Archive for September 2012

Von der Krise reden wir bei McDonald’s, ja?

25. September 2012

Heute haben also die neuen Höfe am Brühl eröffnet und damit die winzige Leipziger Innenstadt (ca. 50 ha, das entspricht in etwa einer Fläche von 52 Fußballfeldern oder einem verschwindend geringen Anteil des Saarlandes) um ein drittes großes Einkaufszentrum nach Galeria Kaufhof und Karstadt bereichert.

Das Positive vorweg: die Baulücke am Brühl ist geschlossen. Und das architektonische Konzept ist nicht mal ein schlechtes. Durch verschiedene Fassadenelemente der zwei Karrees wurde versucht dem Brühl eine ähnliche Architektur zu geben wie zur Gründerzeit, als der Norden der Innenstadt vom Pelzhandel geprägt war. Zudem schließt die Passage den historischen Leipziger Promenadenring, der die Innenstadt umschließt. Somit wäre jetzt theoretisch wieder ein durchgängiges Flanieren (der Leipziger nennt es „Drallewatsch“) rund um das Zentrum möglich.

Das große Problem der Höfe am Brühl ist jedoch, dass es sich hier in erster Linie nicht um ein Projekt zur Rekonstruktion historischer Stadtstrukturen handelt. Es geht wie immer ums Shoppen und damit ums Geld. Das wäre insofern nicht weiter diskutabel, wenn die Höfe am Brühl nicht nur eine Bau-, sondern auch eine Angebotslücke schließen würden. Das tun sie aber de facto nicht. Denn hier gibt es jetzt eine Reihe neuer Filialen von Ketten, die es vorher ohnehin schon in der bzw. in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt gab: H&M (darf nirgends fehlen, jetzt 5mal auf 50ha), Media.Markt (quasi in Sichtweite zum Saturn im Hbf., doppelt sinnlos, weil beide Märkte zum selben Konzern gehören), McDonald’s (der 3te), Lukas (der gefühlt 123te), New Yorker (der zweite auf der gleichen Straße) etc. etc.

Zudem eine ganze Riege von Boutiquen und anderen Schicki-Micki-Läden im Hochpreissegment, bei denen ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass sie in der Fülle, wie sie mittlerweile in der Leipziger Innenstadt vertreten sind, nachgefragt werden. Dieser Eindruck wird dadurch bestärkt, dass erst kürzlich neu entstandene Läden mit Gourmet-Lebensmitteln in unmittelbarer Nähe zum Brühl wieder geschlossen wurden. Das führt zum Thema innerstädtischer Konkurrenz- und Verdrängungskampf, den eine Mini-City wie Leipzig einfach nicht aushalten kann.

Merkwürdig ist aber, dass der Einzelhandel der Leipziger Innenstadt über schlechtem Umsatz klagt, während die Menschen shoppen, als würde ihnen das Geld beim Gehen in den Taschen wachsen. Die Höfe am Brühl waren heute zumindest übervoll von Menschen mit Einkaufstüten von Jack Wolfskin und Co. Über welche Krise reden wir da eingentlich genau? Und über welches fehlende Geld, über das man hierzulande so gern klagt?

Ich jedenfalls habe eine schnelle Runde in den Brühlhöfen gedreht, um mir die Architektur anzusehen. Das muss jedoch wiederholt werden, denn in einen spontanen Mischmasch-Anfall aus Klastrophopie und Misanthropie habe ich den Brühl schleunigst wieder verlassen.

Kleine Randnotiz noch zum Ladenangebot: In der Rubrik Bücher und Schreibwaren gibt es einen Tabak-Presse-Lotto-Shop und (allerdings erst ab Oktober) eine Weltbild-Filiale. 😉

Mein privater Krieg

14. September 2012

ich hasse den Geruch von Altbier

am Morgen das Kotzen

als rückwärts erlebtes Leben

Apocalypse Now Reflux

ein klebriger Film in meiner Kehle

der Gestank von schwarzgebranntem

Fleisch so stark so schwach

der nie gerufene Geist

mir nur noch die Bettkante gibt

und in den Wind schießt

© Clarknova

12. September 2012

Schnipselfriedhof

Die lange totgeglaubte Philosophie boomt derzeit wie seit den Tagen der ollen Griechen nicht mehr. Gar nicht so sehr wegen der Beststeller von Precht und anderen populärwissenschaftlichen Philosophieerklärern , sondern wegen der starken Philosophienachfrage seitens der Wirtschaft. Jede popelige Schraubenbude braucht ja heutzutage eine „Philosophie“, wenn sie sich am Markt behaupten will, Produkte alleine reichen schon lange nicht mehr. Ein Glück für alle Studenten dieser edlen Geisteswissenschaft, die früher dazu verdammt waren, in Holzfässern, schimmligen Wohnungen oder Feuilletons vor sich hinzuvegetieren. Endlich werden sie gebraucht. Manche Unternehmen scheinen sich regelrechte Philophieabteilungen aufgebaut zu haben.

Zum Beispiel der Fernsehhersteller Loewe, für den irgendein Manager in einem Interview auf Inforadio nicht eine, nicht zwei, sondern gleich drei Firmenphilophien präsentieren konnte. Ich stelle mir gern ein Großraumbüro voller sympathisch angetrottelter Philosophen vor, überall stehen Kaffeetassen, Teller mit Rühreiresten, halbleere  Schierlingsbecher (oder halbvolle? Ein ewiger Streit in der Abteilung!) herum, die Luft ist aufgeladen von…

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Sprich

10. September 2012

wörtlich wir waren früher

oft voller als jene Granate

aus deren Hülse der Vater

eine Kanne nach dem Kriege formte



das beulige Blech kühlte

den heißen Schnaps darin

ging uns die Kehlen rauf

und runter von der Bierbank



zogen wir als Könige

verkleidet um die Häuser

soffen uns um Gold und Krone

bis morgens die Mutter musternd fragte

sprich

© Clarknova

Street Art in Trondheim

7. September 2012

Trondheim, Norwegen, August 2012.


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