Archive for Januar 2015

Fürst der Denker (2)

30. Januar 2015

„‚Das Tier, das wir in uns tragen, ist noch immer dazu geneigt, auf seine Beine zurückzusinken und sich zu erniedrigen, sich herabzuwürdigen, nicht vor Gott, noch vor dem Menschen, sondern vor einem König, einem Priester, einem Herrscher, vor irgendeinem Götzen, einer Menschen- oder Tiergestalt, vor einem Stück Teig, einem Band oder einem roten, schwarzen, weißen oder blauweißrotem Stoff, vor einem Musikstück. Alles dient dem Tier zum Vorwand, um den Geist des Menschen vergessen zu lassen, dass er der Sohn Gottes ist und dass er nur den Menschen, seinen Bruder, verehren darf.‚ (Brisset – Les Prophéties accomplies (1906))

Eine Fahne ist nur ein Stück Stoff, nicht das affektiv aufgeladene Symbol einer Nation, für das gekämpft und getötet werden muss, für das der Soldat Brisset kämpfen und töten musste und für das er fast sein Leben geopfert hätte. Der Träger des Symbols, seine Materialität – der Stoff – muss zum Vorschein gebracht, die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, seine soziale Realität zurückgewiesen werden, um den Gegensstand zu defunktionalisieren und aus dem Raum des anerkannten Sinns zu entfernen.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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Fürst der Denker (1)

29. Januar 2015

„Bei einem dieser dîners des compains – es ist der 11. Dezember 1912 – liest Romains einige Passagen aus Brissets Büchern vor. Die Freunde sind begeistert. Während des Essens kommt das Gespräch auf die zuletzt in Mode gekommene, in ihren Mechanismen nur allzu durchsichtige Vergabe pompöser literarischer Ehrentitel. Im Juni 1912 wurde Paul Fort zum Fürsten der Dichter ernannt, Han Ryner beehrte man mit dem Titel eines Fürsten der Erzähler. Könnte man nicht die Absudität dieser im Vorhinein abgesprochenen Wahlen herausstellen, – etwa indem man eine eigene Wahl organisierte, die einen gänzlich unbekannten, selber aufgestellten Kandidaten zum Fürsten kürte? Vielleicht einen – Fürsten der Denker? Vielleicht – den Philosophen Jean-Pierre Brisset? Jules Romains, ein ehemaliger Normalien der rue d’Ulm, konnte sich für eine solche Mystifikation nur begeistern. Gemeinsam mit Georges Duhamel hatte er schon den fiktiven Dichter Jean Louis Monistrol erfunden, dem sie beide als Autoren seiner Werke zum Ruhm bei den Massen verhelfen wollten. Und 1909 hatte er gar eine ganze Partei ins Leben gerufen, die parti congressiste, die in ihrem Wahlprogramm unter anderem die Bestattung eines jeden Proletariers im Panthéon versprach.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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Fragment ohne Titel

25. Januar 2015

Ich legte an und beobachtete die beiden durch das Zielfernrohr. Einer der beiden stand schon minutenlang an der Fahrerseite des Wagens. Mit der Rechten schirmte er sein Gesicht ab und versuchte etwas im Fahrzeuginneren zu erkennen. Ich schätzte die beiden auf siebzehn, höchstens achtzehn Jahre. Vielleicht hatten sie gerade erst gelernt wie man sich den Wagen eines anderen ansah und machten deswegen diese unütze Geste, die heute vor keiner Sonne schützte. Der Tag war trüb.

Der eine sah immer wieder in den Innenraum und versuchte sich unauffällig umzusehen. Während der andere mich an ein Kind vom Schulhof erinnerte, das zum Schmierestehen abkommandiert wurde, um wenigstens das Gefühl zu bekommen beteiligt zu sein. Wie zutreffend meine Vermutung war konnte ich damals noch nicht wissen. Diese Trottel ahnten nicht einmal, dass ich sie im Visir hatte. Und so kamen mir langsam Zweifel, ob diese beiden hier wirklich von Rosco geschickt wurden.

