Architekturen der Apokalypse (Teil VIII)

4.4 Herkules Bell, die Hure Babylon und das Repertoire des Untergangs

Das Auftreten der Figur Herkules Bell, der vielfach nur der Amerikaner genannt wird, fällt etwa mit dem Beginn des dritten und letzten Romanteils zusammen. Dieser Teil ist mit dem Titel Der Untergang des Traumreichs überschrieben und nimmt in etwa die Hälfte des Textes ein. Schon rein formal betrachtet scheint er damit in Opposition zur ersten Texthälfte zu stehen, die sich im Wesentlichen um die Figur Pateras und die Beschreibung seiner Schöpfung dreht.

Herkules Bell wird folgerichtig eindeutig als Widersacher Pateras gekennzeichnet, der sieben Jahre lang um Einlass in das Traumreich gebeten hat.123 Als ihm der Wunsch schließlich gewährt wird, findet er jedoch nicht das „Land von feenhafter Pracht“ (172) vor, das er erwartete. Stattdessen versucht er in einer Proklamation an die Bürger Perles einen Umbruch der bestehenden Verhältnisse zu initiieren. Bell klärt die Bürger auf, dass sie unter einer Massenhypnose Pateras ihres eigenen Willens beraubt und gefügig gemacht wurden. Er selbst scheint gegen die hypnotische Kraft Pateras immun zu sein. Es liegt nahe diesen Umstand auf Bells völlige geistige Gesundheit zurückzuführen. „Der sofortigen Aussprengung, daß er geisteskrank sei, begegnete Bell dadurch, daß er sich einen namhaften Nervenarzt zur eigenen, ständigen Beobachtung hielt; diese Koryphäe konnte bestätigen, daß der Amerikaner vollkommen bei Verstand sei.“ (179)

Zudem informiert er die Bürger Perles darüber, dass die meisten Häuser ihrer Stadt aus „den ekelhaftesten Teilen der Großstädte“ (173) zusammengetragen wurden. Demnach kann die Traumstadt gar keinen wahren Zufluchtsort vor nervlicher Belastung darstellen, da die Menschen von den Abscheulichkeiten der Großstädte in Form ihrer charakteristischen Häuser umgeben sind. Auch Pateras Palast, der wie bereits erwähnt aus Bruchstücken europäischer Regierungs- und Herrschaftsgebäude besteht, wird von Bell enttarnt. Er weist die Bürger darauf hin, dass all diese Bauten Schauplätze „blutiger Verschwörungen und Revolutionen waren.“ (173) Diese Auslese ist also ebenso zweifelhaft wie die der Bewohner des Traumreiches. Zudem seien die Bruchstücke auf Pateras „Anstiften gestohlen, losgebrochen und hierhergeschleppt worden.“ (173)

Bell bezeichnet Patera als „Teufel“ (172) und „Satan[]“ (173) und strebt offen nach dessen Machtposition. Der für den apokalyptischen Text typische Dualismus manifestiert sich hier in seiner reinsten Form. Anders als in der Offenbarung lassen sich die Lager bei Kubin zunächst nicht eindeutig in Gut und Böse einteilen. Dem Motto Der Demiurg ist ein Zwitter entsprechend verbindet auch Herkules Bell positive und negative Eigenschaften. Zwar hat er die Absicht die Bürger Perles von Pateras totalitärem System zu befreien, diese Befreiung soll aber gleichzeitig dazu führen sich selbst als neuen Machthaber zu etablieren (vgl. 183). Bell ist also nicht am Untergang des Traumreiches interessiert, sondern lediglich an einer ideologischen Umformung nach seinen eigenen Vorstellungen. Dazu bedient sich der Amerikaner militärischer Hilfe aus der Außenwelt und rechtfertigt diese Intervention mit „christliche[r] Moral und Nächstenliebe“ (180). So verständigt Bell den englischen Premierminister darüber, dass „brave Europäer“ in dieser asiatischen Enklave versklavt würden.124 Dass Bell jedoch nicht aus moralischen, sondern aus imperialistischen Motiven heraus handelt, wird deutlich, wenn er sich gegenüber dem Zeichner in größenwahnsinnigen Ideen verliert.125 Ausgehend vom Traumreich könne man die Welt erobern, sagt Bell und entlarvt sich damit als falscher Prophet (vgl. 184).

