Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Annika Reich und Lukas Jost Gross

Ich gebe zu, dass ich das Thema lange vor mir hergeschoben habe, aber okay: Sprechen wir über das Internet.

Es scheint auf der Hand zu liegen, dass sich Manifeste, die sich mit einer Literatur der Zukunft beschäftigen, zwangsläufig auch mit medialen Gegebenheiten auseinandersetzen – also dem Internet. Und um das gleich vorweg zu nehmen: Ich bin eher skeptisch, wenn ich ständig die Forderung höre: „Jetzt schreibt doch endlich mal, als ob das Internet stattgefunden hätte!“ Als ob man den Wandel künstlerischer Formen herbei fordern könnte! Ich glaube hingegen, dass es Gründe dafür geben muss, dass es auch nach über 20 Jahren WWW keine wirklich innovative Netzliteratur gibt, die über ein paar Spielereien mit dem Hypertext hinausgeht. Warum hat man diese Gründe nie erforscht? (Hat man?) Vielleicht, weil es schmerzt sich eingestehen zu müssen, dass eine technische Innovation nicht zwingend eine künstlerische nach sich ziehen muss?

Mit der Einführung von E-Book und E-Reader, die auch schon länger zurückliegt, als man glauben möchte, soll jetzt(!) aber alles anders werden. Wie genau, und vor allem Was sich ändern soll, weiß aber niemand so recht. Bzw. verraten sich die größten Verfechter des Digitalen oft selbst, indem sie eingestehen „… es geht … nicht um Inhalte, sondern um mediale und technische Voraussetzungen und vor allem um Potential, also um Lebendigkeit.“ Verstanden? Dann vielleicht so: Es gilt „der Literatur nicht mehr einen Ort zwischen zwei Pappdeckeln zuzuordnen. Man muss die Bestimmung der Literatur stattdessen emanzipiert von ihrer Lokalität als Aktivität begreifen.“ Aha!? Das klingt ja erstmal alles voll dynamisch und zukunftsorientiert und so… aber was steckt wirklich hinter diesen schönen Start-Up-Jungmanager-Hülsen, die ich Annika Reichs Rundschau-Manifest Seid Illusionisten und Bastler! entnehme?

Kann ich denn mit dem E-Book nicht schon Goethe in der Straßenbahn lesen (und ging das vorher nicht)? Kann ich mir mit dem E-Reader nicht schon jedes Buch, jeden Text in jeder Situation beschaffen (und ging das mit etwas mehr Wartezeit nicht auch schon früher)? Worum geht es eigentlich? Die Antwort gibt Annika Reich mit Verweis auf den von Sascha Lobo gegründeten Sobooks Verlag. Es gehe um das „Social Book“, darum die „Idee Buch“ im Digitalen neu zu denken. „Wie genau das aussehen soll, weiß auch Sobooks noch nicht …“ Aha, aber Reich hat eine Vorstellung davon. „Literatur wird … zu einem Feld, einer Plattform, die mehr und mehr unhierarchisch organisiert sein wird.“ Alles soll ineinander fließen: Taschebuch, Tweets, Recherche, Leser, Verlag, Autor, Honorar (*hüstel*), Feuilleton und (Achtung!) Giveaway. Und da liegt der Hase im Pfeffer! Seid doch einfach ehrlich liebe Zukunftsmacher der Literatur: es geht nicht um Kunst, sondern um Marketing.

Denn:

  1. Ist eine Literatur, die vom Textbegriff abgekoppelt und aufs freie Feld geführt wird, wirklich noch Literatur?
  2. Ist die Vorstellung vom „Social Book“ nicht eigentlich ein Facebook des Lesens, und damit wiederum nur die Kopie einer Plattform, die es schon gibt?
  3. Was wäre mit all dem eigentlich gewonnen?

Vom Faustkeil über Federkiel und Füller zu Schreibmaschine und Computer, ob geschrieben, gedruckt oder kopiert, gelesen, analysiert, zerschnibbelt und neu zusammen gesetzt: ein Text ist ein Text und bleibt ein Text oder wird ein neuer Text. Das sind die medialen Gegebenheiten von Literatur. Es geht natürlich auch anders. Ich könnte bspw. ein E-Book schreiben, in dem ich auf die Lieblings-YouTube-Videos meiner Protagonisten verlinke. (“ … das E-Book, das Leseformate anbietet, die auf die jeweiligen Genres zugeschnitten sind“ so verstehe ich Annika Reich – vllt. verstehe ich sie falsch.) Die Videos guckt sich der Leser dann an und erweitert so den Raum der Hyperfiktionalität/-realität.

