urging Fidel Castro

26. November 2016

Field Commander Cohen, he was our most important spy, wounded in the line of duty, parachuting acid into diplomatic cocktail parties, urging Fidel Castro to abandon fields and castles…

Wider das postfaktische Zeitalter

25. November 2016

Mit dem Einzug der verschiedenen AfD-Fraktionen in ihre jeweiligen Landtage habe ich zumindest eine Hoffnung verbunden: Jetzt, da die AfD von ihren Wählern dazu verpflichtet wurde parlamentarische Arbeit zu leisten, schauen Anhänger und Gegner der Partei hoffentlich genau hin wie sie diese Aufgaben angehen. Leider kam mir die Berichterstattung über die genaue Arbeit der AfD-Fraktionen vor allem im TV viel zu kurz. Im sog. „postfaktischen Zeitalter“ ist es nur logisch die AfD, Pegida und ihre Anhänger mit hochkochenden Emotionen als homophobe Rassisten zu bezeichnen, zielführend ist es allerdings nicht. Nicht nur, dass dadurch ein konstruktiver und vor allem demokratischer Diskurs von vorn herein ausgeschlossen wird; solche Beleidigungen und emotionalen Gefechte verengen auch den Blick auf die „sonstigen Inhalte“ für die die AfD steht und mit denen ihre Hauptwählerschaft v.a. in den neuen Bundesländern nicht ernsthaft einverstanden sein kann.

Gregor Gysi war, soweit ich es überblicke, der erste und bisher einzige Politiker, der öffentlichkeitswirksam darauf aufmerksam machte, dass die AfD nicht auf das Thema der Asylsuchenden reduziert werden dürfe. Der sog. „kleine Mann“, „das Volk“, von mir aus auch „das Pack“, wie sich manche „besorgten Bürger“ in Sachsen mittlerweile kindsköpfig und trotzig selbst nennen, all die AfD-Wähler vom Erwerbslosen bis hin zum eigentlich abgesicherten Mittelschichtler müssen sich wirklich fragen lassen, wie sie zu den wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen der AfD stehen.

Zudem wird die AfD meiner Ansicht nach viel zu wenig auf ihren Namen festgenagelt, der ja das Wort „Alternative“ prominent beinhaltet. Und damit will ich nicht auf meine Meinung anspielen, der zufolge die AfD keine Alternative ist und auch keine anzubieten hat, sondern auf den Fakt, die Tatsache, dass André Poggenburg (Landesvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt) in einer Rede vor dem Landtag in Sachsen-Anhalt sagte: „Die AfD ist ja nun in der sehr schönen Lage Oppositionsführer zu sein und muss eben keinen Ausblick geben.“ (Nachzusehen im folgenden Video.)

Mit anderen Worten… die Alternative muss keine Alternativen haben. – Da fällt es wirklich schwer sich noch weiterhin auf einem sachlichen Level zu begegnen. Aber es hilft einfach nichts der AfD, Pegida und ihren Anhängern mit gegensätzlichen Meinungen zu kommen oder gar Fakten zu präsentieren, die die Meinungen von AfD, Pegida und Co. eindeutig widerlegen. Daher halte ich es mittlerweile für einzig sinnvoll die AfD mit den Fakten zu konfrontieren, die sie selbst schafft, nämlich mit den Anfragen und Gesetzesentwürfen, die sie an die jeweiligen Landesregierungen stellt bzw. in die jeweiligen Landtage einbringt. So geschehen im Neo Magazin Royale vom 24.11.2016.

Ich finde es war längst überfällig sich öffentlich und im Detail mit dem zu beschäftigen, was die AfD für ihre Wähler in den jeweiligen Landesparlamenten „leistet“. Dass erst Jan Böhmermann und das Neo Magazin kommen mussten, um ein umfassendes Dossier dieser Arbeit zu erstellen, finde ich schade. Aber immerhin, nun hat es ja jemand gemacht und allzu spät ist es, im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl, auch noch nicht.

Dossier/Präsentation: QUALITÄTSKONTROLLE AfD.

Vielleicht geben solche Arbeiten, wie die der NMR-Redaktion ja den Anstoß zu einer größeren Diskussion über die Ziele und Kompetenzen der AfD. Somit bestünde zumindest die Chance ihren Wählern vor Augen zu führen, dass hier eben keine Alternative zur Wahl steht, sondern ein Haufen großmäuliger Populisten, die keinerlei progressive Arbeit in ihren Parlamenten zu stande bringt.

