Architekturen der Apokalypse. Über Stadträume und Endzeitvisionen in der Literatur

Bisher hat meine Master-Abschlussarbeit in einer Datei auf meinem Rechner geschlummert. Wenn ich bedenke, wie viel Zeit und Arbeit in darin investiert habe, finde ich das ziemlich schade. Darum habe ich mich entschieden die Arbeit in den nächsten Tagen kapitelweise zu bloggen. Los geht’s heute mit der Einleitung und dem Literaturverzeichnis, damit ihr, falls ihr das wirklich lesen solltet, wisst woraus ich zitiere.

Da ich den fertigen Text leider nur noch als pdf vorliegen habe, könnte die Formatierung auf wordpress manchmal etwas komisch aussehen (vor allem was Fußnoten betrifft). Sorry dafür, aber das werde ich nicht nochmal alles umfummeln. Als entschädigenden Service versuche ich aber ein paar nützliche, interessante und hilfreiche Links in den Text zu fügen.

Vielleicht kann der ein oder andere meine Gedanken ja gebrauchen.

Leider ist der Stil der Arbeit recht akademisch. Würde es ein populärwissenschaftlicher Essay sein, wäre der Text sicher etwas angenehmer zu lesen.

Eingereicht wurde die Arbeit übrigens am 23. August 2011 am Institut für Komparatistik der Universität Leipzig und mit der Gesamtnote 1,5 bewertet (was immer das heißen mag).

***

1. Einleitung
Für den 21. Mai 2011 hatte der US-Prediger Harold Camping den Weltuntergang prophezeit.1 Der anhand von Bibelversen angeblich exakt berechnete Termin fand unter anderem auf Plakaten Verbreitung, die mit dem „Gütesiegel“ the bible guarantees it versehen waren (Abb. 1). Laut Camping sollte eine Reihe von Erdbeben den gesamten Globus erschüttern und zerstören. Die Jünger des Predigers glaubten fest an die Prophezeiung und trugen die Botschaft in die Welt. Passiert ist am 21. Mai jedoch nichts. Wie schon bei seiner Prognose für das Jahr 1994 lag Harold Camping falsch. Damit reiht er sich in eine lange Liste von Propheten des Jüngsten Gerichts ein, deren Ankündigungen sämtlich nicht eintrafen.

Das Ereignis war dennoch nicht uninteressant, veranschaulichte es doch die Faszination, die ein mögliches Ende der Welt auf die Menschheit ausübt. Diese Faszination ist keine moderne oder gar gegenwärtige Erscheinung. Vorstellungen vom Weltuntergang gibt es seit jeher in allen Kulturen der Erde und viele davon wirken bis in die Gegenwart hinein. Für die apokalyptischen Vorstellungen des Abendlandes war keine Schrift so prägend wie das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes. Der literarische Charakter, der sich vor allem in einer eindrucksvollen Bildlichkeit äußert, wirkt bis heute auf die Kunst der so genannten „westlichen Welt“. Deutlich wird das vor allem anhand des relativ homogenen Repertoires an Untergangsmotiven, auf welches in zahlreichen apokalyptischen Werken zurückgegriffen wird. Erdbeben, Regenstürme und Überschwemmungen zählen genauso dazu wie etwa Seuchen, Kriege und Hungersnöte. In den modernen, zumeist säkularen Umdeutungen der Offenbarung kommt das Moment der politischen und wirtschaftlichen Instabilität hinzu.

Bei den hier geführten Betrachtungen wird zu untersuchen sein, wie die Offenbarung des Johannes auf die Literatur des 20. Jahrhunderts gewirkt und welche Umdeutungen der Text bei seiner Rezeption erfahren hat. Dabei wird ein besonderer Fokus auf die Rolle von Städten und Gebäuden innerhalb der verschiedenen Untergangsvisionen gerichtet. Denn gleich welcher ideen- und kulturgeschichtlichen Tradition apokalyptische Kunstwerke entstammen, fast alle haben das Motiv stürzender oder neu erstehender urbaner Strukturen gemein. Die Rolle der Großstadt als apokalyptischer Ort wurde von der Forschung bisher vor allem hinsichtlich expressionistischer Literatur untersucht. Mit Alfred Kubins Roman Die andere Seite (1909) [empfehlenswerte Ausgabe] soll im Rahmen dieser Arbeit ein Text untersucht werden, der maßgeblich auf die Schriftsteller des Expressionismus gewirkt hat. Zudem wird mit In the Country of Last Things (1987) von Paul Auster ein Roman betrachtet werden, der die Großstadt als apokalyptischen Ort der Postmoderne gestaltet.

