und hat geheult und so ne luschige Mutter wollte mir einen erzählen ist dann aber doch abgezogen mit dem Knirps und ich hab versucht meine innere Mitte zu finden und gekichert.

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Dann Auftritt und erst jetzt fiel uns auf, dass wir gar keinen Bandnamen hatten, was uns aber auch kein Stück gekümmert hat, also hat der künftige Marktleiter uns unbeholfen mit unseren richtigen Namen angekündigt, also mit denen, die er wusste. Blablabla und die anderen, grins war dann wohl unser Name und ich murmelte noch Helge and the Firefuckers ins Mikro, was zum Glück niemand verstand. Und dann gings los, zappzarapp zwei, drei Songs hintereinander und da ging den Typen schon auf, dass das wohl keine so gute Idee war uns hier spielen zu lassen, weil so n gepflegter Spacerock oder was auch immer das war, was wir da veranstalteten doch nicht so geeignet war um ein Familienpublikum am Samstagnachmittag in praller Sonne zu bespaßen, also belief sich die Zahl des effektiven Publikums auf Null. Das war so sinnlos, dass ich nach drei Stücken von der Palette stieg und mir n Bier geholt habe, während die anderen versuchten weiterzuspielen.

Es war ne ganze Stunde vereinbart, aber ich wusste, dass wir die nie und nimmer durchstehen würden. Wir haben dann ne längere Pause gemacht und uns mit dem Marktleiter und irgendwie auch untereinander gestritten und Freiluftprobe hin oder her, ich wollte da nur noch weg. Jedenfalls haben wir uns dann dazu bequatschen lassen ein paar Coverversionen von bekannten Rocksongs zu spielen und uns wieder auf die Europaletten gestellt. Ich häng mir also die Klampfe um und will gerade die ersten Akkorde von Fly away schmettern, als der komplette Sound der Anlage verreckt. Aber ganz ehrlich, gewundert hat es mich nicht, als unser Schlagzeuger auf irgend so einen Wanst zeigte, der seine Cola über den Steckdosenverteiler gekippt hat und Kurzschluss und kurz und gut Schluss war.

Die Möglichkeit eines Landes

15. Februar 2015

Bisher waren zwei Gedichtbände alles, was ich von Michel Houellebecq gelesen hatte. Lange schon stehen einige seiner Romane auf meiner Lese-Warteliste. Vielleicht ist Unterwerfung nicht gerade der beste, um mit Houellebecqs Romanen anzufangen, aber die Diskussion um dieses Buch war einfach zu verlockend. Und das nicht, wegen des Angriffs auf die Redaktion von Charlie Hebdo, sondern wegen des Szenarios, welches ein muslimisches Frankreich im Jahr 2022 imaginiert. Das wollte ich aus zwei Gründen unbedingt lesen: 1. erscheint mir dieses Gedankenspiel als deutscher Leser vor dem Hintergrund der Pegida-Bewegung hochinteressant und hochrelevant. 2. gibt es da diesen Roman von Christian Kracht, der zu den ganz wenigen Büchern gehört, die mir so außerordentlich gut gefallen, dass ich mir manchmal wünsche, ihn selbst geschrieben zu haben. Es ist Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten in dem Kracht der Weltgeschichte die Möglichkeit einer Schweizer Sowjet Republik einräumt.

Letzteres ist sicher, ganz bestimmt sogar, die falsche Herangehensweise an Unterwerfung. Aber da ich diesen Kracht nunmal im Kopf habe, weil er bei mir bis heute sehr stark nachhallt, ließ sich eine gewisse Erwartungshaltung einfach nicht vollends ausblenden. Da das hier keine Rezension werden soll und ich nur ein paar Leseeindrücke wiedergeben will, mache ich es kurz. Houellebecqs muslimisches Frankreich ist eine großartige Fiktion, eine scharfe Satire, ein streckenweise gefälliger Abgesang an das alte Europa der Nationalstaaten. Und darum scheint es ihm wohl auch vordergründig zu gehen – Houellebecq ist Kulturpessimist. Da würde ich mich mal festlegen. Anhand seines Protagonisten führt er zumindest vor, wie (un-)glücklich man im westlichen Europa sein kann, wenn man an nichts mehr Spaß hat, für nichts mehr Lust empfindet. Ob die Hinwendung zum Glauben, die Konversion zum Islam in einer christlichen geprägten Gesellschaft aber die Lösung ist? Weder Houellebecq selbst noch sein ich-erzählender Protagonist legen sich da endgültig fest. Das ist der Punkt, an dem ich die Diskussionen um das Buch, ob pro oder contra Islam, nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Denn darum gehts einfach nicht. Es geht, so verstehe ich das Buch zumindest, um die Zukunft Europas und um die Frage, ob die Aufklärung uns wirklich den bestmöglichen, geistigen und gesellschaftlichen Zustand gebracht hat. Houellebecqs Fiktion zeigt eine mögliche Antwort auf diese Frage, die schon deswegen nicht ganz abwegig ist, weil sie der Bevölkerunsgentwicklung des Kontinents Rechnung trägt. Also tut Houellebecq eigentlich nur, was Literatur eben tut… nämlich Möglichkeiten aufzeigen.