Stärker als dieser Aspekt wiegt für die Romanhandlung jedoch die Tatsache, dass mit Bells Ankunft das – wenn auch fragwürdige – neue Jerusalem Pateras zum Freier der babylonischen Hure wird, als die der Amerikaner ebenfalls identifiziert werden kann.

Bell wird gleich bei seiner Ankunft als „ein Mann mit vielem Gold“ (146) beschrieben. Als Milliardär ist er ebenso wie Patera mit enormem Besitz ausgestattet. Aber es sind lediglich irdische Geldmittel, die sein Vermögen ausmachen. Das transzendente Vermögen des Herrn, und scheint es auch nur auf Hypnosetricks zu beruhen, fehlt Bell. Doch anders als Patera lässt der Amerikaner die Bürger Perles an seinem Reichtum teilhaben. Er inszeniert sich als Mann des Volkes und „überschwemmt“ (161) das Traumreich mit seinem Gold. Ähnlich der Hure Babylon, die eine ungeahnte Dimension von Reichtum in die östlichen Provinzen des Römischen Reiches bringt, lässt Bell die Stadt Perle in einen „unsinnige[n] Taumel“ (161) fallen. „[D]as Volk hockte dichtgedrängt in den Schenken, trank und stank.“ (161) Die Parallele zur Trunkenheit, die in Apk 17, 2 beschreiben wird, ist offensichtlich. Doch sie ist nicht die einzige.

In Kapitel 3.4.1 wurde ein Vergleich der babylonischen Geldwirtschaft zum Kapitalismus des 20. Jahrhunderts gezogen. Ein solcher Vergleich drängt sich auch hinsichtlich Herkules Bell auf, der aus dem Mutterland des Kapitalismus stammt. Gleich bei der Einführung der Figur in das Handlungsgeschehen weist der Erzähler darauf hin, dass die „verrottete Geldwirtschaft“ Perles für den Amerikaner „ein Greuel gewesen sein [muss]“ (161). Diese ist eine überaus instabile Scheinwirtschaft, in der sich Armut und Reichtum sprunghaft abwechseln (vgl. 66). Ebenfalls kurios gestalten sich die Preisrelationen für Waren des täglichen Bedarfs. Für „einen Riesenkorb, gefüllt mit prachtvollem Gemüse, Spargel, Blumenkohl, feinem Obst [und] sogar zwei Rebhühner[n]“ bezahlt die Frau des Zeichners einmal nur Zwanzig Kreuzer, während der Protagonist fünf Gulden für eine Schachtel Wachsstreichhölzer zahlen muss (vgl. 67f.)

Aufgrund dieser Beschreibung wird deutlich, dass Geld im Traumreich nicht den Wert zugesprochen bekommt, den es in der „normalen Welt“ besitzt. Da Geld hier nur einen symbolischen Wert hat, spielt auch das unterschiedliche Preisniveau zwischen Lebensmitteln und Zündhölzern keine Rolle.126 Dadurch wird allerdings auch deutlich, dass der erwähnte Scheck über 100.000 Mark, der den Zeichner bewog ins Traumreich zu reisen, von vornherein wertlos war.

