Über die Zukunft der Literaturwissenschaft

Während meines Studiums hatte ich bereits mit seinem Schiller-Buch gearbeitet. Als ich kürzlich Goethe und Schiller – Geschichte einer Freundschaft las, fiel mir eine alter Gedanke wieder ein. Germanistikstudenten sollten nicht nur Rüdiger Safranski lesen, sondern auch lernen wie er zu arbeiten! So bestünde zumindest ansatzweise die Chance, dass sich das Fach von der theorielastig-verkopften Nerdwissenschaft, die sie teilweise(!) geworden ist, zu einer Populärwissenschaft im allerbesten Sinne des Wortes entwickelt. Denn Safranski ist immer fundiert, reflektiert und in seiner Quellenarbeit genau, weil er nicht aus hunderten vorangegangener Studien wiederkäut, paraphrasiert oder abschreibt. Und trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs verliert er nie den Leser aus den Augen, bleibt, gerade weil es ihm um die Vermittlung von Kultur- und Ideengeschichte geht, immer einfach zu lesen.

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Nun will ich hier nicht über den Sinn und Unsinn der Literaturwissenschaft als solcher diskutieren. Und natürlich haben die theoretischen Reflexionen und Textwerkeleien mit bewährten Werzeugen wie Barthes, Foucault und Co. ihre Berechtigung. Wenn die Arbeit der Master- und Doktorandenkolloquien sich jedoch darin erschöpft, dass man sich gegenseitig versichert wie „spannend“ und wichtig man die genannten Herren findet, entfernt man sich nicht nur von seinem eigentlichen Gegenstand, sondern auch von der Gegenwart (und schließlich von der Welt „da draußen“).

Dass ich im Zuge meiner Auseinandersetzungen mit den Manifesten für eine Literatur der Zukunft eher die Geschichte als die Theorie fokussiere, um in der Zeit voranzukommen, überrascht dabei sicher nicht. Auch meine gegenwärtige Lektüre von Geert Buelens‘ Europas Dichter und der Erste Weltkrieg verdeutlicht mir einmal mehr die essentielle Bedeutung des Wissens um die Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart und schließlich die Gestaltung der Zukunft. Daraus vllt. nur dieses indirekte Zitat des ungarischen Dichters Endre Ady, mit dem Wissen um den Ausgang der diesjährigen Europawahl: „Aber wenn man schon weiterhin in der Vergangenheit schwelgen wolle, solle man sich besser ein Beispiel am ruhmreichen Transsilvanien nehmen – jener multikulturelle Staat habe die europäische Kultur angenommen, Kunst und Wissenschaft erblühen lassen und religiöse Tolerenz zu einem Zeitpunkt entwickelt, als ‚am Rhein das große Kulturvolk‚ noch Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannte.“

Die Vermittlung der Geschichte ist also der erste Schritt in Richtung Zukunft. Safranski setzt in seinen Büchern auf einen Mischton aus Erzählung und Essayistik. Er hält sich strikt an die Fakten, vermittelt sie jedoch wie einen Roman. Das führt nicht nur dazu, dass man die Haltungen und Positionen der großen Weimarer Klassiker besser versteht. Es hat auch zur Folge, dass der ehrfurchtgebietende Sockel der beiden insofern eingeebnet wird, als dass man sich wieder an die Originaltexte traut. Safranskis Methode führt also auch zum Lesen hin, was zwar banal klingt, aber selbst vielen Germanisten (und hier spreche leider aus Erfahrung) inzwischen nicht mehr so wichtig zu sein scheint.

All das setzt natürlich voraus, dass man sich für Kunst, Kultur und Geistesgeschichte interessiert – wozu man ja niemanden zwingen kann. Man kann den „gebildeten Laien“ (so wenig ich diesen Ausdruck mag) aber zu einem Interesse ermutigen, ihm zumindest ein Angebot machen, indem man aufzeigt, dass Goethe und Schiller durchaus nicht so unerreichbar und schwer verständlich sind, wie es der Deutschunterricht oder die Fachliteratur uns einmal weismachte.

