Archive for Juni 2011

109 Lieblingslieder – Teil 15

29. Juni 2011

46. Letzte Instanz – Kopfkino

In dem Moment in dem ich diesen Beitrag schreibe finde ich am bemerkenswertesten, dass das offizielle Video zu diesem Song auf YouTube zu finden ist. Weil das Video relativ alt ist (2001), weil es wohl nie im TV zu sehen war und weil Musikvideos von deutschen Alternativebands damals generell rar gesät waren. Wie sollte eine Studentenband aus Dresden auch mal eben einen professionellen Clip produzieren?

Naja, Letzte Instanz sind gewachsen, bekannter geworden und haben seit einigen Jahren einen neuen Sänger. Ich bin den Weg nicht mitgegangen, erinnere mich aber gern an die alten Stücke und Konzerte vor ca. 100 Menschen in abgefuckten Kleinstadthallen. Und an einen der talentiertesten Sänger deutscher Sprache: Sebastian Lohse (Robin Sohn).

Die Sorge des Hausvaters

26. Juni 2011

Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.

Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinanderverfilzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.

Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.

Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn – schon seine Winzigkeit verführt dazu – wie ein Kind. »Wie heißt du denn?« fragt man ihn. »Odradek«, sagt er. »Und wo wohnst du?« »Unbestimmter Wohnsitz«, sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.

Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.

Franz Kafka (1883 – 1924)

Die vermeintliche Großstadt und ihr Geistesleben

22. Juni 2011

Es gibt ein altes Sprichwort das besagt: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers!“ In Leipzig, so scheint es mir, wird noch immer sehr viel gebetet, als ob die Angebeteten die Stadt niemals verlassen hätten. Natürlich werde ich versuchen das zu erklären:

Auch im Jahre 2011 rühmt man sich in Leipzig von offizieller Seite  gern des Status der Buchstadt. Die große Tradition wird dabei stets mit Verlagshäusern wie Brockhaus, Insel oder Reclam begründet. All diese Verlage sind aus Leipzig – verschwunden. Aber sie dienen immer noch als Aushängeschilder für etwas das Leipzig de facto nicht mehr ist, nämlich Buchstadt. Die jährlich im Frühjahr stattfindende Buchmesse kann über diesen Statusverlust nicht hinwegtäuschen. Für den Buchmarkt ist sie vollkommen bedeutungslos. Einzig durch das parallel stattfindende Lesefestival „Leipzig liest“ wird dieses Bedeutungsvakuum teilweise kompensiert. Doch auf diesem großen, dem vielleicht größten Lesefestival Europas kommen die Leipziger Verlage kaum zur Geltung. Die Leipziger Verlage? Aber natürlich, es gibt sie! Sie heißen nicht mehr Brockhaus, Insel oder Reclam, sondern Plöttner und poetenladen. Diese und andere präsentieren sich zur Buchmesse unter dem Slogan „Leipziger Verlage stellen sich vor“ in der Marktgalerie vor einem unaufmerksamen und desinteressierten Laufpublikum. Außerhalb der Stadtmauern genießen sie längst ein größeres Ansehen als innerhalb. Das Internet bringt diesen Effekt mit sich. Doch rentiert sich Popularität im world wide web nicht immer und schlägt sich fast nie zählbar nieder. Dabei haben die jungen Leipziger Verlage all das Potential, das gute Literaturverlage mitbringen müssen. Durch gezielte Förderungen seitens der Stadt könnte hier noch sehr viel Brachland erschlossen werden.

