Archive for Juni 2014

Erster Nachtrag zu „In Paris“

30. Juni 2014

Reisen in unbekannte Länder, besonders solche unter Menschen, deren Sprache ich nicht verstehe, sind die einzigen Perioden, in denen ich meine Aufzeichnungen unterbrechen muß, die ich sonst regelmäßig, eigentlich täglich führe. Es stürzt zu viel auf einmal über einen her, die Bestimmtheit und Kraft der neuen Eindrücke macht ihre Fixierung unmöglich. Man kann gar nicht gleich wissen, was das alles bedeutet, und der geringe Teil, den man versteht, ist des Aufzeichnens nicht wert, da so viel mehr daran ist. Kaum ist man wieder zu Hause, in der vertrauten alten Umgebung, findet das Neue zu seinem Sinn, es beginnt der zweite, vielleicht interessantere Teil der Reise. In einer raschen, durch nichts unterbrochenen Niederschrift befreit man sich von seiner schweren Betäubung. Es handelt sich bei mir in solchen Niederschriften nicht darum, neue Figuren zu erfinden wie in einem Roman, wo die „Wirklichkeit“ nur als Vorwand zu Gebilden ganz anderer Art dient, wo es um eine neue, ihren eigenen Gesetzen gehorchende Welt geht. Die Aufzeichnungen halten sich ans Erlebte, sie suchen es nicht zu verändern und bestehen auf seinem besonderen Sinn. Darum ist es auch richtig, sie in ihrer ursprünglichen Form zu belassen, und man bricht die Niederschrift ab, wo ihre Verlockung zu einem neuen Werk dringlich zu werden beginnt.

Elias Canetti

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„In Paris“ auf fixpoetry.com

21. Juni 2014

„Mit diesem Band aus der verdienstvollen kleinen Kölner parasitenpresse, die von Wassiliki Knithaki und Adrian Kasnitz betreut wird, legt Mario Osterland seine erste eigenständige literarische Arbeit vor. Er wagt sich mit seinem Debüt auf dünnes Eis, denn es handelt sich um einen Zyklus von Prosagedichten unter dem Titel In Paris.

Damit hat er natürlich die Fenster sehr weit aufgerissen, kann man doch sagen, dass Paristexte deutschsprachiger Autoren zur Grundausstattung der deutschsprachigen Moderne gehören. Rilke, Hessel, Benjamin sind nur einige, die mir zuerst in den Sinn kommen. Zentral dabei ist sicherlich Benjamins Passagenwerk.“

Jan Kuhlbrodt auf fixpoetry.com

Debut!

18. Juni 2014

Liebe Freunde und Follower,

mein erstes, kleines Buch ist da! In Paris versammelt 11 Prosagedichte, die in früheren Versionen teilweise schon hier im Blog gelesen werden konnten. Nun wurde das Ganze erweitert, überarbeitet, gedruckt und verlegt in der wunderbaren parasitenpresse in Köln.

Bestellen kann man In Paris ab sofort direkt beim Verlag.

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Sherko Fatah, Marjana Gaponenko und Georg Klein

12. Juni 2014

Literatur hat nur dann keine Zukunft, wenn sie sich selbst genügt, wenn sie sich immer und immer wieder um sich selbst dreht. Diese Gefahr besteht wohl vor allem dann, wenn ein Autor nur mit sich selbst und seiner kleinen Welt beschäftigt ist.

Die, in einer unsäglichen Debatte attestierte und widerlegte, langweilige Gleichförmigkeit der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es nicht! Und dennoch sehe ich eine (kleine) Gefahr darin, dass viele junge Menschen nach dem Abitur den direkten Weg zum DLL oder nach Hildesheim nehmen. Die Gefahr, vor der Marjana Gaponenko (völlig unabhängig von irgendeiner Debatte!) warnt.  In ihrem Rundschau-Beitrag Brief an einen Dichter am Anfang des XXI. Jahrhunderts heißt es: „Schreiben Sie einfach. Und vor allem lassen Sie die Poesie nicht zu Ihrer Religion werden. Lesen Sie nicht zu viel Lyrik. Seien Sie sparsam mit der schöngeistigen Literatur. Lesen Sie am besten gar keine. Legen Sie sich trotzdem eine Bibliothek an, die aus naturhistorischen Büchern, Geschichtsbüchern und Lexika besteht. Interessieren Sie sich aufrichtig für anderen Dinge. Für den Schiffbau zum Beispiel oder für die Botanik.“

Keine Belletristik zu lesen ist natürlich übertrieben. Ebenso wäre es übertrieben die Literatur zu einer Art ideologischem Kosmos zu machen. In seinem Rundschau-Beitrag Offenes Abc – Anstelle eines Manifests schreibt Georg Klein: „n) Wir sind Ideologen der Literatur. o) Das ist nicht so schlimm wie es sich anhört. p) Die schiere Erfahrung des Erzähltbekommens und des Erzählens, des Lesens und des Schreibens, die Erfahrung mit Texten zersetzt unseren ideologischen Starrsinn.“

Klein hat Recht, aber es gibt eben noch mehr als „Text und Ich“ auf der Welt. Warum das zu betonen so wichtig ist? Sherko Fatah gibt die Antwort in seinem Rundschau-Text Kleine Heimat, große Welt: „Darüber hinaus gibt es mit der Kindheit und Jugend ein durchaus nicht zu unterschätzendes Problem: Die Tatsache, dass jeder so etwas hat oder hatte, rechtfertigt noch keine Romane.“ Amen.

Warum Amen? Weil ich finde, dass die junge deutschsprachige Literatur sich dort am angreifbarsten macht, wo sie die 1000ste coming-of-age:-ich-komm-aus-der-Provinz-und-zieh-nach-Berlin-um-mich-unglücklich-zu-verlieben-Geschichte (alternativ: ich-wohn-schon-lange-in-Berlin-fahre-aber-gegen-meinen-Willen-zu-einem-Familienfest-nach-Hause-in-die-Provinz-und-entdecke-das-dunkle-Geheimnis-meiner-Familie) erzählt. Denn das sind meist die Geschichten, in denen die Ich-Bezogenheit der Autoren überdeutlich wird.

Abgesehen davon hat die deutsche/deutschsprachige Gegenwartsliteratur keine Probleme. Und das genannte ist auch kein Problem unserer Gegenwart. Das gab es schon immer. Die Literatur der Zukunft kann also zu jeder Zeit nur die sein, die ihren Autor nicht zur Figur macht, ihm keine Bühne für sein Ego bietet.

Über die Zukunft der Literaturwissenschaft

3. Juni 2014

Während meines Studiums hatte ich bereits mit seinem Schiller-Buch gearbeitet. Als ich kürzlich Goethe und Schiller – Geschichte einer Freundschaft las, fiel mir eine alter Gedanke wieder ein. Germanistikstudenten sollten nicht nur Rüdiger Safranski lesen, sondern auch lernen wie er zu arbeiten! So bestünde zumindest ansatzweise die Chance, dass sich das Fach von der theorielastig-verkopften Nerdwissenschaft, die sie teilweise(!) geworden ist, zu einer Populärwissenschaft im allerbesten Sinne des Wortes entwickelt. Denn Safranski ist immer fundiert, reflektiert und in seiner Quellenarbeit genau, weil er nicht aus hunderten vorangegangener Studien wiederkäut, paraphrasiert oder abschreibt. Und trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs verliert er nie den Leser aus den Augen, bleibt, gerade weil es ihm um die Vermittlung von Kultur- und Ideengeschichte geht, immer einfach zu lesen.

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Nun will ich hier nicht über den Sinn und Unsinn der Literaturwissenschaft als solcher diskutieren. Und natürlich haben die theoretischen Reflexionen und Textwerkeleien mit bewährten Werzeugen wie Barthes, Foucault und Co. ihre Berechtigung. Wenn die Arbeit der Master- und Doktorandenkolloquien sich jedoch darin erschöpft, dass man sich gegenseitig versichert wie „spannend“ und wichtig man die genannten Herren findet, entfernt man sich nicht nur von seinem eigentlichen Gegenstand, sondern auch von der Gegenwart (und schließlich von der Welt „da draußen“).

