Architekturen der Apokalypse (Teil VI)

4. Alfred Kubin – Die andere Seite (1909)105

Alfred Kubin ist heute vor allem als Grafiker und Buchillustrator bekannt. Sein im Herbst 1908 entstandener Roman Die andere Seite ist die einzige größere literarische Arbeit des gebürtigen Österreichers. Das Buch erschien 1909 mit 51 Zeichnungen des Autors und rief sofort ein breites Echo vor allem bei anderen Künstlern und Schriftstellern hervor. Die andere Seite gilt bis heute als einer der bedeutendsten Romane der deutschsprachigen Phantastik und übte großen Einfluss auf die Literatur des Expressionismus aus.

Bisher wurde der Roman in der Forschung vor allem unter biografisch gestützten, psychoanalytischen Aspekten interpretiert. Ferner wurde er auch als politische Allegorie gelesen. Die zahlreichen religiösen Motive und Anspielungen im Text wurden hingegen noch nicht systematisch untersucht. Im Hinblick auf die Bezugnahme Kubins zur biblischen Offenbarung soll im Folgenden vor allem ein erster Zugriff auf das religiöse Spektrum des Romans gegeben werden.

4.1 Inhalt

Die Handlung des Romas wird vom Protagonisten, dessen Namen der Leser nicht erfährt, retrospektiv in der ersten Person erzählt. Der Erzähler ist, wie Kubin selbst, von Beruf Zeichner und Illustrator. Der Text weist durch seine Einteilung in Teile und Kapitel eine durchkomponierte Struktur auf. Der erste Teil trägt den Titel Der Ruf. Darin erfährt der Leser zunächst von den Lebensumständen des Zeichners, der sich in München „schlecht und recht durchs Leben“ (10) schlägt bis er eines Nachmittags Besuch von einem Unbekannten erhält. Der Unbekannte stellt sich mit dem Namen Franz Gautsch vor und überbringt dem Protagonisten eine Nachricht von dessen ehemaligem Schulkameraden Claus Patera. Patera, der „[d]urch einen eigentümlichen Zufall […] zu dem vielleicht größten Vermögen der Welt“ (10f.) kam, hat in der weiten Steppenlandschaft Zentralasiens einen eigenen Staat, das Traumreich gegründet, dessen Zentrum die Stadt Perle bildet. Das Leben im Traumreich wird bestimmt von der Ideologie, dass „alles Fortschrittliche, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiete“ (11) strikt abgelehnt wird.

„Das Reich wird durch eine Umfassungsmauer von der Umwelt abgegrenzt und durch starke Werke gegen alle Überfälle geschützt. Ein einziges Tor ermöglicht den Ein- und Austritt und macht die schärfste Kontrolle über Personen und Güter leicht. Im Traumreiche, der Freistätte für die mit der modernen Kultur Unzufriedenen, ist für alle körperlichen Bedürfnisse gesorgt.“ (11)

Patera selbst ist der absolute Herrscher über dieses Reich und wählt sorgfältig aus, wer in Frage kommt, Teil davon zu werden. Der Erzähler und dessen Frau erhalten nicht nur die Einladung, Bürger des Traumreiches zu werden, sondern auch einen Scheck über 100.000 Mark. Die beachtliche Summe überzeugt den zunächst zweifelnden Protagonisten dem Ruf Pateras zu folgen. Nur dessen Frau, deren Gesundheitszustand angegriffen ist, zweifelt bis zuletzt an der Idee vom Traumreich und hat bezüglich Patera ein ungutes Gefühl. Ihrem Mann zuliebe nimmt sie dennoch die beschwerliche Reise auf sich.

Als das Paar schließlich in Zentralasien ankommt, wird ihr Gepäck einer genauen „Inspektion“ (42) unterzogen. Allzu moderne Gegenstände wie ein Foto- und ein Rasierapparat werden dabei konfisziert. Nun sind die beiden bereit das Traumreich zu betreten. Die Durchquerung des Eingangstores wird als Tunnelerlebnis beschrieben, das sowohl einer Nahtoderfahrung als auch einem (Wieder-)Geburtsprozess gleicht.