Vom Haus gegenüber brachen Eiszapfen ab. Sie zersprangen auf dem Pflaster und der Typ neben dem Wagen schiss sich fast ein. Junge, wäre ich so schreckhaft wie du, wärst du jetzt vielleicht tot.

Ich setzte das Gewehr ab und zog meinen Oberkörper ein Stück zurück. Der andere war relativ ruhig geblieben. Nur sein Kopf drehte sich jetzt schneller als zuvor. Seht zu, dass ihr fortkommt. Das hier ist eine Nummer zu groß für euch.

Ich wollte erneut anlegen, doch auf dem Fernrohr hingen ein paar Tropfen. Es hatte zu schneien begonnen und als ob das ein vereinbartes Signal war, verschwanden die beiden jetzt Richtung Westwerk. Ich stellte das Gewehr ab und sah noch einmal die Straße hinunter bevor ich das Fenster schloss.

The Nova Sessions

22. Januar 2015

Wir verbrachten damals viel Zeit im Proberaum, weil er einen Kohleofen hatte, der gut durchzog, was ich von meiner Bude nicht sagen konnte. Ihr kennt die Klischees… kaltes Dachgeschoss, morsche Dielen, ein Arschloch, das einem sein Arschloch vermiete um darin zu wohnen, ohne vorher wenigstens einmal durchzuwischen. Also hingen wir im Proberaum herum, aber sicher nicht, weil wir glaubten, dass wir einmal Rockstars werden könnten, wenn wir es nur wirklich wollten und hart arbeiteten für unseren Traum. Scheiße nein, daran dachte wirklich niemand von uns und so isses dann auch nicht gekommen. Sicher hätten wir uns auch in der Kneipe unseres Vertrauens treffen können, aber der Besitzer war ziemlich engärschig wenn es darum ging eigene Mucke zu spielen und überhaupt war das nicht so ein Laden in dem du dich bis zum Morgen aufhalten konntest mit nur zwei Bier und nem Schnaps auf dem Deckel. Wo lebt ihr? Montmartre? Chelsea Hotel? Ach, bitte. Wenn du in Paris ein Bier trinken willst, musst du nen Kredit aufnehmen und im Chelsea blätterten schon zu Cohens Zeiten die Tapeten ab. Wie man es schaffte dort anschreiben zu lassen, kann einem heute keiner mehr sagen. Wir waren keine Romantiker, hingen nicht bis zum Morgen in Bars, weil uns schlicht das Geld fehlte. Wir zogen nicht um die Häuser, lebten nicht in Paris, New York, nicht mal in Berlin in irgendsoeiner verfickten Hundescheißestraße in der du das Kotzen kriegst, weil alles nach Scheiße stinkt und du dir nicht immer sicher sein kannst, dass das nur an den Kötern liegt, von denen mindestens drei auf einen Berliner kommen mussten. Was für ein Drecksloch. Nachdem ich das erste Mal in Berlin war, konnte ich ewig keine Berliner mehr essen, weil ich immer dachte, dass Hundescheiße herausspritzen würde, wenn ich fest hineinbiss.

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Ein Drecksloch war auch der Proberaum, aber der war wenigstens warm und er roch nur nach Insektenspray und Gras. Dort konnte man sich wirklich wohlfühlen, falls einem danach war sentimental zu werden. Nur in die Sofapolster sollte man nicht allzu tief abtauchen, weil dort immer jemand ein Stück Pizza oder was weiß ich was verlor und meist nur halbherzig danach suchte, um den Fraß wiederzubekommen. Das war mit dem Gras natürlich was anderes. Ich weiß noch, wie wir einmal krank vor Sorge die Polster aufschnitten, weil auf einmal 20 Gramm weg waren. 20! Könnt ihr das glauben? Wir zückten die Messer und Zack! Ratsch, ratsch, siehe da… ein paar verkrustete Chinanudeln und eine Scheibe Salami so hart wie die Make-Up-Kruste auf der Fresse der Amtstussi. Was soll’s… man lebt ja nicht vom Moos allein. Was auch immer das heißen soll. Und weil wir anständige Leute waren hingen wir eben nicht nur den ganzen Tag rum, sondern machten Musik, schrieben Texte, auch Gedichte, ja lacht nur, und einer von uns malte und zeichnete sogar. Und nicht mal schlecht. Die Bilder hättet ihr sehen sollen! Das war natürlich kein da Vinci oder so ne Hackfresse, sondern eher so’n Picasso, also doch Hackfressen irgendwie, wenn ihr versteht… Glaubt bloß nicht, ich kenn die ganzen Spinner nicht. Selbst Alex, der alte Droogie hat Ludwig van gehört. Ich hab meine Hausaufgaben gemacht – ihr könnt mir gar nichts. Und da die Fronten jetzt geklärt sind, dürfte ja wohl alles klar sein. Scheiße ja, dann waren wir eben ne Band oder sowas, aber wen hat das schon interessiert? Uns jedenfalls nicht.