Mit den Milliarden an Gold, die Herkules Bell unter die Bewohner Perles bringt, ändert sich dieses System radikal. Die Dynamik des Luxus gewinnt die Oberhand über das Alltagsleben, das sich nunmehr fast ausschließlich in rauschenden Festen in den Schenken und Cafés der Stadt abspielt. Bei einem der Feste in einem Varieté kommt es zu einer Entkleidungsszene, welche „Die neue Eva“ (168) genannt wird. Abgesehen von einem sich ankündigenden Sittenverfall wird hier die Schaffung eines Götzen mit sprechendem Namen vorgeführt. Die neue Eva ist der Gegenentwurf zur göttlichen Schöpfung. Sie ist leicht oder gar nicht bekleidet und scheint für jedermann zu haben zu sein, wie im Text suggeriert wird. Im weiteren Handlungsverlauf steigert sich die Zügellosigkeit der Stadtbewohner immer mehr. „[m]an wagt[] schließlich alles“ (176) und lässt so schrittweise die Sittlichkeit „tief unter ihr Normalniveau“ sinken (192). Es kommt zur Verbreitung von pornographischen Zeichnungen, orgiastischen Festen und Vergewaltigungen.

Aufgrund der Verteilung seines Goldes wächst Bells Beliebtheit sehr schnell und er schafft es in kürzester Zeit eine treue Anhängerschaft um sich zu scharen. Ähnlich der Hure Babylon bietet er jedem ein Stück Reichtum an, doch dieser persönliche Reichtum wird nur aufrechterhalten, wenn man sich von Bell abhängig macht, sein Jünger wird (vgl. 166). Er ist also nicht nur ein falscher Prophet, sondern auch ein geschickter Verführer, der seinen Widerstand gegen Patera allmählich zu formieren beginnt. So organisiert er seine Anhänger in einem Verein mit dem wenig subtilen Namen Luzifer (165).

Gemessen an der äußeren Erscheinung Bells scheint der Name jedoch sehr passend. „Seine wuchtig in zwei Höckern sich wölbende Stirn gab dem Gesicht etwas Teuflisches, sein starrer Blick wirkte herrisch bändigend auf die Entfesselten.“ (229) Zudem reitet Bell auf einem schwarzen Hengst, der nicht nur seine Macht unterstreicht, sondern ihm auch das Auftreten eines apokalyptischen Reiters verleiht.127 Sein „verächtliches Lächeln […], während sich die blassen Traumstädter in die Haustore und Winkel flüchteten, um diesem rücksichtslosen Reiter auszuweichen“ (165) deutet daraufhin, dass die bösen Eigenschaften Bells überwiegen. Schließlich bilden sich, ähnlich wie in der Offenbarung, zwei klar zu trennende Lager. „Im großen und ganzen fiel alles, trotz der Uneinigkeiten im einzelnen, in zwei große Gruppen auseinander: in solche, die noch an den Herrn glaubten, und in die andern, die dem Amerikaner ihr Ohr liehen.“ (170) Nach den zahlreichen Andeutungen des Untergangs, die aus dem Text hervorgegangen sind, ist nun die Zeit für Pateras Gericht gekommen. Wie bereits in der Offenbarung zu lesen war, bekommt auch bei Kubin die widerständische Macht vom Herrn einen gewissen Handlungsspielraum zugesprochen. Ähnlich Gottvater hält Patera immer noch die Macht über das Reich, auch wenn ein Teil seiner Bevölkerung verführt wurde. Doch spätestens im Endkampf mit Herkules Bell zeigt sich, dass diese Macht entgegen der christlichen Vorstellung gebrochen werden kann.

