Ein Höllenspaß

Es gibt in der Hölle nur einen halbwegs sicheren Ort: ein spießiges Einfamilienhaus hinter einem weißen Gartenzaun. Darin wohnt kein geringerer als der Okkultistenpapst Aleister Crowley und er trägt natürlich seinen dreieckigen Hut mit dem Symbol des allsehenden Auges. Wer jetzt schon das erste Mal gelacht hat, gehört definitiv zur Zielgruppe von Michael Meiers Dante-Adaption Das Inferno. Doch keine Sorge – auch diejenigen, die den britischen Schriftsteller Crowley nicht kennen, werden mit diesem Comic einen Höllenspaß haben.

Der Comiczeichner und Illustrator Michael Meier ist Mitbegründer des 2007 in Kassel (!) entstandenen Independent-Verlags Rotopolpress. Für sein Debut Die Menschenfabrik wurde er 2009 als Best Comic Newcomer der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet. Das Inferno erschien zwischen August 2010 und Juli 2011 zunächst als täglicher Comicstrip in der Frankfurter Rundschau. In Buchform liegt mittlerweile schon die zweite Auflage des Erfolgstitels vor und man wünscht Meier noch mindestens so viele weitere Auflagen wie Dantes Hölle Kreise hat.

Mit Das Inferno übersetzt Meier einen der bedeutendsten Klassiker der Weltliteratur in einen relativ klassischen Comic. Es gibt zwei sympathische Helden, die auf einer gefährlichen Reise allerlei Abenteuer erleben. Es gibt das klassische Stripformat, das aus drei bis vier Einzelbildern besteht, dementsprechend pointiert ist und Gags am laufenden Band abspult. Es gibt Anspielungen auf Lucky Luke und der Humor erinnert oft stark an die Asterix-Hefte von Alberto Uderzo und René Goscinny. Meier nimmt den Titel von Dantes Commedia sehr wörtlich und liefert einen breiten popkulturellen Anspielungskatalog, in dem Silvio Berlusconi ebenso wenig fehlen darf wie Iron-Maiden-Maskottchen Eddie oder Chris de Burgh. Letzterer ist im Übrigen der Einzige, der es mit seinem Don’t pay the ferryman immer wieder schafft die Hölle zum beben zu bringen.

Zugegeben, der Humor in Das Inferno ist nicht immer ausgefeilt und bewegt sich nicht auf durchgehend hohem Niveau. Das liegt aber auch daran, dass Meiers Höllendarstellung vor allem von gegenwärtigen Personen und Ereignissen geprägt ist. Was bleibt einem da anderes übrig als Berlusconi durch den Kakao zu ziehen und sich über iPhones lustig zu machen? Moritz Honert hatte in seiner Rezension im Tagesspiegel bereits darauf hingewiesen, was einem dämmert, wenn man Meiers Comic liest. Die Hölle sind eben nicht die anderen, sondern wir selbst.

Bei aller Modernisierung und Funktionalisierung des italienischen Klassikers zur Gegenwarts- und Gesellschaftskritik behandelt Meier das 700 Jahre alte Werk nicht respektlos. Er hält sich im Gegenteil sehr genau an den Ablauf des Plots, steigt geduldig mit Vergil und Dante Kreis um Kreis und Graben für Graben bis zu Luzifer höchstpersönlich hinab. Dass es auf dem Weg dorthin kein Vorbeikommen an Hitler und Pinochet, gewissenlosen Bänkern und einem Atommüllendlager gibt, scheint aus der Sicht des Lesers im 21. Jahrhundert nur logisch. Genauso wie die Tatsache, dass Meiers Dante kein lorbeerbekränzter Dichter im roten Gewand ist, sondern mit Vollbart, weißem Unterhemd und Turnschuhen durch die Hölle stampft. Auch Vergil erfährt in Das Inferno eine raffinierte Umdeutung. Meier lässt ihn als Schakal auftreten, der in der ägyptischen Mythologie als Seelenbegleiter im Reich der Toten gilt.

Spaß, Klamauk und weitererzählende Neuinterpretation – all das bietet Michael Meiers Das Inferno unterm Strich. Ein kunterbunter, wirklich lohnender Höllentrip.

 

Michael Meier – Das Inferno. 2. Auflage, ISBN: 978-3-940304-35-3. 19,-€, Rotopolpress, Kassel 2013.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf fixpoetry.com.

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