Nachträglich zum Geburtstag

12. Dezember 2017
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Festival der Unlesbarkeit// Wucherungen// kookbooks// Wolfram Lotz

7. Dezember 2017

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75

6. Dezember 2017

Peter Handke wird heute 75. Ich wünsche ihm von Herzen noch viele Jahre. Meine Besprechung seines „Letzten Epos“ Die Obstdiebin kann man jetzt auf fixpoetry.com lesen.

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Auf Seite 166 dieser „einfachen Fahrt ins Landesinnere“ sagt der Ich-Erzähler, der seinem Autor Peter Handke zum Verwechseln ähnlich ist, ähnlich sein muss: „Es ist jetzt die Zeit, zu erzählen, was es mit der »Obstdiebin« auf sich hat; Zeit, zu erzählen, wie aus ihr »Die Obstdiebin« geworden ist.“ Erst nach über einem Viertel also, wenn man den Text quantifizieren möchte, setzt die „eigentliche“ Erzählung von der Obstdiebin und ihrer Wanderung in die und in der Picardie ein. Von einer Handlung, gar einem Plot will ich nicht sprechen, auch wenn man etwas in dieser Richtung nacherzählen könnte. Aber wozu? 166 Seiten, genau genommen 158 Seiten, des Anschubs, des Hinführens zur Erzählung braucht es also, dass der Leser ausreichend vorbereitet, ausgestattet, gewappnet scheint, um der Obstdiebin durchs ländliche Frankreich zu folgen. Und die Seiten davor? Sie sind der Auszug des besagten Ich-Erzählers selbst, aus dem Pariser Vorort Chaville nach Lavilleterte im Vexin. Eine kleine Reise, die noch einmal – ein letztes Mal? – Große Erzählung im Wortsinne „auf den Weg“ bringt, einer Figur nachspürt, die ganz klar vor einem steht und sich dennoch nicht fassen lässt. Die, sich selbst überlassen, vielmehr von sich preisgibt, als wenn ein Ich-Erzähler ihr nachstellt. Weswegen er sich zurückziehen muss, um der Erzählung von der Obstdiebin ihren Lauf zu lassen.

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Wassily Kandinsky als Dichter

21. November 2017

Zum Jahresende stellen wir mit In guter Nachbarschaft noch einmal etwas richtig Großes auf die Beine! Meine wärmste Empfehlung – nicht nur als Veranstalter. Wir sehen uns in Weimar.

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Alle Infos hier.

Der Wiedergänger

13. November 2017

Einem Farmerjungen wird die Enge der winterlichen Einöde zu bedrückend. Bei Nacht beschließt er, sein zu Hause zu verlassen, auch wenn er den Vater in Zorn, die Mutter in Kummer zurücklässt. Nach sieben Tagen des Reitens stirbt das Pferd des Jungens. Zu Fuß erreicht er eine nahe gelegene Stadt, doch Fremde sind hier nicht willkommen. Es fällt nur ein einziger Schuss, aber der ist folgenreich. Der Junge schleppt sich an ein Flussufer und beklagt sich bei seinem Schöpfer. Herr, soll das mein Schicksal sein? Zu sterben, weil ich die Welt sehen wollte, die du geschaffen hast?

Reinhard Kleists Graphic Novel Nick Cave – Mercy on me beginnt dramatisch und mit rasantem Tempo. Doch das ist nur bedingt die Schuld des Autors. Kleist, der mit seinen biografischen Büchern über Johnny Cash, H.P. Lovecraft oder Fidel Castro längst zur ersten Liga internationaler Comiczeichner gehört, orientiert sich in seinem neuesten Werk stark an den Songs seines Protagonisten. Sie sind es, die dem Comic ihre erzählerische Struktur geben, womit sich Kleist ein Stück weit Cave ausliefert, so wie der Farmerjunge in The Hammer Song seinem Schöpfer ausgeliefert ist.

Nick Cave der Musiker, Schriftsteller, Filmemacher ist nicht einfach zu begreifen. Dabei lässt sich sein Leben relativ einfach nacherzählen. Geboren und aufgewachsen im ländlichen Australien, gründete er als Teenager seine erste Band The Boys Next Door, die sich später in The Birthday Party umbenannten. Er verlebte eine intensive Sturm-und-Drang-Zeit in London und West-Berlin, die nicht nur von legendären Punkkonzerten, sondern auch von Heroin und zunehmender künstlerischer Orientierungslosigkeit geprägt war.

