Archive for Juni 2013

Sommer 1994

27. Juni 2013

Ich erinnere mich oft an den Sommer 1994. Wir wohnten damals noch in einem Neubaublock zur Miete. Ich war acht und der Mittelpunkt meines Lebens war der Fußball. Mit meinem Vater sah ich mir fast alle Spiele der Weltmeisterschaft an. Sie wurden wegen der Zeitverschiebung meist am Nachmittag übertragen. Mein Vater war dann schon von der Arbeit zurück. Mein Bruder, der sich nichts aus Fußball machte, spielte mit den größeren Kindern auf dem Spielplatz gegenüber Volleyball. Den ganzen Tag lang. Zum Mitspielen war ich noch zu klein, aber ich durfte manchmal die Punkte zählen. Die Regeln hatten mir die Großen knapp erklärt. Wenn der Ball auf einer Seite runterfällt ist das ein Punkt für die andere Mannschaft. Dabei war das gar nicht so richtig, aber das wussten die Großen damals auch nicht. Wenn dann wieder ein Fußballspiel übertragen wurde, ging ich wieder nach drinnen und sie mussten die Punkte selbst zählen.
Es war ein warmer Sommer damals, auch in den USA. Als 8-jähriger dachte ich in den USA ist immer schönes Wetter, immer Sommer. Mein Vater erzählte mir dann wie heiß es an anderen Orten auf der Welt sein konnte. Zum Beispiel in der Sahara, der größten Wüste der Welt. Ich hatte die Sahara schon einmal im Fernsehen gesehen. Auch aus einem der vielen Naturbücher meines Vaters war mir die Wüste bekannt. Am Tag kann es in der Sahara bis zu 60°C heiß werden. Nachts ist es jedoch bitter kalt. Sogar Minusgrade werden dann manchmal gemessen. Warum das so ist, wusste mein Vater auch nicht so genau. Aber ich bin mir sicher, er hat es mir später noch erklärt, als er mir auch von den Beduinen und den Kamelkarawanen erzählte.

An einem dieser Sommernachmittage ging mein Vater mit mir auf den Balkon, um mir etwas zu zeigen. Er wischte mit der Handfläche über die Platte des kleinen Tisches, der dort stand. Als er seine Hand umdrehte sah ich die Innenfläche von feinem, fast weißem Sand bedeckt. „Das ist echter Sand aus der Sahara“, sagte mein Vater. „Der Wind trägt die Sandkörnchen kilometerweit bis zu uns nach Deutschland.“ Ich war so erstaunt, dass ich in diesem Sommer täglich über die Tischplatte auf dem Balkon strich. Wenn ich dann meine Handflächen ansah, stellte ich mir vor wie Beduinen mit ihren Kamelkarawanen über diesen Sand zogen.

Juni, 2006.

109 Lieblingslieder – Das Finale

16. Juni 2013

109. The Doors – Riders on the Storm

Zum Abschluss meiner Liste der 109, bei last.fm als Lieblingslieder getaggten Songs gibt es noch einmal einen Klassiker. The Doors sind einer meiner all-time-Dauerbrenner-Bands, die mich seit dem ersten Hören (mit 14?) nicht mehr losgelassen haben. Der Song Riders on the Storm hat drei wesentliche Inspirationsquellen, die ich hier kurz vorstellen will:

1. (Ghost) Riders in the Sky: A Cowboy Legend ein Song von Stan Jones aus dem Jahre 1948, der den meisten Hörern wohl in der Bearbeitung von Johnny Cash bekannt sein dürfte. Es handelt sich dabei um eine typische Westernballade über umherziehende Cowboys und Outlaws, die zu einem rastlosen Leben verdammt sind.

2. Riders on the Storm nimmt zudem Bezug auf die Geschichte des Serienmörders Billy Cook, der 1950 in den USA als Anhalter u.a. eine fünfköpfige Familie erschoss. „There’s a killer on the road / His brain is squirmin‘ like a toad / Take a long holiday / Let your children play / If ya give this man a ride / Sweet memory will die / Killer on the road, yeah“

3. Als weitere wichtige Inspirationsquelle wird immer wieder Louis Aragons Gedicht Poème de cape et d’épée (Gedicht vom Umhang und Schwert), das oft fälschlich nach dem ersten Vers als Les Chevaliers de l’ouragan (Reiter des Hurrikans) bezeichnet wird.

Ich mag Riders on the Storm deshalb so sehr, weil es ein Song ist, der mit relativ minimalistischen Mitteln eine enorm hohe Intensität entwickelt. Die Musik ist sehr reduziert, der Text erzählt nicht wirklich viel, baut aber starke Bilder auf. Man weiß sofort, wie sich ein dog without a bone, ein actor out alone fühlt. Das psychedelische Geklimper von Ray Manzareks Hammondorgel, die Gewitterkulisse und Jim Morrisons meditativer Schamanengesang schaffen alle Voraussetzungen um sich für sieben Minuten einer düsteren und phantastischen Welt hinzugeben, welche den delightful horror erzeugt von dem Edmund Burke schon 1757 sprach.

109 Lieblingslieder – Teil 51

13. Juni 2013

108. The XX – Crystalised

Es war 2009 in irgendeiner Nacht in der wir den Rockpalast auf WDR sahen. (Wahrscheinlich sonntags nach ZwWdF.) Und da standen auf einer kleinen Bühne eines Indiefestivals die (damals noch) vier Musiker einer jungen, unbekannten Band und spielten Crystalised und hauten uns um. Pur, minimalistisch, cool, distanziert, düster, unvergleichbar im Sound. Ein Meilenstein der jüngeren Musikgeschichte war das Debutalbum von The XX.

http://www.tape.tv/vid/215001

das eBook

11. Juni 2013

109 Lieblingslieder – Teil 50

11. Juni 2013

107. A-Ha – Take on me

Keine Ahnung, ob das wirklich ein Lieblingslied ist, aber ich mag es sehr, wie ich überhaupt einiges für die Norweger übrig habe. Vielleicht mag ich auch Summer moved on mehr als Take on me. Es liegt sicher am Video, dass der Klassiker der Band in meine Liste gerutscht ist.

No Future

3. Juni 2013

Es war am 20. April 1999 als Eric Harris und Dylan Klebold an der Columbine High School in Littleton, Colorado einen bis dahin beispiellosen Amoklauf an einer Schule verübten. Obwohl mir das ganze Ausmaß dieser Tat damals noch nicht bewusst war, spührte ich schon, dass da etwas Unheimliches geschehen war. Als die Manson-Family Ende der 1960ern ihre Mordserie beging, war ich noch nicht geboren. Das Columbine-Massaker von Harris und Klebold war sozusagen das erste Verbrechen dieser Art, das ich bewusst wahrnahm. Im Jahr darauf begann ich mich intensiv für Gothic, Metal und den ganzen Kram zu interessieren. Es war eine gute Zeit um in die Schwarze Szene einzusteigen: Marilyn Manson veröffentlichte gerade das Album Holy Wood: In the Shadow of the Valley of Death, das ich auch und/oder vor allem heute noch als sein bestes Studioalbum und eine der einflussreichsten und wichtigsten LPs im Alternativesektor der 2000er Jahre bezeichnen würde.

Ich war von der Platte sofort elektrisiert. Ich wurde zum Fan, der jede Zeitschrift kaufte in der Interviews, Konzertberichte und sonstiges Material über Marilyn Manson publiziert wurde. Ich habe das alles intensiv gelesen, die Songtexte übersetzt und und und… Marilyn Manson: Popikone und fleischgewordener Albtraum des Bürgertums in einem. Monroe und Charles zu einem Schockhybriden mit Glamfaktor verschmolzen. Ich fand ihn genial. Manson war die Art von Künstler, die es meiner Meinung nach (auch heute noch) dringend brauchte, um der verlogenen westlichen Welt den Spiegel vorzuhalten.

Woher kam aber diese Aggression, die sich mit solch unglaublicher Kraft in Mansons Musik niederschlug? Kurz gesagt: Aus dem Amerika Bill Clintons, dass ihm eine Mitschuld am Amoklauf in Littleton attestierte. Harris und Klebold hörten ebenso leidenschaftlich wie ich die Songs von Marilyn Manson, die von Tod, Wut und Verzweiflung handelten. Laut den Meinungen vieler so genannter Medienexperten waren er und seine Musik ein Hauptgrund für die Verderbtheit der Jugend, die sich nun in Waffengewalt äußerte. Manson selbst äußerte sich zu den Vorwürfen, die auch die Bands Rammstein und KMFDM trafen, kaum. Legendär ist hingegen sein Auftritt in der Michael Moore-Doku „Bowling for Columbine“, die sich mit dem Columbine-Massaker und der Waffenkultur in den USA auseinandersetzt.

Nach seiner sehr intelligenten und pointierten Analyse über die öffentliche Hexenjagd auf ihn, antwortete Manson noch einmal auf seine Art. Das Album Holy Wood ist Abrechnung und Aufarbeitung in einem. Ein großartiges Konzeptalbum über Guns, God & Government mit Songs wie Disposable Teens, The Fight Song oder The Nobodies, die den Finger in die Wunde einer verletzten, verstörten und verlogenen Gesellschaft legte. Ein Album wie einer Faust in der Magengrube des wohlig eingerichteten Bürgertums. Ein Album, wie es heute an allen Ecken und Enden fehlt. Und die Platte wurde gehört. Weit über die Grenzen der so genannten Alternativeszene hinaus. Marilyn Manson wurde endgültig zum kommerziell erfolgreichen Superstar, der sogar in der Dorfdisco den Bürgerkindern vorgespielt wurde. Welch Ironie.