Dass ich im Zuge meiner Auseinandersetzungen mit den Manifesten für eine Literatur der Zukunft eher die Geschichte als die Theorie fokussiere, um in der Zeit voranzukommen, überrascht dabei sicher nicht. Auch meine gegenwärtige Lektüre von Geert Buelens‘ Europas Dichter und der Erste Weltkrieg verdeutlicht mir einmal mehr die essentielle Bedeutung des Wissens um die Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart und schließlich die Gestaltung der Zukunft. Daraus vllt. nur dieses indirekte Zitat des ungarischen Dichters Endre Ady, mit dem Wissen um den Ausgang der diesjährigen Europawahl: „Aber wenn man schon weiterhin in der Vergangenheit schwelgen wolle, solle man sich besser ein Beispiel am ruhmreichen Transsilvanien nehmen – jener multikulturelle Staat habe die europäische Kultur angenommen, Kunst und Wissenschaft erblühen lassen und religiöse Tolerenz zu einem Zeitpunkt entwickelt, als ‚am Rhein das große Kulturvolk‚ noch Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannte.“

Die Vermittlung der Geschichte ist also der erste Schritt in Richtung Zukunft. Safranski setzt in seinen Büchern auf einen Mischton aus Erzählung und Essayistik. Er hält sich strikt an die Fakten, vermittelt sie jedoch wie einen Roman. Das führt nicht nur dazu, dass man die Haltungen und Positionen der großen Weimarer Klassiker besser versteht. Es hat auch zur Folge, dass der ehrfurchtgebietende Sockel der beiden insofern eingeebnet wird, als dass man sich wieder an die Originaltexte traut. Safranskis Methode führt also auch zum Lesen hin, was zwar banal klingt, aber selbst vielen Germanisten (und hier spreche leider aus Erfahrung) inzwischen nicht mehr so wichtig zu sein scheint.

All das setzt natürlich voraus, dass man sich für Kunst, Kultur und Geistesgeschichte interessiert – wozu man ja niemanden zwingen kann. Man kann den „gebildeten Laien“ (so wenig ich diesen Ausdruck mag) aber zu einem Interesse ermutigen, ihm zumindest ein Angebot machen, indem man aufzeigt, dass Goethe und Schiller durchaus nicht so unerreichbar und schwer verständlich sind, wie es der Deutschunterricht oder die Fachliteratur uns einmal weismachte.

Es geht also nicht darum die Existenz der Literaturwissenschaften in Frage zu stellen, wie das leider viel zu oft der Fall ist, sondern darum, seitens der Wissenschaft einen Schritt aus dem akademischen Umfeld heraus, und somit auf eine größere Leserschaft zu zumachen. Dass das funktionieren kann, beweist Safranski. So würde sich meiner Ansicht nach nicht allein die Frage erübrigen, welchen Nutzen die Literaturwissenschaft heute noch hat; Germanistikstudenten würden dann vllt. auch weniger verlegen antworten müssen, wenn ihnen auf Partys und Familienfeiern die Fragen gestellt wird: „Und was macht man dann damit?“

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Angelika Meier und Anja Utler

2. Juni 2014

Angelika Meier befasst sich in ihrem Rundschau-Beitrag Meine Nutzlosigkeit geb ich nicht her unter anderem mit den Entstehungsbedingungen von Literatur, dem Status des Schreibens als Arbeit und dem daraus folgenden Status des Autors in bzw. gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft.

„Dieses Schreiben ist freilich ein Unsinn, aber eben einer, der die nostalgische Vorstellung aufrechterhält, wir lebten in einer bürgerlichen Ordnung, einer Ordnung, in der Arbeit sich lohne. Und nicht in der Welt, in der sich Arbeit nur lohnt, weil und solange sie in großen Teilen dieser Welt nicht oder fast nicht entlohnt wird. Und da kommt dieses anachronistische Schreibhaustier und plärrt noch immer, dass es nicht arbeite, dass es unnütz sei, ja asozial, und dass es, jawohl, nur für sich selbst schreibe, für niemanden sonst, weil es nichts anderes kann und nichts anderes ist als sein Schreiben. Das ist tröstlich, finde ich. Solange man einen schreibenden Menschen dafür bewundern und verachten kann (und das geschieht immer in einem Zuge, es ist der gleiche Zug), dass er nicht wirklich arbeitet, immer zu wenig oder zu viel, um ein anständiger Künstler, also Nichtbürger, also bürgerlicher Besitzstandswahrer zu sein (nehmen Sie diesen Text hier zum Beispiel, was glauben Sie, wie lange ich daran gesessen habe? Ob Sie nun annehmen, ich habe das Ding an einem Vormittag runtergehauen oder eine Woche fleißig daran gewerkelt, nine-to-five, oder einen Monat Tag und Nacht daran geschwitzt – was auch immer das Ergebnis Ihrer Spekulation ist, Sie können es in jedem Fall gegen mich verwenden), lässt sich an dem Bild festhalten, dass alle außer dem heilig asozialen Künstler und den unheiligen Asozialen da draußen anständig arbeiten.“

