Der Schlüssel zur Maschine

Wo fängt man am besten an, wenn es um Raymond Roussel geht? Vielleicht ausnahmsweise einmal nicht bei seinem mysteriösen Tod im Juli 1933 in Palermo. Vielleicht doch lieber beim Surrealismus, für den das Werk Roussels in so mancher Hinsicht eine Initialzündung bedeutete. Dabei wurde Roussel nie direkt mit der Gruppe um André Breton assoziiert; wurde schon gar nicht ihr Säulenheiliger, wie etwa Giorgio de Chirico, der von Max Ernst in seinem Gemälde Das Rendezvous der Freunde von 1922 entsprechend dargestellt wurde. Raymond Roussel hat unter Künstlern aller Disziplinen des 20. Jahrhunderts eine enorme Fanschar. Kaum ein Avantgardist, der sich nach 1920 nicht auch auf Roussel bezieht: Georges Perec, Salvador Dalí, Julio Cortázar, John Ashberry, um nur einige zu nennen. Dennoch ist und bleibt Raymond Roussel einer der großen Unbekannten der Moderne. Ein Phantom fast, das sich nur hin und wieder einer kleinen Gruppe Eingeweihter offenbart.

„To begin at the beginning“, rät der walisische Lyriker Dylan Thomas. Ich willige ein und erinnere mich an die Einleitung eines Referats, das ich vor Jahren in einem Kunstgeschichtsseminar an der Uni hielt: „Am Anfang war die Kaffeemühle“ verkündete ich damals kühn. Und wahrlich, ich sage euch, am Anfang war die Idee eine mechanische Bewegung im Bild sichtbar zu machen. Darum malte Marcel Duchamp 1911 auf der Ölskizze einer Kaffeemühle einen Pfeil über die Kurbel, die er dazu in verschiedenen Bewegungsstadien simultan abbildete. Keine große Sache, mag man heute denken, aber im Zeitalter der ersten Bewegtbilder eine neue künstlerische Herausforderung. Im Januar 1912 dann sein legendärer Akt, eine Treppe herabsteigend No.2, in dem nicht ein Körper in Bewegung, sondern die Bewegungen des Körpers simultan dargestellt werden. Eine Revolution, die Duchamp in erster Linie heftige Kritik einbrachte. Zu entseelt, zu maschinell sei das Ganze. Duchamp hingegen war auf dem richtigen Weg und er ging ihn weiter. Er führte ihn im Mai 1912 ins Theater. Ein Besuch, der entscheidende Folgen für die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts haben sollte.

Warum dieser Exkurs, der von Roussel immer weiter wegzuführen scheint, anstatt ihn einzukreisen. Nun, was Marcel Duchamp an diesem Abend gemeinsam mit Francis Picabia und Guillaume Apollinaire zu sehen bekommt, ist eine Bühnenfassung von Roussels Impression d’Afrique, die seine Kunstauffassung in ihren Grundfesten erschüttert und sie gleichzeitig auf eine neue Stufe hebt. Duchamp beschließt das Malen sein zu lassen und experimentiert fortan mit Glas und einer Fülle andere Materialen. Das Ergebnis des Experimentierens ist 1923 das so genannte Große Glas, dessen eigentlicher Titel Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar den Einfluss Roussels deutlich zu erkennen gibt. Duchamp macht Roussel direkt für sein Werk verantwortlich, gibt zu, durch die Afrikanischen Impressionen einen neuen assoziativen und mechanischen Ansatz für seine Kunstausübung gefunden zu haben. Duchamps Großes Glas ist eine Roussel‘sche Junggesellenmaschine, die das Phantasma der unbedingten Liebe in einen Todesmechanismus verwandelt.

Raymond Roussel wurde 1877 in Paris geboren und wuchs in überaus privilegierten Verhältnissen auf. Er studierte am Konservatorium Klavier und verfasste mit siebzehn Jahren sein erstes Werk La Doublure in Alexandrinern. Die „echte Welt“ kannte er eigentlich nur aus der Ferne und so widmete er sein Leben ausschließlich der Literatur und dem Reisen. Dafür fertigte er eigens einen Reisewagen an, der eine Art Vorläufer der heutigen Wohnmobile ist, und tourte damit um die ganze Welt. Sogar Benito Mussolini und Papst Pius XI. soll er sein Gefährt vorgeführt haben. Roussel inszenierte sich gern als Attraktion.

Seine Vorliebe für das Mechanische schlug sich auch auf in sein Schreiben nieder. So entwickelte er ein Verfahren, dass auch von seinem wohl prominentesten Interpreten Michel Foucault nur Das Verfahren genannt wird. Es besteht darin, ein wesentliches Defizit der Sprache, nämliche ihre Arbitrarität, kreativ zu nutzen. Beklagte Hugo von Hofmannsthal in seinem Chandos-Brief (1902) noch die Unzulänglichkeiten der Sprache, die jede Dichtung unmöglich mache, so nutze Roussel den Umstand, dass es weniger bezeichnende Vokabeln als zu bezeichnende Dinge gibt, zu seinem Vorteil. So benutze Roussel den Gleichklang (Homonymie) vieler Wörter, um diese assoziativ zu erweitern und mit anderen Wörtern in Verbindung zu bringen, zwischen denen es keinerlei semantische Verbindung gibt. So kann ein cercle à rayons sowohl ein geometrischer Kreis mit Radien, als auch ein Klub mit Ruhmeshallen, eine veste à brandebourgs sowohl eine Weste mit Rockschnüren, als auch die Misserfolge des Kurfürsten von Brandenburg sein. (Beispiele aus Michel Foucault – Raymond Roussel, 1989) Man ahnt, welchen Schwierigkeiten die Übersetzer Roussels ausgeliefert sind.

