Kein Ort. Nirgends

„Was tun? Würfeln. Frankreich oder Preußen. Ein Amt oder die Literatur. Erniedrigung und ein bescheidenes Auskommen oder die blanke Armut und ein ungebrochenes Selbstgefühl.

Das kann man nicht ernst nehmen. Man lacht, gestikuliert, geht zu den Frauen. Savigny nimmt Kleist am Arm. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Kleist, sagt er. Aber mich dünkt, Sie sehn Ihre Lage gerade um so viel zu ausweglos, als Sie brauchen, damit es Sie niederwirft.

Lust am Leiden? Das hat gefehlt. Wenn sie ahnten, wie es ihn zur Lust an der Freude zieht. Wie er unter frohen Menschen als einer der Ihrer leben möchte, einer Tätigkeit nachgehen, die ihn ernährt und nicht zugleich ruiniert. Aber wie kann der wissen, daß es dies einfache Glück auf der ganzen Gotteswelt für ihn nicht gibt.

Lassen wir es, sagt er zu Savigny. Verübeln Sie mir mein Benehemen nicht. Gott weiß, und ich, glauben Sie mir, weiß es auch, daß dem Menschen oft nichts andres übrig bleibt, als Unrecht zu tun – sei’s gegen andre, sei’s gegen sich selbst. Und daß man sich wohl abfinden muß, dies die Weltordnung zu nennen.“

Amen, liebe Christa Wolf. (Kein Ort. Nirgends, 1979)

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