Nachdem Bell seine verführerischen Kräfte in Perle wirken lassen konnte, lässt Patera die Stadt tagelang in „eine unwiderstehliche Schlafsucht“ (186) fallen. Dieser als „Epidemie“ (186) und „Seuche“ (187) bezeichnete Zustand befällt nur die Menschen und lässt alle Tiere sämtlich verschont. Das Motiv der Plage, die ausschließlich Menschen betrifft, kommt so auch bei Johannes vor. In Apk 9, 4 sind es die Heuschrecken, die nicht die Pflanzen, sondern nur die Menschen schädigen sollen. Nachdem die Traumstadt aus der Schlafsucht erwacht, wird das Bild der biblischen Tierplage noch einmal expliziter entfaltet. Wie der Zeichner beschreibt, hat sich Perle in eine „Tierwelt“ (189) verwandelt. Plötzlich verhalten sich Haustiere störrisch und aggressiv. Büffelherden verwüsten Ländereien und große Affenhorden begehen Überfälle (vgl. 190). Schließlich ist die Rede von Heuschrecken und anderen Insekten, denen aufgrund ihrer rasanten Vermehrung nicht beizukommen ist. Dieses biblische Bild ist seit der achten Plage (Ex 10), die Gott über die Ägypter kommen lässt, bekannt und taucht seither immer wieder im Zusammenhang mit religiösen oder säkularen Endzeitvorstellungen auf. Als besonders schrecklich wird jedoch das massenhafte Aufkommen von Schlangen in nahezu allen „Schubladen, Kleiderschränken, Rocktaschen [und] Wasserkrügen“ (191) empfunden. Auch dieses Tier ist durch die Bibel (Gen 3) negativ konnotiert und gilt schlicht als Symbol der Gefahr für den Menschen. In Kubins Roman dient das Motiv der Schlangenplage daher der Darstellung, dass sich Unheilvolles umfassend auf Perle niederschlägt.

Doch ähnlich wie in der Offenbarung reichen diese ersten Plagen nicht aus, um den Bewohnern Perles ihre Gottesfurcht bzw. ihren Glauben an Patera wiederzubringen. Zu bequem gestaltet sich trotz allem immer noch das neue Leben, das Bell ihnen ermöglichte. So wird der Zustand des sittlichen Verfalls nicht nur aufrechterhalten, wie Johannes in Apk 9, 20-21 beschreibt, sondern sogar noch weitergetrieben (vgl. 192). Infolgedessen setzt „ein rätselhafter Prozeß“ ein, der eine weitere Etappe des Verfalls markiert und schließlich „[d]ie Ursache zum völligen Untergang des Traumreichs“ (196) wird. Die Rede ist von der so genannten „Zerbröckelung“, die der Zeichner wie folgt beschreibt.

„Sie ergriff alles. Die Bauten aus so verschiedenem Material, die in Jahren zusammengebrachten Gegenstände, all das, wofür der Herr sein Gold hingegeben hatte, war der Vernichtung geweiht. Gleichzeitig traten in allen Mauern Sprünge auf, wurde das Holz morsch, rostete alles Eisen, trübte sich das Glas, zerfielen die Stoffe. Kostbare Kunstschätze verfielen unwiderstehlich der innern Zerstörung, ohne daß sich ein zureichender Grund dafür angeben ließ.“ (196)

Mit der Zerbröckelung setzt Kubin in seinem Text auf eines der apokalyptischen Motive schlechthin. Wie bereits erwähnt, kommt hier nicht nur das Moment der Zerstörung, sondern auch dessen unmittelbare Konsequenz für den Menschen zu einer bildgewaltigen Darstellung. Kubin führt dies an einer anderen Stelle noch eindrucksvoller vor. Als der Tempel eines Mönchsordens eines Tages in einem See versinkt, scheint es so, als wolle sich der Untergang in seiner Geschwindigkeit selbst übertreffen.

„Einige Priester waren beim Singen ihrer Hymnen ertrunken. Sie müssen vom Tode völlig überrascht worden sein, denn ihre Posaunen ertönten noch, als der Bau schon zur Hälfte im Wasser lag. Es war sehr schnell vor sich gegangen, die schweren Marmorwände versanken, ohne einzustürzen.“ (222)

Für einen langsamen Verfall, eine Zerbröckelung scheint hier keine Zeit mehr zu sein. Der Tempel verschwindet im Ganzen. Entgegen dem biblischen Duktus, dass erst eine Posaune erschallt und dann ein Unglück geschieht, findet hier beides simultan statt. Der Erklärungsversuch für dieses Ereignis, „daß die Grundfesten längst unterwaschen waren“ (222), lässt sich in diesem Zusammenhang mindestens zweideutig verstehen. Neben dem Verweis auf statische Defizite des Baus wird deutlich, dass die Umwälzungen im Traumreich so gewaltig sind, dass nicht einmal mehr die Apokalypse sich „gattungsgemäß“ vollzieht.

Neben den verfallenden, sich auflösenden oder schlicht versinkenden Gebäuden sind auch Alltagsgegenstände und Kleidung von der Zerbröckelung betroffen. Auch hier wird in eindrucksvollen Bildern beschrieben, wie der Untergang sich schrittweise in allen Lebensbereichen ausbreitet.

„Ich nahm die Schere – sie war von Rost zerfressen; da erst bemerkte ich, daß mein Papier moderig, die Lineale, das Wrack eines Zeichentisches, die dreibeinige Kommode, mit einem Wort alle hölzernen Möbel wurmstichig und morsch waren. […] Schimmel an Kleidern und Schuhen hatten wir alle. Da half kein Waschen und Schaben, es kam schnell wieder nach. Die Kleiderstoffe wurden mürbe, faserten und fielen stückweise von uns.“ (199f.)

An anderer Stelle heißt es:

„Die wertvollen Vasen, das Porzellangeschirr war durchsetzt von einem feinverzweigten Netz kleinster Sprünge. Prächtige Gemälde bekamen schwarze Flecke, welche sich über das ganze Bild verbreiteten. Stiche wurden porös und zerfielen; man glaubt gar nicht, wie schnell aus den so gut erhaltenen und reparierten Einrichtungsgegenständen ein Schmutzhaufen wurde.“ (206)

Neben dem Zerfall und Verschwinden von Alltagsgegenständen und Häusern greift Kubin in der Darstellung des Untergangs auf nahezu das gesamte Repertoire zurück, das ihm die Visionsberichte des Johannes liefern. Es soll zum Abschluss dieses Kapitels jedoch lediglich auf exemplarische Parallelen zur Offenbarung eingegangen werden, sowie einzelne Motive herausgestellt werden, die für den Vergleich mit In the Country of Last Things von Bedeutung sind.

Nachdem der Untergang des Traumreiches weiter voranschreitet, schwindet der Glaube an den Herrn immer mehr (vgl. 199). Obwohl der Zeichner Patera bis zuletzt treu bleibt, kommen auch ihm Zweifel, ob der Herr den Menschen noch helfen kann oder will. Denn anders als in der Offenbarung lässt Kubins Roman die Frage offen, ob Patera die Geschicke des Untergangs vollends kontrolliert. Zu einer weiteren Begegnung mit dem Herrn, die wiederum einer Thronsaalvision gleicht, wird der Protagonist mit dem apokalyptischen „[K]omm!“ (208) gerufen. Zwischen flackernden Lichtern, ähnlich wie in Apk 4 beschrieben, erscheint ihm der Herr, dem er die biblisch anmutende Frage stellt: „Patera, warum hast du nicht geholfen?“128 (210) In ihrem formelhaften Ausdruck erinnert die Frage an Jesus’ verzweifelten Ausruf am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27, 46; Mk 15, 34) Patera, der den Zeichner kraft seiner Augen in einen hypnotischen Zustand versetzt hat, versichert, dass er geholfen habe und auch ihm helfen werde (vgl. 210). Als Patera daraufhin in Hohngelächter ausbricht und plötzlich der Amerikaner an dessen Stelle erscheint, erkennt der Zeichner die Doppelnatur des Herrn. Dieses Erlebnis führt zu einer Art Erleuchtung, welche die „Abgründe [s]einer Zweifel und Ängste“ (211) schließt. Der Protagonist erkennt, dass die Welt auf dem Zusammenwirken der Dualitäten Gut und Böse beruht.

