Archive for November 2014

Tiere ohne Haut

28. November 2014

Die überwiegend positiven Echos, die auf den Debutroman Das kalte Jahrfolgten, sind noch nicht ganz verklungen, da erscheint mit den ErzählungenUrwaldgäste bereits Roman Ehrlichs zweites Buch. Und spätestens jetzt dürfte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass er einer der interessantesten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist. Ehrlichs Texte sind darum nicht langweilig, weil sie keinesfalls so perfekt, so geschliffen sind wie es einige Kritiker den studierten Schriftstellern derzeit gern vorwerfen. Das macht unter anderem den großen Reiz an diesem Buch aus; es hat Ecken und Kanten.

Dabei begegnet man in Urwaldgäste zunächst ziemlich bekannten Figuren wie Büroangestellten, Abteilungsleitern, Musikern, Bergleuten. Ihnen allen widerfahren Dinge, die schon unzählige Male auf Klappentexten angekündigt wurden. Um es kurz zu machen: Ihr gewohntes Leben gerät aus den Fugen. Aber nicht auf die Art, wie man es vielleicht erwarten könnte, denn Roman Ehrlich geht es um viel mehr, als nur eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen. Es geht ihm um essentielle Fragen des Alleinseins und des Miteinanders der Menschen in einer Welt, die kaum noch Konstanten zu kennen scheint, weil sie kaum noch Konstanten zulässt. Oliver Jungen nannteUrwaldgäste in der FAZ ein „fast soziologisches Buch“, was den Kern der Sache trifft.

Die vollständige Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Born to rock, not to pose!

25. November 2014

Wie porträtiert man einen Rockstar? Wie stellt man jemanden dar, den Millionen Menschen kennen oder zu kennen glauben? Als distanzierten Superhelden, verletzlichen Menschen oder mysteriöses Genie? Wird ihm oder ihr die Dokumentation oder der Inszenierung eher gerecht? Vielleicht gehen Jesse Frohman solche oder ähnliche Fragen durch den Kopf, als er am 23. Juli 1993 im Konferenzraum eines New Yorker Hotels sitzt.

„In meinem Job gewöhnt man sich an die Warterei. […] Die Gefühlslagen wechseln. Erst ist man kämpferisch. Da haut man auf den Tisch, besteht auf der Einhaltung von Vereinbarungen, all sowas. Aber dann muss man doch klein beigeben und nach einem Kompromiss suchen, einem letzten Strohhalm, warum die Sache doch noch klappen könnte. Und am Ende ist man froh, wenn überhaupt noch die Tür aufgeht, und der Erwartete hereinspaziert.“

Der Erwartete ist an diesem Tag Kurt Cobain, der sich nach vierstündiger Verspätung endlich blicken lässt, aber vollkommen zugedröhnt ist. Frohman, der hier eine Titelstory für den englischen Observer fotografieren soll, ist nervös. Wird Cobain es schaffen sich auf den Beinen zu halten? Und wie, um alles in der Welt, kriegt Frohman ihn dazu diese riesige Sonnenbrille abzunehmen? Egal, dem Fotografen bleibt nur eine halbe Stunde, dann müssen Nirvana zum Soundcheck für einen Auftritt im Roseland Ballroom, bei dem das neue Album In Utero vorgestellt werden soll. 30 Minuten, in denen Aufnahmen entstehen, die zu Ikonen der Rockgeschichte werden sollten.

Die komplette Besprechung findet ihr auf fixpoetry.com

(So etwas wie ein) Selbstportrait

23. November 2014

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Wir und die anderen

19. November 2014

Inspiriert von Jorge Luis Borges‘ Einhorn, Sphinx und Salamander: Das Buch der imaginären Wesen hat der britische Schriftsteller und Journalist Caspar Henderson in vierjähriger Arbeit ein „unglaubliches Bestiarium“ zusammengestellt, das jedoch, wie der Titel verrät, ausschließlich Wahre Monster enthält. Dass darin auch der Mensch mit einem eigenen Kapitel vertreten ist, überrascht weniger als der Erhaltungsstaus, den Henderson unserer Art zuspricht: nicht gefährdet. Aus rein biologischer Sicht mag das stimmen. Doch wie soll die Spitze der Nahrungskette überleben, wenn seine übrigen Glieder verschwinden?

In 27 Kapiteln von Axolotl bis Zebrabärbling gibt Henderson diese und andere Fragen um die Zukunft des Lebens auf diesem Planeten zu bedenken. So wird von Beginn an klar, dass es sich bei seinem Buch um weitaus mehr handelt als eine animalische Freakshow. Denn jedes Kapitel ist zugleich ein Essay, der versucht zu verdeutlichen, in welchem Verhältnis der Menschen zu dem jeweils vorgestellten Tier steht und was wir aus diesem Verhältnis für die Zukunft lernen können. Das mag zunächst sehr moralisierend klingen, doch Henderson schafft es, ein Bewusstsein für Flora und Fauna zu schaffen, das ohne den gefürchteten Zeigefinger auskommt. Vielmehr geht es Henderson darum, Kooperation als einen essentiellen Bestandteil der Evolution anzuerkennen.

Die vollständige Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Poetryletter #286 – „sprich“

16. November 2014

Vor ein paar Wochen hatte ich dir Poetryletter von fixpoetry.com hier erwähnt. Jetzt hat die Schweizer Illustratorin Anna Luchs mein Gedicht sprich für besagte Reihe bildlich gestaltet.

Das Ergebnis gibt es hier zu sehen und als Druckversion zu bestellen!