Der zweite Teil des Romas trägt den Titel Perle. Darin beschreibt der Erzähler in erster Linie die geografischen Gegebenheiten der Stadt und des restlichen Traumreiches. Der Profession eines Zeichners und Illustrators gemäß schildert der Erzähler detailreich das Aussehen der Straßen und Gebäude und gibt einen Einblick in den Alltag und das gesellschaftliche Zusammenleben der „Traummenschen“. Diese fallen dem Neuankömmling vor allem durch ihre veraltete Mode auf, die dem Stand von 1860 entspricht. Diese Jahreszahl gilt im fortschrittsfeindlichen Traumreich als genereller Grenzwert zur modernen Welt. Sämtliche Gegenstände, Kleider, Baustile und dergleichen, die später entstanden, werden nicht nur abgelehnt, sondern sind schlichtweg verboten.

Trotz einiger widriger Umstände, wie rücksichtlose Nachbarn, einem undurchschaubaren bürokratischen System und einer auf Zufall basierenden Geldwirtschaft lebt sich der Protagonist schnell in Perle ein. Er erhält eine Stelle als Zeichner beim „Traumspiegel“ und wird gebeten „möglichst Grelles und Schauriges!“ (65) zu liefern, da der Verleger die Auflagenstärke des Blattes heben will. Fortan führt der Zeichner ein auskömmliches Leben im Kaffeehaus, wo er mit der Zeit einige Freunde findet, die ihm so manche Gepflogenheit im Traumreich erklären. Keine ausreichende Erklärung bekommt er jedoch über den religiösen Kult der Traumstadt, dem so genannten „Uhrbann“. Dieser besteht darin, dass man „[z]u bestimmten Stunden“ (79) den Uhrenturm auf dem Hauptplatz Perles betritt und vor einer Steinwand die Worte „Hier stehe ich vor Dir!“ (81) ausspricht. Der Erzähler berichtet, dass diese Handlung nicht freiwillig abläuft. Man wird geradezu hypnotisch von dem Turm angezogen und zu dieser kultischen Handlung hingerissen. Die Traummenschen fügen sich in dieses Schicksal und hinterfragen es nicht, da sie es ohnehin nicht vollends erklären können.

Als die kränkelnde Frau des Erzählers eines Tages Patera in den Straßen Perles begegnet, ist sie von dessen Anblick zu Tode erschrocken. In der Folge dieses Erlebnisses verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Frau zusehends. Die schweren Angstzustände, die sie unaufhörlich plagen, sollen durch einen Ausflug in die Berge des Traumreiches gemildert werden. Allerdings verschlechtert sich das Befinden der Frau dadurch nur noch weiter, sodass das Paar bald wieder in die Stadt zurückkehrt. Hier schafft es der Erzähler nun endlich Patera persönlich zu treffen. Verschiedene Versuche ihm zu begegnen schlugen bis dahin fehl. Bei diesem unheimlichen Treffen bittet der Zeichner den Herrn des Traumreiches seiner Frau zu helfen. Patera betont seinen allumfassenden Status als Herr über die Geschicke im Reich und verspricht Hilfe für die Kranke. Als der Erzähler schließlich zu seiner Frau zurückkehrt, liegt diese bereits im Sterben. Wenige Tage nach ihrem Tod erscheint in Perle ein geheimnisvoller Mann „mit vielem Gold“ (146) namens Herkules Bell, der vielfach nur „der Amerikaner“ genannt wird.

