Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Ulf Erdmann Ziegler

Ulf Erdmann Zieglers Rundschau-Beitrag zu den Manifesten einer Literatur der Zukunft heißt Jeder Tag zählt. Und wie der Titel vielleicht schon erahnen lässt, geht Ziegler ebenfalls auf das Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft ein. Es geht ihm dabei aber gar nicht so sehr um das Problem der Zeitlichkeit, und auch nicht um eine kohärente Theorie. Vielmehr reflektiert Ziegler das Schreiben unter verschiedenen Stichworten in kurzen Absätzen.

Eines dieser Stichworte heißt Zeitschlaufe und der dazugehörige Absatz beginnt mit den schönen Sätzen: „Lange hatte ich vor, Literatur zu schreiben, ohne es wirklich zu tun. Ich hatte die Vorstellung, dass eine literararische Geschichte in mir wachsen würde, und ich hörte sie wachsen wie das Gras.“

Vielleicht würde ich es so formulieren: Ich habe einen langen Anlauf genommen, um endlich wieder bei Null anzufangen. Dieses Bild der Zeitschlaufe, es passt, und passt wieder nicht. Denn der Anlauf zu einem Text, vielleicht zum Schreiben überhaupt, kann einem manchmal „unendlich“ lang erscheinen. Ein sich immer wiederholender Zyklus aus Zweifel und Erstarken ohne Aussicht auf ein Abstoppen. Dann wiederum, wenn dieser merkwürdige Moment der Idee (oder wie auch immer man das Initial nennen will) einsetzt, die Bremse gezogen, um sie sofort wieder losschnippen zu lassen. Wenn die ersten Worte getippt sind und der Text sich zu entwickeln beginnt, ist die Schleife durchbrochen. Dann gibt es nur noch das Fortschreiten der Zeilen und der Zeit, nur noch Zukunft (ungewollte Alliterationen nicht ausgeschlossen).

Und dann, irgendwann, ist erstmal Schluss. Wie Ziegler schreibt Zukunft, angehalten. Der Moment in dem der Text fertig ist und einem der vergangene Weg klar wird. (Und wenn einem der Weg des Textes erst danach klar wird, weiß man, dass er nicht komplett gescheitert sein kann. Aber das ist eine andere Geschichte.) Möglicherweise bricht dann die Zeit der Rückschau an, ohne die es, noch mit McCarthy und Benjamin im Hinterkopf, kein Fortschreiten gibt. Doch Ziegler meint: „Dieser Moment, der Erleichterung bringen sollte, ist der gefährlichste. […] Ich glaube, die Rückschau ist so schmerzhaft, weil die Zukunft angehalten wird. Für einen Moment. Für ein Vierteljahr oder so; Lektorat inklusive.“

Die eben noch ehrsehnte Aufhebung des Wechselspiels aus Zweifel und Erstarken bremst jetzt. Neue Schwingungen werden nötig, vielleicht sogar eine neue Schleife, schließlich ein neuer Text.

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