Wolfgang Braungart betont, dass „Architektur Zentrum und Bedingung des utopischen Entwurfs [bildet]“2 und begründet dies mit der „apokalyptischen Himmelsstadt“ aus der Offenbarung, welche „die Bedingungen des kommenden neuen Lebens in einem räumlichen, architektonischen Ordnungssystem [konkretisiert].“3 Nach dem modernen Apokalypseverständnis ist jedoch vor allem der Zerfall dieses Ordnungssystems von Interesse. „Einstürzende Gebäude, brennende und zerstörte Städte und Ruinen gehören zum festen Bestand der Ikonographie der Apokalypse.“4 Vor allem Ludwig Meidners (1884–1966) Bilder brennender Städte werden in diesem Zusammenhang stets gern als Beispiel genannt. Heute dürften es jedoch vor allem Roland Emmerichs Katastrophenfilme wie Independence Day (1996), The Day After Tomorrow (2004) oder 2012 (2009) sein, welche die Vorstellungen von der untergehenden Stadt prägen.

Dass ausgerechnet die Großstadt immer wieder als Zentrum apokalyptischer Texte fungiert, ist keineswegs ein Zufall. Sie gilt als „Inbegriff menschlicher Zivilisation“ und ihr Untergang steht metaphorisch für das Ende der Menschheit.5 Wie wichtig Architektur als Fixpunkt für die menschliche Zivilisation ist, wird deutlich, wenn Braungart auf biblische Leitmetaphern wie das Haus des Vaters oder das Weltgebäude verweist.6 Sie künden davon, wie eng das Bewusstsein der eigenen Existenz nicht nur an das von Menschenhand Gebaute, sondern auch an dessen metaphorische Kraft geknüpft ist. In säkularen Apokalypsen wird daher die Ruine zu einem wichtigen Doppelsymbol, welches sowohl von der Zerstörung als auch von der einstigen Größe der Zivilisation zeugt. Hierin unterscheidet sie sich evident von der biblischen Apokalypse, welche ein melancholisches Zurückblicken, ein Trauern nach dem Alten nicht kennt.

1 Heil, Christiane – Und wieder kein Weltuntergang: „Wir sind alle ziemlich enttäuscht“ (FAZ.net, 22. Mai 2001 – letzter Zugriff am 24. Juni 2011).
2 Braungart 1991, S. 68.
3 Ebd., S. 67.
4 Ebd., S. 68.
5 Ebd., S. 73.
6 Ebd., S. 77.
7 Ebd., S. 80.

Literatur

a) Primärliteratur

Auster, Paul – In the Country of Last Things. [1987] London: Faber and Faber, 2005.

Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Mit Apokryphen. In der revidierten Fassung von 1984. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 82010.

Derrida, Jacques – Apokalypse: Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie. No Apocalypse, not now. Aus d. Franz. von Michael Wetzel. Hrsg. v. Peter Engelmann. Graz/Wien: Böhlau, 1985.

Enzensberger, Hans Magnus – Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang [1978] in: Ders. – Nomaden im Regal. Essays. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2003.

Kubin, Alfred – Die andere Seite. [1909] Ein phantastischer Roman. Mit 51 Zeichnungen und einem Plan. Nachwort von Josef Winkler. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2009.

Simmel, Georg – Die Großstädte und das Geistesleben. [1903] in: Ders. – Individualismus in der modernen Zeit: und andere soziologische Abhandlungen. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Otthein Rammstedt. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2008. S. 319 – 333.

b) Sekundärliteratur

Auerochs, Bernd – Erzählte Zeit. in: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf u.a., 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2007. S. 208.

Auerochs, Bernd – Erzählzeit. in: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf u.a., 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2007. S. 209.

Aune, David E. – Johannes-Apokalypse/Johannesoffenbarung. (I. Exegetisch) in: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Hg. v. Hans-Dietrich Betz u.a., 4., völlig neu bearbeitete Auflage. Tübingen: Mohr Siebeck, 2001. (=Bd. 4) S. 540 – 547.

Bader, Günter – יהוה b בונה ירושל Ædificans Hierusalem Dominus: Über die Weise der Herabkunft der himmlischen Stadt in der Apokalypse. in: Maria Moog-Grünewald und Verena Olejniczak Lobsien (Hrsg.) – Apokalypse: Der Anfang im Ende. Heidelberg: Winter, 2003. S. 1 – 13.

Becker, Sabina – Urbanität und Moderne: Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900 – 1930. St. Ingbert: Röhrig, 1993

Braungart, Wolfgang – Apokalypse und Utopie. in: Kaiser, Gerhard R. (Hg.) – Poesie der Apokalypse. Würzburg: Könighausen und Neumann, 1991. S. 63 – 102.

Böcher, Otto – Johannes-Offenbarung und Kirchenbau: Das Gotteshaus als Himmelsstaat. Osfildern: Patmos, 2010.

Brall-Tuchel, Helmut – Apokalypse. in: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf u.a., 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2007. S. 37.

Clauss, Manfred – Kaiser und Gott: Herrscherkult im römischen Reich. Stuttgart/Leipzig: Teubner, 1999.

Freund, Winfried/Lachinger, Johann/Ruthner, Clemens (Hrsg.) – Der Demiurg ist ein Zwitter: Alfred Kubin und die deutschsprachige Phantastik. München: Fink, 1999.

Geyer, Andreas – Träumer auf Lebenszeit: Alfred Kubin als Literat. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 1995.