Aber was wäre damit für den Text gewonnen? Nichts, denn es wäre nur ein zusätzlicher Entertainmentfaktor für den Leser. Ein Gimmick, ein … Giveaway. In dem Moment, in dem der Leser den Link anklickt, hört die Literatur auf. Literatur schafft Imagination mittels Sprache. Meine Aufgabe als Autor wäre es also zu beschreiben, was meine Figur wahrnimmt, um es dem Leser zu vermitteln. Da bin ich konservativ.

Die Vernetzung von Autor und Leser, oder der Leser und Autoren untereinander findet seit Jahrhunderten ohne Social Book statt. Zuletzt u.a. via Facebook, WordPress, Blogspot und (Obacht!) real life (geile Grafik!). Der Vorzug von letzterem ist, dass es annähernd frei von Trollen ist, die sich ja bevorzugt im Internet trollen um dort trolling zu betreiben. Darauf hacke ich jetzt etwas herum, weil trolling meiner Ansicht nach die größte Schwachstelle der Idee vom Social Book, letztlich vom gesamten Web 2.0 ist. Nicht nur Annika Reich, sondern auch Lukas Jost Gross (Manifest für eine Literatur der Daten – Schreiben, als hätte das Internet stattgefunden(!)) entwerfen in der Neuen Rundschau eine Utopie des kommentierenden Lesers.

„Da alle Zeichen vernetzt sind, vernetzen sich auch Bücher an sich. Texte werden aktiv. Kommentare und Annotationen erweitern Ankerdateien und ermöglichen Dialoge.“ Auf künstlerisch-textueller Ebene nannte man das früher mal Intertextualität (also auch eine schon etwas abgehangene Idee), heute v.a. als Plagiat stigmatisiert – aber das ist ein anderes Thema. Auf medialer Social Book-Ebene halte ich diese Vernetzung nicht für produktiv, da ich es persönlich nur sehr sehr selten erlebt habe, dass bspw. unter einem öffentlich Facebook-Post eine konstruktive Diskussion zu Stande kam. Meist kommt irgendwann der ironische Troll um die Ecke und zertrümmert diese wunderbare Utopie der vernetzten Kreativität. Schade.

Es bleibt also nur die Vermarktung, um die neuen medialen Gegebenheiten irgendwie innovativ zu nutzen. Und da muss die Kunst (v.a. die, die nicht marktorientiert geschaffen wurde) zwangsläufig in den Hintergrund treten, weil sie als solche einfach ein miserables Produkt ist.

„Die Firmen, die gegenwärtig weltweit am meisten wachsen, sind Firmen, die Ihre Produkte verschenken und sich nur über Werbung finanzieren. Alle wissen, dass wir auch in der Literaturwelt neue Formen finden müssen, wie wir für unsere Arbeit entlohnt werden können.“ (Annika Reich)

Dass Kunst & Kultur am kapitalistischen Marktgeschehen gemessen werden, halte ich an sich schon für den falschen Weg. Dass wir das als Künstler auch noch selbst tun sollen, ist schlichtweg absurd. Als ob wir diesen Beruf ergriffen hätten, um Wirtschaftswachstum zu generieren. Und will ich als Autor wirklich Werbung in meinen E-Books haben? Und will das der Leser? Klar gab es früher mal Pfandbriefwerbung in rororo-Taschenbüchern; eine Seite die schnell überblättert war. Doch wieviele Pop-Ups wird der Leser zuklicken müssen, damit ich davon leben kann?

„Wir werden für den Vertrieb unserer Bücher stärker mitverantwortlich sein. Wir müssen früher oder später selbst entscheiden, was wir verschenken und was wir verkaufen, welchen Teil unserer Honorars wir beispielsweise über Crowdfunding und welchen wir über Werbung finanzieren.“ (Annika Reich)

Pardon, aber so etwas kann wirklich nur jemand schreiben, dessen Bücher bei Suhrkamp und Hanser erscheinen. Als Independent-Autor hat man de facto nichts zu verschenken und ein Honorar über Crowdfunding zu generieren (damit meine ich nicht die Finanzierung konkreter Projekte!) sehe ich nicht als Innovation an, sondern als digitales Betteln. Außerdem kann es einfach nicht Aufgabe der Autoren sein, ihre Bücher selbst zu verkaufen und zu vermarkten! Darüber hat Volker Strübing hier aber schon alles richtige und wichtige geschrieben.

