Zur Wirklichkeit

Im Zuge der Reflexionen über die Manifeste einer Literatur der Zukunft, möchte ich noch einmal kurz auf den Begriff der „Wirklichkeit“ zurückkommen, über den ich ja vor allem hinsichtlich Francis Neniks und Tom McCarthys Essays geschrieben hatte. Es ging mir dabei um experimentelle Erzählverfahren zur Erfindung der Geschichte, und damit schließlich der Wirklichkeit.

In der letzten Ausgabe der Bella Triste (#39), in der es hauptsächlich um Bekenntnisse von Autoren zum Schreiben bzw. der Literatur geht (also auch irgendwie um (poetologische) Manifeste), schrieb Roman Ehrlich über Das Selbstgespäch der Wirklichkeit.

„Die Bedingung des Schreibens … ist die Suche nach Verwandtschaft, das Bedürfnis nach Aufhebung des Unverwandten, der Trennung, der Wunsch nach Beseitigung des Mangels an Bezüglichkeit des eigenen Ichs zur Welt, zu der von ihm erlebten Wirklichkeit.“

anders ausgedrückt

„Die Grundbedingung für die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit durch Literatur – also durch das Schreiben oder durch intensives Lesen – in ein Unvollständigkeitsgefühl, ein als tiefgreifend empfundener Mangel. Eine Art Trennungsschmerz im Angesicht des breiten Grabens zwischen der eigenen Gedankenwelt und dem Selbstgespräch der Wirklichkeit.“

Auch wenn „die eigene Gedankenwelt“ in diesem Zusammenhang etwas eigenbrötlerisch und introvertiert klingt, ist es vor allem Ehrlichs letzter Satz, dem mein Zustimmung gilt. Der Gedanke, dass Literatur (Kunst allgemein) eine Brücke zwischen Ich und Welt schlägt, ist vielleicht nicht neu, erscheint mir aber elementar. Ich verstehe Roman Ehrlich so, dass Literatur (s)eine Art der Partizipation am Realen darstellt. Was aber, wenn dieser Partizipationsversuch fehlschlägt? Würde das die Mangelerscheinung nicht noch verstärken? Und wo liegt dann der Fehler? Bei mir, in der Welt oder der Kunst?

Das ist einer der Punkte an dem ich die „Erfindung der Wirklichkeit“ als z.B. alternative Realität für tröstlich halte. Nicht, dass das als Flucht verstanden werden soll, sondern als Alternative. Flucht bedeutet ja irgendwie immer, dass der Rückweg abgeschnitten ist. Wohingegen Alternativen gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Zudem vermute ich, dass auch eine erfundene Wirklichkeit an der Realität geschult sein muss, um in ihrer Andersartigkeit zu überzeugen.

Doch kann sich eine solche Überzeugung überhaupt einstellen? Roman Ehrlich erinnert mich an einer Stelle an Hugo von Hofmannsthal.

„… das Erkennen der Sprache als Lüge und der Unabwendbarkeit, mit diesem verlogenen Instrument umgehen zu müssen, um Erfahrung von Wirklichkeit oder Wahrheit zu beschreiben.“

Die Unvollkommenheit von Sprache an sich führt also zwangsläufig zu einer alternativen Wirklichkeit, da die „echte“ Wirklichkeit durch sie nicht beschrieben werden kann.

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2 Antworten to “Zur Wirklichkeit”

  1. F. Says:

    Der folgende Gedanke kam mir beim Lesen des Textes:
    Vielleicht ist es mit der Wirklichkeit und der Literatur ja ganz einfach so, dass die „Realisten“ Fiktionen über die Realität schreiben, derweil die „Nicht-Realisten“ Fiktionen über Fiktives verfassen.
    Aber das ist nur so ein Gedanke.

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