„Sterben zu müssen ist peinlich“ – Ein Interview mit Clemens J. Setz

13. November 2014

Für das Leipziger Literaturmagazin poet habe ich Clemens J. Setz zum Thema „Vergänglichkeit“ interviewt. Das Gespräch kann man jetzt auch online lesen.

Von Pennälern und Matroschkas

10. November 2014

BÄM!

The Daily Frown

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Es ist schon zu einer schönen Tradition geworden, dass sich jedes Jahr im November Literaturjournalisten aller großen Tages- und Wochenzeitungen in Berlin treffen, um über den Zustand der jungen Gegenwartsliteratur zu schreiben.

Auch dieses Jahr wieder konnte der Open-Mike-Literaturwettbewerb ein spannendes Rahmenprogramm für die angereisten Redakteurinnen und Redakteure bieten. Dabei ist eines festzustellen: Während der Literaturjournalismus in den letzten Jahren immer professioneller und wirklichkeitsnäher geworden ist, gelingt doch eine wirklich ausgewogene und objektive Berichterstattung nur selten. Schon im letzten Jahr konnte man von „farb- und willenlosen Charakteren“, „fehlender Tiefe“ und einem Mangel an Haltung lesen, dieses Jahr auch wieder: Professionalisierung, Inszenierung, schlimmer noch: „Schulmeisterlichkeit“ und „Marketingmentalität“, gepaart mit dem üblichen Verweis auf die Schreibschulen in Leipzig und Hildesheim.

Wollen wir solch einen Literaturjournalismus? Wo ist die Verve eines Joseph Roth, wo sind die Spitzen eines Kurt Tucholsky, wo ist das Poltern eines Jörg Fauser? Stattdessen werden hier „Kommas und…

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Alles beim Alten – Albert Ostermaiers neuer Gedichtband „Ausser mir“

7. November 2014

Es sind fast zehn Jahre vergangen, seit dem ich die Bände Heartcore und Autokino von Albert Ostermaier gelesen habe. Neulich habe ich sie wieder einmal durchgeblättert und festgestellt, dass sie im Grunde wie eine Lieblingsband aus Jugendjahren sind. Man weiß genau, warum man sie früher mochte, kann sich aber heute nicht mehr damit identifizieren. Die Lyrik des Münchners ist unverkennbar. Die meist einstrophige Textform wurde seit den ersten Bänden kaum verändert, durch die lässige Coolness der Sprache wahlweise zur Perfektion oder zur kalkulierten Routine gebracht. Es gibt einen Ostermaier-Sound, das ist nicht die Frage. Die Frage lautet: Was gibt der Ostermaier-Sound noch her?

Die vollständige Besprechung gibt es auf Signaturen.

Zum 100. Todestag von Georg Trakl

3. November 2014

Am 3. November 1914 starb Georg Trakl, dessen Gedichte zwar in Schulbüchern abgedruckt wurden, der aber alles in allem ein Unbekannter bleibt. Mehrfach wurde versucht Trakl näher zu kommen, zuletzt unter anderem mit einer Bildbiografie von Gunnar Decker. Decker versucht nicht nur Leben und Werk zusammenzubringen, sondern schafft zudem einen intensiven Zugang über die Bilder, die es von Trakl gibt.

„Das vielleicht bekannteste Foto von Georg Trakl wurde im Mai 1914 aufgenommen, etwa sechs Monate vor seinem Tod. Es zeigt den Dichter in einem Lehnstuhl sitzend, die Hände sind wie zum Gebet gefaltet. Der Anzug wirkt ein wenig zu groß, die gestreifte Hose unpassend. Sein Mund ist schmal, die Haare sehr kurz geschnitten, sein Blick ist ängstlich und provokant zugleich. Trakl wirkt auf diesem Bild wie hingesetzt, zum Stillhalten verurteilt. Sobald die Aufnahme erfolgt ist, wird er eilig aufstehen und gehen. Das Foto wurde in Schulbüchern und Lexika weit verbreitet, doch diese zeigen meist nur den Kopfausschnitt.  Immerhin, sein Blick reicht schon aus, um das große Paradox in Trakls Erscheinung erkennbar zu machen: seine geradezu herausfordernde Nervosität.“

Die vollständige Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Mein derzeitiger Trakl-Favorit:

 

Die Ratten

 

In Hof scheint weiß der herbstliche Mond.

Vom Dachrand fallen phantastische Schatten.

Ein Schweigen in leeren Fenstern wohnt;

Da tauchen leise herauf die Ratten

 

Und huschen pfeifend hier und dort

Und ein gräulicher Dunsthauch wittert

Ihnen nach aus dem Abort,

Den geisterhaft der Mondschein durchzittert

 

Und sie keifen vor Gier wie toll

Und erfüllen Haus und Scheunen,

Die von Korn und Früchten voll.

Eisige Winde im Dunkel greinen.

 

Expedition ins Tierreich

1. November 2014

Schon als Kind habe ich zusammen mit meinem Vater unzählige Natur- und Tierdokumentationen gesehen. Eine Begeisterung die bis heute ungebrochen ist. Manchmal sehe ich Dinge in Dokus, die mich so sehr begeistern, dass sie sehr lange in meinem Kopf nachhallen und eventuell sogar zur Grundlage von Textideen werden können. Meine aktuellen Top-3-Phänomee aus dem Tierreich:

Platz 3 – schlafende Pottwale

Platz 2 – eine Spinne baut sich einen Scheckenhausaufzug

Platz 1 – seht selbst…


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