1992

1992 wünschten sich die ersten den Sozialismus schon wieder zurück. Ich war damals sechs Jahre alt und wusste nichts vom Sozialismus. Dennoch war mein Unverständnis, darüber Erich Honecker bei einem Berlinausflug mit meinen Eltern nicht begegnet zu sein, groß.

1992 wurde ich in Thüringen eingeschult. Ich war ein Streber, der sich auf die Schule freute. Rückblickend wundert mich das überhaupt nicht. Es hat auch damals niemanden gewundert, weil ich ein vorlautes, neunmalkluges Kind war. Immer etwas aufgedreht und unendlich neugierig.

1992 wuchs auf den Dörfern der neuen Bundesländer etwas heran. Eine Generation junger Menschen zwischen zwei Systemen. Wertkonservativ erzogen nach den vom Sozialismus geprägten Vorstellungen der Eltern und Grundschullehrer. Ausgestattet mit allen in diesem Alter erdenklichen Annehmlichkeiten des Kapitalismus.

1992 gab es Game Boys, Sat-TV und Kellog’s Frosties zum Frühstück. Es gab Comichelden, Actionfiguren und Hanuta. Es gab Lego, mit dem ich mir meine eigene Welt baute in der Piraten gegen Ritter kämpften.

1992 gab es auch Hausschlachtung. Es gab Kachelöfen statt Zentralheizung und Nachbarschaftshilfe beim Kohlenschippen. Es gab Sportfeste, die sich mit den Spartakiadeerzählungen meines Vaters deckten. Es gab Baumbuden und Molchefangen. Es gab Fußball, Fußball, Fußball.

1992 war das. Da bin ich aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Thüringen als Kind zweier Systeme. Ich habe es geliebt und heute weiß ich auch warum. Es war Sozialismus light. Alle für einen, aber mein Game Boy nur mir.

1992 war ein behütetes Paradies. Es machte mich zu einem Menschen mit ausgeprägtem Moralverständnis. Viel zu naiv für diese Welt.

Werbeanzeigen

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

5 Antworten to “1992”

  1. Anonymous Says:

    ein myrhos deiner generaion. interessant sind die begründungen ihrer einzigartigkeit, die sich ja jede generation zurechtlegt. und weil jede generation einzigartig ist, kann sie so von sich erzählen. aber: molche gab es sogar 1972 im yorckgebiet in karl-marx-stadt, trotz des kraftstoffgemischs das die rote armee in den bach kippte, der den kreppteich speiste.vielleicht ist der molch das generelle generationenübergreifende moment.

    • Clarknova Says:

      natürlich speisen sich solche erinnerungen immer aus der subjektiven verklärung. zumal der eigenen kindheit. ich glaube aber meine wahrnehmung ist keine ganz falsche. als kind des gerade noch lauwarmen sozialismus sind meinen moralvorstellungen im kapitalismus unbrauchbar.

  2. Jan Kuhlbrodt Says:

    ick bin anonym?

  3. wessi Says:

    das tier meiner kindheit ist der kartoffelkäfer. enjoy!

    • Clarknova Says:

      die gabs im osten, dann westen, auch. nicht zu knapp. wenn wir eine schüssel voll gesammelt hatten, gab’s ne mark. von der haben wir eis gekauft.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: