Archive for März 2014

November und du (melancholia-Mix)

31. März 2014

November und du


zählst wie immer die Jahreszeiten:
Frühling, Sommer, Selbstmordmonat
im Winter wird wieder Licht aber
deine Spur geht einen anderen Weg


es zieht dir an deinen Zehen
der gestern noch Freund war ist fort
kein Zuhause und kein Suchen mehr
nur dieser feldschwarze Findling du


und November


Remix des Gedichts „NOVEMBER UND DU“ von Crauss aus dem Band LAKRITZVERGIFTUNG, Verlagshaus J. Frank, Berlin 2012.

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Crime Scene

18. März 2014

Truman zog den Revolver und schoß ihm ohne zu zögern in den Hinterkopf. Die Wucht der Kugel riß Henry zu Boden. Neben ihm die Arme sahen aus, als wolle er sich noch einmal aufrichten. Die Zigarette, die er eben erst angezündet hatte, wurde von der langsam sich über die Dielen schiebenden Blutlache gelöscht.

Gastbeiträge #1 und #2 – Zwei oder drei Worte zum Leipziger Bier

9. März 2014

Im Übrigen bin ich auch Hobbybrauer. Über das Brauen und Bierkultur ließe sich eine ganze Menge bloggen. Da ich die Novastation aber nicht ganz und gar zu einem virtuellen Kramladen machen will, habe ich das hier bisher unterlassen. Stattdessen habe ich jetzt einen Gastbeitrag für das Germanistinnenwerk geschrieben. Es handelt sich dabei um einen Kommentar zu einer Sonderseite der Leipziger Volkszeitung, die mehr schlecht als recht über die Leipziger Brautradition berichtete. Das kommentierten auch die Jungs von BIER IN LEIPZIG.

Das Blog Germanistinnenwerk kann ich Film-, Literatur- und Leipzigliebhabern auch generell empfehlen. 🙂

EDIT: Außerdem habe ich hier über die Indiebrew UG geschrieben, die in Leipzig das so genannte Industriebier und das Totengräber Schattenbier vertreibt – nicht braut.

Schlusssatz eines Textes, der noch geschrieben werden muss. Variationen über Lewitscharoff

7. März 2014

V.1

Noch Jahre später wünschte sie sich lieber in einem Nazibordell als einem Reagenzglas gezeugt worden zu sein.

V.2

Noch Jahre später war sie überzeugt, dass es besser sei in einem Nazibordell gezeugt worden zu sein, als in einem Reagenzglas.

V.3

Noch Jahre später war sie davon überzeugt, es sei besser in einem Nazibordell gezeugt worden zu sein, als in einem Reagenzglas.

V.4

Es kostete sie einige Überwindung, doch schließlich legte sie ihre Hand mit festem Griff an sein Kinn. Sie blickte dem Halbwesen hart in die Augen und sagte: „Ich wünschte du wärst in einem Nazibordell gezeugt worden, statt in einem Reagenzglas.“

V.5

Sie sah dem Halbwesen von oben auf den Scheitel. Ihr Mund war nurmehr ein schmaler Strich aus dem ihr Ekel einen letzten Satz hervorpresste. „Ich wünschte du wärst in einem Nazibordell gezeugt worden, statt in einem Reagenzglas.“

Vaters Ritual – Zu einem Gedicht von Lars Reyer

6. März 2014

Lars Reyer – Makrelen

 

Zu Tisch die eingeölten Schlagzeilen

vom anderen Tag, die Doppelseiten glänzten,

kaum dass auf den Agenturen-Fotos

noch Gesichter zu erkennen waren, stumm

lagen die Makrelen auf Papier, dem Schlafe nah,

so sah das aus, noch nicht entgrätet,

die Bronzebäuche schnitt der Vater

mit dem Messer auf, du trautest dich nicht ran

an die Wesen mit den Blicken voller Salz

& Schrecksekunden.

Durchsichtigkeit, nur Fetzen stiegen auf

aus Öl & Druckerschwärze, schaumdumpfe

Zeitungsworte, wie eine letzte Brandung,

versiegelt in dem toten Fisch: roter Sand

von diesseits des Dnjeprs, der lag dann morgens

auf den Motorhauben, mit dem Finger

schriebst du deinen Namen ein, zwei Kreuze noch,

ein Pentagramm, das war der Bann,

der helfen sollte gegen Stimmen (Kiemen).

Mit dem Ärmel ging der Vater übern Mund,

doch die Flüsterungen blieben, er schob

die Reste von sich weg, Kopf & Schwanz noch unversehrt

& du erkanntest an dem Schimmer in den Augen

die Willenskraft, den aussichtslosen Flucht-

versuch. Nicht gegen böse Geister

rieb er sich die Hände ab

mit Mandarinenschalen.