Lyrik für alle! – 3. Babelsprech-Konferenz Salzburg 2016

22. November 2016

Im Dezember 2016 wird die dritte Auflage der Babesprech-Konferenz in Salzburg stattfinden. Das Treffen der mehr als 25 ausgewählten Autor*innen aus sieben Ländern (Österreich, Deutschland, Schweiz, Liechtenstein, Italien, Slowenien, Ukraine) dient dem Austausch, der gemeinsamen Produktion und auch der öffentlichen Präsentation.

Ich werde als Konferenz-/Festivalblogger dabei sein. Für alle, die es nicht nach Salzburg schaffen, gibt es einen Livestream.

Alle Infos auf lyrikfueralle.at

Leonard Cohen 1934 – 2016

11. November 2016

„I said that I am ready to die, recently. I think I was exaggerating. … I intend to live forever.“

– Leonard Cohen (Oct., 2016)

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Schlachtgewicht, 4. Auflage

10. November 2016

Falls ihr das noch nicht gelesen habt…

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Schlachtgewicht von Georg Leß geht nun in die 4. Auflage. Das freut uns sehr und bestätigt auch in Verkaufszahlen das, was Michael Braun in seinem Leß-Portrait (Sprache im technischen Zeitalter, Nr. 219) so formuliert: „Mit seinem Band Schlachtgewicht legte Georg Leß eins der wirkmächtigsten Lyrik-Debüts der letzten Jahre vor.“ Wer das Lyrikheft noch nicht kennt, sollte sich schnell selbst davon überzeugen.

Schlachtgewicht

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Ich möchte jetzt nicht in Frankfurt/Main sein, nicht auf der Buchmesse in irgendeiner Halle nichts mitbekommen vom schönen Grau des Sonntagnachmittags

23. Oktober 2016

„Writing allowed me direct access to my imagination to inspiration and, ultimately, to God. I found that through the use of language I was writing God into existence. Language became the blanket that I threw over the invisible man, which gave him shape and form.“

– Nick Cave

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Abgespult

21. Oktober 2016

Ich habe Christian Krachts neuen Roman bereits vor einem Monat gelesen und besprochen. Da die Rezension aber erst heute erschien, wirkt der Anfang jetzt wohl etwas merkwürdig. Ein nachgeschobener Nachzügler sozusagen…

‚Und zu guter Letzt…‘ wurde am 13. September auf Christian Krachts Facebook-Profil noch die Besprechung seines neuen Romans ‚Die Toten‘ in der taz geteilt. Da war das Buch gerade einmal sechs Tage alt, die Sperrfrist von manchen Kritikern längst ignoriert und die Diskussion(en) über die Neuerscheinung in vollem Gange. Sie ist es immer noch, und auch die eine oder andere Besprechung trudelt noch dem mit Höchstgeschwindigkeit durchs Feuilleton gepreschten Hype hinterher. Aber man bekam durch das Posting den Eindruck, dass Autor und Verlag in Rekordzeit fast schon etwas müde waren vom erwartungsgemäß umfassenden Medienecho aus vereinzelten Verrissen, einiger Ratlosigkeit und viel, viel Lobhudelei. Dabei ging die wirklich interessante Betrachtung von Krachts neuem Roman doch erst richtig los, als Lukas Valtin sich im Blog der Literaturzeitschrift Metamorphosen von der klassischen Rezension löste und die Literaturkritik in ihrem Umgang mit Die Toten einer essayistischen Prüfung unterzog.

Die Toten

Und tatsächlich scheint diese medienkritische oder zumindest die Medien reflektierende Herangehensweise zwingend, denn wie schon bei Erscheinen von Krachts letztem Roman ‚Imperium‘ (2012) wird in den Feuilletons zunächst auffällig wenig über Die Toten, also den Text an sich gesprochen, so zumindest mein Eindruck. Vielmehr werden Fragen über die Abhängigkeit des Romans von seinem Autor gestellt. Ob man das Buch genauso oder genau so lesen würde, wäre es nicht von Kracht geschrieben? (Müßig zu fragen, da er es nun einmal geschrieben hat.) Ob man sich aufgrund seiner Interviews nichts ständig die Frage stellen müsse, ob der Autor einen nur (Pardon) verarscht, oder ob er Lesern, Kritikern und anderen Autoren doch schlichtweg überlegen ist (die ganz und gar verinnerlichte, ironisch-distanzierte Haltung – Indikator oder Beweis?)?