Dennoch liegt jetzt mit Locus Solus eines der beiden Hauptwerke Roussels nicht nur in neuer Übersetzung, sondern auch in einer ersten kritischen Ausgabe vor. Dem Schweizer Stefan Zweifel ist es dabei nicht hoch genug anzurechnen, dass er für die deutsche Neuausgabe von Locus Solus verschollene Kapitel aus der Urfassung aufspürte, übersetze und dem Text neben zahlreichen anderen Materialien anhängte. Besonders eindrucksvoll ist dabei, dass die Kapitel der Urfassung von Locus Solus bisher nicht einmal in Frankreich erschienen sind. Somit bekommt jeder deutschsprachige Leser die Chance, tiefer in dieses Werk einzutauchen als es sich Foucault je hätte träumen lassen.

Aber worum geht es eigentlich in diesem Buch? Schwer zu sagen, aber eigentlich doch ganz einfach. Locus Solus handelt von einem schwerreichen Junggesellen namens Martial Canterel, der einen Park voller wundersamer, natürlich selbstentwickelter Maschinen besitzt und an einem Tag eine Gruppe Interessierter, zu denen auch der Erzähler gehört, durch ihn hindurchführt. Abgesehen von dieser recht simplen Rahmenhandlung sperrt sich jedoch der weitere Inhalt einer Nacherzählung. In Locus Solus begegnet man einer Fülle von bizarren Maschinen und den Geschichten, die sich hinter ihnen verbergen. Meistzitiert dürfte die „Demoiselle“ sein, eine schwebende Maschine, deren Zweck darin besteht ein Mosaik aus menschlichen Zähnen (die übrigens durch eine andere Maschine völlig schmerzfrei gezogen werden können) in den Boden des Parks zu stanzen. Die Erfindung dieser Apparatur leitet sich aus dem Wort „demoiselle“ selbst ab, da es sowohl für „junges Mädchen“,  „Handramme“ und „Libelle“ stehen kann. Die Funktionsweise der Demoiselle ist ebenso minutiös in Worten beschrieben wie beispielsweise die Mechanik eines Schweizer Uhrwerks funktioniert. Roussel nimmt es gern genau, überlässt nichts dem Zufall, außer der Auswahl seines Wortmaterials. Gewiss ein Widerspruch, der sich jedoch auflöst, sobald man den Text liest und gleichzeitig einen neuen kreiert.

Der Schlüssel zu dieser unübersichtlichen, technisch-maschinellen Fantasiewelt soll laut Roussel sein Text Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe sein. Dieses, auf eigenen Wunsch bzw. eigene Inszenierung Roussels, erst posthum veröffentlichte Werk führt zwar in die assoziative Wortfindungsmethode ein, dreht sich aber ab einem gewissen Punkt nur noch rhetorisch um sich selbst und wirft damit immer neue Fragen auf. Roussel wollte es wohl so; auch über den Tod hinaus ein Rätsel bleiben, dessen Antwort das Rätsel selbst ist. Ohnehin wird der Begriff „Schlüsselwerk“ viel zu leicht mit einem Werk gleichgesetzt, dass eine tiefere, weitreichendere Erkenntnis zu Tage fördern soll. Als ob sich Türen mit Hilfe von Schlüsseln lediglich öffnen ließen.

Und dennoch, die Bedeutung Raymond Roussels und seines Werkes liegt in seiner Funktion als Schlüssel für das Werk Marcel Duchamps, ebenso wie in seiner Funktion als Inspirationsquelle für die gesamte surrealistische Kunst und darüber hinaus. Jean Cocteau erstarrte gar vor Ehrfurcht und schrieb ihm: „Sie dominieren uns alle.“ Das war natürlich Unsinn, denn wer sich ehrfürchtig vor diesem, zugegeben nicht gerade einfach zu lesenden Werk ergibt, verpasst nicht nur die Chance die Kunst des 20. Jahrhunderts besser zu verstehen. Er verpasst auch eine Fülle großer und kleiner Episoden der Weltliteratur, die in ihrem mechanischen Trickreichtum, in ihrer Ideenfülle ihres gleichen suchen. Und keine Panik vor den Ausuferungen des Textes! Die Gestalter der bibliophilen Ausgabe, Greiner & Reichel, haben den Text mit einem Rahmen versehen. Wohin soll er da bitteschön entgleiten?

Stefan Zweifel hat mit der Neuausgabe von Locus Solus etwas Großartiges geschaffen, an dem Roussel-Freunde und -Entdecker lange Spaß haben werden. Trotzdem, oder gerade deshalb, wächst nun die Ungeduld bezüglich einer deutschen Neuausgabe der Impressions d’Afrique, die seit über dreißig Jahren vergriffen sind.

Raymond Roussel – Locus Solus. ISBN: 978-3-8477-0329-7. 34,- €, Die Andere Bibliothek, Berlin 2012.

Dieser Artikel erschien zuerst auf fixpoetry.com.

Sehr gute Website zum Verständnis der Kunst Marcel Duchamps; besonders zu den „Maschinen“.

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