 

(aus: Lars Reyer – Magische Maschinen. Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2013.)


Vaters Ritual

Ob wir uns zum Abendbrot eine Makrele teilen wollen, hab ich sie gefragt. Sie sagte ja, aber du musst das Viech zerlegen. Hat dein Vater abends nie eine Makrele gegessen, hab ich sie gefragt. Sie sagte nein, bei uns war das absolut unüblich.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Vater manchmal am Esstisch saß und mit sorgfältiger Geste eine alte Zeitung ausbreitete. Darauf legte er ein Holzbrettchen und ein scharfes Messer, das bei uns schon immer „Chefmesser“ hieß. Dann befreite mein Vater den geräucherten Fisch aus der Folie und sobald sich sein Geruch in der Küche verbreitete, ließ sich vom Gesicht meines Vaters eine fast kindliche Vorfreude ablesen. Wenn er dann Kopf und Schwanz vom Fischkörper trennte und den „Bronzebauch“ aufschnitt, verzog meine Mutter manchmal das Gesicht und ich starrte wie gebannt auf „dieses Wesen“, von dem ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass es einmal im Wasser geschwommen ist. Mein Vater sprach dabei kein Wort.

Mein Vater hat einmal im Monat eine Makrele gekauft und das Essen wie eine heilige Messe zelebriert, hab ich ihr gesagt. Sie sagte, du wirst deinem Vater immer ähnlicher.

Lars Reyers Makrelen ist ein Gedicht des Erinnerns, dessen „du“ ein starkes Identifikationspotential besitzt. Bei mir erzeugt es ein präzises Erinnern. Zumindest halte ich es für präzise, weil sich die Erinnerung mit einem privaten Ritual abgleichen lässt, das über die Zeit Bestand in meinem Leben hat. Das Ritual ist ein dankbarer Erinnerungsträger. Es hilft die verwischten Bilder in Zusammenhänge einzuordnen, weiß, was es mit der ölverschmierten Zeitung auf sich hat, lässt durch das halbdurchsichtige Papier blicken. Bei Reyer eröffnet das Ritual der Makrele einen Erinnerungsraum, der gleichzeitig auch Imaginationsraum ist, in dem noch andere Rituale zelebriert werden. In roten Sand schreibt das „du“, das den Fisch skeptisch musterte, ein Pentagramm, um den Geist des Tieres zu bannen. Hier liegen der heilige Ernst der Kinderspiele und der des Vaters beim Verspeisen der Makrele dicht beieinander.  Wenn die Fischreste in Zeitung eingewickelt und entsorgt werden, ist das Ritual des Vaters vorbei. Der Imaginationsraum des Kindes aber bleibt, genau wie das Erinnern.

Ob er heute noch manchmal Makrele esse, hab ich ihn gefragt. Er sagte, nein, eigentlich kaum noch.

Wenn ich heute eine Makrele zerlege, muss ich unweigerlich an meinen Vater denken. Ich versuche mich an die Abfolge seines Rituals zu erinnern. Ich trenne zuerst Kopf und Schwanz vom Fischkörper und lege sie beiseite, weil mich die „Blicke voller Salz & Schrecksekunden“ auch heute noch beeindrucken und das, obwohl eine geräucherte Makrele gar keine Augen mehr im eigentlichen Sinne hat. Meine Freundin brät manchmal eine Dorade. Das könnte ich nicht, weil bei küchenfertigen Doraden die Augen noch glasklar im Kopf stecken. Ich kann den Blick des Tieres, das ich zubereite nicht ertragen, mag er auch noch so ausdruckslos sein. Eine Spur von „Willenskraft“ und „aussichtslosem Kampf“ kann ich darin immer finden. Das mag auch daran liegen, dass meine Mutter früher nie eine Dorade gebraten hat.

Es gibt Familienrituale, die bleiben eben hängen, die vererben sich oder man führt sie unbewusst weiter, hab ich ihr gesagt. Sie fragte, wann wirst du eigentlich Vater sein?

This is the end

2. März 2014

Allen Freunden der Apokalyptik sei die neue Kritische Ausgabe #26 anempfohlen. Darin fast ausschließlich Beiträge zum Thema „Ende“ inkl. eines Aufsatzes von mir zum Konzeptalbum Year Zero von Nine Inch Nails. Ab sofort vorbestellbar, voraussichtlicher Erscheinugstermin ist der 15.3.2014.


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