Es geht also nicht darum die Existenz der Literaturwissenschaften in Frage zu stellen, wie das leider viel zu oft der Fall ist, sondern darum, seitens der Wissenschaft einen Schritt aus dem akademischen Umfeld heraus, und somit auf eine größere Leserschaft zu zumachen. Dass das funktionieren kann, beweist Safranski. So würde sich meiner Ansicht nach nicht allein die Frage erübrigen, welchen Nutzen die Literaturwissenschaft heute noch hat; Germanistikstudenten würden dann vllt. auch weniger verlegen antworten müssen, wenn ihnen auf Partys und Familienfeiern die Fragen gestellt wird: „Und was macht man dann damit?“

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4 Antworten to “Über die Zukunft der Literaturwissenschaft”

  1. summacumlaudeblog Says:

    Dein offenes Lob Safranskis (und Dein verstecktes Lob Schillers) teile ich. Beide wissen, dass Literatur ohne Geschichte nicht zu haben ist, und dass das Lesen und Verstehen von Literatur immer das Wissen um Vergänglichkeit – also Geschichte – mit einschließt.

    Irgendwer – ich glaube Hans Mayer – hat mal über den Tell gesagt, manche wähnen das Stück allein deswegen als schlecht, weil es zu viele Zitate enthält. Schiller als landsmannschaftliche Fundgrube an Bildungssprüchen. Wie falsch! Schiller ist eben das, was übrig bleibt, wenn man die Zitate abzieht. Und da bleibt sehr viel übrig.

    • Clarknova Says:

      Ich empfinde das bei Schiller gar nicht so sehr, also die Zitatendichte. Ich denke aber es könnte an seiner Arbeitsweise liegen, die den Texten immer etwas exemplarisch-didaktisches aufzwingt. Während Goethe ja voll und ganz Empiriker war, hat Schiller ziemlich philosophisch gedichtet. Daher vielleicht sein gewisser Hang zu Belegen bzw. Zitaten, die seine Sache unterstützen.

  2. Lew Myschkin Says:

    Ohne Safranskis Buch gelesen zu haben, möchte ich hier in eine ähnliche Kerbe schlagen. Der Literaturunterricht an Schulen hat erstaunlicherweise die Eigenschaft, bestimmte Autoren auf einen Sockel zu heben, sodass die Werke vollkommen fernab der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler erscheinen (als wäre die sprachliche Barriere, gerade bei älteren Werken, nicht schon Hindernis genug). Ich finde es sollte im Deutschunterricht viel klarer werden, dass Werke vergangener Autoren (und damit meine ich nicht nur Schiller und Goethe) ähnliche Fragen und Themen behandeln, wie sie uns auch noch heute beschäftigen. Es ist ja nicht so, dass die Fragen, die literarisch bspw. im 18. und 19. Jahrhundert gestellt wurden, heute gelöst wurden: was ist das gute Leben? Was soll ich tun? Oder große Themenkomplexe wie Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit und und und, sind alles Themen, die uns bis heute beschäftigen. Das macht doch auch irgendwie den Reiz dieser Disziplin aus.
    Wenn ich z.B. Chemiker bin, dann kann ich sagen: „Naja, Lavoisier muss ich nicht studieren, da er uns heute nichts mehr zu sagen hat. Schließlich sind unsere Erkenntnisse im Bereich der Chemie schon viel weiter.“ (außer natürlich ich interessiere mich für die Geschichte des Faches!).
    Bewege ich mich aber in eher geisteswissenschaftlicheren Gefilden (sei es Philosophie oder Literaturwissenschaft), dann gilt das eben nicht. Und das macht es doch auch irgendwie spannend und interessant. Und das bis heute.

    • Clarknova Says:

      Stimmt schon. Allerdings kann ich sagen, dass mein Deutschunterricht, zumindest in der Oberstufe des Gymnasiums, genau so ablief. Ich habe aber schon oft gemerkt, dass das ein Ausnahmen gewesen sein muss. Aber der Deutschunterricht ist ja nochmal ne andere Baustelle im Vgl. zur Literaturwissenschaft.

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