Fürst der Denker (1)

„Bei einem dieser dîners des compains – es ist der 11. Dezember 1912 – liest Romains einige Passagen aus Brissets Büchern vor. Die Freunde sind begeistert. Während des Essens kommt das Gespräch auf die zuletzt in Mode gekommene, in ihren Mechanismen nur allzu durchsichtige Vergabe pompöser literarischer Ehrentitel. Im Juni 1912 wurde Paul Fort zum Fürsten der Dichter ernannt, Han Ryner beehrte man mit dem Titel eines Fürsten der Erzähler. Könnte man nicht die Absudität dieser im Vorhinein abgesprochenen Wahlen herausstellen, – etwa indem man eine eigene Wahl organisierte, die einen gänzlich unbekannten, selber aufgestellten Kandidaten zum Fürsten kürte? Vielleicht einen – Fürsten der Denker? Vielleicht – den Philosophen Jean-Pierre Brisset? Jules Romains, ein ehemaliger Normalien der rue d’Ulm, konnte sich für eine solche Mystifikation nur begeistern. Gemeinsam mit Georges Duhamel hatte er schon den fiktiven Dichter Jean Louis Monistrol erfunden, dem sie beide als Autoren seiner Werke zum Ruhm bei den Massen verhelfen wollten. Und 1909 hatte er gar eine ganze Partei ins Leben gerufen, die parti congressiste, die in ihrem Wahlprogramm unter anderem die Bestattung eines jeden Proletariers im Panthéon versprach.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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