Vaters Ritual – Zu einem Gedicht von Lars Reyer

Lars Reyer – Makrelen

 

Zu Tisch die eingeölten Schlagzeilen

vom anderen Tag, die Doppelseiten glänzten,

kaum dass auf den Agenturen-Fotos

noch Gesichter zu erkennen waren, stumm

lagen die Makrelen auf Papier, dem Schlafe nah,

so sah das aus, noch nicht entgrätet,

die Bronzebäuche schnitt der Vater

mit dem Messer auf, du trautest dich nicht ran

an die Wesen mit den Blicken voller Salz

& Schrecksekunden.

Durchsichtigkeit, nur Fetzen stiegen auf

aus Öl & Druckerschwärze, schaumdumpfe

Zeitungsworte, wie eine letzte Brandung,

versiegelt in dem toten Fisch: roter Sand

von diesseits des Dnjeprs, der lag dann morgens

auf den Motorhauben, mit dem Finger

schriebst du deinen Namen ein, zwei Kreuze noch,

ein Pentagramm, das war der Bann,

der helfen sollte gegen Stimmen (Kiemen).

Mit dem Ärmel ging der Vater übern Mund,

doch die Flüsterungen blieben, er schob

die Reste von sich weg, Kopf & Schwanz noch unversehrt

& du erkanntest an dem Schimmer in den Augen

die Willenskraft, den aussichtslosen Flucht-

versuch. Nicht gegen böse Geister

rieb er sich die Hände ab

mit Mandarinenschalen.

 

(aus: Lars Reyer – Magische Maschinen. Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2013.)


Vaters Ritual

Ob wir uns zum Abendbrot eine Makrele teilen wollen, hab ich sie gefragt. Sie sagte ja, aber du musst das Viech zerlegen. Hat dein Vater abends nie eine Makrele gegessen, hab ich sie gefragt. Sie sagte nein, bei uns war das absolut unüblich.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Vater manchmal am Esstisch saß und mit sorgfältiger Geste eine alte Zeitung ausbreitete. Darauf legte er ein Holzbrettchen und ein scharfes Messer, das bei uns schon immer „Chefmesser“ hieß. Dann befreite mein Vater den geräucherten Fisch aus der Folie und sobald sich sein Geruch in der Küche verbreitete, ließ sich vom Gesicht meines Vaters eine fast kindliche Vorfreude ablesen. Wenn er dann Kopf und Schwanz vom Fischkörper trennte und den „Bronzebauch“ aufschnitt, verzog meine Mutter manchmal das Gesicht und ich starrte wie gebannt auf „dieses Wesen“, von dem ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass es einmal im Wasser geschwommen ist. Mein Vater sprach dabei kein Wort.

Mein Vater hat einmal im Monat eine Makrele gekauft und das Essen wie eine heilige Messe zelebriert, hab ich ihr gesagt. Sie sagte, du wirst deinem Vater immer ähnlicher.

Lars Reyers Makrelen ist ein Gedicht des Erinnerns, dessen „du“ ein starkes Identifikationspotential besitzt. Bei mir erzeugt es ein präzises Erinnern. Zumindest halte ich es für präzise, weil sich die Erinnerung mit einem privaten Ritual abgleichen lässt, das über die Zeit Bestand in meinem Leben hat. Das Ritual ist ein dankbarer Erinnerungsträger. Es hilft die verwischten Bilder in Zusammenhänge einzuordnen, weiß, was es mit der ölverschmierten Zeitung auf sich hat, lässt durch das halbdurchsichtige Papier blicken. Bei Reyer eröffnet das Ritual der Makrele einen Erinnerungsraum, der gleichzeitig auch Imaginationsraum ist, in dem noch andere Rituale zelebriert werden. In roten Sand schreibt das „du“, das den Fisch skeptisch musterte, ein Pentagramm, um den Geist des Tieres zu bannen. Hier liegen der heilige Ernst der Kinderspiele und der des Vaters beim Verspeisen der Makrele dicht beieinander.  Wenn die Fischreste in Zeitung eingewickelt und entsorgt werden, ist das Ritual des Vaters vorbei. Der Imaginationsraum des Kindes aber bleibt, genau wie das Erinnern.

Ob er heute noch manchmal Makrele esse, hab ich ihn gefragt. Er sagte, nein, eigentlich kaum noch.

Wenn ich heute eine Makrele zerlege, muss ich unweigerlich an meinen Vater denken. Ich versuche mich an die Abfolge seines Rituals zu erinnern. Ich trenne zuerst Kopf und Schwanz vom Fischkörper und lege sie beiseite, weil mich die „Blicke voller Salz & Schrecksekunden“ auch heute noch beeindrucken und das, obwohl eine geräucherte Makrele gar keine Augen mehr im eigentlichen Sinne hat. Meine Freundin brät manchmal eine Dorade. Das könnte ich nicht, weil bei küchenfertigen Doraden die Augen noch glasklar im Kopf stecken. Ich kann den Blick des Tieres, das ich zubereite nicht ertragen, mag er auch noch so ausdruckslos sein. Eine Spur von „Willenskraft“ und „aussichtslosem Kampf“ kann ich darin immer finden. Das mag auch daran liegen, dass meine Mutter früher nie eine Dorade gebraten hat.

Es gibt Familienrituale, die bleiben eben hängen, die vererben sich oder man führt sie unbewusst weiter, hab ich ihr gesagt. Sie fragte, wann wirst du eigentlich Vater sein?

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2 Antworten to “Vaters Ritual – Zu einem Gedicht von Lars Reyer”

  1. adkacologne Says:

    Wird Zeit, mal wieder eine zu essen. Ich erfreue mich immer an den ungläubigen Augen der Kinder, wenn ich es tatsächlich tue, wenn ich diesen goldschimmernden Fisch tatsächlich zerlege und esse!

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