[Die ganze Besprechung auf fixpoetry.com]

Die Überbetonung des Politischen

10. November 2017

Es ist schon fast zehn Jahre her, da eröffnete im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung mit dem Titel Kassandra. Visionen des Unheils 1914 – 1945. Die Schau zeigte vor allem Werke deutscher Künstler, die aus der historischen Distanz betrachtet als Vorahnungen, wenn nicht sogar Warnungen vor den bevorstehenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts gelesen werden können. Nur schien seinerzeit niemand die Zeichen lesen zu können oder zu wollen. Ganz wie in der griechischen Mythologie, in der Kassandra zwar die Zukunft vorhersehen kann, sie jedoch dazu verdammt ist, dass niemand ihren Weissagungen Glauben schenkt.

Als die Ausstellung im November 2008 eröffnete, kam jedoch kaum jemand auf die Idee, ihre Inhalte auf die gegenwärtige Situation in Deutschland zu beziehen. Zwar war die NPD damals in gleich zwei Landtagen vertreten, blamierte sich im parlamentarischen Alltag Sachsens und Mecklenburg-Vorpommerns jedoch bis auf die Knochen und demontierte sich folgerichtig selbst. Und die AfD war „noch nicht mal ein feuchtes Glimmen in den Augen von Bernd Lucke“, wie sich Christian Lindner, freilich in einem ganz anderen Zusammenhang, ausdrückte. Folglich war auch der feuilletonistische Ruf danach, dass Künstler und Schriftsteller viel politischer malen, schreiben, agieren sollen, längst nicht so in Mode wie heute.

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Natürlich blickt man 2017 von einem etwas anderen Standpunkt auf die Bedingungen der Kulturschaffenden der Zwischenkriegszeit zurück. Seit die von der Großen Koalition eingeschläferte Demokratie der Bundesrepublik mit nicht zu unterschätzenden Herausforderungen konfrontiert wird, gehört der panische Rückblick auf und die bisweilen schiefen Vergleiche mit dem Geistes- und Gesellschaftsleben der Weimarer Republik zum Standardrepertoire intellektueller Zeitanalysen, -diagnosen, -prognosen. Nicht, dass derlei Geschichtsbewusstsein, derlei Verweise und Erinnerungen nicht angebracht wären, doch sind es nach wie vor die mit kühlem Kopf und historischem Sachverstand geschriebenen Texte, die am ehesten dazu beitragen, die aktuelle politische Entwicklung gerade auch in ihren historischen Dimensionen richtig einzuordnen.

[Den ganzen Artikel gibt es auf fixpoetry.com]

Literaturgeschichte

9. November 2017

scheint mir oft die Geschichte falsch verstandener Briefe zu sein. Dennoch oder gerade deshalb – sehr interessant.

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† 7.11.2016

7. November 2017

I’m traveling light/ it’s au revoir…

Still heartbroken.

to betray the revolution – Cohen-Variationen

3. November 2017

Meinem Buch heimische Arten sollte ursprünglich ein Motto von Leonard Cohen vorangestellt sein. Im Laufe der finalen Bearbeitungen, des Lektorats und der Textauswahl erschien mir aber das jetzige Motto passender. Dennoch gefällt mir der ursprünglich ausgewählte Text noch immer.

Es handelt sich dabei um das 111 Gedicht aus Cohens Buch The Energy of Slaves (1972), übersetzt vom großen Harry Rowohlt.

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Rowohlts Ruf als Übersetzer bedarf sicher keiner Erklärung mehr. Auch diesem Band hat er seinen eigenen Stempel aufgedrückt ohne dem Original gegenüber respektlos zu sein. Ich selbst habe nur dann und wann mal ein Gedicht aus dem Emglischen übersetzt. Seither ist mein Respekt gegenüber denen, die das öfter tun ins Unermessliche gewachsen. Auch weil ich weiß, dass es im Grunde fast unmöglich ist. (The Energy of Slaves –> Die Energie von Sklaven// Die Energie der Sklaven?) Aber ich kann mich auch irren. Mir fällt das freiere Nachdichten jedenfalls wesentlich leichter. Das Original als elastisches Material und Ideengeber für einen semi-eigenen Text.

