Skizze zur Kunst Raymond Roussels und Marcel Duchamps

Die Größe der Kunst der Klassischen Moderne (ca. 1890 – 1930) besteht zu einem nicht unerheblichen Teil darin, dass Künstler sich als Wissenschaftler des Metaphysischen, des Geistes, also als Geisteswissenschaftler fern aller akademischen Zwänge verstanden haben. Das heißt in etwa so viel, als dass Künstler sich laienhafte naturwissenschaftliche Kenntnisse aneigneten und diese auf ihre Kunst inhaltlich, vor allem aber methodisch anwendeten.[1] Denkt man allein an die Kunst Marcel Duchamps, der sein Werk als Gegenkunst, als versuchten Ausbruch aus der Kunst via (para-)wissenschaftlichem Experiment verstand, wird deutlich, welchen Einfluss der außerkünstlerische Kontext „Wissenschaft“ zu dieser Zeit hat.

Wenn die Kunst des 21. Jahrhunderts behauptet dem Kontext „Wissenschaft“ offen gegenüber zu stehen, muss diese Behauptung stark bezweifelt werden. Zwar lag ein Schwerpunkt der letztjährigen dOCUMENTA 13 genau auf diesem Aspekt der ästhetischen Nutzbarkeit von Wissenschaft, doch zeigte gerade diese Schau (allein schon via TV und Internet), dass die Kunst der Gegenwart Wissenschaft nur noch abbilden, nicht aber anwenden kann. In ihrer Ästhetik dreht sich die Kunst der Gegenwart in aller Beliebigkeit um sich selbst; bildet Wiedergekäutes ab, rekombiniert Ikonisches ohne eigenen Mehrwert und verteidigt sich peinlich mit dem Dogma der ironischen Brechung. Nachzuempfinden auch auf den regelmäßigen Rundgängen der Leipziger Baumwollspinnerei und der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Die ironische Brechung kannten auch Raymond Roussel und Marcel Duchamp schon, schufen daraus aber Kunstwerke, deren revolutionäre Kraft von den Zeitgenossen erkannt werden musste und erkannt wurde. Revolutionäre Kraft in der Gegenwartskunst besteht hingegen zumeist nur noch in Form des Kasperltheaters eines Jonathan Meese. Zwar gibt dieses Produkt des Kunstmarktes der Kunst zurück, was sie verdient, nämlich verarscht zu werden. Leider hat es den Anschein, und der wird von Aktion zu Aktion zur Gewissheit, dass Meese seine Verballhornung der Kunstwelt mittlerweile selbst glaubt. Somit wäre Meese nicht nur ein Opfer seiner eigenen Kunstdiktatur, sondern zugleich der Beweis dafür, dass eine ins Maßlose getriebene Ironisierung zu Beliebigkeit, Lüge, letztlich zu einem Kollaps führt.

Diese Art Kollaps kannte die Klassische Moderne, trotz eines Weltkrieges, nicht. Aus Zertrümmerung schöpfte sie. Die zertrümmerte Sprache wurde neue Literatur (Roussel)[2]. Die zertrümmerte Kunst, wurde Gegenkunst (Duchamp)[3].


[1] Dieser Umstand ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass vor allem im Bereich der Psychologie und Psychoanalyse durch u.a. Sigmund Freud, sowie auf dem Gebiet der klassischen Physik, hin zur Quantenphysik bahnbrechende Neuerungen und Erkenntnisse zu Tage gefördert wurden, welche die Lebenswirklichkeit der Menschen in ihren Grundfesten erschütterte. Man denke allein an die Relativität von Zeit und Raum!

[2] Roussel ist dabei in höchstem Maße anzurechnen, dass er nicht in den Hofmannsthalschen Jammer über die Arbitrarität des Moderpilzes „Wort“ einstimmte, die Beliebigkeit der Zeichen nicht als Krise, sondern als Chance verstand; nämlich die Chance gleichlautende Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen (Homonyme) zu kombinieren und zur syntaktischen Fortschreibung seiner Werke zu nutzen. So schuf er aus dem Zufall einen mechanischen, ja mathematischen (da dem Prinzip der Synonyme nicht unähnlichen [s. Michel Foucault – Raymond Roussel, Ffm., 1989, S. 47f.]) Vorgang, der mit der Fließbandproduktion in den Ford-Werken in Detroit (Michigan) um 1910 vergleichbar ist.

[3] Von Duchamps Junggesellenmaschine, dem „Großen Glas“ ganz zu schwiegen und von Franz Kafkas Folterapparat aus der „Strafkolonie“ gar nicht erst anzufangen, der ebenfalls als Junggesellenmaschine, wenn auch mit autoerotischer und/oder religiöser Befriedigungsfunktion eines extremen Masochismus, verstanden werden kann. Eine Idee, die mindestens noch einmal wiederaufgegriffen wurde, nämlich in dem preisgekrönten Musikvideo „Happieness in slavery“ (Regie: Jon Reiss – NSFW, FSK 18!) der Band Nine Inch Nails. Es stellt sich an dieser Stelle auch die Frage, inwieweit Jonathan Messe in seiner öffentlich inszenierten Beziehung zu seiner Mutter, als Junggesellenmaschine verstanden werden kann.

Literaturempfehlungen:

Michel Foucault – Raymond Roussel (über den stationären Buchhandel noch erhältlich!)

Raymod Roussel – Locus Solus

Octavio Paz – Nackte Erscheinung. Das Werk von Marcel Duchamp

Janis Mink – Duchamp. Kunst als Gegenkunst (sehr gute Einführung!)

Herbert Molderings – Duchamp: Parawissenschaft, das Ephemere und der Skeptizismus (das beste, mir bekannte Buch zum tieferen Werkverständnis Duchamps – auch für Laien)

Herbert Molderings – Kunst als Experiment

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