Lob der Kritik – Zum Tod Marcel Reich-Ranickis

In meiner Schulzeit war Marcel Reich-Ranicki eine wichtige Person für mich. An seinen Essays habe ich mich ein ganzes Stück weit durch die deutsche Literatur gelesen. Sein Kanon war zunächst auch mein Kanon, bis ich anfing experimenteller, weitläufiger zu lesen. Durch MRR habe ich Interesse am Feuilleton gefunden und Tageszeitungen aboniert. MRR war für mich nicht der, aber doch ein wichtiger Zugang zur Welt der Literatur.

Dieser Text ist kein Nachruf, weil er zu viel von mir spricht, als über den Verstorbenen. Gute Nachrufe finden sich in den großen Tageszeitungen.

Ich weiß nicht wie ich es anstellen soll, habe aber auch irgendwie das Bedürfnis über MRR zu schreiben. Vielleicht tue ich das irgendwann nochmal in einem „richtigen“ Essay. Bis dahin möchte ich hier einen Kommentar von mir rebloggen, den ich Ende Juli auf Jan Kuhlbrodts Blog hinterlassen habe, als es um den Nutzen von negativer Literaturkritik ging.

„ich finde ja man schadet der literatur mehr, wenn man gar nicht über sie spricht, als wenn man schlecht über sie spricht. ich denke, in sachen literatur gilt wirklich: any publicity is good publicity.
die negativen kritiken abzuschaffen forderte schon der alte goethe mit einiger vehemenz. später übrigens auch goebbels. dabei stellt sich natürlich die frage, welche anforderungen man an die literaturkritik stellt. wenn es um die suche nach dem exemplarischen geht, ist eine wertung (ob positiv oder negativ) unausweichlich. hier hat v.a. auch der verriss seine daseinsberechtigung, da er aufzeigen kann, wie literatur nicht funktioniert. allerdings muss der verriss auch stets wasserdicht begründet sein, was ihn zur heimlichen königsdisziplin der kritik macht. zu loben ist leicht. klug zu tadeln ist schwierig; und es geht nur klug d.h. konstruktiv, weil alles andere nichts weiter wäre als platte ans-bein-pisserei.
ich kann zu diesem thema wirklich reich-ranickis “lauter verrisse” empfehlen. darin v.a. den einleitenden essay “bemerkungen über literaturkritik in deutschland”.
stellt man natürlich das werturteil hintan oder lehnt es von vorn herein ab, sind eure (jans und martins) positionen zu verstehen. die frage ist dann aber, welchen mehrwert hat die rezension für den leser, wenn sie keine stellung bezieht. der leser von rezensionen will doch wissen: ist ein buch (in den augen des geübten leseres XY) “gut” oder “schlecht”. ist eine besprechung ohne wertung überhaupt noch eine kritik oder nicht eher die essayistische meditation über einen leseeindruck?
soll die rezension nicht der orientierung dienen? (ich frage – ich weiß es nicht.)
oder kann man nicht einfach olli schulz zustimmen: “wenn etwas scheiße ist, dann kann man auch mal sagen, dass es scheiße ist.”“

MRR war kein Papst, nicht unfehlbar und schon gar kein zerstörerischer Verreiser. Gerade weil ihm die Literatur so am Herzen lag, hat er mit Vehemenz für sie gestritten – und wusste auch fabelhaft zu loben, was oft vergessen wurde und wird. Dass er dabei auch manches Mal über die Stränge schlug stimmt. So ist das eben mit den Leidenschaften.

Marcel Reich-Ranicki 1920 – 2013

Eine große Persönlichkeit des deutschen Kulturlebens ist von uns gegangen.

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Eine Antwort to “Lob der Kritik – Zum Tod Marcel Reich-Ranickis”

  1. WORTlieb Says:

    Danke für diesen Nachruf, hab ihn gerne gelesen.
    „Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit des Kritikers“, laut MRR.
    Wenn es um eine Sache geht, ist leidenschaftlicher Streit sehr ehrlich. Nachtragende Menschen sind hierbei fehl am Platz.
    Ich achte ihn und seine Arbeit sehr. Auch ich rufe ihm nach: http://wortlieb.wordpress.com/2013/09/19/marcelreichranicki/

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