Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Tom McCarthy

In der Neuen Rundschau gibt es ein Offizielles Dokument, in dem der britische Autor Tom McCarthy eine Erklärung zum Begriff „Die Zukunft“ abgibt. Er spricht nicht allein für sich, sondern im Namen der von ihm mitbegründeten International Necronautical Society.

Ähnlich wie Francis Nenik, letzlich aber doch ganz anders, schaut auch McCarthy erst einmal in die Vergangenheit, um seine Theorie zur gegenwärtigen literarischen Avantgarde zu entwickeln. Die Zukunft, soviel düfte klar sein, ist ohne die Geschichte nicht möglich. McCarthy knüpft bei Marinettis Futurismus und seiner ästhetischen Übersteigerung des Automobils als Überwinder der Zeit an. Allerdings führt er die hymnische Begeisterung für alles auf Geschwindigkeit ausgerichtete nicht einfach fort. Für McCarthy markiert der im Zuge des Futurismus ebenfalls ikonisch gewordene Autounfall den Beginn der Zukunft. Doch dort wo der Futurismus glaubt die Zeit überwinden zu können, wird er erst einmal sehr unsanft in die Realität des Raumes zurückgeschleudert.

Der ironische Bruch mit den Futuristen, aber auch der Bruch in der ewig beweglichen Kontinuität wird für ihn zum Wesensmerkmal der Avantgarde. „Die künftige Avantgarde wirft sich selbst aus der Bahn und zelebriert dieses Aus-der-Bahn-Werfen mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit, so als stelle das Aus-der-Bahn-Werfen einen Teil ihrer Raison d’être dar.“

Eine künstlerisch Avantgarde ist also immer das Ende einer Konituität, ist immer das Ende einer Bewegung, ein kurzes Abstoppen, bevor sie eine neue Dynamik aufnimmt. Sie lässt die Zeit für einen Moment stillstehen, durchbricht an diesem Punkt das bisher gültige „Reale“ und geht dann einen großen Schritt weiter. Allerdings leistet die Avantgarde diesen Schritt nicht aus einem Vakuum heraus, sondern (natürlich) aufgrund einer Erfahrung. „Historisch betrachtet, und das ist der springende Punkt, betreten wir keinen neuen Boden, sondern alten Boden auf neuen Wegen“, schreibt McCarthy.

[Die in diesem Zusammenhang von McCarthy geführten Überlegungen zu Walter Benjamins Geschichtsbegriff und Paul Klees Angelus Novus überspringe ich, weil ich hier auf etwas anderes hinaus will. Der Verweis erscheint mir dennoch nicht uninteressant. Ich komme sicher irgendwann nochmal darauf zurück.]

Mit den Worten F. Scott Fitzgeralds nennt McCarthy den Menschen eine „rückwärtsgewandte Wiederholungsmaschine[], die unaufhörlich in die Vergangenheit zurückgetrieben“ wird (also doch Benjamin). Das Durchbrechen dieser Schleife, so verstehe ich McCarthy, kann nur durch einen Crash gelingen. Und dieser Crash, so meine These, muss die Kunst/Literatur selbst sein, die ihre Leser/Betrachter aus dem Gewohnten herausreißt. Folgender Gedanke dazu bei McCarthy, ausgehend von James Graham Ballards gleichnamigen Roman: „[…] dass wir schon längst von Fiktionen umgeben sind (Lifestyle-Modelle, Phantasien, sexuelle Rollen und Identitäten, die allesamt durch die Medien […] auf uns einprasseln); die Aufgabe des Autors [Künstlers allgemein], so behauptet er [Ballard] […], bestünde darin, ‚die Wirklichkeit zu erfinden‘.“

Das ist der Punkt, in dem wir wieder ganz nah bei Neniks Essay sind! [Siehe vorheriger Beitrag.] Denn hier wird nicht nur die Geschichte erfunden, sondern damit auch (bis zur eindeutigen Widerlegung des Textes) die Wirklichkeit. Damit steht das Angebot seitens der Literatur, dem Leser eine Alternative anzubieten, die nicht von vorn herein durch einen Fiktionsvertrag geschwächt ist und zumindest die Möglichkeit einer anderen Welt, einer anderen Wirklichkeit im „Realen“ in Aussicht stellt. Eine Literatur, oder besser eine literarische Form, die so etwas zu leisten im Stande ist, ist für mich eine Literatur der Zukunft.

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