Retro, eBook, reBook und Reebok

Wenn ich mittlerweile Bücher bei unser aller Lieblingsversandhaus amazon suche, bekomme ich zuerst die Kindle eBook-Versionen angezeigt. Und zwar mindestens zehn verschiedene. Vor allem, wenn es sich um urheberrechtsfreie Klassiker handelt. Das nervt in doppelter Hinsicht:

1. Die nicht gewollte Angebotsflut an elektronischen Buchversionen erschwert vor allem bei Klassikern die Suche nach guten oder „der besten“ Ausgabe von sagen wir mal Goethe oder Kleist. Von ausländischen Klassikern ganz zu schweigen, weil ich da ja immer auch noch nach der „besten“ Übersetzung suchen muss. Damit manövriert sich amazon mir gegenüber ins Abseits. Ich bin dann schnell genervt, überfordert oder beides und suche mir nen anderen Internetbuchhändler (die gibt’s!) oder frage in der Buchhandlung (die gibt’s auch noch!) oder gleich im Antiquariat (die gibt’s erst recht noch!!).

2. Wer zur Hölle will denn überhaupt diese Kindle eBook-Scheiße? Ich meine, seit Jahren höre ich von den Buchmessen (v.a. der Frankfurter – ist ja die „Geschäftsmesse“), dass das eBook nun aber wirklich im Kommen ist und bald den globalen Durchbruch feiert. Das habe ich ca. 2005 das erste Mal gehört. 2006 befürchtet. 2007 überlesen. 2008 mal wieder dran erinnert. 2009 schließlich vergessen. Ich würde mal sagen: das eBook boomt so vor sich hin. Aber Kindle und Co. werden einfach nicht eingestehen, dass hier (mal wieder) ein Angebot geschaffen wurde, für das es keine echte Nachfrage gibt. Klar wurden schon ein paar eBooks verkauft. Die meisten aber illegal kopiert. *hüstel Naja, auch ne Erkenntnis, dass man aus dem Niedergang der Musikindustrie durch das Selbstbrennen von CDs nichts gelernt hat. Eigentlich zum Schrei(b)en komisch.

Gut, ein paar hipster in Berlin werden sich schon den ein oder anderen Sartre auf ihr iPad gestohlen haben. Gebe ich gerne zu und ich verzeihe ihnen auch. Sie können ja nicht anders…

Ich war am Wochenende übrigens auf ner Partie in der hippen Südvorstadt. Schöner Abend. Der Gastgeber hatte meine Idee aufgegriffen und eine Schreibmaschine (also ne echte, mechanische Schreibmaschine) auf seinem Schreibtisch aufgestellt. Eingespannt war eine Rolle(!) Papier. Jeder Gast, den die Inspiration packte, durfte gern mal in die Tasten hauen und so helfen einen durchfließenden Partytext zu produzieren. Hat nicht geklappt. Das lang aber weniger an mangelnder Inspiration (obwohl die meisten nur über Sex geschrieben haben, was mich nun wiederum nicht überrascht hat), als viel mehr an der technischen Unfähigkeit der vielen unhappy hipster dort. Oder sollte ich besser sagen es lag an den mangelnden skills, deren desaströses Niveau echt creepy war?

Jedenfalls konnte fast niemand mit der mechanischen Schreibmaschine umgehen. Muss man als Mittzwanziger sicher auch nicht mehr unbedingt, wenn man gelernt hat auf nem iPad/iPhone rumzuwischen. Aber es macht den hippen Retrostyle doch etwas unglaubwürdig, wenn man langsam tippend am BING angekommen ist und dann nicht mehr weiter weiß. Inspiration ade – ich geh dann mal tanzen.

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9 Antworten to “Retro, eBook, reBook und Reebok”

  1. anne Says:

    so wie ich das mitbekomme, ist kindle vielleicht sogar die letzte „rettung“ des verpufften ebooks. der kindle-reader scheint gar nicht mal so ein großer ladenhüter zu sein, und nicht erst einmal habe ich einen menschen aus meinem erweiterten umfeld sagen hören, dass er vorhat, sich so ein gerät zuzulegen. auffällig dabei ist, dass das fast nur leser mehr oder weniger trivialer fantasy- und science fiction-literatur sind,
    nachvollziehen kann ich das ebook an sich aber dennoch nicht, da bin ich zu sehr meiner bibliophilie verhaftet.

  2. Clarknova Says:

    das eBook ist ja nicht der feind. ich glaube nur, dass man sagen kann: das eBook kommt nicht! es ist schon da. wesentlich mehr passiert da wohl nicht mehr. und natürlich wird mehr harry potter als franz kafka damit verkauft. das ist nicht elitär gemeint, sondern wirtschaftlich.

  3. anne Says:

    es ging mir ja auch eher darum, die bedeutung des kindle-dingsbumses für das ebook herauszustellen. ich glaube wirklich, dass das bedeutungslose dahinboomen, wie du es sinngemäß umschrieben hast, damit aufwind bekommt.

  4. anniefee Says:

    Kann man denn so einen Text aus seinem tragbaren E-Book auch auf den Rechner ziehen und dort dann Passagen kopieren oder sowas ? Gibt es da auch Sach- und Wissenschaftsbücher ?

    Ansonsten macht die Kindlegeschichte z.B. für kleine Autoren Sinn, die so ohne Verlag was verkaufen können. Druck- und Satzkosten sind ja nicht unerheblich..

    • anne Says:

      Gerade für wissenschaftliche Publikationen ist das eBook natürlich sinnvoll. Manche Texte werden beispielsweise auch als elektronisches Medium an z. B. Universitätsbibliotheken vertrieben. Zu denen haben dann alle Studenten der Hochschule Zugang; so kann beispielsweise verhindert werden, dass jemand nicht an ein Buch herankommt, weil es nur zwei Mal in der Bibo vorhanden ist und beide Exemplare ausgeliehen sind. Wie es da mit der Umsetzung des Urheberschutzes aussieht, weiß ich nicht. Aber ansonsten ist das für Bibliotheken sicherlich ne feine Sache. Leider wird das noch viel zu selten und mit viel zu wenigen Texten so gemacht.

      • anniefee Says:

        An die Publikationsserver der Unis dachte ich zuerst bei dem Stichwort „elektronische Literatur“ auch, aber das sind doch pdf-Dateien, nicht unbedingt für den tragbaren Reader ?
        Oder ist das verschiedenen Unis verschieden in der Handhabung ?

    • Clarknova Says:

      alles digitale ist kopierbar. und das führt dazu, dass die autoren letzten endes gar nichts am eBook verdienen. genauso wie onlinejournalisten nichts verdienen. genauso wie musiker nichts verdienen. weil im internet, wenn die möglichkeit da ist, alle alles kostenlos haben wollen.

      • anniefee Says:

        Oft schon, ja.
        Aber viele sprechen schon explizit diese Zielgruppen an, die entweder zu unwissend zum Kopieren sind oder moralisch nicht dazu gewillt.
        Oder vermarkten die Autorenperson gleich mit, sodass die Käufer ein Stück von der Person haben wollen, also etwas Physisches mit Profibild oder einen Merchandiseartikel…

  5. tabu lator Says:

    good ol‘ typewriting… *seufz*

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