Der mit Der Untergang des Traumreichs betitelte dritte und letzte Teil nimmt etwa die Hälfte des Romans ein. Der aus Philadelphia stammende Herkules Bell nimmt darin die „verrottete Geldwirtschaft“ (161) in seine Hand. „Dieser Milliardär geizte keineswegs mit seinem Reichtum, das Traumland wurde von ihm mit Gold geradezu überschwemmt.“ (161) Aufgrund des plötzlichen luxuriösen Überflusses verfallen die Bewohner der Traumstadt in einen „unsinnige[n] Taumel“ (161). Der Amerikaner tritt nun offen als Gegner Pateras auf und verkündet in einer Proklamation, dass die Bürger Perles bisher „einer Massenhypnose“ (172) durch den Herrn verfallen waren. Bell schafft es, immer mehr Anhänger um sich herum zu versammeln und in einem Club mit dem Namen Luzifer zu organisieren. Daraufhin lässt Patera „eine unwiderstehliche Schlafsucht“ (186) über das Traumreich kommen, die alle Bewohner mit Ausnahme Bells ergreift. Nachdem die Traummenschen wieder erwachen, finden sie Perle von Tieren beherrscht vor. Diese plagen die Menschen und erschweren ihnen ein normales Weiterleben. Schließlich setzt ein allmählicher Verfall des ursprünglichen Traumreiches ein, der als „Die Zerbröckelung“ (196) bezeichnet wird. Die Zerbröckelung betrifft auch die Lebensmittel, die immer schneller verderben und somit ungenießbar werden. Infolgedessen stirbt ein Großteil der Bewohner in so kurzer Zeit, dass die Leichen nicht mehr ordentlich begraben werden können.106 Zudem droht, neben dem inneren Zerfall, nun auch die Außenwelt, vor der das Reich bisher behutsam abgeschottet war, mit einer Invasion. In einem Brief an den englischen Premierminister bezeichnet Herkules Bell das Traumreich als Ort der Gefangenschaft und Sklaverei. Als Grenzreich erhält Russland das Mandat militärisch einzugreifen.

Unterdessen kommt es zu einem Entscheidungskampf zwischen Patera und dem Amerikaner, aus welchem Letzterer als Sieger hervorgeht. Patera stirbt und der Zeichner, der die endzeitlichen Ereignisse als Augenzeuge verfolgte, kehrt zurück in seine deutsche Heimat, um das Erlebte in einem Buch festzuhalten.

4.2 Die Traumstadt Perle als neues Jerusalem

Vor der genauen Betrachtung der Traumstadt Perle und einem Vergleich der dieser mit dem neuen Jerusalem soll zunächst noch einmal ein kurzer Schritt zurück gewagt werden. Bei aller visionären Kraft, die dem Bild der herabkommenden Himmelsstadt und des Reiches Gottes auf Erden inhärent ist, ist es doch eine andere Wirklichkeit, die in der Zeit der Abfassung der Offenbarung zu Johannes spricht.

„In der Zeit, da Johannes sein Werk schreibt, liegt Jerusalem zerstört da, während die Metropole Rom prachtvoll glänzt und sich pulsierenden Lebens erfreut. In den Visionen verhält es sich genau umgekehrt. Aus Roms Trümmern steigt nur noch Rauch auf (Apk 18, 9. 18), der von seiner vollkommenen Zerstörung zeugt. Dagegen erstrahlt Jerusalem in nicht zu überbietender Schönheit und hat unvorstellbare Ausmaße.“107

Im Zuge dessen stellt Klaus Wengst die Frage, ob Johannes durch die bloße Umkehrung der Wirklichkeit nicht schlicht in eine Traumwelt flüchtet. Er beantwortet diese Frage, indem er die Offenbarung als „Versuch eines Ohnmächtigen“ wertet, der gegen die Weltgeschichte anzuschreiben versucht.108 In dieser neu- bzw. umgeschriebenen Weltgeschichte wird folgerichtig wieder ein Platz für Gott offen gehalten.

In Kubins Roman wird ebenfalls die Vision einer Traumwelt geschaffen, die innerhalb der fiktionalen Welt der Anderen Seite in Form des Traumreiches von Patera Wirklichkeit geworden ist. Für die Figuren stellt es einen existenten Zufluchtsort vor der modernen Welt dar und bildet den zentralen Handlungsort der Story. Der Mittelpunkt dieses Reiches ist wiederum durch eine Stadt mit dem sprechenden Namen Perle markiert. Sowohl das Reich als auch die Stadt weisen erstaunliche Gemeinsamkeiten mit dem in der Bibel beschriebenen neuen Jerusalem auf. Pateras Schöpfung scheint geradezu von der biblischen Himmelsstadt inspiriert zu sein. Es lassen sich jedoch auch zahlreiche Unterschiede zwischen den Metropolen feststellen. So weist Perle eine Reihe architektonischer Fehler auf, welche mit der Missachtung der ideellen Werte, für die das neue Jerusalem steht, einhergehen.