In seinem Zustand der Erleuchtung und inneren Ruhe wird der Zeichner nun gleich Johannes zum äußeren Beobachter, zu einem Propheten, der Gott gesehen hat. Er berichtet von einem ungeheuren Tier, das „[w]ie ein riesenhaftes, fest verankertes Kriegsschiff“ (215) im Fluss Negro liegt, sich allerdings als verunglückter Luftballon entpuppt (vgl. 217). Weiterhin berichtet er ähnlich dem Johannes von Seuchen, Hungersnöten und sich stapelnden Leichenbergen. Er wird Zeuge von plötzlich auftretenden Detonationen, die einen Krieg ankündigen, der von innen und außen auf das Traumreich zurollt. Während der Kampfhandlungen zwischen den Lagern wird eine Pferdepanik geschildert, die, begleitet von Hornsignalen, an die Reiter der Apokalypse denken lässt. Unter dem Donnern der Hufe zertrampeln die stärkeren Pferde die schwächeren (vgl. 238f.).

Abseits der Kriegshandlungen kommt es zu Kannibalismus (vgl. 247f.) und Massenselbstmorden (vgl. 258). Schweflige Dünste durchziehen das sich immer weiter verfinsternde Reich (vgl. 252f.). „Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern.“ (258f.). Die Traummenschen verlieren angesichts dieser erfahrenen Leiden ihr Sprachvermögen und wanken nur noch lallend durch ein Trümmerfeld. Für das Gesehene scheint es keine adäquaten Worte zu geben und so ertönen aus ihren Mündern nur unverständliche, apokalyptische Töne.

Während die Menschen mit ihrem Sprachvermögen eine ihre grundlegenden Eigenschaften verlieren, sind es erneut die Häuser, denen genau das zugesprochen wird:

„Die Hütten fingen an, sich zu bewegen, die Windmühlen schlugen mit ihren Armen nach den Eindringlingen, die Strohdächer sträubten ihr struppiges Haar, die Zelte blähten sich, als beherbergten sie Winde, die Bäume griffen mit ihren Ästen nach den Menschen, die Stangen bogen sich wie Rohre, schließlich kletterten die Tempelchen und Häuser aufeinander und sprachen mit entsetzlich lauter, vernehmlicher Stimme in schnarrendem Ton seltsame Worte −− eine unverständliche, dunkle Häusersprache! −−− „(264f.)

Wie schon im Hinblick auf das soziale Miteinander findet hier eine Umwertung der Grundeigenschaften statt. Während die Menschen nur noch sprachlos und schwankend dem Tod entgegengehen, werden leblose Dinge plötzlich lebendig und bekommen eine Sprache. Dass diese für menschliche Ohre unverständlich bleibt, ist nur konsequent, scheint sie in ihrer unheimlichen Realisierung den apokalyptischen Ton des menschlichen Lallens zu ergänzen. Im Zustand dieser Auflösung der Grenze zwischen Menschlichem und Dinglichem kommt es schließlich zur Auflösung der Grenzen des Traumreiches, die sich vor allem im Aufreißen der dichten Wolkenmassen bemerkbar macht.

„Bald wurde es heller, eine große glänzende Scheibe war am Himmel, unzählige glimmende Pünktchen überdeckten das dunkelblaue Firmament … Es waren der Mond und die Sterne … Seit drei Jahren hatte ich diesen Anblick entbehrt, fast vergessen hatte ich diese große Welt über uns, und ich mußte mich dem Eindruck dieses unendlichen hohen Himmels eine Weile willenlos hingeben. Eine scharfe Kälte drang mir in die Knochen, und ich blickte fröstelnd hinab. Die weite Wolkenbank, der Himmel des Traumreichs, hatte sich gesenkt. Da begann ein dumpfes Rollen in der krausen Wolkenmasse unter mir, ein Donnern, als stürmten unsichtbar die apokalyptischen Reiter daher, endlos schwoll es an, brandete an den steilen Bergen, kam doppelt und dreifach zurück, nahm ab und stieg ins Ungeheure, verteilte sich, grollte aus allen Hochtälern und über alle Pässe, wollte kein Ende nehmen, dauerte lange, lange und verebbte langsam. – – Das war der Untergang des Traumreiches.“ (265f.)