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Nachtrag zu Dylan und dem Nobelpreis/ zu Cohen, Cave und Chören

17. Oktober 2016

Ich wollte es gut sein lassen zum Thema Nobelpreis und Bob Dylan. Aber die immer absurder werdende Diskussion darum (bei Facebook, in Kommentarspalten, im Feuilleton überhaupt, in Deutschland und weltweit) ließen ein paar lose Gedanken heraufkommen, die ich aufschreibe um sie los zu werden. Hirnhygiene sozusagen.

  1. Diese Kategorisierung „wahrer Schriftsteller“ in Abgrenzung zu „großen Dichtern“ lässt mir keine Ruhe. Also hab ich mir wieder die Liste der bisherigen Literaturnobelpreisträger angesehen (ich mag Listen) und denke jetzt, dass die Auszeichnung für einen Songwriter vielleicht doch gar nicht so revolutionär ist. Eigentlich reaktiviert und erweitert das Nobelpreiskomitee eine gewisse Tradition, indem sie eben nicht explizit einen Romancier, Dramatiker oder Lyriker auszeichnet. Warum?

    1902 – Theodor Mommsen, erster deutscher Preisträger, war Historiker und Altertumswissenschaftler (keinen Roman, kein Drama oder Gedicht veröffentlicht)

    1908 – Rudolf Eucken, zweiter deutscher Preisträger, heute eigentlich total vergessen (von mir auch), Philosoph (keinen Roman, kein Drama oder Gedicht veröffentlicht)

    1927 – Henri Bergson, Philosoph, der mit seinen Arbeiten zur Zeittheorie fast schon mehr in Richtung Naturwissenschaft dachte (keinen Roman, kein Drama oder Gedicht veröffentlicht)

    1953 – Winston Churchill, ausgezeichnet u.a. für (Obacht!) seine Redekunst

    1964 – Jean-Paul Sartre, hat abgelehnt, ok, aber hätte den Preis bekommen sollen und war definitiv mehr Philosoph als „wahrer Schriftsteller“ oder kann man das eigentlich gar nicht immer so auseinanderklamüsern?