Wie auch immer. Hier ein paar Variationen des Cohen-Textes

Jeder Mann
hat seine Art
die Revolution zu verraten
Das ist meine

Jeder Mensch
hat seine Art
die Revolution zu verraten
Das ist meine

Jedermann
findet einen Weg
die Revolution zu verraten
Das ist meiner

Jeder
geht seinen Weg
um die Revolution zu verraten
Das ist meiner

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Leonard Cohen – The Energy of Slaves / Die Energie von Sklaven. Deutsch von Harry Rowohlt. Zweitausendeins: Franfurt/Main, 1975.

Im Hafen von Piräus, mit Kleingeld in der Hand

19. Oktober 2017

Manchmal verarscht mich mein Gehirn. Und zwar so richtig. Quält mich mit Ohrwürmern, die aus dem Nichts zu kommen scheinen. Was natürlich nicht stimmt. Ich denke, dass Ohrwürmer immer durch so eine Art Kurzschluss oder Wackelkontakt im Kopf entstehen. Da wird dann was ganz Altes mit etwas Aktuellem in Beziehung gesetzt, ob’s gerade passt oder nicht, ob man will oder nicht.

Ende August bin ich zum ersten Mal nach Griechland gereist. Erst zwei Tage Athen, dann zehn Tage auf Hydra (ja, die „Leonard-Cohen-Insel“ – aber davon vielleicht ein anderes Mal). Hydra ist heute nicht mehr so verschlafen, wie noch in den 1960ern, aber auch immer noch nicht allzu überlaufen von Touristen. Nach Hydra zu reisen hat noch immer etwas Abseitiges. Es gibt hier – zum Glück – keinen Pauschaltourismus. Nach Hydra muss man wollen. Reisen wollen. Vom Hafen in Piräus setzt man mit der Fähre über. Nicht mit einem kleinen Kutter und schon gar nicht mit der attischen Triere. Die Fähren heißen heute Flying Cat oder Flying Dolphin, sind moderne Großraumfähren und jagen mit 40 Knoten über die Hellenic Seaways zu den Saronischen Inseln. Romantisch wird es erst, wenn man in Hydra von Bord geht. Auf einer Insel ohne Autos, auf der man die unzähligen Stufen des Kleinstadt gewordenen Amphitheaters nur zu Fuß oder mit dem Esel erklimmen kann. Ich habe das dankend in Kauf genommen. Nicht nur, dass ich mal wieder für ein paar Tage aus Deutschland weg wollte, vor allem wollte ich den Hafen von Piräus hinter mir lassen.

Der Hafen von Piräus. Ja, das stellt man sich sicher auch sehr romantisch vor. Wenn man an die antike Seefahrt, an Segelschiffe im Mittelmeer denkt, den Attischen Seebund, überhaupt an Hafenromantik, dann denkt man eventuell, vielleicht, bestimmt an den Hafen von Piräus. Mein Hirn hatte mich dahingehend verarscht. Oder war es doch die Schlagersängerin Nicole?

Schon Tage bevor ich gepackt hatte, hatte ich diesen Ohrwurm im Kopf. „Allein in Griechenland, verloren zwischen Sonne, Wind und Meer“ Ich glaube, meine Eltern fanden das in den 1990ern ganz toll und waren damit nicht allein. Eine eingängige Powerschlagerballade zum Träumen, die oft aus dem Küchenradio mit CD-Player schallte.

Uff, ja genau. Diese olle Schote hatte ich tagelang im Ohr. Nicht nur vor Griechenland, nicht nur nach Griechenland, sondern dazwischen auch. Aber nur einmal ganz kurz am Hafen von Piräus, als mich ein zerlumptes, bettelndes Kind, dass sich von hinten an mich heran geschlichen hatte fast zu Tode erschreckte. Dem ich dann aus schlechtem Gewissen eine Münze in die Hand drückte unter den neidischen Blicken der Sonnenbrillen- und Selfiestickverkäufer. Ganz zu schweigen von den Obdachlosen und den Flüchtlingen, die sich am Hafen tummeln und sammeln und hoffen, aber nicht wissen wohin.

Wo genau war das wohl, wo Nicole 1985 mit einem Glas Rotwein in der Hand auf’s Meer blickte? Neben den übervollen Müllcontainern hier? Oder in dem nach Urin stinkenden Wartehäuschen in der prallen Sonne dort? Oder direkt da drüben an den dieselverqualmten Anlegern dieses riesigen Betonbeckens, das der Hafen von Piräus ist und nicht mehr?

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Im Hafen von Piräus. Wenn Sie nah genug an das Bild herangehen, riechen Sie vielleicht das Mittelmeer. (Achten Sie auf Ihre Wertgegenstände!)

