Seltenes Interview mit Clarknova (via Das wichtigste Literaturmagazin überhaupt)

Clarknova Sie sind mittlerweile ein erfolgreicher, und man kann sicher auch sagen ein angesehener Autor. Wie ist das Leben als Schriftsteller zu Beginn des 21. Jahrhunderts?

Hm, das klingt nach einer gewichtigen Frage. Wie soll ich das beantworten? Ich weiß ja nicht wie das Leben als Schriftsteller zu Beginn des 19. oder 20. Jahrhunderts war. Ich habe so meine Vorstellungen, aber wissen kann ich es nicht. Ich würde sagen, das Leben als Schriftsteller zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein gutes. Vielleicht sogar ein entspanntes.

Entspannt?

Naja, Stoffe über die man schreiben, die man verarbeiten kann, gibt es genug. Durch die Medien unsere Zeit gibt es zudem genug Möglichkeiten und Wege der Veröffentlichung. Goethe, Büchner, Kafka… die hatten es sicher alle auf ihrer Weise schwerer. Manche sogar ihr Leben lang.

Ist es also heutzutage so einfach Schriftsteller zu sein?

Naja, Schriftsteller… Wenn man bedenkt wer sich heutzutage alles Schriftsteller nennen darf. Sogar ich! (lacht) Sehen Sie sich nur mal an, wieviele Bücher allein auf Deutsch jährlich auf den Markt geworfen werden. Also… Schriftsteller sein ist leicht. Davon zu leben ist schon schwieriger, besonders, wenn man etwas zu sagen hat.

Das klingt so nach Zeitkritik…

…es ist sogar Gesellschaftskritik, oder? Ich habe kein Problem das zuzugegeben. Viele Schriftsteller trauen sich das ja gar nicht mehr. Also wirklich den Finger in die Wunde zu legen. Es ist aber auch schwer.

Wegen der Verkaufszahlen?

Auch. Zum einen wegen der Verkaufszahlen. Zum anderen wegen der Kollegen, der Kritiker vor allem, die ja unsere Kollegen sind. Auch das wollen ja viele Schriftsteller nicht wahrhaben. Wie auch immer… Es ist zum anderen schwer, weil die Kollegen Schriftsteller und Kritiker allzu schnell nörgeln, wenn man sich zu engagiert oder idealistisch zeigt. Aber wer, wenn nicht die Schriftsteller sollten idealistisch sein? Oder besser: Die Künstler allgemein.

Offensiv gesellschaftskritisch waren Sie in Ihren bisherigen Büchern aber auch nicht immer.

Nun ja, das sehe ich nicht so. Oder anders: ich habe auch versucht die Kritik im Subtext mitschwimmen zu lassen. Was schwer genug war, aber scheinbar nicht immer gelungen ist. (lacht) Nehmen Sie nur den Boxer-Roman. Das ist natürlich eine ziemlich klassische Schicksalsgeschichte, aber sie ist vom wahren Leben inspiriert. Und somit hat die Gesellschaft ihren Teil zu Ihrer Entstehung beigetragen.

Sie spielen auf die Hoffnungslosigkeit des Protagonisten an…

…ich spiele darauf an, dass der Typ vom Leben und seinen Mitmenschen gefickt wurde, entschuldigen Sie den Ausdruck, und alles Menschenmögliche versucht hat, um dagegen anzukämpfen. Aber als in die Jahre gekommener Profiboxer hat man es natürlich nicht leicht. Das gilt natürlich auch für andere Menschen in anderen Situationen. Die Box-Story war nur ein willkommener Aufhänger, weil sich die Metapher anbot, vor der ich ebenfalls nicht zurückschrecke, wie vielleicht manch anderer Kollege.

Vielleicht weil es da eine Art Identifikation gibt?

Naja, als Schriftsteller der ich nun scheinbar bin…

Scheinbar?

Naja, wenn man Bücher schreibt, nein, wenn man Bücher veröffentlicht, ist man Schriftsteller. Ich selbst habe mich aber nie als Schriftsteller gesehen. Und tue das auch heute noch nicht.

Sondern?

Ich schreibe auf was ich denke und beobachte und versuche dem Ganzen eine schöne Form zu geben. Das ist alles.

Wie ist es also mit der Identifikation?

Naja, als Schreibender positioniert man sich zwangsläufig zu seinen Figuren. Man liebt oder hasst Sie, hat das aber nur bis zu einem bestimmten Grad in der Hand. Aber man hat es immerhin irgendwie in der Hand. Bei dem Protagonisten der Boxer-Story ist das so eine Sache. Klar kenne auch ich Rückschläge, aber das Milieu ist mir doch ziemlich fremd.

Aber diente der Boxer nicht auch als Projektionsfigur für Ihre eigene Biografie?

(lacht) Sie meinen: Wie autobiografisch ist der Roman? Nein, schon gut. Also eine Projektionsfigur war er nicht direkt, weil ich doch ein relativ privilegiertes Leben führe. Ich komme aus einem soliden mittelständischen Elternhaus und habe von dort mein Leben lang Unterstützung erfahren, bei allem , was ich tat und tue.  Ich musste mich nie durchs Leben kämpfen.

Aber kämpfen mussten Sie schon. Erst mit … Jahren haben Sie Ihr erstes Buch veröffentlicht, was für einen Autoren Ihrer Generation recht spät ist. Der Weg zum Schriftsteller war steinig.

Ja, mag sein, das lag aber auch zum größten Teil an mir selbst. Außerdem hat mir ein befreundeter Schriftsteller mal gesagt: „Wir sind ja keine Büchners.“ Büchner starb ja leider schon mit 24 Jahren, hatte bis dahin aber Weltliteratur geschaffen. Aber in solchen Zeiten leben wir nicht, um Ihre Frage vom Beginn nochmal aufzugreifen…

Dennoch brauchten Sie einigen Anlauf.