Das Traumreich ist ein von Claus Patera synthetisch geschaffener Staat, der in der weiten Steppenlandschaft Zentralasiens „auf dem gleichen Breitengrad wie München“ (25) liegt und an Russland grenzt.109 Seine Ausdehnung von genau 3000 Quadratkilometern gibt einen ersten Hinweis auf dessen Künstlichkeit. Die runde Zahl betont, ähnlich wie die Symbolzahlen des neuen Jerusalem, den Modellcharakter des Reiches. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Stadt- bzw. Staatsmauer, die die räumlichen Ausmaße klar begrenzt. Sowohl in der Bibel als auch bei Kubin stellt sie ein architektonisches Hauptmerkmal des jeweiligen Reiches dar. Entgegen dem neuen Jerusalem befindet sich in der Mauer des Traumreiches jedoch nur ein einziges Tor. Entsprechend beläuft sich die Höhe der Anfangsbevölkerung auf „zwölftausend Seelen“ (11). Das ist genau die Anzahl von Versiegelten aus einem der zwölf Stämme Israels, wie in der Johannes-Offenbarung zu lesen ist. Zum Zeitpunkt, da der Erzähler Einwohner des Traumreiches wird, ist die Bevölkerungszahl jedoch bereits auf 65.000 Menschen gestiegen. Behält man bei dieser Betrachtung den biblischen Vergleich bei, muss man ein doppeltes Ungleichgewicht zwischen Bevölkerung und Toren des Traumreiches feststellen. Nicht nur, dass pro 12.000 Einwohnern keine weiteren Tore angelegt wurden; da 65.000 kein Vielfaches von 12.000 ist, ist eine Wiederherstellung der Harmonie zwischen der Bevölkerungszahl und der Anzahl der Tore nicht möglich.110 Anders als im neuen Jerusalem entsteht hier eine Pferchsituation, die dadurch verstärkt wird, dass die Mauer des Traumreiches in ihren „kolossalen Dimensionen“ (47) einem „Festungswall“ (51) gleicht. Das Tor dieses Walls ist folgerichtig immer verschlossen, sodass es den Bewohnern nicht möglich ist, nach Belieben ein- und auszugehen. „Wer sich, dem Ruf des Herrn folgend, zum Umzug in das Traumreich entschlossen hat, kehrt von dort nicht mehr zurück[.]“111 Der oben erwähnte Gedanke einer partizipatorischen Völkergemeinschaft wird somit undenkbar. Der „strenge Abschluß von der Außenwelt“ (24) ist ein weiteres Hauptmerkmal des Traumreiches und zugleich ein erster Hinweis darauf, dass es untergehen muss.112 Denn sowohl nach klassisch-architektonischem als auch nach ideengeschichtlichem Verständnis werden Städte durch Mauern definiert, nicht aber Staaten.113

Die Abschottung nach außen dient dazu, den im Traumreich herrschenden „Stil der Lebensführung möglichst rein zu bewahren“ (24). Dieser Stil zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass ein außerordentlicher Widerwille gegen den Fortschritt gehegt wird. Die Traumstadt Perle weist daher den Entwicklungsstand des Jahres 1860 auf, das als „äußerste Grenze“ (22) der Geschichte gilt. Sämtliche Kleidungsstücke und Gegenstände, die später gefertigt wurden, sind im Traumreich verboten und werden bei der Einreise konfisziert (vgl. 42ff.). Gleiches gilt auch für die Architektur Perles. Diese setzt sich ausschließlich aus alten Gebäuden zusammen, die Patera in Europa erworben hat, „[g]eistvoll in einzelne Stücke“ (21) zerlegen und in der Traumstadt wieder zusammensetzen ließ. Ähnlich dem neuen Jerusalem entstand also auch Perle aus „auserlesenen Edelsteinen“, die sich für Patera jedoch nicht durch ihren materiellen, sondern durch den ideellen Wert ihres Alters auszeichnen. Auch die Beschreibung der äußeren Stadtränder weist eine Gemeinsamkeit mit der biblischen Himmelsstadt auf. So sind die natürlichen Grenzen Perles ebenso wie die vier Seiten des neuen Jerusalems deckungsgleich mit den vier Himmelsrichtungen. „Im Norden das Gebirge, im Osten der Fluß, im Westen der Sumpf, hätte sich die Stadt nur noch nach Süden hin ausdehnen können.“ (59) Im Süden befinden sich jedoch nur noch die unbebaubaren Tomassicfelder, auf die später noch einmal kurz eingegangen werden wird.