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Aus dieser Position heraus halte ich Unterwerfung für höchst relevant und gebe eine unbedingte Leseempfehlung. Doch wo ist das Haar in der Suppe? Naja, es ist wiederum der Roman selbst, der als erzählerisches Werk nicht ganz gelungen scheint, weil er seine Struktur verliert, oder besser im Laufe der Handlung ändert. Das muss nichts per se Schlechtes sein, verursacht im Falle von Unterwerfung aber ein merkwürdiges Ungleichgewicht zwischen der ersten und der zweiten Hälfte des Buches. Zunächst steht der Protagonist Francois mit seinen Problemen, seinen Beziehungen im Fokus, später ist es das muslimische Frankreich, das im Prinzip auf zwei Figuren reduziert, aber recht differenziert, diskutiert wird. Das hat zur Folge, dass viele Nebenfiguren auf eine Art fallen gelassen werden, die nicht experimentell ist, sondern eher nachlässig erscheint. Hat eine Figur ausgedient, tritt sie eben nicht mehr auf, obwohl sie für den Protagonisten recht wichtig erschien. Das ist ein Punkt, der Houellebecq radikal von Kracht unterscheidet. Krachts Fiktion ist scharf geschnitten, auf das Wesentliche reduziert, distanziert, kühl und klar. Das finde ich großartig. Houellebecq hingegen gibt seinen Figuren und ihrer Psyche viel Raum, was nicht unbedingt schlecht ist, jedoch nicht konsequent durchgezogen wird. Es gibt in Unterwerfung eine sanfte, eine folgerichtige Fokusverschiebung, die dennoch einen merkwürdig unbalancierten Eindruck hinterlässt.

Nun endet diese Minibesprechung mit einem negativen Eindruck, was laut Rezensionsregeln bedeutet, dass ich einen contra-Standpunkt zum Buch einnehme. Das ist aber nicht so. Unterwerfung ist ein gutes und vor allem kluges Buch, deren teilweise radikale Positionen man zu lesen wissen und sich vor allem seine eigenen Gedanken dazu machen sollte. Wären wir hier in einem Bewertungsportal würde ich 4 von 5 Punkten geben. 😉

Der größte Verlierer eines verlorenen Landes

13. Februar 2015

„Sein Herz wurde herausgenommen. Seine Eingeweide wurden herausgezogen und präzise beschrieben, und vielleicht sahen die vier jungen Studenten, die sich wie ehedem die Haruspizes darüber beugten, in den Anordnungen der Innereien künftige, noch schlimmere Ungeheuer voraus.“

Es ist eine gewisse Ratlosigkeit, die in diesen Sätzen nachhallt und sie durchzieht Cormac McCarthys Ein Kind Gottes fast vollständig. Sein Protagonist Lester Ballard ist 27 Jahre alt und lebt im Nirgendwo von Tennessee. Er hat beide Eltern und das Stück Land verloren, auf dem er aufwuchs. Von der Gesellschaft weitgehend verstoßen, führt ein einsames und zielloses Leben in einer verlassenen Hütte, bis diese abbrennt. Als kauziger Höhlenbewohner, meist in murmelnde Selbstgespräche vertieft, geht er mit seinem Gewehr als treuesten Begleiter bald nicht mehr nur auf Eichhörnchenjagd. Ballard, der sich zunehmend nach Liebe und Sex sehnt, hat es auf Frauen abgesehen, denen er sich nur auf eine Art nähern kann. Es dauert nicht lange, bis er sich einen regelrechten Harem aus schönen Toten erbeutet hat.

