Von der Krise reden wir bei McDonald’s, ja?

Heute haben also die neuen Höfe am Brühl eröffnet und damit die winzige Leipziger Innenstadt (ca. 50 ha, das entspricht in etwa einer Fläche von 52 Fußballfeldern oder einem verschwindend geringen Anteil des Saarlandes) um ein drittes großes Einkaufszentrum nach Galeria Kaufhof und Karstadt bereichert.

Das Positive vorweg: die Baulücke am Brühl ist geschlossen. Und das architektonische Konzept ist nicht mal ein schlechtes. Durch verschiedene Fassadenelemente der zwei Karrees wurde versucht dem Brühl eine ähnliche Architektur zu geben wie zur Gründerzeit, als der Norden der Innenstadt vom Pelzhandel geprägt war. Zudem schließt die Passage den historischen Leipziger Promenadenring, der die Innenstadt umschließt. Somit wäre jetzt theoretisch wieder ein durchgängiges Flanieren (der Leipziger nennt es „Drallewatsch“) rund um das Zentrum möglich.

Das große Problem der Höfe am Brühl ist jedoch, dass es sich hier in erster Linie nicht um ein Projekt zur Rekonstruktion historischer Stadtstrukturen handelt. Es geht wie immer ums Shoppen und damit ums Geld. Das wäre insofern nicht weiter diskutabel, wenn die Höfe am Brühl nicht nur eine Bau-, sondern auch eine Angebotslücke schließen würden. Das tun sie aber de facto nicht. Denn hier gibt es jetzt eine Reihe neuer Filialen von Ketten, die es vorher ohnehin schon in der bzw. in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt gab: H&M (darf nirgends fehlen, jetzt 5mal auf 50ha), Media.Markt (quasi in Sichtweite zum Saturn im Hbf., doppelt sinnlos, weil beide Märkte zum selben Konzern gehören), McDonald’s (der 3te), Lukas (der gefühlt 123te), New Yorker (der zweite auf der gleichen Straße) etc. etc.

Zudem eine ganze Riege von Boutiquen und anderen Schicki-Micki-Läden im Hochpreissegment, bei denen ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass sie in der Fülle, wie sie mittlerweile in der Leipziger Innenstadt vertreten sind, nachgefragt werden. Dieser Eindruck wird dadurch bestärkt, dass erst kürzlich neu entstandene Läden mit Gourmet-Lebensmitteln in unmittelbarer Nähe zum Brühl wieder geschlossen wurden. Das führt zum Thema innerstädtischer Konkurrenz- und Verdrängungskampf, den eine Mini-City wie Leipzig einfach nicht aushalten kann.

Merkwürdig ist aber, dass der Einzelhandel der Leipziger Innenstadt über schlechtem Umsatz klagt, während die Menschen shoppen, als würde ihnen das Geld beim Gehen in den Taschen wachsen. Die Höfe am Brühl waren heute zumindest übervoll von Menschen mit Einkaufstüten von Jack Wolfskin und Co. Über welche Krise reden wir da eingentlich genau? Und über welches fehlende Geld, über das man hierzulande so gern klagt?

Ich jedenfalls habe eine schnelle Runde in den Brühlhöfen gedreht, um mir die Architektur anzusehen. Das muss jedoch wiederholt werden, denn in einen spontanen Mischmasch-Anfall aus Klastrophopie und Misanthropie habe ich den Brühl schleunigst wieder verlassen.

Kleine Randnotiz noch zum Ladenangebot: In der Rubrik Bücher und Schreibwaren gibt es einen Tabak-Presse-Lotto-Shop und (allerdings erst ab Oktober) eine Weltbild-Filiale. 😉

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6 Antworten to “Von der Krise reden wir bei McDonald’s, ja?”

  1. Marco Says:

    Ich war gestern auch mal kurz da, quasi auf der Durchreise, habe aber nach wenigen Minuten die Flucht ergriffen. Von außen sieht das Ganze wirklich schick aus, aber innen, da gebe ich dir recht, sieht es aus wie jedes Shopping-Center – sehr enttäuschend. Was jedoch die Angebotslücken angeht: wenn ich mir die Shopliste auf der Homepage durchsehe, entdecke ich nicht viele, die es schon gibt. Klar, die großen Läden wie H&M, MM & Co. sind am präsentesten, aber ich denke schon, dass da die ein oder andere Lücke geschlossen wurde (adidas Store, Footlocker, …). Sei es drum, ich bin kein Fan des Nutzungskonzept in dieser Form, bleibt nur zu hoffen, dass Leipzig irgendwann DIE Touristenhochburg für Shopper wird (da macht uns im weiteren Umkreis eigentlich nur noch Berlin Konkurrenz, und das ist zu weitläufig für Bequeme), denn anders kann ich mir einen dauerhaften Bestand all der Shoppingmeilen nicht vorstellen. Ach ja, und ein Gutes (zumindest temporär) hat die Sache auch noch: http://www.hoefe-am-bruehl.de/stellenmarkt.html

    • Clarknova Says:

      ja, der adidas store ist interessant. aber auch für den muss man das geld haben. und das verdient man nicht als verkäufer auf 400€ basis bei taylor.
      außerdem finde ich hochburg für shopping-touristen einen fragwürdigen titel. aber so denkt der kulturmensch.

  2. Marco Says:

    Ich sage nicht, dass dieser Titel bzw. diese Assoziation erstrebenswert ist, aber sie ist in meinen Augen die einzige Möglichkeit, die aktuelle Landschaft langfristig aufrecht erhalten zu können. Aber wer weiß, aber vielleicht fällt ja im zweiten Schritt sogar ein wenig Kultur ab – so für das Abendprogramm der Touris, nach dem Shoppen 🙂

  3. Killer Says:

    ich war heute da. ekelhaft künstlicher komplex. dunkel, eng, schleusenartig. wasserbecken, in die an samstagen wahrscheinlich kleine kinder reingerempelt werden.
    gefühlte zwanzig outdoor-bekleidungsgeschäfte.reichen uns jack wolfskin, tapir und mammut nicht schon? von den anderen bekleidungsgeschäften brauch ich gar nicht reden, so abwechslungsreich wie die radiolandschaft. und die wenigen interessanten läden (monki) sind nicht für männer ausgelegt.
    ein einziger laden ist mir positiv aufgefallen: lufian. und der musikladen sah ganz nett aus. aber das liegt außerhalb meiner bedürfnisse.

    leipzig, du bist einfach keine shoppingstadt.

  4. jnetjnet Says:

    I have always felt the shopping center will cut off the center city streets from shoppers AND it makes Leipzig anything but unique. Bad idea!

    Nice blog, however!

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