Ebenso wie bei Johannes ist auch bei Kubin implizit von einer Begrenzung der Stadt nach oben die Rede. Demzufolge hängen über Perle „Wolken bis tief zur Erde herab“, die das „blaue Firmament“ (55) verschlossen halten. Fehlten im neuen Jerusalem Sonnen- und Mondlicht aufgrund der übermächtigen Strahlkraft des göttlichen Glanzes, so ist eine hermetische Wolkenkuppel für die ständige Abwesenheit der Gestirne in der Traumstadt verantwortlich. Mit Hilfe einer Attrappe wird dagegen versucht das Fehlen des Mondes zu kompensieren (vgl. 109). In der Folge des abwesenden Sonnenlichtes grünen in Perle keine Pflanzen. Grau und Braun sind die vorherrschenden Töne, „das Beste, die Buntheit“ (56) fehlt. „Ähnlich gegensatzlos verhielten sich die Jahreszeiten. Ein fünf Monate langes Frühjahr – fünf Monate Herbst; dauerndes Zwielicht in der Nacht kennzeichneten den kurzen, heißen Sommer, endlose Dämmerungen und ein paar Schneeflocken den Winter.“ (56) Aufgrund dieser deprimierenden Schilderungen seiner Eindrücke kommt der Erzähler zu einem gleichsam pessimistischen Fazit. „Hier war Perle, die Hauptstadt des Traumreichs, errichtet. Schwermütig düster wuchs sie aus dem kargen Boden in farbloser Einförmigkeit.“ (56) Was hier dargestellt wird, ist eine Totenstadt, die ihren eigenen Untergang geradezu antizipiert.

Die innere Stadtstruktur scheint sich nicht wesentlich vom Aufbau einer europäischen Großstadt zu unterscheiden. Den Beschreibungen des Erzählers zufolge

„gliederte sich Perle in vier Hauptteile. Das Bahnhofsviertel, an einem Sumpfe gelegen, gänzlich verräuchert, enthielt die öden Verwaltungsbauten, das Archiv, die Post. Es war ein unerfreulicher, langweiliger Bezirk. Die sogenannte Gartenstadt, der Wohnsitz der Reichen, schloß sich an. Dann die Lange Gasse; sie bildete das Geschäftsviertel. Hier wohnte der Mittelstand. Gegen den Fluß zu war ihr Charakter mehr ein dorfartiger. Von der Langen Gasse bis an den Berg gedrückt lag der vierte Distrikt: das französische Viertel. Dieser kleine Stadtteil mit seinen viertausend Einwohnern, Romanen, Slawen und Juden, galt als verrufene Gegend. Die bunt zusammengewürfelte Menge hockte da in alten Holzhäusern eng aufeinander. Winkelgäßchen und überriechende Spelunken enthaltend, war dieses Viertel nicht gerade der Stolz von Perle.“ (57ff.)

Zum besseren Nachvollzug der Schilderungen weist der Erzähler selbst auf den dem Roman beigefügten Stadtplan hin (Abb. 3). Darin lässt sich am nördlichen Stadtrand das eigentliche Herzstück Perles ausmachen, der Palast Pateras. Ähnlich dem Jerusalemer Tempel sowie dem Himmlischen Jerusalem erhebt er sich auf einem Berg über der Stadt. Hier wird bewusst eine Entsprechung zum Tempelberg in Jerusalem geschaffen, um die Bedeutung des Baus hervorzuheben. Kubins Erzähler beschreibt den Palast im Text mehrfach. Er erscheint ihm „unheimlich[en]“ (62), von „monströser und ungeschlachter Größe“ (59) und als „ein gigantischer Würfel“ (109), der in den Himmel ragt. Das zuletzt genannte Merkmal lässt wieder an die harmonisierende Kubusgestalt des neuen Jerusalem denken, wie in Kapitel 3.4.2 zu lesen war. Allerdings verleihen die Attribute unheimlich, monströs und gigantisch dem Palast alles andere als einen harmonischen Charakter. Trotz der Ähnlichkeiten mit der biblischen Tempelanlage wirkt seine Erscheinung vor allem bedrohlich, keineswegs aber tröstlich.

