Archive for Oktober 2013

Redmer Hoekstra (via flickr)

23. Oktober 2013
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ständig wiederkehrender Gedanke zum Thema „Auflösen/Verschwinden“

19. Oktober 2013

der Mensch im Existenzialismus = die Summe seiner Taten

der Mensch im Digitalismus = die Summe seiner Daten

Passport to Hades

15. Oktober 2013

Frank T. Zumbachs Mysterious World

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Gold tablet written in ancient greek found in a womanʹs grave – VI century b.C. – in a large necropolis near Hipponion (Vibo Valentia) in southern Italy, with a message to the dead:

Here is the passcode of Memory.  When you die
you go to the vast halls of Hades; a spring is on your right,
and by it stands a shining cypress tree
where the descending souls of the dead refresh themselves.
Stay away from that spring!
Further on you’ll find refreshing water
flowing from the lake of Memory.
Guardians stand by.
They will ask you sharply,
what you seek in the dank shadows of Hades.
Say: ʺI am a child of Earth and starry Heaven
and I’m parched perishing with thirst.  Give me now
refreshing water to drink from the lake of Memory.ʺ
They’ll speak to the king of the underworld,
then they’ll give you to drink from…

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Ein Buch wie das Gewimmel der Großstadt

3. Oktober 2013

Es gibt wohl kaum eine Stadt auf dieser Welt, die mit so vielen Klischees behaftet ist wie Paris. In der Stadt der Liebe isst man Croissants in einem schnuckeligen Café in Montmartre, besucht den Louvre und schlendert über die Champs-Élysées. Nicht zuletzt wegen solch romantischer Vorstellungen hat die Seine-Metropole weltweit zahlreiche Verehrer und gilt als heimliche Hauptstadt Europas. Will man etwa in einem amerikanischen Film verdeutlichen, dass man sich gerade auf dem alten Kontinent befindet, lässt man im Bildhintergrund einfach den Eiffelturm erscheinen. Paris wirkt vertraut, man hat sofort ein klares Stadtbild vor Augen. Wie sehr oder wie wenig sich diese Vorstellungen jedoch mit der Wirklichkeit decken, steht freilich auf einem anderen Blatt. Besonders wenn es um „das alte Paris“ geht, scheint die verkitschte Phantasie kaum Grenzen zu kennen, was uns zum Beispiel Woody Allen in seinem Film Midnight in Paris (2011) eindrucksvoll bewies. Das darbende Künstlerleben am Existenzminimum wird angesichts des malerischen Montmartre oft zu einem paradoxen Ideal erhoben. Das Viertel selbst vermarktet sich seit Jahren in diese Richtung. Vom wahren Künstlerleben hat der Tourismus hier kaum etwas übrig gelassen. Die junge Kunstszene ist mit ihren Ateliers und Galerien längst über die ganze Stadt verteilt; wo immer die Mieten halbwegs bezahlbar sind. „Ein Fest für’s Leben“, hat Hemingway die Stadt einmal genannt. Was auch immer man davon halten mag: Paris ist und bleibt ein Traum.

Davon, wie viele Geschichten und Legenden, fernab von Kitsch und Klischee, diese traumhafte Stadt in sich trägt, kann man sich überzeugen, wenn man Jacques Yonnets Rue des Maléfices liest. Das Buch, das 1954 erstmals unter dem Titel Enchantements sur Paris in Frankreich erschien, kann man getrost als Hauptwerk des hierzulande noch weitgehend unbekannten Schriftstellers, Dichters, Journalisten, Zeichners und Historiographen bezeichnen. An dieser „geheimen Chronik einer Stadt“ arbeitete Yonnet über dreizehn Jahre, dennoch kam Rue des Maléfices nie zu einem vollständigen Abschluss. Die Lebensaufgabe, ein möglichst vollständiges und detailliertes Portrait des alten Paris mit seinen Straßen, Gassen, Legenden und Bewohnern zu schaffen, konnte nur durch den Tod des Autors im Jahre 1974 zu einem Ende kommen.

