Versuch über die Zukunft der Literaturkritik

Es gibt doppelten, oder zumindest anderthalbfachen Anlass, nicht nur über die Literatur, sondern auch über die Literaturkritik der Zukunft nachzudenken.

Der halbe Anlass ist Elke Heidenreichs peinlicher Auftritt im Literaturclub des Schweizer Fernsehens. („DOCH!“, rief sie und knallte das Buch auf den Tisch wie ein beleidigtes Kind, wohl wissend, dass sie im Unrecht war.)

Der wirkliche Anlass ist aber die Diskussionsveranstaltung „Jetzt reden wir!“, die vergangenes Wochenende in Göttingen stattfand und über die BuzzAldrin auf ihrem Blog berichtet.

Ausgehend von beiden „Ereignissen“ stellen sich mir folgende Fragen, die ich skizzenhaft versuche für mich zu beantworten.

Wozu Literaturkritik?

Die Kritik reflektiert ihren Gegenstand, kommentiert und vermittelt ihn. Im Falle der Literatur ist der Kritiker (mit Reich-Ranicki gesprochen) der Anwalt der Literatur, und zwar im juristischen Sinne des „Verteidigers“. Literatur wirkt unmittelbar auf den Leser, ein Verhältnis, dass durch die Kritik jedoch eine zusätzliche Ebene erhalten kann. Der Abgleich des eigenen Leseeindrucks mit dem des Kritikers ist der zweite Schritt zur Reflektion und der erste Schritt zum Diskurs. Reflektion und Diskurs dienen einem geistigen Mehrwert, der v.a. darin besteht im Austausch über den Text mehr über seinen Kontext zu erfahren. Jeder Text, jedes Kunstwerk ist ein Puzzelstein zum Verstehen und Erfahren des Universums. Letztlich dient der Diskurs über Literatur also der allgemeinen (Selbst-)Erfahrung und dem allgemeinen (Selbst-)Verständnis.

Wozu Werturteile?

Das Werturteil in der Literaturkritik muss am Text konkret begründet sein und ist nur dann sinnvoll/zielführend, wenn damit ein Werk in Stoff, Motiv oder Thema exemplarisch (positiv oder negativ) hervorgehoben werden soll (und kann!). Werturteile, die allein vor dem Hintergrund des persönlichen Geschmacks getroffen werden besitzen keinen Mehrwert sind jedoch zulässig, nicht zuletzt des Unterhaltungswertes einer Kritik wegen. (Hier muss der Kritiker, v.a. im Veriss, ein guter Stilist sein!) Diese Urteile sind im engeren Sinne jedoch keine Wert-, sondern eben Geschmacksurteile.

Wer kann/soll/darf Kritiker sein?

Möglicherweise ist der Kritiker, der über eine entsprechende akademische Bildung verfügt im Vorteil wenn es darum geht ein Werturteil zu treffen, denn er müsste von vorn herein einen größeren Kontext im Blick haben und sich nicht allein auf sein Geschmacksurteil verlassen. Dass es hierbei jedoch keinesfalls einen Absolutheitsanspruch geben kann, bewies Georg Diez mit seiner Fehleinschätzung von Christian Krachts Roman Imperium.

Möglichweise ist aber der Literaturblogger im Vorteil, weil er abseits eines Betriebes sein Geschmacksurteil zu einem persönlichen Werturteil bringen kann.

Möglicherweise sind Blogger und Feuilletonisten aber gar nicht gegeneinander auszuspielen, sondern sollten sich zu den unterschiedlichen Ausrichtungen der Medien bekennen, die sie benutzen. Dass wiederum müsste dann aber dazu führen, dass auf Literaturblogs vermehrt über Inhalte und Kontexte der Literatur diskutiert wird. (Über Geschmack lässt sich ja schließlich nicht streiten.) Damit wären wir bei einer interaktiven Form der Kritik angekommen, die das Urteil an sich obsolet machen könnte, weil sie gleich zum Diskurs übergehen würde. Das würde nicht nur eine Neuorientierung der urteilenden Kritik bedeuten, sondern auch der Literaturwissenschaften. Diese könnte auf dem Weg der interaktiven Diskussion dem „gebildeten Laien“ endlich die Hand reichen, indem sie im hierarchiefreien Internet gleichbereichtigt zum kontextuellen Verständnis von Literatur beiträgt.

Die Zukunft der Literaturkritik im Netz bestünde dann also im Austausch über Literatur, in dem der feuilletonistische Blogger federführend ist. Nicht das Urteil, sondern die Erfahrung (die jeder Leser auf individuellem Weg erreicht) würde zum entscheidenden Parameter der Kritik.