Auf dem Album Holy Wood befindet sich ein Song, der es mir schon bei Erscheinen imJahr 2000 angetan hatte und heute immer noch zu meinen absoluten Lieblingsliedern zählt, weil es sehr authentisch von einer desillusionierten Jugend erzählt. The Death Song hier in freier Übersetzung:
Wir sitzen auf einer Kugel

und bewegen uns direkt auf Gott zu

auch er will es beenden

Wir nehmen eine Pille, verziehen das Gesicht

lösen ein Ticket

und hoffen, dass es den Himmel wirklich gibt

Im Fernsehen habe ich einen Cop einen Priester schlagen sehen

und die wissen, dass sie auch unsere Helden getötet haben
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Kinder, lasst uns den Death Song singen
Wir zünden eine Kerze für eine Erde an

die wir zur Hölle gemacht haben

und geben vor, wie wären im Himmel

Wann immer wir das tun

bekommen wir ein Blindenticket

und wissen: nichts davon ist wahr

Im Fernsehen habe ich einen Priester einen Cop töten sehen

und ich weiß jetzt, dass das auch unsere Helden sind
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir schreiben unsere Gebete auf eine kleine Bombe

Küssen sie zum Abschied und senden sie an Gott
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir waren einst die Welt

doch wir haben keine Zukunft

und wir wollten doch nur wie ihr sein

wir wollten so wir ihr sein

Am 26. April 2002, also fast genau drei Jahre nach dem Columbine-Massaker, verübte Robert Steinhäuser den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Ich war damals Schüler in Thüringen und wohnte nur etwa 60 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt. Ich hatte mich inzwischen intensiv mit Columbine beschäftigt und trug auch in der Schule nur noch schwarze Klamotten. Auf einmal wurde ich von manchem Lehrer kritisch beäugt, wurde von ihnen gefragt was ich eigentlich für Musik höre und habe ihnen CDs ausgeliehen. Marilyn Manson, Slipknot und sogar das Album Lektionen in Demut von Thomas D stießen auf wenig Verständnis. Ob ich nicht glaube, dass solche Musik depressiv machen und ein zu negatives Weltbild zeichnen würde, wurde ich gefragt? Ich verneinte und sagte, eigentlich sprechen mir Manson und Thomas D aus der Seele. Damit war das Thema beendet, was mich auch heute noch etwas wundert. Das war’s also in Sachen zuhören?

Nach den Nachrichten und Bildern aus Erfurt ging es mir nicht gerade gut. Und ironischerweise war ich wohl derjenige in meiner Klasse, dem das ganze am nächsten ging. Weil ich die Berichte aus Littleton kannte, die Polizeifunkaufnahmen gehört hatte, Interviews mit Überlebenden gesehen habe… und weil es jetzt in Erfurt passiert war. Nicht weit weg. Und ich stellte mir vor, was wohl gewesen wäre, wenn der Amoklauf an meiner Schule passiert wäre und Menschen die ich kannte und mochte erschossen auf den Gängen gelegen hätten und so weiter.

Und dazu kam dann auch wieder die Wut und der Ekel, den ich schon aus den Songs von Marilyn Manson kannte. Der ganze Abscheu vor der heuchelnden Welt der Erwachsenen. Die Lehrer zeigten sich ein paar Tage betroffen, überprüften dann den Typen, der ausschließlich in schwarz an der Schule rumlief und beteten danach ihr ewig gleiches Lamento von der Wichtigkeit der Schulnoten und dem Versagen im Leben im Falle des Versagens in der Klassenarbeit.

Bedeutend einfühlsamer ging hingegen der Filmemacher Gus van Sant mit diesem Thema um. Van Sant gilt als Spezialist für problematische Jugendthemen und ist auch deshalb einer der von mir meistgeschätzten Regisseure überhaupt. Weil ich weiß, die eindringlich seine Filme sein können habe ich mich lange vor seinem Film Elephant gedrückt, aber letztens doch endlich gesehen. Auch das ist ein Grund, warum ich heute über Amokläufe und Marilyn Manson geschrieben habe. Ein Thema, das mir auf der Seele brennt. Immernoch.

EDIT: Marilyn Manson malte auch ein Aquarell, dass auf den Amoklauf an der Columbine High School bezugt nimmt. Es zeigt die Portraits von Harris und Klebold auf einer Hand, die das Peace-Zeichen formt. Titel: Crop Failure.

Quelle: marilynmanson.com


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