Über das Schreiben und Nicht-Schreiben entscheidet man nicht allein. Man kann sich jedoch dafür oder dagegen entscheiden allein als Autor zu leben, oder einem „Brotjob“ nachzugehen, der einem das Schreiben erst ermöglicht. (Vorausgesetzt natürlich man findet einen solchen.) Beide Wege haben ihre Vor- und Nachteile, doch das Risiko einer Künstlerexistenz nachzugehen ist, trotz zahlreicher Förderungen, natürlich ungleich höher.

Und das liegt nicht nur an am unsicheren Einkommen, sondern auch am unsicheren, gesellschaftlichen Status des Autors. Meiner Erfahrung nach kommt die Beschreibung Angelika Meiers dem „bürgerlichen“ Urteil recht nahe, das (noch) immer zwischen Bewunderung und Skepsis (und dort wo die Kunst nicht Teil des Lebens ist: Ablehnung) schwankt. Dass der freie Autor seine Zeit frei zur Verfügung hat stimmt insofern, als dass er seine Arbeitsphasen fast(!) beliebig dehnen oder verdichten kann. Demgegenüber steht jedoch die Tatsache, dass sein Zeitreservoir gleich groß dem des „klassischen“ Arbeitnehmers ist, er aufgrund der Abhängigkeit von Honoraren jedoch mehr Arbeitszeit aufwenden muss um das gleiche Einkommen (*räusper*) zu erzielen. Ein Umstand, der die Trennung von Arbeits- und Freizeit des Autors ein Stück weit obsolet macht. (Aber wer wollte das auch auseinanderklamüsern und vor allem wozu?)

Interessanterweise scheint der Literaturbetrieb bisweilen selbst merkwürdige Vorstellungen vom Dichterleben zu haben. Das zeigt sich vor allem an der ebenso schönen wie problematischen Förderungsmethode des Aufenthaltsstipendiums (also als Stadt-, Schloss-, Insel- oder Hofschreiber auf Zeit in irgendeinem Ort). Auch wenn man „hauptberuflich“ schreibt, Arbeit und Freizeit verschwimmen, hat man eben nicht nur sein Dichterleben. Nicht jeder ist in der Welt unterwegs like a rolling stone (wohl aber zunächst like a complete unknown). Womit also jeder Autor durch dieses Förderungsraster fällt, der seinen Partner und/oder seine Familie nicht mal eben monatelang hinter sich lassen kann (und will!).

Alle Kunst braucht Freiheit und Geld kann einen Beitrag zu dieser Freiheit leisten; aber nicht um jeden Preis. Anja Utler fasst es in ihrem Rundschau-Text Vom Stranden so zusammen: „(Und Freiheit sind nicht diese drei Monate à 700 € alle drei Jahre in irgendeinem Turm in einem Irgendwo, das dann bitte schön auch noch vorkommen soll.)“

Wenn Förderung zwar das Konto füllt, gleichzeitig aber das Leben und die Texte beeinträchtigt, ist sie dann noch förderlich? Ich denke ein Aufenthaltsstipendium kann ein großer Gewinn sein, wenn man in der Lage ist es antreten zu können. 50:50 also. Und 50:50 das Künstlerleben zwischen Pleite und Liquidität, Erfolg und Misserfolg, Zweifel und Selbstvertrauen, Bewunderung und Skepsis. Was das für die Literatur der Zukunft bedeutet weiß ich nicht. Wird schon weitergehen…

EDIT: Dazu noch Jan Kuhlbrodt und Martina Hefter Was wir machen. „Die Freiheit hebt das Prekäre auf.“

Jan Kuhlbrodts Blog Postkultur.


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