Hier müssen zwei Dinge klargestellt werden. Erstens meine ich mit „Stadt“ nicht nur „die da oben“ im Neuen Rathaus. Gemeint sind die Einwohner Leipzigs, die vor allem am kulturellen Strang gemeinsam ziehen müssen, wollen sie später die Lorbeeren dafür einheimsen, dass die New York Times Leipzig als einen der kulturell interessantesten Orte Deutschlands feiert. Zweitens geht es nicht nur um Geld. Genau genommen geht es mir persönlich überhaupt nicht um Geld. Literaturverlage sind traditionelle Unternehmen, die traditionelle Förderung brauchen. Neben Finanzmitteln bedeutet dies in erster Linie ein kulturelles Umfeld und zwar unmittelbar vor der Haustür. (Hier zeigt sich auch, dass es mir mit dieser Kritik nicht allein um Leipzig speziell als Literatur- sondern generell als Kulturort geht. Ich exemplifiziere hier nur anhand des mir am nächsten stehenden Kulturzweiges.) Im Klartext heißt das: Leipzig hat kein Feuilleton. Es gibt nur ein paar Kulturseiten im Kreuzer oder der LVZ. Letztere ist bereits zur Hälfte gefüllt, wenn Joe Cocker am Vorabend in der Arena auftrat (wobei natürlich ein Foto den größten Teil des „kulturellen Leitartikels“ einnimmt). Hier kann eine kreative und unabhängige Kulturszene kein Forum finden.

Es ist aber eben diese freie Kulturszene, die Leipzigs Attraktivität ausmacht, die die Attraktivität jeder Großstadt ausmacht (siehe Hamburg). Doch man macht es ihr vor Ort nicht gerade leicht. Und das, obwohl es zur Tradition Leipzig gehören sollte, das vorhandene kreative Potential zu nutzen! Genau hier stoße ich aber auf ein zentrales Problem dieser Stadt, die ich so liebe und weswegen mich diese „Misere“ verrückt werden lässt. Tradition heißt in Leipzig meist nur: „Wir schauen zurück und ruhen uns auf dem aus, was mal war.“ Hier wird Asche angebetet. Aber es sollte heißen: „Brockhaus, Insel und Co. sind weg? Scheiß drauf! Leipzig war immer schon kreativ genug neue Dinge zu schaffen, also fördern wir diese Kreativität!“

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Nachtrag:

Ein Gedankensprung führt mich zum Fußball, der selbstverständlich auch Teil der Stadtkultur ist und einiges, aber nicht alles, über die Stadtmentalität verrät. Da mir aber der Überblick über die komplizierte Geschichte des Leipziger Stadtfußballs fehlt, will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ich frage mich nur, ob Lok und der FC Sachsen nicht auch eine Mitschuld daran tragen, dass wir jetzt die Pest in Form von RasenBallsport Leipzig in der Stadt haben. In beiden Vereinen wurde ja nun wirklich alles falsch gemacht, was den Weg zum Profifussball geebnet hätte. (Die Renaissance des VfB Leipzig zu Beginn der 1990er habe ich dabei nicht vergessen!)

Wie dem auch sei. Mir scheint auch im Bereich Fußball wurde in Leipzig nicht oft genug nach vorn geschaut und die Quittung haben die Fußballfans bekommen. Und RB Leipzig wird nie mehr sein, als ein Mittel zum Zweck traditionsreiche Profimannschaften im Zentralstadion zu sehen.

109 Lieblingslieder – Teil 14

20. Juni 2011

Herbert Grönemeyer

42. Zum Meer
43. Schmetterlinge im Eis
44. Bleibt alles anders
45. Land unter

Gehört Herbert Grönemeyer zum deutschen Kulturgut? Und kann man sich über diese Frage wirklich streiten? Ich nehme mal an viele werden sagen: „Ja, natürlich! Er repräsentiert wie kein Zweiter, dass Unterhaltung und Niveau in der Popmusik zueinander finden können.“ Andere werden sagen: „Nein, darüber lohnt sich die Diskussion nicht.“ Und fügen mit einem Schulterzucken hinzu: „Ich verstehe ja schon rein akustisch nicht, was der will.“

Ich muss sagen, dass Grönemeyer kein Künstler ist an dem mein Herzblut hängt. Aber er hat so einige Gänsehautlieder geschaffen, auf die ich nicht wieder verzichten wollen würde. Lieder die sich der ironischen Beliebigkeit der letzten Jahre entziehen und sich selbst ernst nehmen können.

