Archive for Oktober 2012

Das Jahrhundert der Jahrhundertspiele?

31. Oktober 2012

Was passiert gerade im Fußball? Passiert was? Diskutiert wird hierzulande und auf der ganzen Welt über Gewalt in Fußballstadien, über Einflussnahme von Fans und „Fans“ auf die Vereinsführung, über das Verhältnis von Sport, Geld und Identifikation. Es wird darüber diskutiert, ob eine Nationalmannschaft unter Joachim Löw überhaupt noch sinnvoll ist. Spätestens seit dem denkwürdigen 4:4 gegen die schwedische Nationalmannschaft. Nach diesem Spiel wusste niemand, der eine Antwort hätte geben müssen, was zu einem solchen Spiel zu sagen sei. Wie so etwas passieren kann. Welche Lehren man daraus ziehen kann. Erfahrungsgemäß bringt die Zeit Antworten auf solche Fragen. Mit dem Abstand von Tagen, Wochen, Monaten… manchmal Jahren weiß man Spiele wie dieses einzuordnen. Vielleicht wird man in zwei Jahren sagen: Das war das Spiel, dass den Weg zum Titel endgültig geebnet hat. Viellecht wird man in zwei Jahren sagen: Das war der Anfang von endgültigen Untergang. Vielleicht wird man in hundert Jahren sagen: Dieses Spiel hat das Jahrhundert der Jahrhundertspiele eingeläutet. Dieses Spiel hat der Fußballwelt verdeutlicht, dass eine 4:0-Führung nichts mehr bedeutet. Dass man, wenn das Spiel so viel schneller und aufregender geworden ist, in 90 Minuten einfach mehr Tore schießen kann. Dass man aber nach wie vor als Sieger vom Platz geht, wenn man nach Abpfiff mindestens ein Tor mehr als der Gegner erzielt hat.

Was wird man in einigen Jahren nicht alles zu sagen haben, über das 4:4 der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden, über das 4:4 zwischen Dortmund und Stuttgart, über das 5:5 zwischen Energie Cottbus und dem Karlsruher SC, über das 3:3 zwischen der TSG Hoffenheim und der SpVgg Greuther Fürth

…und über 5:7 nach Verlängerung im englischen League Cup zwischen dem FC Reading und dem FC Arsenal!

Ein unfassbares Spiel. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viele Kopfballtore nach Ecken und Flanken gesehen habe. Ich weiß nicht, wann ich zwölf Tore in einem Spiel gesehen habe. Ich weiß nicht, warum eine 4:0-Führung im 21. Jahrhundert keinen Wert mehr hat. Aber ich weiß, warum ich dieses Spiel so liebe.

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Sitting on the Sofa…

31. Oktober 2012

…starring at the camera.

My first sleeveface.

Die größte Enttäuschung der Saison

29. Oktober 2012

Die größte Enttäuschung der Saison machte sich spätestens gestern Nacht breit. Eine Serie von etwas mehr als acht Tagen ging zu Ende. Eine unschöne Erkenntnis stellte sich ein. Etwas, das ich schon lange weiß, mich aber immer wieder etwas missmutig stimmt: mein Verein, der FC Bayern, ist in den Details oft zu schludrig.

Ich rede allerdings nicht von der gestrigen Heimniederlage gegen Bayer Leverkusen. Sowas kann passieren, wenn man die wenigen Chancen gegen einen so defensiven Gegner nicht nutzt. Was soll’s, der Vorsprung in der Liga ist immer noch komfortabel.

Nein, ich rede von der jüngst im Verlag „Die Werkstatt“ erschienenen Vereinschronik des FC Bayern. Normalerweise rezensiere ich ja eher Bellestristik, Graphic Novels und auch mal ein Sachbuch. Aus gegebenem Anlass müssen es aber auch mal ein paar Worte zu einem weniger kulturell wertvollen Band sein, wobei das prädikat „(fußball-)kulturell wertvoll“ durchaus hätte erreicht werden können. Auch hier gilt leider: mangelnde Chancenverwertung.

Aber der Reihe nach. Im Jahr 2011 stellte der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG, Karl-Heinz Rummenigge, eine etwas größenwahnsinnig anmutende Vereinschronik zum 111jährigen Vereinsjubiläum vor. Der handgefertigte Foliant misst 50 x 70 cm, hat 556 Seiten, wiegt 25 kg, hat einen Einband aus Holz mit Schließen und Messingbeschlägen. Laut Vereinsangaben ist es, wie es sich für einen Rekordmeister gehört, das größte Fußballbuch der Welt. Da dieses bibliophile Stück mit gerade einmal 4.111 handgefertigten Exemplaren zu einem Stückpreis von 2.999€ nicht gerade den finanziellen Möglichkeiten des durchschnittlichen Bayern-Fans entspricht, gab der Verein in diesem Jahr eine Economy-Version der Chronik heraus, die in einer Standard- und einer Premiumausgabe verfügbar ist.