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2 Antworten to “Versuch über die Zukunft der Literaturkritik”

  1. Bersarin Says:

    Ganz kurz nur: vielleicht ein andermal mehr zur Literaturkritik: Ich würde Blogger und Literaturkritik des Feuilletons nicht unbedingt gegeneinander in Stellung bringen. Sie ergänzen sich, weisen auf zwei unterschiedliche Möglichkeiten der Kritik. Leider gibt es aber zu wenige gute Literaturblogs, die meisten gelangen über das bloße Empfindungsschreiben nicht hinaus. Ich will nicht wissen, weshalb X oder Y von einem Buch nun so ganz und gar bezaubert oder benommen sind, sondern es gibt (objektive) Ursachen, weshalb mit Grund ein Werk als gelungen bezeichnet werden darf. (Oder eben als Mißlungen.) Und diese Ursachen liegen im Werk selber, nicht in den Empfindungen und den vermeintlich tief-subjektiven Regungen, die sich zumeist als doch sehr ähnlich und gleichförmig erweisen. Durchaus kann in einem solchen ästhetischen Urteile das Subjekt durchschimmern, aber dieses Subjektive auf eine angemessene Weise in den Text einzubringen und als Kritik zu schreiben, ist eine hohe Kunst und erfordert in der Regel, von sich selber absehen zu können. Die Sache zum Sprechen zu bringen. (Den Begriff Werturteil vermeide ich allerdings, er hilft nicht wirklich weiter, weil es nicht um Werte und Wertungen gehen soll, sondern Kritik verfährt im Grunde immanent.)

    Die gekonnte, gelungene Kunstkritik schreibt das Kunstwerk fort und ist selber ein Stück weit Kunstwerk. Wie es bereits die literarische Romantik zum Anfang des 19. Jahrhunderts betrieb. Solches Poetisieren der Kritik kann naturgemäßt das aufs Tagesgeschäft geeichte Feuilleton nicht leisten – höchstens in ganz seltenen Fällen. Zumal es einen relativ homogenen Literaturmarkt gibt, jene Kumpanei zwischen Verlagen und Feuilleton, wo immer dieselben Autoren, dieselben Bücher von denselben Verlagen besprochen werden. Ganz selten nur kommen darin Verlage vor, die nicht allzu bekannt sind. Es sind immer wieder die üblichen Verdächtigen und die üblichen Bekannten: Fischer, Suhrkamp, Wallstein, Rowohlt, Wagenbach. Aber das ist nun wieder ein anderes Thema: nämlich das der Marktgesetze.

    Sich beim Austausch über Literatur auf die individuelle Erfahrung zu beziehen, halte ich aus den oben genannten Gründen für heikel bis gewagt. Und ich hege den Verdacht, daß da nicht viel bei herauskommt. Es sei denn, es handelt sich bei den Bloggerinnen und Bloggern um Schreiber vom Schlage Raddatz, Benjamin, Kraus oder Baumgart. Solche Kombination von Erfahrung und von Kenntnis, von Schreibenkönnen, Essayistik und ästhetischem Spürsinn finde ich in der Blogwelt selten bis gar nicht. Alban Nikolai Herbst ist einer der wenigen Schriftsteller und Blogger, die profund über Literatur schreiben können und dabei dennoch eine ungemein subjektive, auf Literaturerfahrung aufbauende Sichtweise einbringen. Sätze, die vielen nicht besonders gefallen werden.

    • Clarknova Says:

      Gute Einwände, vielen Dank! Die Trennung von Blogger und Feuilleton-Kritiker habe ich aus dem Diskussionsbericht übernommen. Ich will den Graben nicht vertiefen oder die beiden gegeneinander ausspielen. Vielmehr geht es mir um so eine Art Symbiose; eine neue Art des Schreibens über Literatur, die die Tradition der klassischen Moderne wiederaufnimmt. Vielleicht ist ja der akadem. Blogger der Feuilletonist der Zukunft, der wieder an die „Großen“ heranreichen kann? Immerhin sind die Voraussetzungen prima und A.N. Herbst ein gutes Beispiel. Es gibt (noch) keinen Klüngel auf den Blogs. Die Form/das Medium garantiert Freiheit. Die Strahlungen können bis ins klassiche Feuilleton reichen. Dazu muss es aber wirklich zu einer anderen (breiteren) Qualität der Literaturblogger kommen.

      Die Sache mit den Urteilen: Naja, ich lese gerade was über Goethe und Schiller, da bin ich wohl automatisch in die Begriffsfalle gerutscht. Eigentlich geht es mir ja darum das Urteil hintanzustellen um eine tiefere Reflexion über den Text zu erreichen.

      Aber das sind alles unfertige Gedanken…

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