Vom Abbrechen der Feder

Kurze Gedichtentwürfe schreibe ich mit der Hand. Längere Prosaentwürfe schreibe ich hingegen vor allem mit einer mechanischen Schreibmaschine (Olympia SM2). Und obwohl ich den Sound der Mechanik so liebe, hat das nicht in erster Linie nostalgische Gründe, sondern eher praktische. Eine Schreibmaschine hat keinen Internetanschluss und sorgt dafür, dass ich mich beim Schreiben tatsächlich auf den Text konzentrieren kann. Am Computer, der mich dazu verführt in jedem stockenden Moment Dinge nachzuschlagen, zu recherchieren oder bloß E-Mails zu checken, plottet es nicht; zumindest nicht so, wie auf der Schreibmaschine.

Ich beneide Schriftsteller, die mir in Disziplin und Konzentration überlegen sind. So auch Elfriede Jelinek, die sich in einem Interview mit Ingo Niermann ausführlich zur Digitalisierung des Schreibens und des fertigen Textes äußert. „Ich bin nicht leicht ablenkbar.“, antwort die Nobelpreisträgerin auf die Frage, ob das Internet sie vom Lesen und Schreiben abhält. So gelingt es ihr, das Tippen als organische Tätigkeit auszuführen, die dem Denken selbst gleichkommt. „Der erste Schritt des Schreibens ist schreiben, nicht denken.“, sagt William Forrester (gespielt von Sean Connery) in Finding Forrester. Vielleicht ist das die einzig mögliche Herangehensweise, die ich versuche mit der Schreibmaschine umzusetzen. Die Schreibmaschine, deren Name allein wie ein Versprechen klingt. Meine antiquierte Schrulle ist also eher die Suche nach einer Methode.

Und wenn der Text dann steht, steht er; wenn auch manchmal auf wackeligen Füßen. Als Typoskript (Rohfassung, die ihrem Namen meist gerecht wird), als überarbeitetes Manuskript, schließlich als lektorierter Text. Drei Schritte, drei Medien: von der handschriftlichen Notiz, über den mechanischen Entwurf, zum digitalen Text. Und Schluss?

Elfriede Jelinek veröffentlicht ihre Texte nur noch digital auf ihrer Homepage – und nutzt die Möglichkeit sie immer wieder verändern bzw. anpassen zu können. Ältere Fassungen werden vernichtet, der Schreibprozess verwischt. Bei Jelinek gibt es nur noch Endfassungen. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart. Die Schokoladenration wird nicht um 5 Gramm gekürzt, sondern auf 25 Gramm erhört. Das Privileg des Autors, der seine Texte nicht mehr in die Hände von Verlegern gibt, ist es, total über seinen Text zu verfügen, so wie der Text vielleicht über den Autor verfügte (Esoterikfalle), als er ihn mechanisch oder digital abtippte.

Siehe auch: Schreiben als Kulturtechnik

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