Glanzvoller Schlusspunkt, der um ein Jahr erweiterten Chronik sollte natürlich der Sieg der Champions League im eigenen Stadion sein. Dass daraus aber leider nichts wurde, ist bekannt. Es bleibt der schwache Trost, dass der FC Bayern mit dem „Finale Dahoam“ immerhin als erste Mannschaft überhaupt ein CL-Finale im eigenen Stadion erreicht hat. Und natürlich, dass man zum zweiten Mal innerhalb von drei Spielzeiten im Finale der Königsklasse stand. Dafür kann man sich nichts kaufen, aber nachmachen muss man das auch erstmal.

Nun zur Chronik: Die Premiumausgabe kommt in Sachen Ausstattung und Fertigung ziemlich schick daher. Das Buch ist in rotes Leinen gebunden, auf dem das Vereinslogo sowie das Motto „Mia san mia“ in Gold gesprägt sind. Mit zwei Lesebändchen, ein rotes, ein weißes, können interessante Seiten markiert werden. Der Schutzumschlag ist blütenweiß, darauf zu finden das Logo in farbigem Heißfoliendruck. Das ganze ist dann nochmal in einem Hartpappe-Schuber verpackt, auf dem sich ebenfalls das Logo als Heißfoliendruck befindet. Im Vergleich zur Standard-Edition, die lediglich als Hardcover ohne Schutzumschlag daherkommt, eine schicke Aufmachung.

ABER: Inhaltlich ist das Buch die reinste Enttäuschung. Das liegt zum einen daran, dass die Autoren sich wohl nicht entscheiden konnten, ob die Chronik ein Überblickswerk oder eine Nacherzählung der Vereinsgeschichte en detail werden sollte. Für ersteres spricht die Aufarbeitung der Jahre 1900 (das Jahr der Gründung) bis 1980. Hier werden die größten Erfolge im Schnelldurchlauf abgespult und immerhin wichtige Schlüsselspiele in doppelseitigen Spielberichten wiedergegeben. Den turbulenten 90ern, sowie den 00er-Jahren bis zur Gegenwart wird da bedeutend mehr Platz eingeräumt. Das ist in sofern verständlich, als dass die Chronik aus dem Jahr 2012 nicht die erste ihrer Art ist, aber wer besitzt schon jedes vereinshistorische Buch des FC Bayern?

Löblich ist hingegen die Darstellung der Entstehungsgeschichte des Vereins. „Elf Rebellen“ spalteten sich im Jahre 1900 vom Männer-Turn Verein (MTV) 1897 München ab, um einen eigenen, „reinen“ Fußballclub zu gründen. Man erfährt dabei auch einiges über die Anfänge des Fußballs in Deutschland, den frühen Pflichtspielbetrieb und die Konkurrenzsituation mit den älteren Turnvereinen. Interessant ist zudem, dass der erste Präsident der Bayern, Franz John, ein Mecklenburger war. Überhaupt galt der Verein in München als Club der „Zuag’roasten“, weil seine frühen Mitglieder in erster Linie Hanseaten, Preußen und Sachsen waren. Die heute deutschlandweite Anhängerschaft des FC Bayern lässt sich über diesen historsichen Umstand nicht erklären. Dennoch finde ich es nicht unwesentlich, dass der Verein sich offenbar nie allein über die Stadt München definierte. Für das gegenwärtige Image des Vereins ebenfalls nicht uninteressant ist die Tatsache, dass dem FC Bayern schon immer ein gewisses elitäres Selbstverständnis anhaftete. So wurden z.B. bis 1908 ausschließlich Abiturienten in den Verein aufgenommen. Man könnte also sagen, dass der Verein seit seiner Gründung mehr oder weniger als „Lackstiefelclub“ verschrien war und sich, auch aufgrund seiner zahlreichen jüdischen Mitglieder und Förderer, zahlreicher Repressionen ausgesetzt sah. (Wer sich eingehender mit diesem spannenden Kapitel Fußballkultur beschäftigen will, empfehle ich dieses Buch.)

Die Kapitel um Gründung, Etablierung im bayrischen Fußball und Repression im Dritten Reich bleiben allerdings auch die einzigen von historischem und hintergründigen Mehrwert. Der Großteil der Chronik ist dafür da den Verein (verdientermaßen) abzufeiern und sich selbst zu huldigen. Solch eine undifferenzierte Darstellung ist für ein Buch, dass vom Verein selbst herausgegeben wird logisch und ganz nach dem Geschmack der Mitglieder und Fans. Dagegen kann und will ich nicht einmal was vorbringen. Das größte Ärgernis ist aber die unheimlich flache Aufarbeitung und „Schreibe“ der meisten Artikel, die sich um den historischen Spielbetrieb drehen. Ganze Spielzeiten werden da in zwei Spalten abgehandelt – das ist auch für eine Überblicksdarstellung zu wenig.