Der fundamentale Unterschied zum neuen Jerusalem besteht nun aber darin, dass die Stadt gar keinen Tempel in sich beherbergt. Dies wird begründet mit der Abschaffung der Herrschaft des Menschen über andere, da allein die Allgegenwart Gottes hier über den Menschen gebietet. Im Traumreich Kubins scheint die alte Hierarchie jedoch noch immer zu bestehen. Sie manifestiert sich in Claus Patera, dem absoluten Herrn über das Traumreich. Es verwundert in diesem Zusammenhang auch wenig, dass der Palast ebenfalls aus ausgewählten Steinen, namentlich Trümmern europäischer Herrschafts- und Repräsentationsgebäude wie dem Eskorial, der Bastille, dem Hradschin oder gar dem Vatikan zusammengesetzt wurde (vgl. 173). Neben dem Herrschaftsanspruch Pateras wird hier zusätzlich noch einmal dessen Rückwärtsgewandtheit betont.

Der künstlich herbeigeführte Anachronismus des Traumreiches rührt aus einem „tiefen Widerwillen“ Pateras „gegen alles Fortschrittliche, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiete“ (11). Was sich hinter diesem strikt geäußerten, jedoch nur unscharf formulierten Dogma verbirgt, erfährt der Leser bei genauer Betrachtung der Einwohner Perles. Diese werden unter anderem als „mit der modernen Kultur Unzufriedene“ (11) bezeichnet. Vielmehr müsste man sie jedoch von der modernen Kultur Überforderte nennen. So gehörte „ein großer Teil der Traumleute früher zu den ständigen Gästen der Sanatorien und Heilanstalten.“ (25) Diese von der Wissenschaft, hauptsächlich der modernen Psychologie und neu entstanden Psychoanalyse, als geisteskrank Stigmatisierten finden in der Rückwärtsgewandtheit des Traumreiches ein entschleunigtes Leben. Hier können „sich selbst die nervösesten Menschen in kurzer Zeit außerordentlich wohl fühlen“ (25) und ihre überreizten Nerven entspannen. Es scheint eindeutig, dass Kubin hier eine Problematik im Blick hat, die von den Geisteswissenschaften heute meist als „Großstadtdiskurs der Moderne“ bezeichnet wird.114 Einer der zentralen Texte dieses Diskurses ist zweifellos Georg Simmels Aufsatz Die Großstädte und das Geistesleben von 1903. Simmel stellt fest, dass der moderne Großstädter einer „Steigerung des Nervenlebens“ ausgesetzt ist, hervorgerufen durch den ununterbrochenen Strom an urbanen Reizen.115 Diese Reizüberflutung führt unter anderem zu einer Unfähigkeit neue Reize aufzunehmen. Daraus resultiert wiederum die viel zitierte Blasiertheit, die Simmel für eine ganz und gar großstädtische Erscheinung hält. Blasiertheit ist hier jedoch nur bedingt negativ konnotiert, hilft sie doch dem Individuum aus der Masse der Großstadt heraus zu stechen und seinen Platz zu definieren. Dem Blasierten kann man auch in Perle begegnen. Er hat hier seinen Platz unter Hysterikern, „Hypochonder[n], Spiritisten, tollkühne[n] Raufbolde[n], […] Taschenspieler[n], Akrobaten, politischen Flüchtlinge[n], ja selbst im Ausland verfolgte[n] Mörder[n], Falschmünzer[n] und Diebe[n]“ (60) gefunden. Ähnlich den Versiegelten aus den zwölf Stämmen Israels, die von Johannes genannt werden, handelt es sich hier um eine Auslese. Bürger des Traumreiches wird man nämlich nur durch die persönliche Berufung Pateras. Angesichts der im Text genannten Aufzählungen und Beschreibungen derjenigen, die den Straßen Perles ein Gesicht geben, muss man jedoch von einer zweifelhaften Elite sprechen.