Was der Zeichner hier beschreibt, ist einerseits das Ende des irdischen Traumreiches, andererseits aber auch sein Übergang in eine transzendente Erfahrungsebene. Denn der Roman ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende. In einer Art Jenseitsvision sieht der Zeichner die Traumstadt Perle, die kurz zuvor untergegangen war, an ihrem alten Platz stehen. Er erkennt zudem Menschen wieder, die bereits gestorben waren. Eine von Kubin zu dieser Textstelle angefertigte Zeichnung (Abb. 5) verdeutlicht, dass jetzt die Stufe des Richtens über den Verbleib der Seele in Himmel oder Hölle erreicht ist. Auch Patera und Bell stehen sich hier ein letztes Mal gegenüber. In der Vision des Zeichners sind beide zu gigantischen Wesen geworden, die sich im Zweikampf zu einer einzigen unförmigen Masse verbinden. Es sind hier nicht mehr die irdischen Figuren der beiden Widersacher gemeint. Vielmehr treffen in dieser Vision die unermesslichen Kräfte, die beiden nachgesagt werden bzw. für die beide stehen, aufeinander. Hierbei zeigt sich, dass beide Pole sich einander anziehen und zugleich abstoßen, dass sie einen untrennbaren Dualismus bilden. Als die verschmolzene Masse sich schließlich als ein allumfassendes Wesen offenbart, zerfällt es sogleich wieder und löst sich in ein „unbestimmtes grelles Nichts“ (271) auf. In der Folge dieses kosmischen Zusammenstoßes kommt es für den Zeichner zu einer weiteren Offenbarungssituation, die als Quintessenz eines Erkenntnisprozesses angesehen werden kann. In rasender Geschwindigkeit spult sich der Ablauf eines Lebens, vom Urknall bis zum Untergang, von der Zeugung bis zum Tode vor seinen Augen ab. „Rätsel entschleierten sich mir, fremdartig und unschilderbar.“ (272)

Nach dieser Erfahrung kommt es in der diesseitigen Welt zu einer dritten und letzten Thronsaalvision in der die sterblichen Überreste Pateras zu Grabe gelegt werden. Der Zeichner wohnt einer Versammlung auserwählter Überlebender des Untergangs bei. Patera scheint nach dem Ende seines Traumreiches wieder ganz und gar Mensch geworden zu sein. „Die wächserne tote Farbe war verschwunden, er erinnerte wieder an den Menschen, den ich auf der Schule gekannt.“ (275) Erst jetzt zeigt sich, dass Patera wohl doch von eher gutmütiger Natur gewesen sein muss. Der Zeichner berichtet: „Ich stand vor ihm, dem Herrn, in meinen Lumpen und sah zum ersten und letzten Male die wirkliche Majestät.“ (277) Die Beschreibung seines Äußeren erinnert noch immer an Jesus Christus, der nun aber seine jenseitige Gestalt als weißer Ritter angenommen hat, von der bei Johannes die Rede ist. „Die dunkelblonden Locken Pateras waren im Sterben weiß geworden!“ (277) Erneut wird sein Aussehen mit einem „Götterbildnis aus der antiken Welt“ (277) verglichen. Das Ende seines irdischen Daseins in der Gegenwart ist gekommen.

Herkules Bell steigt hingegen aus den Trümmern Perles auf und erneuert sich auf ganz und gar irdische Weise. Nach einer Rasur und der vollständigen Neueinkleidung feiert er sich vor der Presse als Sieger über einen unrechtmäßigen Herrscher (vgl. 281). Die Berichte des Zeichners werden hingegen nur belächelt. Somit bleibt das „Phänomen Patera“ (283) ungelöst, während der Amerikaner noch heute lebt und in aller Welt bekannt ist.