Jacques Yonnet 1935

„Das alte Paris“ meint im Falle Yonnets jedoch weniger eine zeitliche, als vielmehr eine räumliche Eingrenzung der Stadt auf eines seiner ältesten Viertel, dem Quartier Latin am linken Seineufer. Die Geschichte seiner Bebauung reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Noch zur Zeit der Besatzung durch die Deutschen in den 1940er Jahren war der mittelalterliche Charme des traditionellen Intellektuellenviertels spürbar. Die Zeit der Occupation und die ersten Jahre der wiedererrichteten Republik bilden auch den Rahmen für Yonnets Buch, das jeder Gattungsbeschreibung spottet. Das als Roman angekündigte Werk ist vielmehr ein überraschend homogenes Sammelsurium von Mythen, Legenden, Anekdoten, Kurzgeschichten und Erinnerungen. Ihre Protagonisten sind weder Künstler noch Wissenschaftlicher im engeren Sinne, dabei wohnte Picasso in dieser Zeit sozusagen um die Ecke.

Yonnet portraitiert stattdessen das Leben der Clochards und Huren, der Handwerker und Résistancekämpfer – in Wort und Bild. Sein Paris ist kein romantisches, wenngleich seine Schilderungen wie aus einer märchenhaften Zeit daherkommen. Vom Kriegsgeschehen erfährt der Leser relativ wenig. Im Fokus stehen magische und mythische Ereignisse, Sagen und Legenden, die sich um die Straßen und Häuser zwischen Place Maubert und der Rue Mouffetard ranken. So zum Beispiel die geisterhafte Erscheinung des „Alten nach Mitternacht“, der sich „nicht jedem Dahergelaufenen“ zeigt und nicht gerufen werden kann. Er taucht auf und verschwindet, wenn alle Anwesenden mit anderen Dingen beschäftigt sind, sodass man nie weiß, woher er kommt und wohin er geht. Ist er jedoch da, wird er vor allem von Streitenden gern als Schlichter befragt. „Und sein Wort wird als Urteil in letzter Instanz angesehen.“ Der Alte nach Mitternacht ist eine typische Figur im archaischen Kosmos Jacques Yonnets. Als Weiser, der nur zur Geisterstunde auf den Plan tritt, wirkt er nicht wie eine reale Person aus dem 20. Jahrhundert. Man meint er gehöre als Rabbi ins mittelalterliche Prag, den Golem zu bändigen.

Der Erzähler versteht sich in fast allen Episoden als berichtendes Neutrum, dessen Anliegen es ist die gegenwärtigen und vergangenen Geschichten zu sammeln. Ein Archiv seiner Stadt ist sein Ziel. Er beteuert: „Es geht hier keineswegs um erfundene Personen, noch um Geschichten, die allein der Vorstellungskraft des Erzählers entstammen – der ebenso gut irgendein anderer hätte sein können.“ Es besteht kein Zweifel daran, dass Yonnet mit diesem Erzähler ein Spielchen treibt. Der Leser kann sich nie sicher sein, welche Episode authentisch, verändert oder schlichtwegerdichtet ist. Die Erlebnisse des Erzählers in der Résistance scheinen sich in etwa mit denen Yonnets zu decken. Bemerkenswerterweise geht es um diese jedoch nur am Rande, denn schon kommt der Erzähler wieder vom Weg ab und beschreibt den Exorzismus eines Mädchens, das unter dem Voodoo-Zauber einer Puppe aus Schiffswrackholz steht. Wie genau der Exorzismus gelang, darf er jedoch nicht verraten, so rechtfertigt der Erzähler so manche Leerstelle, wann immer seine Ausführungen ins allzu Metaphysische gehen. Erinnerungen an Schillers Geisterseher werden wach.

Foto: Eugène Atget, 1913

In ihrem Nachwort weißt die Übersetzerin Karin Uttendörfer auf die zahlreichen Schwierigkeiten bei der Edition und Übertragung von Yonnets Werk hin. Man glaubt es ihr sofort. Als kaleidoskopische Chronik eines verschwundenen Paris changiert der Band nicht nur zwischen Fakten und Fiktionen. Er springt durch alle Zeitalter, die die Seinemetropole gesehen hat, und streut eine kaum zu überblickende Zahl an Figuren, Personen, Schauplätzen und Erzählungen ein. So wirkt Rue des Maléfices manchmal wie der Versuch eines Bauplans für „das Paralleluniversum mittelalterliches Paris 1210-1950“. Das ist durchaus nicht als Warnung, sondern als dringende Einladung zu verstehen. Wer Rue des Maléfices liest, wird einen sprachgewaltigen Autor kennenlernen und eine Stadt, die jedermann zu kennen glaubt, mit völlig neuen Augen sehen.

Jacques Yonnet: Rue des Maléfices – Straße der Verwünschungen. ISBN: 978-3-88221-555-7, 34,90 €, Matthes & Seitz, Berlin 2012.

Zuerst erschienen auf fixpoetry.com.


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