Entsprechend fragwürdig gestaltet sich das soziale Miteinander im Traumreich. Unmissverständlich ist im Text davon die Rede, dass „[d]ie vornehmsten Ziele dieser Gemeinschaft […] weniger auf die Erhaltung der realen Werte, der Bevölkerung und Einzelwesen gerichtet“ (12) sind. Es stellt sich hier unweigerlich die Frage, ob eine Gesellschaft ohne gültigen Wertemaßstab überhaupt funktionieren kann oder ob ihr Untergang dadurch nicht schon besiegelt ist. Weiterhin gehört es

„zum Wesen des Traummenschen […], daß er in die Tiefe strebt. Alles ist auf ein möglichst durchgeistigtes Leben angelegt; Leid und Freud der Zeitgenossen sind dem Träumer fremd. […] Am ehesten dürfte noch, wenigstens vergleichsweise, der Begriff ‚Stimmung’ den Kern unserer Sache treffen. Unsere Leute erleben nur Stimmungen, besser noch, sie leben nur in Stimmungen; alles äußere Sein, das sie durch möglichst ineinandergreifende Zusammenarbeit nach Wunsch gestalten, gibt gewissermaßen nur den Rohstoff.“ (12f.)

Die Traummenschen scheinen nicht miteinander, sondern aneinander vorbei zu leben. Jegliches öffentliche Leben bietet für diesen Zustand lediglich eine Bühne, auf der die psychischen Eigenheiten ausgelebt werden können. „Anneliese Hewig weist zu Recht darauf hin, dass gerade wegen der ‚Verkapselung’ in der eigenen Stimmung keine echte Kommunikation zwischen den Individuen des Traumreiches zustande kommen kann.“116 Das Gesellschaftsmodell Perles widerspricht also voll und ganz der Vorstellung von Gemeinschaft wie sie Johannes sich erhofft. Zwar gibt es hier eine geschlossene Gesellschaft Gleichdenkender, doch scheint deren gemeinsame Basis in ihrer Gesellschaftunfähigkeit zu bestehen. Der Leidensgemeinschaft der Moderneverweigerer wird in der Traumstadt lediglich eine räumliche Zuflucht geboten. Hier findet allenfalls eine Symptombehandlung statt, nicht aber eine Therapie ihrer Ursachen.

Ein Miteinander scheint es hingegen zwischen den Gebäuden Perles zu geben. Wie bereits angedeutet, geben diese der Stadt ihr eigenes Gepräge dadurch, da es sich ausschließlich um umgesetzte Altbauten aus Europa handelt. Neben diesem besonderen äußeren Merkmal bekommen sie zudem ein wahres Seelenleben zugesprochen.

„Oft war es mir, als ob die Menschen nur ihretwegen da wären und nicht umgekehrt. Diese Häuser, das waren die starken, wirklichen Individuen. Stumm und doch wieder vielsagend standen sie da. Ein jedes hatte so seine bestimmte Geschichte, man mußte nur warten können und sie stückweise den alten Bauten abtrotzen.“ (74)

Die Diskrepanz zwischen der Leblosigkeit und Lebhaftigkeit sowohl der Menschen als auch der Häuser Perles unterstreicht den Ersteindruck vom Traumreich als zwielichtigen Ort. Die Schilderungen des Erzählers geben zu bedenken, ob das von Patera geschaffene Traumreich wirklich eine traumhafte Alternative, ein neues Jerusalem für die Aussteiger aus der modernen Gegenwart ist. Als der Zeichner mit seiner kranken Frau die Abgeschiedenheit der ländlichen Gebiete sucht, stellt er einen entscheidenden Unterschied zwischen den Bewohnern Perles und der Landbevölkerung fest. „Trotzdem viele von ihnen gebückten Tieren glichen, gefielen sie mir doch besser als die Städter. Sie schienen weniger zerrissen und gehetzt.“ (117) Der Typus des nervlich überlasteten Großstädters ist als trotz aller Bemühungen auch im Traumreich noch anzutreffen. Dementsprechend ist es fraglich, ob dieser Typus eine immanente Erscheinung des frühen 20. Jahrhunderts ist, ob allein eine Verweigerung der Gegenwart die nervliche Überreizung lindert und ob eine Verweigerung gegenüber der historischen Kontinuität überhaupt gelingen kann.