Was ich auch toll finde: Herbert Grönemeyer arbeitet gern mit Anton Corbijn zusammen. Jener welcher, der schon Joy Division hat gut aussehen lassen und Nirvana eines der besten Musikvideos der Geschichte geschenkt hat.

20. Wave-Gotik-Treffen – Eine kurze Bilanz

14. Juni 2011

Bands gesehen:

Henke spielt Goethes Erben – eine fantastische Reise in die Vergangenheit meiner Gruftie-Jugendtage. Das Konzert war überraschend gut. Hervorragend eigentlich. (1. Highlight)

Jo Quail – kannte ich vorher nicht. Eine sympathische Dame macht Instrumentalmusik mit einem E-Cello nach dem Matt Howden-Prinzip (Sieben). Mit einer Loopstation wird live Tonspur für Tonspur aufgenommen, sodass am Ende ein kompletter Song steht. Mit nur einem Instrument aufgenommen. Klingt aber, als spiele eine ganze Band. Super.

Sieben – kann mich nicht enttäuschen. Der Hauptgrund für mich aufs WGT zu gehen. Matt Howden mit Stimme und Violine steckt für mich jedes pompöse Orchester locker in die Tasche. Ein Profi, ein Könner, einer der handvoll Künstler auf dem WGT die musikalische Qualität ersten Ranges zu bieten haben. Mit Worten nicht hoch genug zu loben. (2. Highlight)

Deine Lakaien – gehen immer, enttäuschen selten. Zum 20. WGT- und 25. Bandjubiläum gab es ein Set mit einigen alten Perlen und natürlich neuen Stücken. Für Ernst Horn gilt das Gleiche wie für Matt Howden. Alexander Veljanovs Stimme ist neben Peter Heppner vielleicht das beste, was es in Deutschland zu hören gibt. Schönes Konzert.

Empyrium – kannte ich nur vom Namen her, wurde mir aber sehr empfohlen. Die Band gab es von 1994 bis 2002, jetzt wieder seit 2010 (sagt Wikipedia). Auf dem WGT gab es die Live-Premiere. Eine ordentliche Mischung aus Metal und Dark Folk. Hat sich gelohnt, auch wenn ich keinen weiteren Bezug zu dieser Band habe.

Ef – mag ich auf Platte sehr. Waren live aber einfach nur viel, viel, viel zu laut, zu anstrengend, die Musiker zu unsympathisch. Schade. Aber irre, dass es zum WGT einen Post-Rock-Block gab.

Spiritual Front – lieferten mit ihren zweiten Album „Rotten Roma Casino“ die Enttäuschung 2010 ab. Musikalisch folgte dem steilsten Aufstieg in der Szene seit Jahren der tiefe Fall. Live können sie zwar noch überzeugen, aber dann muss alles passen. Ich habe vom Schlagzeug nur Becken, von den Gitarren nur übersteuertes Geschrammel und einen viel zu lauten Gesang gehört. Daraufhin ergriffen wir nach den ersten Liedern die Flucht und fragten uns ernsthaft wer auf die bescheuerte Idee kam Konzerte im Felsenkeller stattfinden zu lassen.

16 Pad Noise Terrorist – FUCK YEAH!

Killing Joke – ist eine Band für die ich zehn Jahre zu jung bin. War aber ganz cool so… Alt-Rock… im Sinne von Old-Rock… nicht Alternative-Rock.

Fields of the Nephilim – stellen kein Risiko dar. Der alte Mann mit dem Hut voller Staub kommt, singt und geht. Und alles ist wie immer. Eine der größten Szenelegenden bieten noch immer grundsoliden Gothic-Rock, den man gut hören kann. Man kann es aber auch bleiben lassen. Gleiches gilt für die Konzerte.

In the Nursery – war okay, aber irgendwie nicht mehr. Zu viele Synths, zu wenige Trommeln und die Sängerin passt einfach nicht in diese Band/in diese Musik.