Im Hinblick auf die mehrfach vorgenommene Kontextualisierung und sozialhistorische Deutung des Textes kann diese Schlussszene wie folgt interpretiert werden. Während transzendentale Erfahrungen in der industrialisierten und säkularisierten Gegenwart keinen Platz mehr finden, wird dem Kapitalismus, der schnellen materiellen Reichtum verspricht, mehr Glauben geschenkt. Die Zwielichtigkeit dieses Kapitalismusglaubens wurde von Kubin jedoch ebenso vorgeführt wie das zweifelhafte Flüchten die eine transzendente Isolation. Gerade die Tatsache, dass der Zeichner seinen Bericht retrospektiv in einer Nervenheilanstalt verfasst kann an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln lassen (vgl. 285). Der Umstand kann jedoch auch als Kritik am Umgang mit spirituellen Menschen seitens der modernen Wissenschaft gewertet werden. Die Offenheit dieser Deutungsmöglichkeiten scheint nach eingehender Betrachtung des Romans vom Autor intendiert zu sein. Sie korrespondiert mit der Erfahrung einer sich immer weiter fragmentarisierenden Wirklichkeit, in der absolute Aussagen nicht mehr möglich scheinen. Stattdessen kann immer nur von einem „sowohl als auch“ die Rede sein.

Auf einer weiteren Ebene führt der Roman eindrücklich vor, dass diese fragmentierte und als unwirtlich empfundene Gegenwart nicht einfach ignoriert oder gar die Zeit rückwärts laufen gelassen werden kann. Ein solches Konzept muss scheitern, da das Traumreich ans Irdische gebunden bleibt. Im Irdischen kann sich der Mensch jedoch nicht von Naturgesetzen wie dem chronologischen Lauf der Zeit befreien. Ein immaterielles, ganz und gar „durchgeistigtes Leben“ (12) ist nicht möglich. Die Überwindung der Gegenwart scheint nur durch die überirdische Hilfe Gottes möglich, der die Menschen zu ihrem Ende führt, um ihnen im Jenseits eine neue Welt zu offenbaren.

123 Dass Kubin sieben Jahre für die Ankunft Bells veranschlagt, ist kein Zufall. Die Analyse der Johannesoffenbarung hat gezeigt, dass die Sieben eine apokalyptische Symbolzahl ist. Im Falle von Kubins Roman scheint sie auf einen von Patera geplanten Untergang des Traumreiches hinzuweisen.
124 Diese Szene erinnert stark an den so genannten Boxeraufstand von 1900. Hier mussten europäische Kolonialmächte in China intervenieren, um das Leben der dort angesiedelten Europäer zu schützen. Die erste militärische Operation wurde damals unter britischer Führung vorgenommen. Da auch das Deutsche Reich in den Konflikt verwickelt war, ist es denkbar, dass Kubin die Ereignisse verfolgte und eventuell als Motiv in seinem Roman verwandte.
125 Auch hier lässt sich leicht ein Bezug zur Gegenwart des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts herstellen. Unter den Vorsätzen der Wahrung der Menschenrechte und Verteidigung der Freiheit der westlichen Welt führen die USA mehrere umstrittene Kriege, die mitunter durch religiöse Argumentationen gerechtfertig werden sollten (vgl. dazu Peter Gruber – Bushs göttliche Eingebungen. Focus Online, 09.10.2005).
126 Die Scheinwirtschaft Perles erinnert an die Mangelwirtschaft in der DDR. Auch hier war die Grundabsicherung hinsichtlich Wohnraum und Lebensmitteln durch sehr geringe Preise gewährleistet, während im Vergleich dazu für Luxusgüter wie Radiogeräte oder Autos enorme Summen aufgebracht werden mussten. Will man diesen Vergleich auf die Spitze treiben, könnte man übertragen auf den Roman Kubins davon sprechen, dass mit dem Zusammenstoßen Bells und Pateras der Kapitalismus auf eine Art sozialistischer Planwirtschaft trifft.
127 Vgl. Wengst 2010, S. 176ff.
128 An dieser Stelle bezieht sich die Frage offensichtlich nicht allein auf die Ereignisse des Untergangs, sondern auch und vor allem auf den Tod seiner Frau.

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