Archive for Juni 2012

Alles so einfach wie Breivik?

28. Juni 2012

Letztens habe ich mir seit langer, langer Zeit mal wieder Terry Gilliams Meisterwerk „12 Monkeys“ angesehen. Ein großartiger Film, der in seiner Themenfülle auch die Frage nach den Maßstäben des Wahnsinns stellt. Und diese Frage stellt sich in Norwegen und ganz Europa ja seit Anders Breivik am 22. Juli 2011 77 Menschen erschossen hat. Wir alle kennen Breiviks Rechtfertigung, er habe aus Notwehr gehandelt, um sein Land gegen den Islam und den Kulturmarxismus zu verteidigen. In der FAZ forderte Georg Paul Hefty Breivik als geisteskrank dauerhaft in einer Psychiatrie einzuweisen. „Wenn das, was er getan hat, nicht verrückt ist, dann gibt sich die zivilisierte Welt auf“, so Hefty.

Ich will jetzt nicht mit Phrasen und Plattitüden kommen, aber: Natürlich ist es ein Wahnsinn, dass einer daher gelaufen kommt und 77 Menschen, darunter zum größten Teil Kinder und Jugendliche erschießt. Beweist aber allein die Tat Breiviks Wahnsinn im Sinne einer Geisteskrankheit? Ich habe da so meine Zweifel. Aus der Distanz meiner Beobachtungen, das heißt vor allem nach Lektüre deutscher Zeitungen und unzähligen gesehenen und gehörten Radio- und Fernseh-Beiträgen, komme ich eher zu dem Schluss, dass sich Breivik zu jeder Zeit vollends bewusst war was er tat. Anders Breivik lebt in Opposition zur europäischen Gesellschaft, die sich als frei, demokratisch und weltoffen versteht. Seine Tat versteht er als gezielten Schlag gegen die, von ihm verhasste, sozialdemokratische Regierung, die für ihn Sinnbild dieser Gesellschaft ist. Und wo trifft man seine Feinde besser, als an ihren Schwachstellen, den Kindern?

Breiviks Tat ist eine Wahnsinnstat, in dem Sinne, dass es eine unmoralische, abscheuliche, in jeden Maße verachtens- und verurteilenswerte Tat ist. Ich weigere mich aber dagegen Breivik als Geisteskranken zu begreifen. Das ist zu einfach. Wenn eine europäische Justiz nicht weiter weiß, als einen solchen Mann für verrückt zu erklären, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass man aus Hass gegen die demokratische Freiheit Europas zu solchen Taten fähig ist, macht mir das Angst. Dann fühle ich mich nicht nur von der Judikative, sondern zwangsläufig auch von der Exekutive als Europäer nicht mehr angemessen beschützt. Feinde des demokratischen Europas, wie wir es kennen, gibt es nämlich einige. Der NSU, der sich über Jahre in Deutschland organisieren konnte ist ein Beispiel. „Man habe so etwas nicht für möglich gehalten.“ Na, schönen Dank auch.

Was will ich damit eigentlich sagen? Es gibt in unserer Welt Menschen in Institutionen, die die Spielregeln dieser Welt aufstellen und dafür sorgen, das diese auch eingehalten werden. Zudem gibt es einen breiten gesellschaftlichen Tenor darüber was „normal“ ist. Soweit sogut. Ich kann es aber nicht verstehen, warum die Grenzen des gesellschaftlichen Miteinanders auch gleichzeitig die Grenzen des Vorstellbaren sein sollen. Wir alle, oder die meisten von uns, haben irgendwann mal stillschweigend beschlossen, dass wir in der besten aller möglichen Welten (zusammen)leben. Dass jedoch die Möglichkeit nicht mehr in Betracht zu kommen scheint, dass das nicht jeder so sieht, finde ich sehr gefährlich. Dann nämlich, wenn radikal Andersdenkende das bestehende politische und gesellschaftliche System mit Gewalt ändern wollen. Meist kommen sie damit nicht weit, aber der Schaden, den sie auf ihrem Stück des Weges anrichten ist nicht selten immens. Der Deckmantel des Wahnsinns ist dagegen keine Präventivmaßnahme.

Breivik ist kein Irrer, sondern ein kühl handelnder Terrorist. Ein unauffälliger Musterknabe aus der Mitte der Gesellschaft. Jemand, der durchaus im Seminar neben dir sitzen und homophobe Kommentare abgeben könnte. Nach dem Seminar verlassen dann alle den Raum und denken: „Der ist nicht ganz dicht, oder?“

In „12 Monkeys“ sagt die Psychologin Kathryn Railly: „Psychologie hat längst schon den Status einer Religion erhalten. Wir bestimmen darüber was wahr ist und was nicht.“ Ich frage mich, wer im demokratischen Europa des 21. Jahrhunderts, in seiner Gesetzgebung und Rechtssprechung bestimmt, was möglich ist und was nicht.