    2015 – Swetlana Alexijewitsch, die v.a. für ihr Sachbuchwerk bekannt ist

  2. 2004 bekam Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis explizit „für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen“. Die Musikalität ihrer Sprache ist auch immer wieder ein Punkt, den Literaturwissenschaftler, Kritiker und sonstige Jelinek-Fans nicht müde werden zu betonen. Jelinek selbst, so habe ich es mal in einem TV-Interview gesehen, versteht ihr literarisches Schreiben als Komposition und ist der Meinung, dass Menschen ohne eine gewisse Musikalität es wohl eher schwer haben zu schreiben. (Sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert.)
  3. Ich wurde (via Facebook) gefragt: Wenn ich Leonard Cohen für den besseren Songwriter und Dichter halte, wäre er dann nicht der bessere Preisträger gewesen?
    Jein. Ich denke Dylan ist dahingehend die bessere Wahl, da es beim Nobelpreis nicht allein um die Qualität des Werkes, sondern auch um die Dimension der Wirkung geht. Oder zumindest gehen sollte. Auch laut Testament Alfred Nobels. In dieser Disziplin schlägt der Amerikaner wohl den Kanadier. Andererseits ist die Liste der Künstler, die sich explizit auf Cohen als Vorbild berufen wohl ebenso lang, wie die Liste der Dylan-Apologeten. Also… schwierige Frage.
    Da ich ja überhaupt nicht mehr an die Zuerkennung des Preises an Dylan glaubte, hatte ich mich insgeheim dem Traum hingegeben Dylan und Cohen könnten die ersten Doppelpreisträger seit 1966 (Samuel Agnon/Nelly Sachs) sein.
  4. Es kam die Frage auf: Warum wird allgemein so oft von Leonard Cohen als bessere Alternative gesprochen, wo es doch noch so viele andere (narrative) Songwriter mit großen Werk gibt? Z.B. Tom Waits, Björk oder Nick Cave.
    Ich denke man sollte jetzt nicht automatisch alle Songwriter auf ihre potentiellen Nobelpreisqualitäten abklopfen. Zumindest habe ich u.a. diesen Gedanken als eine Angst der „wahren Schriftsteller“ wahrgenommen. Also dass jetzt nur noch Popkünstler ausgezeichnet werden. Ich bin bereit zuzugeben, dass auch der gewisse Legendenstatus Dylans zur diesjährigen Entscheidung beigetragen hat.
  5. Was ist eigentlich narratives Songwriting bzw. was qualifiziert es mit „echter Literatur“ auf eine Stufe gestellt zu werden?
    Es macht meiner Meinung nach einen fundamentalen Unterschied, ob ich als Pop- und Schlagersternchen etwas bieder-verklemmt von Liebe und Sex singe (99% aller deutschen Schlager) oder ob ich mich bewusst in die literarische Tradition des singenden Geschichtenerzählers stelle. Und diese reicht nun einmal bis zu dem uns heute bekannten Ursprung Homer zurück. Ich hatte das im letzten langen Artikel zu Dylan schon angedeutet, aber gilt ebenso für Cohen, Waits und Cave. Diese Songwriter schreiben in einer Tradition, die sich nicht allein (und eigentlich nur in geringem Maße) auf musikalisch-popkulturelle Entwicklung beruft. Sie schreiben in der Tradition der europäischen und nordamerikanischen Literaturgeschichte, entwickeln den Großteil ihrer Songs vor dem kulturhistorischen Hintergrund aus Mythen, Legenden, antiken Sagen, religiösen Überlieferungen, großen Erzählungen, Arbeiterliedern, Gospels etc. etc. etc. Das alles natürlich in einem Abgleich mit persönlichen Erfahrungen, Eindrücken, Gefühlen. Somit unterscheidet sich die Arbeitsweise dieser Songwriter kaum von der Arbeit „wahrer Schriftsteller“.
    Woher ich das wissen will? Ich bin ein Künstlerbiografien/-dokumentationen-Junkie. Das heißt nicht, dass ich es weiß. Aber ich vermute es aus verschiedenen Gründen. Schaut man sich nur z.B. den Film 20.000 Days on Earth an und/oder liest das Buch The Sickbag Song, wird schnell klar, dass Nick Cave genau das Gleiche tut, was auch ein Schriftsteller macht. Einziger Unterschied: er singt die Ergebnisse seiner Arbeit.
  6. Leonard Cohen? Hat der immer noch seinen peinlichen 80ern-Diskofrauenchor dabei?
    Die Frage nach dem Frauenchor bei Cohen wird von Nicht-Cohen-Hörern überraschend oft gestellt bzw. wird der Chor immer mal wieder gegen seine Musik verwendet. (Also, das ist meine subjektive Erfahrung aus diversen Musikdiskussionen.) Dabei ist der Chor bei Cohen eines der besten Beispiele für das narrative Songwriting in literarischer Tradition. Denn er erfüllt hier oft die Funktion des Chors im antiken Drama, kommentiert den Song, hebt wichtige Stellen im Text hervor, wahrt ein gewisses Strukturprinzip. Ist letztlich auch eine Art Sirenengesang. Auf die Spitze getrieben im legendären First we take Manhattan.

    (Der Einsatz des Frauenchors, den es in Cohens Musik ja nicht von Anfang an gab, hat zudem persönliche und biografische Gründe, die allesamt wirklich interessant sind. Aber ich denke es soll an dieser Stelle genug sein. Eine interdisziplinäre Abschlussarbeit zur Funktion des Chors in Leonard Cohens Musik wäre mal was Interessantes. Nur so als Idee für die Studenten, die das hier vielleicht lesen.😉 )

„Poem“ von Leonard Cohen

16. Oktober 2016

Von Zeit zu Zeit übersetze ich kreuz und quer aus Leonard Cohens erstem Gedichtband Let Us Compare Mythologies (1956). Da ich mir aber nicht über die rechtliche Situation meines Tuns im Klaren bin, hier nur die deutsche Version von Poem. (Das Original gibt es online in den leonardcohenfiles.com – bisschen scrollen.)

Gedicht

 

Ich hörte von einem Mann

der so wunderschöne Worte spricht

dass er nur ihre Namen sagen muss

und Frauen sich ihm hingeben.

 

Wenn ich stumm neben dir liege

während Stille wie Tumore auf deinen Lippen blüht

ist es weil ich einen Mann auf der Treppe höre

und er räuspert sich schon vor der Tür.