Im Licht der Visionen

21. Januar 2015

Es sind Fragen der Entspannung, Fragen der Versenkung und der Dunkelheit. Es sind Fragen der Anspannung, Fragen der Bewegung und des Lichts, die zustellen sind, wenn es um das Verhältnis von Lyrik und Film geht. In der Edition Poeticon des Verlagshauses J. Frank widmet sich Jan Völker Röhnert dieser komplexen, aber doch naheliegenden, weil historisch folgerichtigen Beziehung von sprachlichem und bewegtem Bild. Röhnert ist ausgewiesener Experte auf dem Gebiet, hat unter anderem mit einer Arbeit über Lyrik im Zeitalter der Kinematographie promoviert und eine vielbeachtete Anthologie mit Film- und Kinogedichten mitherausgegeben.

Warum Röhnert so viel am Thema liegt, erfährt man gleich zu Beginn seines Essays. Schuld, wenn man so will, sind seine Großväter. Der eine lernte als Schiffsmaschinist im Zweiten Weltkrieg für damalige Verhältnisse weit entfernte Teile der Erde kennen, war in Tanger, Marrakesch und Singapur. Die Fotos, die er dort aufnahm, erinnerten den Enkel an Standfotos aus der Wochenschau. Dass der Großvater in britischer Kriegsgefangenschaft zeitweise als Filmvorführer arbeitete, passt auch ins Bild. Der andere Großvater widmete sich nach dem Krieg dem Hobbyfilmen und führte die anfälligen Zelluloidstreifen der Familie vor. Dabei scheint es vor allem die fragile Technik dem Enkel angetan zu haben. „Keine Vorführung, bei der der schmale Streifen nicht einmal an der glutheißen Projektorbirne schmolz und sogleich geduldig am Schneidetisch mit einer hauchdünnen Feile präpariert und speziellem Leim geklebt werden musste.“

Die komplette Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Besser Scheitern

18. Januar 2015

Der meistfotografierte Schriftsteller der Welt ist wahrscheinlich auch einer der meistzitierten. Es gibt wohl kaum Literaturinteressierte, denen Becketts Postulat vom „besseren Scheitern“ noch nicht begegnet ist. „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.“ Worte, die nach einer Niederlage aufbauend und höhnisch zugleich klingen, die zu einem neuen Versuch ermutigen, obwohl das erneute Scheitern vorprogrammiert ist. Ein Paradox, das nicht allein dem Beckettschen Denken eigen ist.

Der dänische Literaturwissenschaftler Jesper Juul (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, ebenfalls dänischen Familientherapeuten) widmet seine Arbeit vor allem der Erforschung von Videospielen. Im Zuge dessen veröffentliche er das Buch Die Kunst des Scheiterns, das sich, wie der Untertitel verrät, mit der Frage beschäftigt: Warum wir Videospiele lieben, obwohl wir immer verlieren. Und obwohl das erst einmal nach der Rechtfertigung eines Nerds zum Zocken klingt, wie es auch der Klappentext suggeriert, haben Juuls Betrachtungen einiges mit Beckett zu tun.