Lustmord – gilt gemeinhin als Erfinder des Dark Ambient. Ein Mann, ein Macbook, sphärisch-zappendüstere Klangcollagen und ein ansprechendes Videodesign im Hintergrund. Live nicht spektakulär anzusehen, aber das ist Dark Ambient ja nie. Die Musik ist großartig.

Chris & Cosey – waren für mich die Überraschung des WGT und ein mehr als würdiger Festivalabschluss. Da haben bzw. hatten Kirlian Camera also ihre Inspiration her. Und so müssten sie vielleicht auch klingen um heute noch relevant zu sein. Experimenteller Elektro-Pop-Rock trifft auf Industrialversatzstücke der ersten Stunde. (3. Highlight)

Bands verpasst:

18 Summers – waren neben Sieben der zweite Hauptgrund zum Festival zu gehen. Das erste Konzert seit 2003 glaube ich. Naja und bei einem Festival mit 278 Bands in vier Tagen habe ich natürlich das Glück, dass sich die einzigen beiden die ich wirklich sehen will überschneiden. Shit happens.

C.3.3. – hat irgendwas mit Test Dept. zu tun. Keine Ahnung. Hat zeitlich nicht gepasst.

Marita Schreck – wollte ich schon immer mal sehen. Aber Abhängen im Agra/Heidnisches Dorf war dann doch eher meiner Stimmung entsprechend.

N.U. Unruh (Einstürzende Neubauten) – Keine Ahnung, warum ich da nicht war. Lag wahrscheinlich einfach nur an der Faulheit nach Empyrium vom Volkspalast in den Anker zu fahren. Für WGT-Verhältnisse ist der ja am Arsch der Welt.

Rome – spielten nach Spiritual Front. Wollte ich eigentlich unbedingt sehen. Aber nicht in einem Schuppen mit derart schlechtem Sound. Das hat vor allem eine Band die Neoklassik spielt nicht verdient. Spätere Berichte gaben mir Recht. Als Rome spielten setzte eine Exodus aus dem Felsenkeller ein. Vorausschauend wie ich bin, war ich da schon längst auf dem Berg Sinaii.

Dornenreich – Ja, Schade. Aber ich glaube unplugged gefallen die mir eh besser.

Fundstücke/Beobachtungen:

Spiritual Fronts „Rotten Roma Casino“ (Limited Edition: CD + DVD) wird im Agra für 9,50€ verramscht. Die Platte ist noch kein Jahr alt.

Gefälschte Eintrittsbändchen werden von Jahr zu Jahr dilletantischer gefälscht. Siehe Germanistinnenwerk.

Fetish-Outfits auf der Agra nehmen ab.

Cyber-Goth nimmt ab.

Steampunk kommt.

Klassisch-viktorianische Outfits überdauern alles.

Den Ausstellerschwund in der Agra-Markthalle versucht man durch breitere Gänge zu kaschieren. Netter Versuch, aber Senkung der Standmieten würden dem jämmerlichen Anblick wohl eher entgegenwirken.

Nicht-Lustig.de hat einen Stand in der Agra-Markthalle.

Die LVB denkt endlich mit.

109 Lieblingslider – Teil 13

9. Juni 2011

41. Beastie Boys – Sabotage

Ein Song der immer, ich meine wirklich immer geht. Und das Video gehört mit Muss unter die Top 10 der besten Musikvideos aller Zeiten. Ausrasten!

Beastie Boys — Sabotage

109 Lieblingslieder – Teil 12

5. Juni 2011

The Beatles

39. Norwegian Wood (The Bird Has Flown)
40. Here Comes The Sun

Ich habe lange geglaubt mit den Beatles nichts am Hut zu haben. Irgendwie drumherum zu kommen. Stimmt aber nicht, geht nicht. Für die Musik des 20. Jahrhunderts so elementar, wie Picasso für die Kunst des selbigen.


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