Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Jörg Albrecht – Teil 2/2

Puh… und was kommt dann? PROJECT D: BETRIEB AUSTREIBEN, eine bekannte Schelte, die aber wiederholt werden darf, da sie treffend ist. Es geht ja immer noch darum neue Formen des Erzählen zu finden, eine Literatur der Zukunft zu schaffen. Albrecht legt den Finger in die Wunde des Literaturbetriebs und weißt noch einmal darauf hin, dass „Fräulenwunder“ und „Popliteratur“ keine literarischen Strömungen sind und nur scheinbar progressiv daher kommen. Es geht nicht um die „neue Lust am Erzählen“, sondern um ein NEUES ERZÄHLEN. Es geht darum sich zu erinnern, dass in der Literatur mit sehr wenigen Mitteln sehr viel möglich ist.

„Und wieso dann überschaubares und überschaubar psychologisches Personal, sogenannte klare Sätze, von denen jeder schon am Anfang weiß, wohin sie wollen, geradlinige Geschichten, die – selbst wenn sie zwischendurch Umwege nehmen, vorhersehbar sind – erst an ihr Ende kommen, wenn der Leser gedanklich schon längst dort angekommen ist?“

Ja, warum eigentlich?

„Man schreibt um an einer Schule angenommen zu werden. Man durchläuft die Schule. Man gewinnt einen Wettbewerb. Man bekommt einen Agenten. Man veröffentlicht und bekommt ein Stipendium. Man geht auf Lesungen, um gesehen zu werden. Man hofft auf gute Rezensionen. Man betreibt Literaturbetriebswirtschaft. Man lebt die Literatur, anstatt FÜR sie zu leben. Und für Literatur leben könnte zunächst mal heißen: schreiben, ohne den Markt zu meinen. Ich höre schon wieder die Lektoren, Schreibschulleiter und Feuilleton-Asis rufen: Denk doch an den DURCHSCHNITTLICHEN Leser!“

Das betrifft jetzt wieder die Gebiete Unterhaltung und Freiheit. Ich verlinke nur auf die entsprechende Beiträge, weil dieser hier schon viel zu lang ist. Albrechts Ausweg aus dieser als Misere empfundenen Situation ist einfach: den imaginären Leser töten (oder zumindest ignorieren) und „Literatur wieder als Form des Denkens anzusehen, anstatt mit den Augen zu Rollen und zu stöhnen: Lesen ist anstrengend genug, da will ich nicht auch noch denken müssen!“

So in Rage geschrieben für eine neue, anspruchsvolle, bisweilen experimentelle Literatur, hebt Albrecht schließlich ab, was ich gut finde, weil es mich mit seinem Pathosverbot zwangsläufig versöhnt. „Wir müssen unser Leben denken, um es in dramatischer Weise zu intensivieren. (Fußnote: Tiqqun – Anleitung zum Bürgerkrieg. Hamburg 2012, S. 106.) […] BITTE, laßt uns endlich das große Drama haben, das große Denken!“

Lieber Jörg Albrecht, ich bin einverstanden. Aber ohne etwas Pathos scheint es doch nicht zu gehen, oder? 😉

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