Das stimmt, weil ich mir selbst lange Zeit nicht über den Weg getraut habe. Das tue ich übrigens auch heute noch nicht zur Gänze. Und ich denke man sollte sich nie so ganz über den Weg trauen. (lacht) Aber im Ernst: Ich habe Literatur von ihrer theoretischen Seite her studiert und dachte irgendwann ergibt sich schon alles. Aber ich war meist faul, oft uninspiriert, nicht selten beides. Da halfen auch Aufmunterungen aus dem Freundeskreis nicht. Es war ein innerer Kampf, den ich allein mit mir selbst auszumachen hatte bzw. immer noch habe. Da haben Sie Ihren Schriftsteller-Boxer. (lacht)

Nach dem Studium sind Sie in ein Loch gefallen, mussten von ALG II leben…

…woher wissen Sie das denn?

Das habe ich in einem Artikel über Sie gelesen.

So langsam sollte ich wohl aufpassen was über mich geschrieben wird.

Stimmt es etwa nicht?

Doch. Aber was tut das zur Sache? Es gibt ja Schriftsteller, die mit solchen „biografischen Details“ kokettieren. Aber mir liegt sowas fern. Überhaupt glaube ich, dass man als Schriftsteller nur das Nötigste von sich preis geben sollte und sich so rar wie möglich machen sollte.

Sie denken an J.D. Salinger oder Thomas Pynchon?

Nein, ich denke an Philip Roth. Der weiß der Spagat zwischen Öffentlichkeit und Privatleben hervorragend zu meistern.

Ist er auch schriftstellerisch ein Vorbild für Sie?

Als Leser schätze ich ihn sehr. Aber mein Stil ist doch ein anderer. Außerdem hatte er nach dem Studium gleich einen Job. (lacht)

Welche Rolle hat finanzielle Absicherung auf dem Weg zum Schriftstellersein gespielt.

Keine.

Gar nicht?

Natürlich ist es einfacher zu Hause bleiben zu können und zu schreiben, wenn aus vorherigen Büchern Geld rein kommt. So wie bei mir jetzt. Aber das ist ganz und gar nicht der Normalfall. Ich habe vor der Zeit als Schriftsteller gejobbt um was zu essen zu haben, nicht um schreiben zu können. Klar habe auch ich eine romantische Vorstellung vom armen Poeten. Die endet aber spätestens dann, wenn der Magen knurrt oder es durch die Zimmerdecke tropft. Auch in der Hinsicht waren unsere Klassiker härter im nehmen.

Aber um diese Absicherung müssen Sie sich ja jetzt nicht mehr sorgen.

Niemand muss das in diesem Land, aber das ist eine andere Frage… klar ist es schön, dass jetzt ein bisschen Geld reinkommt. Ich schreibe aber trotzdem noch nebenher für das Tagesgeschäft, wie es Robert Walser so schön nannte. Ich habe was ich brauche, bin aber nicht reich. Das war auch nie mein Ziel, wird es auch nie werden. Wissen Sie, die Geschichte von Diogenes im Fass hat mich seit meiner Schulzeit sehr beeindruckt. Obwohl ich zugeben muss, dass ich doch mehr zum leben brauche, als zum Überleben notwendig ist. (lacht)

Worauf könnten Sie nicht verzichten?

Auf Bücher. Auf Papier und Stifte…

Sie meinen Ihre Schreibgrundlage. Computer…

…nein, ich meine Bücher, Papier und Stifte. Um zu schreiben, muss man lesen und schreiben. Ich lese nach wie vor gedruckte Bücher und schreibe die ersten rohen Gedanken mit der Hand in ein Notizbuch. Größere Projekte meist per Schreibmaschine. Eine alte Olympia, wie sie Paul Auster benutzt. (grinst) Hin und wieder blogge ich, tippe Texte direkt und roh ins Internet. Das sind dann aber meist keine Endfassungen. Oder nur Beiläufiges.

Ist das eine bewusste Verweigerung gegenüber der Gegenwart?

Nein. Ich bin zwar kein großer Fan der Gegenwart, aber ich muss mich damit abfinden. Ich wünsche mir manchmal, in einen anderen, früheren Zeit zu leben, aber das würde ja nichts besser machen.

Welche Zeit wäre das?

Ach lassen wir das, solche Gedanken sind albern und meist romantisch verklärt. Aber ich frage mich schon, wie es wohl war zu Goethes Zeiten zu leben. Ohne Elektrizität. Und iPhone, mein Gott…

Vielen Dank für das Gespräch.

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7 Antworten to “Seltenes Interview mit Clarknova (via Das wichtigste Literaturmagazin überhaupt)”

  1. hellmuth k. Says:

    ich les ja nur noch bücher von BoD, die sind nicht so verkopft

  2. roger w. Says:

    nicht so verkopft wie rübenrisotto

  3. anne Says:

    dass der vergleichspunkt ausgerechnet rübenrisotto ist, gruselt mich jetzt ein wenig.

  4. margarethe s. Says:

    warum? erläutern Sie Ihren standpunkt.

  5. anne Says:

    Am fraglichen Tag Ihres Kommentars landete ein Risottogericht, das eben dieses Gemüse enthielt, das erste Mal erst in meiner Pfanne, anschließend auf dem Teller. Nun frage ich mich, ob ein verkopftes, möhrenhaltiges Risotto die richtige Wahl gewesen ist.

  6. M.R-R. Says:

    rrrüben hin oder her, was heute so veröffentlicht wird, da wird mir ganz schwummerrrig vor den augen, überall wellenlinien.

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