Die komplette Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Je suis Charlie! Mais…

11. Januar 2015

 

Aber eines sollte bei all der berechtigten und erfreulichen Solidarität mit der Redaktion von Charlie Hebdo nicht vergessen werden: Der Terrorismus hat auch dann über die Demokratie gesiegt, wenn die Bürger demokratischer Staaten zulassen, dass ihre Regierungen unter dem Postulat erhöhter Sicherheit ihre Freiheitsrechte einschränken!

Es wird nicht lange dauern bis in der Öffentlichkeit wieder verstärkt über Vorratsdatenspeicherung, Reisedatenerfassung, erhöhte Kameraüberwachung auf öffentlichen Plätzen und ähnliches diskutiert wird. All diese Maßnahmen werden Anschläge wie in London, Madrid, Boston und jüngst in Paris nie gänzlich verhindern können. Hinzu kommt die paradoxe Tatsache, dass nach Terroranschlägen in der Regel zu hören ist, dass die mutmaßlichen Täter den Geheimdiensten bereits bekannt waren. Das konnte die Anschläge auf den Boston-Marathon oder die Redaktion von Charlie Hebdo jedoch nicht verhindern.

Auch wenn es uns heute so vor kommt, die Enthüllungen um die tatsächliche Reichweite des Abhörprogramms der NSA und des GCHQ (das in der öffentlichen Wahrnehmung eine erschreckend geringe Rolle spielt) sind noch nicht allzu lang her. Eben sowenig die globale Solidarisierungswelle mit Edward Snowden. In der Euphorie solcher Solidarisierungswellen, wie auch jüngst mit Charlie Hebdo, darf nicht vergessen werden, dass es nicht damit getan ist eine Petition zu unterschreiben, einen Aufruf zu liken oder sein Profilbild zu ändern. All das sind Gesten, aber keine politischen Handlungen. Es sind Gesten, die uns lediglich das Gefühl geben auf der richtigen Seite zu stehen oder das Richtige getan zu haben.

„Das Richtige“ gibt es aber nicht. Eben sowenig gibt es absolute Sicherheit. Alles, was man uns anbieten kann ist die Illusion von Sicherheit, die einen Preis hat, den zu zahlen ich nicht bereit bin.

Die andere Seite der Moral

7. Januar 2015

Die schwindende Präsenz eines ernstzunehmenden Wissenschaftsfeuilletons in den großen Tageszeitungen hat vielleicht dazu beigetragen, dass ein gewisser Rechtfertigungsdruck zum Dauerbegleiter der Geistes- und Sozialwissenschaften geworden ist. Am Beispiel der Soziologie sprach die Schweizer Autorin Daniela Kuhn in der NZZ unlängst von einer „überforderten Wissenschaft“, die zu aktuellen und künftigen gesellschaftlichen Fragen außerhalb der Fachwelt kaum mehr Stellung beziehen kann. Woran das im Einzelnen liegt, wird in Kuhns Artikel anhand von Aussagen des Basler Soziologieprofessors Max Bergman analysiert.

Doch gleich, zu welchen Ergebnis man bei der Ursachenforschung dieser Sinnkrise auch kommen mag, eines scheint festzustehen: es gab diese Zeit, in der Geistes- und Sozialwissenschaftler auf Ereignisse und Phänomene der Gegenwart reagiert haben und versuchten, diese einer breiten Öffentlichkeit zu erklären. So zum Beispiel der weltweit vielleicht bekannteste Sozialanthropologe Claude Lévi-Strauss, der zwischen 1989 und 2000 in sechzehn Artikeln für die italienische Tageszeitung La Repubblica genau das tat. Mit dem Band Wir sind alle Kannibalen erscheinen diese gesammelten Artikel nun erstmals auf Deutsch. Der darin enthaltene Text Gesellschaftliche Probleme: Weibliche Beschneidung und assistierte Reproduktion (Erstdruck 1989) zeigt dabei gleich in mehrfacher Hinsicht, dass die Ausführungen des Franzosen auch heute noch überaus aktuell sind.

Die vollständige Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Alles Gute für 2015

4. Januar 2015

Eine Besprechung des Buches folgt bald.

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