Hellholm, David – Apokalypse. (I. Form und Gattung) in: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Hg. v. Hans-Dietrich Betz u.a., 4., völlig neu bearbeitete Auflage. Tübingen: Mohr Siebeck, 1998. (=Bd. 1) S. 585 – 588.

Herzogenrath, Bernd – Living on the Edge: In the Country of Last Things. in: Lienkamp, Andreas u.a. (Hg.) – “As strange as the world”: Annäherung an das Werk des Erzählers und Filmemachers Paul Auster. Münster: LIT, 2002. S. 63 – 75.

Hewig, Anneliese – Phantastische Wirklichkeit: Interpretationsstudie zu Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. München: Fink, 1967.

Janssen, David A./Whitelock, Edward J. – Apocalypse Jukebox: The End of the World in American Popular Music. Berkeley: Soft Skull Press, 2009.

Kaiser, Gerhard R. – Apokalypse: Verstreute Bemerkungen zur Einleitung. in: Ders. (Hg.) – Poesie der Apokalypse. Würzburg: Könighausen und Neumann, 1991. S. 7 – 31.

Kanz, Christine – Die literarische Moderne (1890 – 1920). in: Deutsche Literaturgeschichte: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Von Wolfgang Beutin u.a. Siebte, erweiterte Auflage mit 545 Abbildungen. Stuttgart/Wweimar: Metzler, 2008. S. 342 – 386.

Kesting, Marianne – Warten auf das Ende: Apokalypse und Endzeit in der Moderne. in: Kaiser, Gerhard R. (Hg.) – Poesie der Apokalypse. Würzburg: Könighausen und Neumann, 1991. S. 169 – 183.

Krämer, Katrin – Walking in Deserts, Writing out of Wounds: Jewishness and Deconstruction in Paul Auster’s Literary Work. Heidelberg: Winter, 2008

Price, Simon R.F. – Rituals and power: the Roman imperial cult in Asia Minor. Cambridge u.a.: Cambrige University Press, 1998.

Scherpe, Klaus R. (Hg.) – Die Unwirklichkeit der Städte: Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne. Reinbek: Rowohlt, 1988.

Springer, Carsten – Crisis: The Works of Paul Auster. Frankfurt/Main u.a.: Lang, 2001.

Torra-Mattenklott, Caroline – Ästhetischer Raum als totalitärer Raum: Alfred Kubin, Die andere Seite. in: Hebekus, Uwe (Hg.) – Die Souveränität der Literatur: Zum Totalitären in der Klassischen Moderne 1900 – 1930. München: Fink, 2008. S. 165 – 188.

Vondung, Klaus – Die Apokalypse in Deutschland. München: dtv, 1988.

Wengst, Klaus – „Wie lange noch?“: Schreien nach Recht und Gerechtigkeit – eine Deutung der Apokalypse des Johannes. Stuttgart: Kohlhammer, 2010.

Würzbach, Natascha – Raumerfahrung in der klassischen Moderne: Großstadt, Reisen, Wahrnehmungssinnlichkeit und Geschlecht in englischen Erzähltexten. Trier: WVT, 2006.

c) Elektronische Medien

Piper, O. A. – Johannesapokalypse. in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Hg. v. Kurt Galling u.a. Ungekürzte elektron. Ausg. der 3. Aufl., Berlin: Directmedia Publ., 2000. Bd. 3, S. 822 – 835.
[http://www.bibliothek.uni-regensburg.de/dbinf/frontdoor.php?titel_id=447 – Permalink]

c) Onlinequellen

Buck, Sebastian – Die Verfolgung von Christen von Nero bis Diokletian.
[http://www.basiswissen-christentum.de/de/theme/christenverfolgung.html – 17.08.2011]

Gruber, Peter – „Gott spricht durch mich“: Bushs göttliche Eingebungen. Focus Online, 09.10.2005 [http://www.focus.de/politik/ausland/gott-spricht-durch-mich_aid_100097.html – 20.07.2011]

Heil, Christiane – Und wieder kein Weltuntergang: „Wie sind alle ziemlich enttäuscht“. FAZ.net, 22.05.2011
[http://www.faz.net/artikel/C30176/und-wieder-kein-weltuntergang-wir-sind-alle-ziemlichenttaeuscht-30337869.html – 24. 06. 2011]

Der Boxeraufstand. LeMO: Lebendiges virtuelles Museum Online des Deutschen Historischen Museums u.a. [http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/aussenpolitik/boxeraufstand/index.html – 20.07.2011]

Abkürzungsverzeichnis

Apk = Johannes-Apokalypse (Offenbarung des Johannes)
2Bar = 2. Buch Baruch (Pseudepigraphie)
4Esr = 4. Buch Esra (Pseudepigraphie)
Ex = Exodus (= 2. Buch Mose)
Ez = Ezechiel (Hesekiel)
Gen = Genesis (= 1. Buch Mose)
Jer = Jeremia
Jes = Jesaja
Mk = Markusevangelium
Mt = Matthäusevangelium
1Petr = 1. Petrusbrief
SibOr = Sibyllinische Orakel

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