Social Book? Was ist daran social, wenn ein Buch besser ist als der ganze Wanderhuren-Mist, sich am Markt aber nicht durchsetzten kann, weil der Autor nun einmal Autor ist und kein Vermarkter? Mit so einer Herangehensweise schafft man keine flachen Hierarchien, keine offene, kreative Vernetzung, sondern setzt Künstler einer besonders gnadenlosen Form des Kapitalismus‘ aus. Darin überlebt dann nur noch, wer sich als Ware selbst auf den Markt wirft, sich verkauft, es schafft medial dauerpräsent zu sein und auffällt um jeden Preis. Ein bisschen Iro, ein bisschen Pöbeln, überlegen wirken ohne überlegen zu sein und viel heiße Luft und schöne Hülsen verpacken. Fertig.

Dem Indie-Autor bleibt immerhin die Romantik des Künstlerlebens, nicht wahr? „Dein Buch war echt gut, aber ohne Mousepad-Giveaway? Schwierig.“

Mag sein, dass ich übertreibe, aber bei Sätzen wie dem Folgenden dreht sich mir einfach nur noch der Magen um.

„Bisher lag das Augenmerk auf Inhalt und Form unsere Texte, bald wird es auch auf seinem medialen Auftritt und seiner kreativen, genau auf seine Eigenart zugeschnittenen Vermarktung liegen müssen.“ (Annika Reich)

Wenn der Autor Inhalt und Form nicht mehr zum entscheidenden Kriterium seiner Texte macht, dann reden wir beim besten Willen nicht mehr von der Zukunft der Literatur, sondern von ihrem Ende.

EDIT: Ich habe im Übrigen NICHTS gegen das E-Book, E-Reader oder sonstige Digitalisierungsformen der Literatur. Es ist einzig das Vermarktungsdenken, das damit oft einhergeht, welches mich aufregt. Zudem glaube ich noch nicht daran, dass die Digitalisierung die Literatur neu erfinden wird. Aber warten wir ab.

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5 Antworten to “Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Annika Reich und Lukas Jost Gross”

  1. F. Says:

    Möge das Lesen ein a-sozialer Akt bleiben! Die Links in meinem Kopf reichen mir, zumal ich das Gefühl nicht los werde, es bin nicht immer ich, der sie klickt… Aber wie dem auch sei: Diese Annikas und Lukasse scheinen mir wie Historiker in den Postmoderne-Debatten der 1980er und 90er Jahre – große Ideen hatte man damals, wie man Geschichte schreiben könnte. Das füllte Sammelband auf Sammelband. „Geschichte schreiben in der Postmoderne“ von 1994, da wurden aus Historikern wahre Zukunftsforscher am Gewebe des Textes. Nur: Als es dann später konkret wurde (und seitdem Tag für Tag immer wieder wird) und man „seine“ Geschichte wirklich aufschreiben musste, da brachen sie dann fast alle wieder weg. Da hatten sie dann doch wieder fast alle nur kurze Hosen an und – mit Verlaub – keine Eier. Da wurde (und wird) die Geschichte dann doch wieder so altbacken wie eh und je aufgeschrieben und keiner erinnert sich an – sagen wir – Botho Strauß‘ Wunsch nach „Dramaturgischer Wissenschaft“ (wenn der Link in meinem Kopf kein toter bereits anno 1970 publiziert und mit Foucault theorietief unter- und ausgemauert). Aber egal, vielleicht lese ich nur zu wenig historische Bücher. Oder aktuelle (digitale) Literatur. Kann gut sein, zumal bei dem Wetter… Nur die Sache mit dem Verschenken, die sehe ich anders. Aber auch das könnte an der Sonne liegen… 🙂

    • Clarknova Says:

      Schöner Vergleich. Ich habe manchmal das Gefühl, die Links im Kopf werden systematisch abgeschafft.
      Und das Verschenken… man müsste es ja eigentlich durchziehen. Aber wie füllt sich dann der Kühlschrank, wenn man so kühn ist und von der Kunst leben will?