Im Hinblick auf den Anachronismus des Traumreiches sei an dieser Stelle noch einmal auf Klaus Wengst verwiesen.117 Er stellte fest, dass die gegenwärtige Wirklichkeit sich für Johannes derart bedrängend darstellt, sodass es nur einen völligen Abbruch, nicht aber eine Kontinuität von Welt und Geschichte geben kann. Ähnliches gilt auch für Patera, der in seiner modernen Gegenwart eine Welt wahrnimmt, die das Individuum überfordert und psychisch zerstört. Mit einer Neuschöpfung, ähnlich dem neuen Jerusalem, versucht er dem gegenwärtigen Zustand entgegenzuwirken. Wie auch bei Johannes bleibt diese Neuschöpfung der Empirie des Irdischen verhaftet. Im wahrsten Sinne des Wortes durchziehen Elemente des Alten die neue Schöpfung, indem das neue Reich aus alten Ideen und Gebäuden errichtet wird.

Der grundlegende Unterschied zur Offenbarung zeigt sich darin, dass in Kubins Roman kein wirklicher Abbruch der historischen Kontinuität stattfindet. Das Traumreich konstruiert lediglich einen anachronistischen Zustand, der nur innerhalb seiner hermetischen Abriegelung Gültigkeit besitzt. In der Außenwelt laufen die Uhren hingegen wie gewohnt weiter. Der Weltgeschichte wird hier nicht entgegengewirkt, man versucht sie nur zu ignorieren. Bei Johannes findet hingegen ein klarer Abbruch der Herrschaft Babylons statt. Darüber hinaus lässt das schöpferische Handeln Gottes eine neue Kontinuität entstehen, indem er einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft. Diese allmächtige Qualität fehlt Patera, dessen Schöpfung folgerichtig stets dem Irdischen verhaftet bleibt.

105 Kubin, Alfred – Die andere Seite [1909]. Ein phantastischer Roman. Mit 51 Zeichnungen und einem Plan. Nachwort von Josef Winkler. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2009. Zitiert wird im Folgenden mit Seitenangabe im Text.
106 Das ist ein Umstand, der an Apk 11, 8-9 erinnert. Bei Johannes ist die Rede davon, dass das Tier aus der Erde wüten und töten wird. Die Leichen, die es dabei hinterlässt, liegen auf den Marktplätzen umher; eine Grablegung wird ihnen (zunächst) verwehrt.
107 Wengst 2010, S. 236.
108 Ebd.
109 Überträgt man diese Angaben auf die Realität, so müsste das Traumreich etwa im heutigen Osten Kasachstans bzw. im Nordwesten Chinas liegen.
110 Will man diese Harmonie aufrechterhalten, so müsste das Traumreich z.B. 60.000 oder 72.000 Einwohner zählen, denen man fünf bzw. sechs Tore zuordnen kann.
111 Torra-Mattenklott 2008, S. 168.
112 Analog zum Isolationscharakter des Traumstaates verhält sich auch der Vorname seines Schöpfers. Claus erinnert an das lateinische clausa est für sie ist abgeschlossen.
113 Ein Blick in die Realgeschichte genügt, um diese These zu festigen. In Deutschland endete die fehlgeleitete Utopie, eine Mauer könne einen Staat definieren, bekanntlich am 9. November 1989. Es scheint, Kubin habe in diesem Punkt, wie es sich für einen Apokalyptiker gehört, seherische Qualitäten bewiesen.
114 Siehe dazu u.a.: Becker, Sabina – Urbanität und Moderne: Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900 – 1930. St. Ingbert: Röhrig, 1993; Scherpe, Klaus R. (Hg.) – Die Unwirklichkeit der Städte: Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne. Reinbek: Rowohlt, 1988 und Würzbach, Natascha – Raumerfahrung in der klassischen Moderne: Großstadt, Reisen, Wahrnehmungssinnlichkeit und Geschlecht in englischen Erzähltexten. Trier: WVT, 2006.
115 Simmel [1903] 2008, S. 319.
116 Geyer 1995, S. 116; Die Argumentation auf die Andreas Geyer sich hier bezieht entstammt Anneliese Hewig – Phantastische Wirklichkeit: Interpretationsstudie zu Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. München: Fink, 1967, S. 52.
117 Die folgenden Ausführungen nehmen noch einmal Bezug auf ein längeres Zitat aus Kapitel 3.4.2; siehe Anm. 97.

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