Erster Nachtrag zu „In Paris“

Reisen in unbekannte Länder, besonders solche unter Menschen, deren Sprache ich nicht verstehe, sind die einzigen Perioden, in denen ich meine Aufzeichnungen unterbrechen muß, die ich sonst regelmäßig, eigentlich täglich führe. Es stürzt zu viel auf einmal über einen her, die Bestimmtheit und Kraft der neuen Eindrücke macht ihre Fixierung unmöglich. Man kann gar nicht gleich wissen, was das alles bedeutet, und der geringe Teil, den man versteht, ist des Aufzeichnens nicht wert, da so viel mehr daran ist. Kaum ist man wieder zu Hause, in der vertrauten alten Umgebung, findet das Neue zu seinem Sinn, es beginnt der zweite, vielleicht interessantere Teil der Reise. In einer raschen, durch nichts unterbrochenen Niederschrift befreit man sich von seiner schweren Betäubung. Es handelt sich bei mir in solchen Niederschriften nicht darum, neue Figuren zu erfinden wie in einem Roman, wo die „Wirklichkeit“ nur als Vorwand zu Gebilden ganz anderer Art dient, wo es um eine neue, ihren eigenen Gesetzen gehorchende Welt geht. Die Aufzeichnungen halten sich ans Erlebte, sie suchen es nicht zu verändern und bestehen auf seinem besonderen Sinn. Darum ist es auch richtig, sie in ihrer ursprünglichen Form zu belassen, und man bricht die Niederschrift ab, wo ihre Verlockung zu einem neuen Werk dringlich zu werden beginnt.

Elias Canetti

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