Das ist die Krönung

14. Oktober 2016

Ich bin ja auf eine etwas schrullige Art und Weise ein Fan von lebenden Anachronismen, insofern sie sich auf Rituale und Prozedere beziehen. Das verbindet mich mit den unzähligen ungläubigen Vatikanfans. Was an sich eine makabere Note hat, denn somit bringt der Tod des Papstes (der ja auch (nur) ein Mensch ist) auch immer die Freude mit sich, das Konklave „mitzuerleben“. Ein Vorgang, der mich mehr interessiert und unterhält als 95% aller halbwegs interessanten Unterhaltungsprogramme.

Ähnlich geht es mir bei der alljährlichen Literaturnobelpreisvergabe. Die Webcam auf die immergleiche Tür der Schwedischen Akademie gerichtet, wie die Augen der Welt auf den Kamin der Sixtinischen Kapelle. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass im Vatikan schwarzer Rauch aufsteigt und keiner rauskommt oder weißer Rauch aufsteigt und einer rauskommt der verkündet. In Stockholm kommt erst eine/r raus, dann wird verkündet und dann entscheidet die (kulturelle) Welt, ob die Entscheidung nun schwarzen oder weißen Rauch verdient. Meistens grau.

Und als gestern Mittag punkt 1 und keine Minute früher (auch so ein herrliches Detail), die goldene Pforte sich öffnete und Sara Danius verkündete „Habemus Dylan!“ bin ich fast vom Stuhl gekippt. Gaudium magnum!

(Es sollte ähnlich wie bei der Papstwahl eine feste Verkündungsformel für den Nobelpreis geben.)

Damit hatte wohl keiner mehr gerechnet. (Mein Tipp war Adonis.) Umso größer war und ist meine Freude über diese Entscheidung. Und warum auch nicht? Dylan hat mehr gemacht als Lieder zu schreiben – und macht er ja immer noch (kein unwichtiges Detail; ich komm gleich drauf zurück) – nämlich eine eigene narrative Welt entworfen, inkl. Figuren, settings, plots, wiederkehrenden Symbolen und Motiven und fast unendlichen Variationen. Und! – mit lyrischen Ichs, die für Generationen als Identifikationsfiguren und Projektionsflächen funktioniert haben. So mitunter… Holden-Caulfield-mäßig. Das alles von Beginn an und ganz konsequent in einer Art Doppeltradition aus amerikanischem Songwriting und europäischer Literatur.

Auf die Überraschung der Bekanntgabe folge bei Facebook dann aber die Überraschung der Aufnahme. Zumindest meinerseits. „Eine Verhöhnung der echten Schriftsteller.“ „40 Jahre zu spät.“ „Nach Blood on  the Tracks (1975) wäre gerechtfertigt gewesen.“ „In einer Welt in der Dylan den Nobelpreis bekommt, kann auch Trump Präsident werden.“ Und – Obacht! „Dylan ist der Pegida des Pop.“ (sic!) [Kurzbegründung zum Pegida-Kommentar: Missbrauch afroamerikansicher Musikkultur.]

Uff.

Dabei dachte ich, dass gerade in der literarischen Welt (und hier vor allem unter Dichtern) ungeteilte Freude darüber herrschen müsste, dass die Jury in Stockholm endlich die Gattungsscheuklappen abgenommen hat. Ich meine, da diskutieren wir seit Jahren darüber was moderne Literatur ist oder sein kann oder nicht oder wie auch immer… und dann offenbart die Nobelpreisentscheidung, dass für manche Kollegen ein tiefer Graben zwischen „echter“ Literatur und narrativem Songwriting verläuft.

Lyrik, Prosa, Dramatik, Collage, Montage, Reportage, Essay, Soundpoetry… alles kann mit allem verbunden und gemixt werden. Sprache als Material. Keine Grenzen bei der Beschreibung/Bedichtung einer immer komplexer werdenden Welt etc. etc. – Aber Liedtexte? No way…!? Das finde ich schon arg… kleinlich.

Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu äußerte sich so: „Niemand bestreitet, dass er ein genialer Musiker und ein großer Dichter ist […]. Aber es tut mir so leid um die wahren Schriftsteller, Adonis, Ngugi, DeLillo und weitere 2-3, die den Preis beinahe in der Tasche hatten.“

Es scheint also einen Unterschied zu geben, zwischen „großen Dichtern“ und „wahren Schriftstellern“. Aha. Das ist absurd. Dass „wahre Schriftsteller“ Dylan nicht als einen von ihnen anerkennen wollen… weil er seine Texte auf CDs statt in Buchform veröffentlicht? Ich verstehe das einfach nicht. Verstehe die Trennung, den Ausschluss, die Kategorisierung nicht.

[Und da will ich nicht mal mit dem Lyrik-Lyra-Gesang-zum-Spiel-der-Leier-Ursprung anfangen. Wobei mich jetzt schon mal wieder die Frage interessiert, was in den Augen von Autoren und in den Ohren von Lesern/Hörern einen Dichter zum Dichter, Dichtung zur Dichtung macht. Und warum das Ganze von wahrer Schriftstellerei zu trennen ist…]

Vielleicht geht’s aber auch gar nicht um Dylan, sondern um den Literaturnobelpreis an sich. [Die Kritik an ihm ist ja bekanntlich mindestens so alt, wie der Preis selbst. 3 Euro ins Phrasenschwein – Ich weiß.] Die Angst, dass der jetzt aufgeweicht wird und nur noch gefällig poppige Leute die Medaille bekommen. Untergangsängste.

Dazu denke ich… Dylan ist nicht wirklich Pop. Also im Sinne von Helene Fischer oder Coldplay. War er vielleicht mal. Das kann ich schlecht einschätzen, weil ich in den 1960ern und 1970ern noch nicht gelebt habe. Ich glaube, gestern gab es nicht wenige Menschen deren erste Reaktion war: „Der lebt noch?“ (Ich komm gleich darauf, dass Dylan immer noch schreibt. Wirklich.)

Außerdem ist Dylan eine wirkliche Ausnahme in jeder Hinsicht. (Neben der Ausnahme Leonard Cohen natürlich, den ich nebenbei gesagt für den besseren Songwriter und größeren Dichter halte.) Und wird es gerade auch mit Nobelpreis immer bleiben. Er hat eben durch seine Art des experimentellen story tellings in einem Song überhaupt erst auf eine ganz andere Art des Hörens und Lesens von Songtexten aufmerksam gemacht. In einem großen, populären Rahmen – das gebe ich zu. So nehme ich das zumindest wahr.

Und eigentlich tut er das auch heute noch. In einem anderen Rahmen. Dylan lebt noch, schreibt noch (anders als Harold Pinter zum Zeitpunkt seiner Nobelpreisanerkennung – ä-häm) und hat sich auch im Alter noch ständig weiterentwickelt. Das kann man nun auch nicht unbedingt von allen wahren Schriftstellern behaupten. Nach Blood on the Tracks (1975) war ja nicht Schluss. Seine Alben in den 1980ern waren eben nicht so erfolgreich, die Songs einfach nicht so gut. Naja, auch ein wahrer Schriftsteller schreibt mal was Mittelmäßiges.

Dass Dylans Songwriting seit 2001 aber massiv unterschätzt und teilweise missachtet wird, liegt meiner Einschätzung nach einfach daran, dass viele Dylan-Hörer irgendwie in den Dylan-60ern/70ern stecken geblieben sind. Auch die später Geborenen. Klar, Highway 61 Revisited (1965) abzufeiern ist einfach. Weil es ein großartiges Album ist. Das ist z.B. „Love and Theft“ (2001) aber auch. Auf eine andere Weise natürlich, weil 35 Jahre später. Nicht ganz so zugänglich. Kein Pop. The times they are a-changin‘.

Der Preis kommt meiner Ansicht nach nicht zu spät, weil Dylan mitten in einem Spätwerk steckt, dass sich auf hohem literarischen Niveau abspielt. Das zu erklären würde diesen ohnehin etwas lang geratenen Artikel aber noch länger ziehen. Daher der Verweis auf ein Buch, das diese Behauptung unterstreicht.

Noch was? Ich bin kein Vorsitzender eines Dylan-Fanclubs. Verehre ihn eigentlich gar nicht so sehr – nicht mal annähernd so sehr wie Cohen. Aber Respekt habe ich vor diesem Werk schon ungemein. Nun ja… viele Andeutungen, Behauptungen, subjektive Einschätzungen hier. Vieles nur angerissen. Können wir drüber reden. Oder einfach ne Platte auflegen.


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