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Fußballprophetie

7. Juni 2012

Mit dem Abpfiff des diesjährigen CL-Finales ging mir ein Gedanke blitzschnell durch den Kopf: Und Europameister werden sie auch nicht!

Seit fast 20 Jahren sehe ich Fußball. Es wäre vermessen zu behaupten schon alles gesehen zu haben.  Ich will auch nicht von Sachverstand reden. Das ist mir alles zu rational. Rationalität und Fußball scheinen ja ohnehin nicht wirklich gut zueinander zu passen. (Was ich manchmal sehr schade finde.) Reden, oder besser, schreiben will ich über Gefühle.

Vor dem CL-Finale 2010 ahnte in es den ganzen Tag: Das wird nichts heute. Was ich noch mehr hasse, als Recht zu haben und es nicht zu bekommen ist – Recht zu behalten, wo ich es lieber nicht hätte. Als am 7. Juli 2010 Spanien eine Ecke gegen Deutschland reinbrachte schloss ich kurz die Augen und dachte „Aufpassen!“. Als ich die Augen wieder öffnete umflatterten Puyols Locken den Ball. Das war die 73. Minute und ich wusste – das Spiel ist vorbei. Bei Drogbas Ausgleich in der 88. Minute am 19. Mai 2012 wusste ich, was ich tief in mir nicht wahr haben wollte. Ein Unheil, dass sich bereits nach 45 Minuten den Weg gebahnt hat. (Ein Kumpel vor dem Spiel: „Schießen die Bayern in der ersten Hälfte kein Tor, wird es eng.“ Ich nickte stumm. Mein Vater nach 45 Minuten am Telefon: „Die vergebenen Chancen – das rächt sich!“ Ich nickte stumm und sagte: „Qutasch, die schaffen das.“ Ohne Ausrufezeichen.)

Ich äußere meine Ahnungen eigentlich nur selten, um bei ihrem Nichteintreffen nicht als Schwarzmaler dazustehen. Ich äußere sie meist nur gegenüber meiner Freundin und sie gruselt sich dann manchmal. Ich liege nicht immer richtig – aber oft. Wie mein Vater.

Schweinsteiger ist gebrochen. Lahm hat Willen aber kein Team. Ribéry hat Feuer. Robben wird sich (wieder) übernehmen.

Ich will niemanden das Turnier madig machen – ich hoffe ich werde des Unrechts gestraft. Es wäre keine Strafe. Sicher werde ich falsch liegen, allein weil ich meine Gedanken öffentlich geäußert habe. Nach dem 19. Mai, nach den Testspielen gegen die Schweiz und Israel (die nur spielerisch irrelavant waren!) glaube ich, dass die EM das zu bieten hat:

  • der Schweinsteiger des Turniers wird diesmal Lahm: seine Körpersprache auf und neben dem Feld ist seit Wochen beispiellos. Er ist wieder da, hat sich nach dem CL-Finale (er war der beste Bayer auf dem Feld) am schnellsten wieder aufgerichtet. Er ist ein würdiger Kapitän – hat er ein Team?
  • Deutschland wird ein ordentliches Turnier spielen: aber ich habe kein endgültiges Vertrauen mehr in unser Team. Die großen Leistungsträger wissen was auf dem Spiel steht. Ob sie dem Druck stand halten? Die nachwachsenden Zauberkinder sind allesamt gut – aber noch nicht reif.
  • Frankreich wird alle überraschen: die equipe tricolore ist mein Geheimfavorit der EM 2012. Bei vergangenen Welt- und Europameisterschaften haben sie entweder gar nichts gerissen oder das Finale erreicht (und manchmal auch gewonnen). Wer sie nach der WM 2010 abschreibt pokert hoch. Spielen sie eine souveräne Vorrunde, traue ich ihnen sogar den Titel zu.
  • Spanien ist nicht satt: die Spieler von Real und Barca wollen immer gewinnen. Die jungen der anderen Clubs sind hungrig und gut integriert.
  • England wird floppen
  • die Niederlande haben ähnliche Probleme wie wir: Offensiv eine Macht, Defensiv einfach schwach

Zur Aktualität des Historischen

4. Juni 2012

„Die irritierende Entwicklungen der Gegenwart werden durch eine meist vordergründige Wiederbelebung historischer Stile abgeblendet und durch einen übersteigerten Vergangenheitskult in ihrem Bedrohungspotential neutralisiert.“

(Thorsten Valk – Friedrich Nietzsche: Musaget der literarischen Moderne)

Kommt einem schon irgendwie bekannt vor, oder? Nur, dass „Gegenwart“ hier ca. 1870/80 meint. Ich finde das nicht erstaunlich, aber auf seltsame Weise faszinierend. Ob Nietzsche das mit der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ als Grundlage der Lebensbejahung gemeint hat?


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