Okay, Schlager lügt. Schon klar. Und um ehrlich zu sein: ich hatte keinerlei Vorstellungen vom Hafen in Piräus. Aber was mich dort erwartet hat war die größte, intensivste und auf verquere Weise herzlichste Einladung auf irgendeine griechische Insel überzusetzen, die ich mir vorstellen konnte.

Allein in Griechenland. War ich nicht. Ich hatte überhaupt noch nie Fluchtgedanken im Zusammenhang mit meiner Beziehung. Darum geht es ja eigentlich in Nicoles Schmonzette. Ich, starke, unabhängige Frau, hab genug von dir und fahr‘ jetzt einfach mal weg. So! Schön in Bluejeans Rotwein picheln im Hafen von Piräus, wo du olle Romantikschnarchnase nie mit mir hinwolltest. Immer nur Dosenbier und Fußball in der Joggingbuchse, du Höhlenmensch!

Als ich in der Fähre saß, aus Ermangelung an Alternativen eine Tüte Brotchips knabbernd, hatte ich den Song noch immer oder schon wieder im Kopf. Dabei raste ich doch mit 40 Knoten auf Leonard Cohens Refugium zu und war aufgeregt wie ein Kind an Weihnachten. (Ja, es war sowas wie eine kleinen Pilgerreise. Aber nur am Anfang, ehrlich! Denn das wirklich Unglaubliche, das Zauberhafte an Hydra ist… Na, ein anderes Mal vielleicht.) Hydra rückte näher und ich dachte nicht an Bird on a wire, sondern summte in mich hinein: „Ich lebe einmal so, wie ich mich fühl'“. Hallelujah.

Was macht man da? Auf bewährte Hausmittel zurückreifen natürlich. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Ich hab mir die Kopfhörer in die Ohren gesteckt und Nicole noch einmal schmettern lassen. Und als sich gegen Ende des Songs abzeichnete, dass ich den Ohrwurm nun wirklich mit dem akustischen Spaten in zwei Hälften geteilt hatte, sodass sich nur noch die Enden jammervoll wanden, dachte ich, dass die Verklärung des Hafens von Piräus ja wirklich nicht das Schlimmste an dem Song ist. Pillepalle geradezu im Vergleich zu den letzten Zeilen.

Jetzt bin ich endlich weg, du blödes Machoschwein, hab mir ein paar Gläser genehmigt und hier gibt’s auch andere tolle Leute. Aber nur, bis die Tavernen schließen, dann sind nämliche alle weg und ich gucke blöd auf’s Meer und vermisse dich wie Hölle, Hölle, Hölle. Also komm ich, kleines, sehnsuchtgeladenes Romantikmädchen lieber zu dir zurück.

Ach, patriarchale (Schlager-)Welt voller schöner, schwacher Frauen, die es ohne den straken Mann zuhause nicht schaffen. Was bist du nur für eine Bullshitindustrie. Und kann es vielleicht sein, dass Frauen wie Nicole in diesem Business jahrelang dazu beitrugen ein Frauenbild von Vorvorgestern zu zementieren? Und dass die Frauen, die so gern Nicole hör(t)en nie wirklich zugehört haben?

Ich hab danach ganz schnell Bird on a wire gehört. Leonard Cohen, großer Liebhaber der Frauen, der nicht nur seine eigene, sondern auch die Unabhängigkeit seiner Partnerinnen verteidigte und bedichtete, wie kein zweiter. Marianne Ihlen hat ihn dazu angehalten genau diesen Song unter dem Eindruck ihres gemeinsamen Lebens auf Hydra (ja, und wegen eines Vogels auf ’ner Stromleitung) zu schreiben.

Es ist vielleicht nicht sein bester Song und auch nicht mein Favorit von ihm, aber genau der richtige Begleiter für eine Reise, die sich wie ein Entkommen aus der einen, ein Ankommen in einer anderen Welt anfühlt. Und er hat alles, was der deutsche Schlager auch hat. Nur besser, versteht sich. Sehnsucht, Einsamkeit, Fernweh, Liebe, Alkohol. Doch im Gegensatz zum deutschen Schlager verschweigt er nicht die Bettler, denen man z.B. im Hafen von Piräus begegnet und einen in die Realität zurückholen, sobald man glaubt irgendwohin vor dieser großen, bösen Welt flüchten zu können.


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