Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Jörg Albrecht – Teil 1/2

Mit ziemlich cooler, lässiger Attitüde umkreist Jörg Albrecht in seinem Text Auch das allerkleinste Unglück in dir klammert sich an das Imperium (Neue Rundschau 1/2014) den Begriff einer zukünftigen Literatur. Dabei bezeichnet er sich selbstironisch als „Windmaschine“, die im Grunde keine Ahnung von Literatur hat und macht auch sonst einen ziemlich hippen Was-wollt-ihr-eigentlich-von-mir?-Eindruck. Dann labert er in vier Gedankenprojekten (A bis D) fröhlich und scheinbar (aber nur scheinbar) planlos drauf los; schreibt erst vom RÄUME SCHAFFEN (PROJECT A) und vom GESCHLECHTER HERSTELLEN (PROJECT B), die ich hier beide ignoriere, weil sie mir persönlich nicht sonderlich viele Ideen mit auf den Weg geben.

(Dieser Einstieg muss ziemlich abwertend klingen, ist aber nicht so gemeint. Allein Albrechts… „Ansprechhaltung“ macht mich doch etwas skeptisch.)

Interessant wird es für mich mit PROJECT C: GESCHICHTEN AUSTRICKSEN. Eine vielversprechende Teilüberschrift, die mich hoffen lässt, dass hier einer mit gängigen Erzählkonventionen brechen will. Und tatsächlich ist damit die Absage an eine Vorstellung der einheinlichen, ganzheitlichen straight story gemeint. Albrechts Forderung:

„Die Fiktionen verfolgen statt ihnen zu folgen? Es gibt mehr als genug Gründe, Geschichten nicht eindeutig, 1:1 zu erzählen. Und das ist nur mein wichtigster: daß die Geschichten viel zu oft als Tatsachen inszeniert werden, und am Ende haben alle vergessen, daß es Geschichten sind, und alle glauben, daß das reale Leben so ist: unerreichbar. […] Nein, es geht nicht darum NICHT zu erzählen. Aber möglichst mit einer Ahnung davon, wie komplex alles ist und vor allem, was für ein Vorgang das ist, wenn wir etwas Komplexes in etwas Einfaches verwandeln, in etwas Einfaches UND Ganzes.“ (Ich unterschlage hier eine überflüssige Fußnote, komme auf das Thema aber gleich zurück.)

So in etwas stellt sich das Problem dar, dass ich als Leser mit der so genannten „realistischen“ Literatur habe, die niemals realistisch sein kann, weil sie uns das Leben viel zu oft als überschaubar präsentiert. Die Wirklichkeit ist aber kein Ganzes, das sich als solches verstehen lässt. Sie hat keine Betriebsanleitung. Sie franst nach allen Seiten hin aus, schafft (zufällige) Querverbindungen zu zahlreichen Menschen, Orten, Ereignissen. Zu glauben, man könne sie einfach so nacherzählen z.B. anhand des mehr als wackeligen Konstrukts „Roman“ erscheint mir geradezu absurd.

Um diese Art des komplexen Erzählens realisieren zu können, mahnt Albrecht zur Distanz! Was nah ist scheint auch leicht erreichbar zu sein. Nur mit einem gewissen Abstand, den der spätere Leser ja schließlich auch hat, zwangsläufig, lässt sich die Komplexität erahnen, die der Erzähler/Autor oft vergisst/vergessen will.

Und dann der Bruch, der das Projekt zu einem abrupten Ende führt und mich wütend macht, weil hier etwas passiert, was ich in der jungen Literatur leider viel zu oft erlebe. „Ich kann einfach nicht mehr an diese Unerreichbaren glauben, seit diesem einen Tag, an dem ein Freund von mir sich das Leben nahm.“ Krise der Wirklichkeit, die Komplexität des Lebens knallt voll rein und der Autor lässt uns teilhaben. In einem Satz. Und dann kommt der nächste. „Bitte nicht wieder pathetisch werden, ja?!“ Und ich kann nicht anders als an den Rand zu notieren: JA WARUM ZUR HÖLLE DENN NICHT? Aber egal, da kommt schon der nächste Satz: „Mach ich ja gar nicht.“ Und… *Trommelwirbel*… eine Fußnote!

