Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Angelika Meier und Anja Utler

Angelika Meier befasst sich in ihrem Rundschau-Beitrag Meine Nutzlosigkeit geb ich nicht her unter anderem mit den Entstehungsbedingungen von Literatur, dem Status des Schreibens als Arbeit und dem daraus folgenden Status des Autors in bzw. gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft.

„Dieses Schreiben ist freilich ein Unsinn, aber eben einer, der die nostalgische Vorstellung aufrechterhält, wir lebten in einer bürgerlichen Ordnung, einer Ordnung, in der Arbeit sich lohne. Und nicht in der Welt, in der sich Arbeit nur lohnt, weil und solange sie in großen Teilen dieser Welt nicht oder fast nicht entlohnt wird. Und da kommt dieses anachronistische Schreibhaustier und plärrt noch immer, dass es nicht arbeite, dass es unnütz sei, ja asozial, und dass es, jawohl, nur für sich selbst schreibe, für niemanden sonst, weil es nichts anderes kann und nichts anderes ist als sein Schreiben. Das ist tröstlich, finde ich. Solange man einen schreibenden Menschen dafür bewundern und verachten kann (und das geschieht immer in einem Zuge, es ist der gleiche Zug), dass er nicht wirklich arbeitet, immer zu wenig oder zu viel, um ein anständiger Künstler, also Nichtbürger, also bürgerlicher Besitzstandswahrer zu sein (nehmen Sie diesen Text hier zum Beispiel, was glauben Sie, wie lange ich daran gesessen habe? Ob Sie nun annehmen, ich habe das Ding an einem Vormittag runtergehauen oder eine Woche fleißig daran gewerkelt, nine-to-five, oder einen Monat Tag und Nacht daran geschwitzt – was auch immer das Ergebnis Ihrer Spekulation ist, Sie können es in jedem Fall gegen mich verwenden), lässt sich an dem Bild festhalten, dass alle außer dem heilig asozialen Künstler und den unheiligen Asozialen da draußen anständig arbeiten.“

Über das Schreiben und Nicht-Schreiben entscheidet man nicht allein. Man kann sich jedoch dafür oder dagegen entscheiden allein als Autor zu leben, oder einem „Brotjob“ nachzugehen, der einem das Schreiben erst ermöglicht. (Vorausgesetzt natürlich man findet einen solchen.) Beide Wege haben ihre Vor- und Nachteile, doch das Risiko einer Künstlerexistenz nachzugehen ist, trotz zahlreicher Förderungen, natürlich ungleich höher.

Und das liegt nicht nur an am unsicheren Einkommen, sondern auch am unsicheren, gesellschaftlichen Status des Autors. Meiner Erfahrung nach kommt die Beschreibung Angelika Meiers dem „bürgerlichen“ Urteil recht nahe, das (noch) immer zwischen Bewunderung und Skepsis (und dort wo die Kunst nicht Teil des Lebens ist: Ablehnung) schwankt. Dass der freie Autor seine Zeit frei zur Verfügung hat stimmt insofern, als dass er seine Arbeitsphasen fast(!) beliebig dehnen oder verdichten kann. Demgegenüber steht jedoch die Tatsache, dass sein Zeitreservoir gleich groß dem des „klassischen“ Arbeitnehmers ist, er aufgrund der Abhängigkeit von Honoraren jedoch mehr Arbeitszeit aufwenden muss um das gleiche Einkommen (*räusper*) zu erzielen. Ein Umstand, der die Trennung von Arbeits- und Freizeit des Autors ein Stück weit obsolet macht. (Aber wer wollte das auch auseinanderklamüsern und vor allem wozu?)

Interessanterweise scheint der Literaturbetrieb bisweilen selbst merkwürdige Vorstellungen vom Dichterleben zu haben. Das zeigt sich vor allem an der ebenso schönen wie problematischen Förderungsmethode des Aufenthaltsstipendiums (also als Stadt-, Schloss-, Insel- oder Hofschreiber auf Zeit in irgendeinem Ort). Auch wenn man „hauptberuflich“ schreibt, Arbeit und Freizeit verschwimmen, hat man eben nicht nur sein Dichterleben. Nicht jeder ist in der Welt unterwegs like a rolling stone (wohl aber zunächst like a complete unknown). Womit also jeder Autor durch dieses Förderungsraster fällt, der seinen Partner und/oder seine Familie nicht mal eben monatelang hinter sich lassen kann (und will!).

Alle Kunst braucht Freiheit und Geld kann einen Beitrag zu dieser Freiheit leisten; aber nicht um jeden Preis. Anja Utler fasst es in ihrem Rundschau-Text Vom Stranden so zusammen: „(Und Freiheit sind nicht diese drei Monate à 700 € alle drei Jahre in irgendeinem Turm in einem Irgendwo, das dann bitte schön auch noch vorkommen soll.)“

Wenn Förderung zwar das Konto füllt, gleichzeitig aber das Leben und die Texte beeinträchtigt, ist sie dann noch förderlich? Ich denke ein Aufenthaltsstipendium kann ein großer Gewinn sein, wenn man in der Lage ist es antreten zu können. 50:50 also. Und 50:50 das Künstlerleben zwischen Pleite und Liquidität, Erfolg und Misserfolg, Zweifel und Selbstvertrauen, Bewunderung und Skepsis. Was das für die Literatur der Zukunft bedeutet weiß ich nicht. Wird schon weitergehen…

EDIT: Dazu noch Jan Kuhlbrodt und Martina Hefter Was wir machen. „Die Freiheit hebt das Prekäre auf.“

Jan Kuhlbrodts Blog Postkultur.

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2 Antworten to “Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Angelika Meier und Anja Utler”

  1. f. Says:

    Gut geschrieben. Endlich mal jemand, der (an)erkennt, dass – wie groß die Liebe zur Literatur oder besser vielleicht: zum Schreiben auch immer ist – sie nie und nimmer (und hee, das meint nie und nimmer) ebendas aufwiegt, was einem diese kleinen und großen Rotznasen geben, die Tag für Tag einen Anschlag auf das ausüben, was man gemeinhin sein Leben nennt. Und nebenbei bemerkt: Hat man derlei Plagegeister im Haus, hat man zugleich auch ein Aufenthaltsstipendium gewonnen: im Kinderzimmer 🙂

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