  2. F. Says:

    Kühlschrank? Welcher Kühlschrank? Aber im Ernst. Was spricht dagegen, die Verschenke-Kultur zumindest mal zu probieren und seine Texte, vielleicht sogar ein (erstes) Buch – oder zumindest eine digitale Version desselben – kostenlos wegzugeben und den Kühlschrank erstmal mit Hilfe des Jobcenters aufzufüllen? Ich hoffe, hier ruft jetzt niemand Sozialschmarotzer oder – was ebenso falsch wäre – glaubt, das könne er sich nicht antun. Im Grunde ist es mit dem Gang zum Jobcenter ja wie mit dem Verschenken: Am Anfang hat man Bammel und sieht die Nachteile plakatgroß vor sich aufploppen. Und dann? Nichts! Es passiert einfach nichts. Und dann, wann das mit dem Nichts vorbei ist, dann freut man sich, das regelmäßig am Monatsende Geld reinkommt und man Zeit hat, endlich das zu tun, was man immer schon mal tun wollte. Schreiben. Malen, Musizieren. Von mir aus auch alles zusammen. (Und glaube bloß keiner, das Amt wäre so mächtig wie manche mitunter tun bzw. das Amt sich selbst gern sieht.) Jedenfalls, mit dem Verschenken ist das anfangs genau so: Man hält die eigenen Sachen – und sich selbst gleich mit – für minderwertig, wenn man sie verschenkt (oder glaubt, dass andere sie – und womöglich noch einen selbst – für minderwertig halten – was beides ausgemachter Blödsinn ist), sieht das fehlende Geld auf dem Konto (als wenn Schriftsteller durch Bücher etwas verdienten – und hey, da ist ja noch das Arbeitsamt und die zahlen pünktlich) und überhaupt glaubt man, dass die Sache mit der verschenkten (ohja, der verschenkten!) Literatur dem eigenen Kunst- und Wertverständnis widerspricht, das ja doch nur ein angelesenes ist – und damit für die Katz. Also kann man’s auch gleich der Mietz zum Fraß vorwerfen, sich am Verschenk(t)en erfreuen und schauen, ob da nicht doch was passiert, andere vielleicht was draus machen, die Papierversion des Buches kaufen, Aufmerksamkeit entsteht und und und… So könnte ich mir das zumindest vorstellen. Vielleicht probiert’s ja mal einer aus und berichtet davon. Denn das ist es, was uns vor allem fehlt: Empirie. Und hey: „peira“ heißt im Altgriechischen nämlich nicht nur Erfahrung, sondern auch Wagnis. (Das Wort „Pirat“ stammt davon ebenfalls ab – ob die Piratenpartei das weiß?) Egal, jedenfalls ist die Zeit der Manifeste insofern vorbei (bzw. war nie angebrochen), als dass die Neue Literatur nur eine praktische sein kann. Geschrieben als Literatur. Und vertrieben auf Wegen, die ein Wagnis beinhalten. Ich weiß, das kann auch heißen, dass man damit auf die Fresse fliegt. Aber dann weiß man wenigstens Bescheid – und ein paar andere auch. Das wäre jedenfalls mehr, als wir jetzt haben. Und vielleicht – ich weiß, Bescheidenheit ist eine Zier – vielleicht bekommt Gevatter Kapitalismus auf dem Verschenke-Weg hier und da doch einen kleinen Riss, verändert sich zumindest unsere (Selbst-)Wahrnehmung insoweit, dass wir nicht länger glauben, keine Wahl zu haben. In der Kunst wie in der Politik wie im Leben überhaupt. Haben wir nämlich. Punkt 🙂

    • Clarknova Says:

      Danke für das Plädoyer! Über die genannten Verschenk-Strategien hab ich auch schon nachgedacht. Also Aufmerksamkeit erzeugen, indem man z.B. die E-Book-Version gratis verteilt. Aber um all den Vertriebskram kann sich ein Autor nunmal nicht allein kümmern. Da braucht es schon Verlage. Verlage, die umdenken.

  3. F. Says:

    Stimmt, die braucht’s. Es bedarf aber auch Autoren, die die Verlage zum Umdenken bewegen. Sie ein wenig mehr aufklären, reizen und – von mir aus – auch ein bisschen provozieren.

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