Fußnote 28: „Aber wie kann ich das erzählen? Den rein technischen Vorgang, welchen Handgriff er wann und wie machte, in seinem Zimmer, bei der Vorbereitung, und dann später, wie er, als er in den Wald ging und den Baum fand, den Strick befestigte, hochkletterte, noch einmal einatmete und“

Die Angst des ironiegeschädigten Hipsters vor dem Pathos lässt den Selbstmord eines Freundes zu einer Fußnote verkommen. Das ist ein Skandal! Dabei sollte gerade das Pathos, das die Trauer über den Tod miteinschließt, doch die letzte Bastion des ehrlichen Gefühls in der Kunst sein. Wäre ich nicht selbst ein U30er, würde ich glatt schreiben: „Ich verstehe diese jungen Menschen nicht.“ Aber dann habe ich Angst mich lächerlich zu machen, weil ich mal wieder die Ironie oder den Zeitgeist nicht verstanden habe. Dennoch glaube ich, dass man nicht die Geschichte, sondern sich selbst austrickst, wenn man sich etwas verbietet, das über einen kommt. Vielleicht ist es auch gut sich selbst auszutricksen? Ich weiß nicht… Sackgasse.

Good ol‘ Aristoteles, the Godfather of Drama, sagt: keine Dichtung ohne Imagination. Ich bin mir da auch nicht sicher…

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4 Antworten to “Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Jörg Albrecht – Teil 1/2”

  1. F. Says:

    Danke für kleine, mit heißem Herzen vorgetragene Verteidigung des Pathos. Allerdings fürchte ich, dass die ironische Abgeklärtheit, die alles und jeden zur Fußnote macht, tatsächlich ein Signum unserer Zeit ist. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ist tatsächlich nicht hipp. Aber man bekommt ja auch allerorten nur noch den sachlich-realistischen Ton zu hören, selbst in den Literaturagenturen, von dem mir mal eine schrieb: „Ihr Stil erinnert mich an einen Fotografen, dessen Bildsprache als kunstvoll anerkannt hohes Prestige genießt, allein, mir zu barock, zu artifiziell, zu stark mit Pathos aufgeladen ist.“
    Pathos ist in dieser Lesart ein böses Wort. Und Pathos in der Literatur heißt: „Das geht nicht. Das geht gar nicht. Gehen Sie mir bloß weg damit.“
    Ich weiß, was man jetzt darauf antworten kann: Unsere Geschichte… die Vereinnahmung des Pathos… die ganze teutonische Sch… das Dahingrollen, die Endkampfstimmung, die Bedeutungsberge der Kunst und Literatur, der ganze humorlose, unspielerische Mist. Und gewiss, der ist wirklich unerträglich, der hat ne Menge versaut, aber gerade deshalb müssen wir uns die (literarischen) Formen zurückholen, alle, nicht nur die Ironie, auch das Pathos. Und die Groteske. Den ganzen Wahnwitz der Moderne. Oder, wie Franz Mon, vor langer, langer Zeit schrieb:
    „Es ist eine geschlagene Sprache, bedenkt man, woran sie beteiligt war und ist. Aber welche Wahl haben wir. Allmählich zur Besinnung kommen. Eine Kerbe einschlagen, gleich an welcher Stelle, damit wenigstens ein Punkt wiederzuerkennen ist. Feststellen, nachspielen, wiederholen und feststellen, fallenlassen, markieren, abtasten, nachzeichnen, vorwegnehmen. Sprache, diese angefochtene, zermürbte Sprache als ‚Material‘ nehmen, wobei auch ihre Erinnerung und die Spuren ihres Geschicks mitzählen, um vielleicht im skeptischen Umgang mit ihr der Möglichkeiten innezuwerden, die noch immer und vielleicht gerade auf Grund ihrer erschreckenden Geschichte bestehen.“

    • Clarknova Says:

      Liegt es wirklich allein am Faschismus, dass das Pathos so sehr verpönt ist? Wenn ja, müssen wir uns die Sprache tatsächlich endlich wiederholen! Aber es geht mir ja gar nicht um das Heroische, das Grollende, sondern vor allem um das Pathos, das es zulässt von Tod und Vergänglichkeit, aber auch von Schönheit und Leben so zu sprechen, wie man es (Achtung! Alarm!) empfindet. Und das kann funktionieren, ohne sich 200 Jahre in die „Empfindsamkeit“ zurückzukatapultieren.
      In den letzten Jahre sollte die Literatur immer authentisch! authentisch! sein. Wie authentische kann eine Literatur sein, die diese Form des Pathos von vornherein ausschließt?

  2. F. Says:

    Die Sache mit der Authentizität ist in der Tat unschön – und der (geforderte) realistische Roman eine contradictio in adjecto. Vergessen wir also die Ansprüche, die Festlegungen und Absichten, setzen wir einfach das erste Wort aufs Papier und schauen was passiert.

    • Clarknova Says:

      So soll es sein! Aber noch ein Gedanke zur Authentizität: Scheinbar schließt sie ein innovatives Erzählen/innovative Erzählformen nicht aus, wie man bspw. an Katja Petrowskajas Roman „Vielleicht Esther“ sieht (den ich aber leider nur in Auszügen kenne).

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