Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Olga Martynova

Nach einiger Pause geht es wieder bzw. immer noch um die Manifeste für eine Literatur der Zukunft, als Dossier erschienen in der Neuen Rundschau 1/2014 (die merkwürdigerweise immer noch nicht auf der Homepage des Fischerverlags verzeichnet ist).

Olga Martynova gibt darin ein altbekanntes Plädoyer darüber ab, auf welchem Niveau Literatur stattfinden sollte. Ich möchte ihren Text Im Land der schweigenden Wand dennoch vorstellen, weil er einige Kernsätze/-erkenntnisse enthält, die zu wiederholen nicht schaden können.

Der Ausgangspunkt von Martynovas Überlegungen ist die (zumindest für den deutschsprachigen Raum zutreffende) Tatsache, dass der gegenwärtige Literaturbetrieb oftmals den Eindruck vermittelt „als habe es das 20. Jahrhundert nie gegeben.“ Gemeint ist damit eine gewisse Nibelungentreue zur linearen, realistischen Erzählweise, die die avantgardistischen Innovationen in der Kunst der klassischen Moderne (und darüber hinaus) nicht selten ignoriert. Mit Verweis auf den „Publikumsgeschmack“ werden Texte, die das Kainsmal „schwere Kost“ aufgeprägt bekommen, kaum verlegt und folglich kaum gelesen. Ein Teufelskreis, der verdeutlicht, dass Kunst in erster Linie konsumierbar sein und unterhalten muss.

(An dieser Stelle müsste natülich gefragt werden, ob der Leser oder der Markt das Niveau der Literatur bestimmt. Da es mir hierbei aber nicht eigentlich um eine Konsumkritik geht, schiebe ich sie erstmal beiseite.)

Beim Stichwort „Kunst und Unterhaltung“ muss ich unweigerlich an Marcel Reich-Ranickis Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises im Jahre 2008 denken. Im anschließenden Gespräch mit Thomas Gottschalk, und mit Verweis auf die Vorrede von Friedrich Schillers Braut von Messina, betonte MRR, dass die Kunst selbstredend die Aufgabe habe zu unterhalten. Doch warum muss dabei das Niveau so schrecklich niedrig gehalten werden?

Die konsumkritische Antwort Martynovas: „Die Vereinfachung und Verblödung der Leser läuft dann einfach noch schneller ab. […] Wenn wir als Leser einem Buch folgen, das wir nie begreifen, werden wir es vielleicht nie einholen, dafür aber unsere Denkmuskeln trainieren.“

Warum das so wichtig ist, erklärt die Autorin anhand des Sozialistischen Realismus‘, der jede Form von Avantgarde unterdrückte. „Diktaturen fürchten unpolitische Kunst und unpolitische Literatur viel mehr als politische. Weil sie schwieriger zu begreifen sind. Weil sie der Verblödung entgegenstehen. Weil sie zu Erkenntnissen führen, die auf direkten Wegen nicht erreicht werden können. […] Vielleicht trägt ein verrücktes Gedicht mehr zur Heilung einer kranken Welt bei als ein mit gesundem Menschenverstand geschriebener Roman.“

Leider legt Martynova hier schon die Esoterikfalle aus, in die sie am Ende ihres Textes selbst geht. An dieser Stelle ist das aber zu verschmerzen, da es ihr nicht eigentlich um die „Kraft der Literatur“ geht, sondern um die Bedeutung der Kunst(-betrachtung) als kritisch-alternative Schule des eigenen Denkens und damit um die Ausbildung einer eigenen Persönlichkeit.

Mit Martynova teile ich dann auch eine gewisse Abscheu gegen die Koketterie gewisse Klassiker nicht gelesen zu haben, oder überhaupt wenig zu lesen. Wenn da z.B. in der Vita eines jungen, coolen Hipster-Autors steht „er schreibt mehr als er liest“, finde ich das peinlich. Was jedoch nicht heißt, dass wir, also Martynova und ich ( 😉 ), einen oder gar den Bildungskanon hochhalten. Es ist nur so: „Wenn diese Arbeit, die in der Höhle des Urmenschen begann, aufhört, geht das Denken und mit ihm die Menschheit nach und nach ein.“

(Ein schönes Zitat übrigens für alle Geisteswissenschaftler, die mal wieder auf die Frage antworten müssen: „Und was macht man dann damit?“ Antwort 1: Falsche Frage. Die richtige Frage lautet: „Wozu das Ganze?“ Antwort 2: siehe oben.)

Warum ist das Ganze jetzt aber, wie oben erwähnt, für den deutschsprachigen Raum so entscheidend? Als Erinnerung daran, dass es die Avantgarde ist, die unser kritisches Denken am Laufen hält!

Das scheint zunächst keine sonderlich spektakuläre Erkenntnis zu sein. Je mehr man sich jedoch mit der Kunst der Gegenwart im Allgemeinen, und mit der Literatur im Speziellen, auseinandersetzt, desto klarer wird die Tatsache, dass mit der brutalen Auslöschung der Avantgarde in Deutschland zwischen 1933 und 1945 eine kulturelle Identität (man könnte auch von Persönlichkeit sprechen, nur eben größer) verloren gegangen ist, um deren Wiederbringung man sich bis heute nicht genug gekümmert hat. Als einfaches Beispiel können Alfred Döblin und Lion Feuchtwanger gelten, die vor dem Krieg für ein Massenpublikum schrieben, nach 1945 von den Deutschen allerdings schon vergessen waren. „Trotz“ innovativer Erzähltechniken wussten sie ein breites Publikum anzuziehen; schrieben u.a. großartige historische Romane, wie es sie in der Form heute kaum(!) noch gibt, wo dieses schöne Genre zum bloßen Unterhaltungsramsch verkommen ist.

Aber ich schweife ab, darum ist’s jetzt gut…

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