In McCarthys Roman, der bereits 1974 erschien und nun endlich auch auf Deutsch zu lesen ist, sind viele Themen bereits voll ausgeprägt, denen er sich in späteren Werken immer wieder variantenreich widmete. Mit seinem poetischen Minimalismus beschreibt McCarthy die Verrohung und Perspektivlosigkeit des sogenannten „White trash“ der Südstaaten, vor allem aber eine radikale Outlaw-Existenz, die ihre Ziele und Sehnsüchte nur durch Brutalität zu erreichen glaubt. Auffällig ist hierbei vor allem die Empathielosigkeit von McCarthys Erzähler, der, ähnlich wie in No Country for Old Men, vollständig auf Psychologisierungen verzichtet. Ballards Leben wird somit nicht zum „Fall“, sondern zu einer schonungslosen Abbildung, die den Leser mit vielen unangenehmen Fragen allein lässt. Fragen, die weit über die Taten des Protagonisten hinausgehen. Was macht einen Menschen aus und wann hört er auf Mensch zu sein?

Hier gibt es die komplette Besprechung.

es drehten sich die Zähne

11. Februar 2015

In a dream I lost my teeth again
Calling me woman and half man
Yes in a dream all my teeth fell out
A cracked smile and a silent shout

– The Knife

es drehten sich die Zähne im Mund mir herum
waren viel mehr als ich glaubte
und wuchsen mit jedem Ausspucken nach

die Kiefer waren aus Steckmasse inzwischen
ragten rostige Drähte hervor
durchstachen mir die Lippen

Es begann damit, daß der (jugendliche) Held vor dem Spiegel stand und herauszufinden versuchte, welche Straßen die Würmer durch sein Fleisch gehen würden. Am Ende stand er im Keller und schnitt seinen Vater auf.

(Strophe 3 zitiert aus „Projektion 1975“ von Heiner Müller)

Von der Menschwerdung des Frosches

9. Februar 2015

„Eines Tages, dachte ich, wäre es amüsant, mit ein wenig Geld Brisset neu herauszugeben.“ Das dachte sich nicht nur Marcel Duchamp 1937, sondern auch Maximilian Gilleßen und Anton Stuckardt vom Berliner Verlag zero sharp, der sich ganz der Publikation von Schlüsselautoren der französischen Avantgarde verschrieben hat. Und so verwundert es nicht, dass die zweite Publikation des Verlags, nach einem Band mit Frühwerken Raymond Roussels, eine Dokumentation Jean-Pierre Brissets darstellt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte dieser ein auf Homophonien gestütztes Sprachsystem entwickelt, das nicht nur maßgeblichen Einfluss auf Roussel, sondern auf eine Vielzahl avantgardistischer Künstler und Schriftsteller ausübte. Mit dem Band Jean-Pierre Brisset, Fürst der Denker. Eine Dokumentation. ist der Franzose jetzt auch in Deutschland zu entdecken.

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Jean-Pierre Brisset, der 1837 in einfachen Verhältnissen geboren wurde, begann zunächst eine Ausbildung als Patissier, verpflichtete sich mit 18 Jahren jedoch zu einem mehrjährigen Militärdienst, der ihn unter anderem zum Teilnehmer am Krimkrieg und dem Italien-Feldzug Napoleons III. werden ließ. Im Deutsch-Französischen Krieg wurde er am Kopf verwundet und geriet in Gefangenschaft nach Magdeburg, wo er sehr schnell Deutsch lernte. Nach seiner Rückkehr trat Brisset aus dem Militärdienst aus und arbeitete zuerst als Schwimm-, später als Sprachlehrer und versuchte sich als Linguist zu profilieren. Da die Académie française seine Werke ablehnte, blieb ihm dies verwehrt. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1904 arbeitete Brisset als Aufsichtskommissar bei der Eisenbahn. Er starb 1919.

Die komplette Besprechung gibt es hier.

Das Fragment ist…

6. Februar 2015

… eine großartige Form, weil hier der ganze Spaß beim Autor, die ganze Arbeit hingegen beim Leser liegt. Damit steht das Fragment im absoluten Gegensatz zum Roman. Aber wer verlegt schon ungeschriebene Bücher oder mögliche Geschichten?


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