Ärgerlich ist zudem, dass das Buch von Druck- und Satzfehlern geradezu übersät ist. Dass hier eine gründliche Endredaktion stattgefunden hat, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Fraglich ist zuletzt die Auswahl der „Legenden“, die am Seitenrand in Textkästen mit Foto und Statistik vorgestellt werden. Unstrittig ist, dass hier Größen wie Beckenbauer, Breitner, Hoeneß, Müller, Maier etc. etc. etc. genannt werden müssen. Da die Chronik aber, wie bereits erwähnt, den Fokus auf die letzten zwei Jahrzehnte legt, wurde die Reihe der Club-Legenden schonmal bis in den Gegenwart hinein verlängert. Meiner Ansicht nach ein Verfahren, dass jeder Grundlage entbehrt. Dabei ist es noch verständlich, dass die Eigengewächse und Identifikationsfiguren Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger bereits in den Legenstatus erhoben wurden. Ob aber ein Toni Kross, ein David Alaba und vor allem ein Manuel Neuer, der als Ex-Schalke-Ultra von den Bayern-Ultras noch vor einiger Zeit auf das Schärfste abgelehnt wurde wirklich (schon) in diese Reihe gehören? Ohne Frage handelt es sich hier um sehr gute, sehr sympathische und teilweise auch schon jetzt verdienstvolle Spieler. Ob man sie zu Beginn ihrer Karrieren (z.B. Alaba) aber gleich auf eine Stufe mit Beckenbauer und Co. stellen sollte, finde ich höchst fraglich.

Der Vollständigkeit wegen muss aber noch der Statistikteil, der das Buch beschließt positiv hervorgehoben werden. Von 1900 bis Mitte 2012 sind alle Namen, Zahlen, Tore, Titel und Rekorde aufgeführt und ansprechend aufgearbeitet. Wäre man mit der gleichen Sorgfalt, die man hier offenbar investierte an das ganze Buch herangegangen, hätte ich sicher bedeutend weniger zu meckern. So ist die neue Vereinschronik des FC Bayern München aber im großen und ganzen eine schön verpackte Enttäuschung.

FC Bayern München – Unser Verein, unsere Geschichte. Premiumausgabe. Verlag Die Werkstatt. 49,90 € (ISBN: 978-3-89533-944-8)

Julius Dettmer – Die Roggenmuhme

24. Oktober 2012

16. Oktober 2012

Ein typisches Akademikerschicksal. Schön beschrieben.

poet-Leseparty am 19.10. (Café Telegraph, Leipzig)

10. Oktober 2012

Kein Ort. Nirgends

4. Oktober 2012

„Was tun? Würfeln. Frankreich oder Preußen. Ein Amt oder die Literatur. Erniedrigung und ein bescheidenes Auskommen oder die blanke Armut und ein ungebrochenes Selbstgefühl.

Das kann man nicht ernst nehmen. Man lacht, gestikuliert, geht zu den Frauen. Savigny nimmt Kleist am Arm. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Kleist, sagt er. Aber mich dünkt, Sie sehn Ihre Lage gerade um so viel zu ausweglos, als Sie brauchen, damit es Sie niederwirft.

Lust am Leiden? Das hat gefehlt. Wenn sie ahnten, wie es ihn zur Lust an der Freude zieht. Wie er unter frohen Menschen als einer der Ihrer leben möchte, einer Tätigkeit nachgehen, die ihn ernährt und nicht zugleich ruiniert. Aber wie kann der wissen, daß es dies einfache Glück auf der ganzen Gotteswelt für ihn nicht gibt.

Lassen wir es, sagt er zu Savigny. Verübeln Sie mir mein Benehemen nicht. Gott weiß, und ich, glauben Sie mir, weiß es auch, daß dem Menschen oft nichts andres übrig bleibt, als Unrecht zu tun – sei’s gegen andre, sei’s gegen sich selbst. Und daß man sich wohl abfinden muß, dies die Weltordnung zu nennen.“

Amen, liebe Christa Wolf. (Kein Ort. Nirgends, 1979)

109 Lieblingslieder – Teil 38

2. Oktober 2012

Ordo Rosarius Equilibrio

87. Flowers and Moonshine in my Garden of Eden
88. Hell is where the Heart is – The Gospel of Thomas
89. The Miscarriage of Paradise regained
90. TriORE – No Tears are shed for you and me

Die schwedische Band um Tomas Pettersson ist wohl die einzige ernstzunehmende Größe in Sachen zeitgenössischer erotischer Musik. In den letzten Monaten und Jahren habe ich sie nicht mehr so oft gehört, weil ihre Alben seit 2009 von einer nicht abzustreitenden Redundanz geprägt sind. Dennoch halte ich Ordo nach wie vor für eine echte Perle aus dem Großraumdunstkreis „Gothic“, wobei Dark Ambient, Ritual und/oder Apocalyptic Folk den Stil der Schweden natürlich besser beschreiben.

Die dunkle Jahreszeit steht bevor. Kuschelt euch in schummriges Licht und macht Liebe.

P.S.: „No Tears are shed for you and me“ entstammt dem Projekt TriORE, einer Kollaboration von Ordo Rosarius Equilibrio und Triarii.


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