Philipp Lahm 100

Wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft heute Abend in München gegen Österreich zum WM-Qualifikationsspiel aufläuft, wird es für Philipp Lahm das 100. A-Länderspiel sein. Obwohl meine Erwartungen an die Nationalmannschaft nicht mehr allzu hoch sind (dazu vielleicht im kommenden WM-Sommer mehr), möchte ich den Anlass nutzen um ein paar Gedanken zum Kapitain der Mannschaft und des FC Bayern loszuwerden (außerdem habe ich schon lange nicht mehr über Fußball gebloggt).

Quelle: Wikipedia

Philipp Lahm ist sicher einer der bekanntesten Fußballspieler überhaupt, seine Popularität finde ich hingegen nur schwer einschätzbar. Das mag zum einen daran liegen, dass Verteidiger im Allgemeinen nicht zu den größten Stars dieses Sports gehören (von einigen prominenten Ausnahmen natürlich abgesehen). Zum anderen ist Lahm sicher ein streitbarer Charakter, obwohl auch das irgendwie merkwürdig klingt, denn wie kein zweiter steht Philipp Lahm im gegenwärtigen Fußballbetrieb für Sachlichkeit, Disziplin und Professionalität. Man könnte aber auch sagen: für Langeweile. Das hat ihm den zweifelhaften Ruf als Klassensprecher des deutschen Fußballs eingebracht.

Dennoch fiel Lahm in der Öffentlichkeit das ein oder andere Mal durch Äußerungen auf, die ihm nicht nur Sympathien einbrachten. Als es zu Beginn der Amtszeit von Louis van Gaal (Herbst 2009) nicht rund lief beim FC Bayern, übte Lahm in einem Interview mit der Süddeutschen offen Kritik am Verein, beklagte u.a. eine verfehlte Transferpolitik, eine nicht zu erkennende taktische Linie und sogar eine fehlende Vereinsphilosophie. Der FC Bayern reagierte mit der höchsten internen Strafe, die je ein Spieler an der Isar zahlen musste: 50.000 €. Als Capitano Michael Ballack sich 2010 verletzte und die WM absagen musste, übernahm Lahm das Amt des Spielführers und stellte sofort klar, dass er die Binde nicht ohne weiteres wieder abgeben wolle. 2011 veröffentlichte er schließlich ein Buch mit dem Titel „Der feine Unterschied – Wie man heute Spitzenfußballer wird“ und erzürnte damit vor allem Ex-Nationalcoach Rudi Völler, der ihn 2004 im Alter von 20 Jahren zur Nationalmannschaft holte und gleich von Beginn an spielen ließ. Völler bezeichnete das Buch als „erbärmlich und schäbig“, weil Lahm darin die Arbeitsweise von ihm und anderen Ex-Trainern (allen voran Jürgen Klinsmann) kritisierte. Ähnlich wie im SZ-Interview von 2009 ging es dabei vor allem um fehlende taktische Konzepte.

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Und dennoch muss ich sagen, dass Philipp Lahm in den letzten Jahren zu einem meiner absoluten Lieblingsspieler geworden ist. Das liegt vor allem daran, dass ich mich schon immer mehr für das Geschehen auf dem Platz interessiert habe – und an meiner seltsamen Vorliebe für Außenverteidiger.

Lahm ist auf dem Platz ein sehr präziser, hellwacher Arbeiter, der seine Fähigkeiten immer in den Dienst der Mannschaft stellt und kaum Alleingänge unternimmt. Er war jahrelang ein eher unauffälliger Spieler, bis er sich in den letzten beiden Jahren immer mehr an Offensivaktionen über die Außen beteiligte und so allein in der letzten Bundesligasaison elf Torvorlagen (insgesamt 19!) gab. Lahm bringt die besten Eigenschaften für einen Außenverteidiger mit, wie ich sie als Kind bei Bixente Lizarazu schätzen lernte. Er ist klein, schnell, wendig, überaus ballsicher und besitzt ein überragendes taktisches Spielverständnis. Vor allem unter dem letzten Aspekt kann man seine Kritik an Verein und Trainern, wenn nicht verzeihen, so doch verstehen.

Philipp Lahm ist, neben Bastian Schweinsteiger, das Gesicht einer Spielergeneration, die alte Haudegen wie Torsten Frings und Michael Ballack (die ich ebenfalls sehr schätze!) ablöste und deren Ablösung durch die Müllers, Özils und Götzes vielleicht selbst schon eingesetzt hat. Durch verbale Zurückhaltung (von den oben genannten Ausnahmen abgesehen), Disziplin und ein neues Spielverständnis haben sie den Fußball vielleicht wieder ein Stück weit in Richtung Gentleman-Sport bewegt. Das muss man nicht gut finden, aber ich habe seit Jahren meine fast kindliche Freunde am Spiel von Philipp Lahm, dem ich noch den ein oder anderen internationalen Titel mehr wünsche.

Quelle: dfb.de

Dass Lahm heute Abend also zum 100. Mal für den DFB aufläuft, ist angesichts der anderen Nationalspieler, die diese Marke bereits knackten weniger bemerkenswert als die Tatsache, dass er bei all diesen Spielen immer in der Startelf stand. Ein Umstand, der den Stellenwert von „Mr. Zuverlässig“ im deutschen Fußball recht eindrucksvoll unterstreicht.

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